15. Mai 2010

„Welt(w)erbe“-Etikett Wattenmeer: Vermarktung mit „Naturtourismus“

Bis vor kurzem war es der „Sanfte Tourismus“, der durch die Gazetten geisterte und dem knallharten Massentourismus einen „weichen“ Anstrich geben sollte, nun ist es der „Naturtourismus“: Nach 24 Jahren Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer (eingerichtet 1986) tritt nun genau das ein,  vor dem ausschließlich der Wattenrat (nicht etwa der WWF oder die Naturschutzverbände BUND, NABU etc.!) im Vorfeld der Ausweisung des Wattenmeeres als „UNESCO-Weltnaturerbe“ im Jahr 2009 gewarnt hatte (siehe unser Beitrag:  Ein politisch inszenierter Etikettenschwindel – Bärendienst der IUCN)

Tourismusindustrie: Naturschutz auf der Abschussliste

Massentourismus: Naturschutz als Zielscheibe

Ausgerechnet die niedersächsischen CDU- und FDP-Politiker, die NICHTS für die Verbesserung des Schutzstatus Wattenmeer getan haben oder tun werden, wollen nun noch mehr Tourismus im Wattenmeer etablieren, unter dem öko-süßen Deckmantel und Marketinglabel „Naturtourismus“. Den gibt es längst: Seit Jahrzehnten wird „Naturtourismus“ von den Naturschutzverbänden wie BUND, NABU oder der Stiftung WWF betrieben, die auch Nationalparkhäuser im Wattenmeer unterhalten, zusammen mit den Kommunen. Auch Wattführer bieten seit Jahren gegen Bares Führungen für Touristen an, z.T. mit dem Schwerpunkt Wattenmeerökologie. Die Umweltorganisationen sind längst zum Bestandteil der Tourimusindustrie geworden und durch Verträge über die Nutzung der Häuser und der Infrastruktur von den Tourismuskommunen an der Küste abhängig. Die Verbände halten sich seit Jahren aus der tagesaktuellen Naturschutzarbeit im Wattenmeer heraus. Bereits 2001 wurde das Nationalparkgesetz im Sinne der Tourismusindustrie durch die damalige SPD-Landeregierung unter Sigmar Gabriel geändert: Damals wurden mehr als achtzig Gebiete aus dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer herausgenommen oder in der Zonierung herabgestuft und dann der touristischen Nutzung zugeführt. Von wenigen Naturschutzverbänden folgten ganz laue Zeitungsproteste. Eine umfangreiche Beschwerde des Wattenrates bei der EU-Kommission versandete und wurde schließlich nach mehr als fünf Jahren 2006 eingestellt.

Allein im und am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer zwischen Cuxhaven und Emden gibt es jährlich ca. siebenunddreißig Millionen Tourismusübernachtungen, die Küste ist also bereits übererschlossen!

dpa-Bericht von Heiko Lossie, in verschiedenen Tageszeitungen (aber nicht an der ostfriesischen Küste!) ab 02. Sept. 2009:

Das Wattenmeer und der Welt(w)erbe-Titel

[…]Der Fremdenverkehr wisse, dass die Natur seine Lebensgrundlage sei. Allein in Niedersachsen gibt es zwischen Ems und Elbe jährlich 37 Millionen touristische Übernachtungen. Ambrosy hofft auf noch mehr.[…]

Der nun politisch verkündete sog. „Naturtourismus“ wird nur auf den bestehenden Massentourismus aufgepfropft und ändert nichts an der desolaten Situation des Betreuungsnotstandes durch fehlende Ranger. Dieser Betreuungsnotstand wurde schon 1992 vom WWF auf dem 12. Internationalen Wattenmeertag in Wilhelmshaven ausgerufen, daran hat sich bis heute nichts geändert. In Niedersachsen gibt es 6 hauptamtliche Dünenwärter auf den Inseln als Angestellte des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Norden, ohne Kompetenzen, und Boote, dazu einige Zivildienstleistende des NLWKN, auch ohne Kompetenzen, das alles auf 2.800 qkm Nationalparkfläche!

Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wird sei Jahren zielstrebig zum Freizeitpark ausgebaut: Unter Missachtung des Nationalparkgesetzes, das Kitesurfen in den geschützten Zwischenzonen verbietet, werden mit fragwürdigen „Befreiungen“ Kiterzonen eingerichtet (Baltrum,  Norderney, Langeoog, Upleward/LK Aurich, Hooksiel und mehr). Golfplätze wurden eingerichtet, auch illegal: Beispiel Langeoog. Die Nationalparkverwaltung betreibt Rechtsbeugung und missachtet das Nationalparkgesetz. An anderen Stellen des Nationalparks wird seit Jahren illegal gesurft, ohne dass die Kiter bisher mit Konsequenzen zu rechnen haben, eklatantes Negativbeispiel ist Dornumersiel im LK Aurich.

Das Wattenmeer ist nicht nur Flora-Fauna Habitatgebiet und EU-Vogelschutzgebiet nach den EU-Richtlinien, es ist Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung und Biosphärenreservat, auf dem Papier. Nationalparks sind zunächst zum Schutz von Tieren und Pflanzen eingerichtet, nicht aber als Massentourismusgebiete wie im deutschen Wattenmeer.

Das Wattenmeer ist mit Hilfe des UNESCO-Welterbeetiketts „Weltnaturerbe“ zur Beute der Tourismusindustrie geworden, die Naturschutzverbände haben dabei  aktiv mitgeholfen.

Politiker aller Parteien, die Naturschutz noch nicht einmal mehr in Sonntagsreden erwähnen, machen den Türöffner für die Totalvermarktung. Hier ein Beispiel aus Schleswig-Holstein von der WebSeite von Oliver Kumbartzky, FDP,  MdL:

Die FDP-Fraktion begrüßt die Auszeichnung des Wattenmeeres und wir sehen den Titel als Weltnaturerbe als riesige Chance für den Tourismus. Daher bitten wir auch die Landesregierung, zu prüfen, ob und wie eine Förderung des Tourismusmarketings möglich ist.[…] An der Nordseeküste haben die Verantwortlichen bereits seit Jahren überwiegend die Chancen erkannt, die aus einer guten Partnerschaft zwischen Naturschutz und Tourismus entstehen können. Da wo bei der Einführung des Nationalparks Gegnerschaften vorhanden waren, hat sich inzwischen ein gutes Miteinander entwickelt.

Das „Miteinander“ wurde durch die Anpassung der Naturschutzverbände an die Fördertöpfe unter weitgehendem Verzicht auf die satzungsgemäße Naturschutzarbeit erkauft!

Wir zitieren:

Weser-Kurier, Bremen, online, 13. Mai 2010

Förderung von „Naturtourismus“

Neues Tourismus-Konzept für Wattenmeer
Hannover. Die Koalitionsfraktionen in Niedersachsen wollen den
„Naturtourismus“ im Wattenmeer fördern. „Wir wollen in der
niedersächsischen Wattenmeerregion einen nachhaltigen und
naturverträglichen Tourismus etablieren“, teilte CDU-Fraktionschef
David McAllister am Donnerstag in Hannover mit.
Das Wattenmeer ist für viele Touristen ein Lieblingsziel.[…]
(dpa)

dpa/lni, herausgegeben am 16. Mai 2010

Wattenrat befürchtet «Freizeitpark» im Wattenmeer

Holtgast (dpa/lni) – Der Wattenrat hat Pläne der Koalition in  Niedersachsen zum Ausbau des «Naturtourismus» im Wattenmeer heftig kritisiert. Das Wattenmeer werde derzeit zielstrebig zu einem Freizeitpark ausgebaut, erklärte Wattenrat-Koordinator Manfred Knakein Holtgast. Der Wattenrat ist ein verbandsunabhängiger Zusammenschluss von Naturschützern aus der Küstenregion Ostfrieslands.[…] Ausgerechnet die Politiker, die nichts für die Verbesserung des Schutzstatus des Wattenmeer getan hätten, wollten nun unter dem Deckmantel des «Naturtourismus» noch mehr Tourismus im Wattenmeer etablieren, sagte Knake. Dabei werde ein naturverträglicher Tourismus seit Jahrzehnten von den Naturschutzverbänden betrieben, die auch  Nationalparkhäuser im Wattenmeer unterhalten, zusammen mit den Kommunen.[…]

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