20. Mai 2010

BUND-Nationalparkhaus Dornumersiel: Energiekonzerne haben Fuß in der Tür, Tourismus will „Weltnaturerbe“ im Haus „vermarkten“

In Dornumersiel im Landkreis Aurich betreibt der Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) seit 1992 ein Nationalparkhaus (Nordseehaus Dornumersiel) zur Information der Besucher über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, seit Juni 2009 „Weltnaturerbe“ der UNESCO.

"Natur erleben", Naturschutz war gestern

Bereits vor fast genau fünf Jahren beklagte sich der Hausleiter über den berühmt-berüchtigten  niedersächsischen Umweltminister Sander, dass der die Nordseehäuser durch Mittelstreichungen „faktisch ausbluten“ lasse (siehe Zeitungsbericht ganz unten).  Das Land Niedersachsen bestand auch auf privatem Sponsoring. Nun haben die Geldsorgen für das Nordseehaus Dornumersiel ein Ende gefunden, derzeit wird das Haus umgebaut, die Ausstellung und Teile der Bausubstanz waren in die Jahre gekommen.

Heute kann der Hausleiter über sagenhafte 830.000 Euro für die Umbaumaßnahmen verfügen, mit Hilfe „finanzieller Unterstützung“ von Sponsoren, zu denen laut heutigen Zeitungsberichten auch große Energie-Konzerne, Windkraft-Investoren, Biogas- und Solarbetreiber gehören sollen. Und damit wird die völlig neue Zielsetzung der Ausstellung des BUND deutlich.

"Die Schönheit der Natur": Alles dreht sich (ums Geld) in Dornumersiel/LK Aurich

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, S.7,  20.Mai 2010

[…] In Deutschland gibt es nur zwei Weltnaturerbe-Stätten. Die eine davon ist das Weltnaturerbe Wattenmeer mit dem Zentrum in Dornumersiel“, erklärten gestern während eines Pressegesprächs der Leiter des Nationalpark-Hauses Uilke van der Meer und Dornums Bürgermeister Michael Hook. Anlässe waren der laufende Umbau des Nationalpark-Hauses und die  Ausstellungsneugestaltung. Sie wird ab der Wiedereröffnung zwei Themenlinien zeigen: 1. zum Thema Weltnaturerbe Wattenmeer einen Querschnitt der gesamten Wattenmeerküste unter dem Motto „Von der Küste zur Insel“ und 2. die Themenlinie „Neue Energien verändern die Küste“. […] Bürgermeister Michael Hook fügt hinzu: „Das Waltnaturerbe Wattenmeer und die neue Ausstellung im Nationalpark-Haus sollen künftig auch von der Tourismus GmbH Gemeinde Dornum mit vermarktet werden.“ […]

Nicht nur der Tourismus,  sondern auch die „Erneuerbaren Energien“ bekommen viel Raum in der neuen Ausstellung:

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, 20. Mai 2010:

„[…] Die neue Ausstellung soll Besuchern die Vielfalt und Schönheit der
Natur und Landschaft des Weltnaturerbes näher bringen, so der
Einrichtungsleiter. Gleichzeitig wird die Bedeutung der regenerativen
Energien für die Küstenregion vorgestellt werden.“[…]

Allerdings gleicht dieser Anspruch der Quadratur des Kreises: Der Massentourismus mit ca. 37 Millionen Übernachtungen jährlich von Emden bis Cuxhaven  ist der Hauptbelastungsfaktor im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, und die „regenerativen Energien“ haben Ostfriesland völlig verändert und entstellt. Riesige Windparks an der Küste stehen auch in faktischen Vogelschutzgebieten, Biogasanlagen mit ihrem enormen Verbrauch an Mais und Fläche haben die ostfriesische Landschaft teilweise in Maissteppen verwandelt, das ehemalige Grünland ist vielerorts verschwunden; auch das führte mit zum dramatischen Einbruch der Wiesenvogelbestände. Auf See entstehen die ersten Offshore-Wind“parks“ vor Borkum, mit der Kabelanbindung des Offshore-Windturbinenfeldes „Alpha Ventus“ wurden durch unsachgemäße Verlegungsarbeiten 2008 im Watt zwischen Norderney und Hilgenriedersiel riesige Wattflächen verwüstet, im Nationalpark Wattenmeer, mit Zustimmung von WWF, BUND und NABU!

1994 verlegte die norwegische Staatskonzern Statoil die Erdgasleitung „Europipe“ im Nationalpark zwischen Langeoog und Dornumersiel, mit erheblichen Schäden für das Watt; damals gab es noch erhebliche Proteste und Aktionen von WWF, BUND, NABU und regionalen Gruppierungen. Ortsnahe planfestgestellte Naturschutz-Ersatzmaßnahmen wurden nie umgesetzt und stattdessen in ein getarntes Küstenschutzprojekt auf Langeoog umgeleitet, von den Naturschutzverbänden kam kein Widerspruch.

Von Statoil wurde als Ablasszahlungsinstrument die „Wattenmeerstiftung“ eingerichtet, verwaltet vom niedersächsischen Umweltministerium. Aus diesen Mitteln werden auch Naturschutzverbände finanziell unterstützt. Von BUND und NABU hört man seit dem kaum noch Kritisches zur Entwicklung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer.

Und genau diese Verursacher bekommen nun große Bereiche in der neuen Ausstellung des Nordseehauses in Dornumersiel zur Verfügung gestellt:

Statoil, EON-Climate & Renewables Central Europe GmbH, die regionale Norderland Nature Energy AG, inzwischen Teil der Plambeck Neue Energien in Cuxhaven und andere.

Wie viel Geld von diesen Firmen in die Ausstellung genau geflossen ist oder noch fließen wird, ist nicht bekannt.

Der Bericht im Ostfriesischen Kurier vom 20. Mai 2010 wird aber schon sehr deutlich und beruft sich auf die gestern vorgestellten Zahlen:

[…] Finanzierung

An der Finanzierung beteiligen sich die N-Bank mit 392.000 Euro,
Wattenmeerstiftung mit 189.200 Euro, Bingo-Lotto mit 150.000 Euro
sowie der BUND mit 25.000 Euro. Hinzu kommen Eigenmittel und
Eigenleistungen sowie weitere 47.800 Euro Spenden. Die Gemeinde Dornum
unterstützt das ehrgeizige Projekt mit 26.000 Euro in Eigenleistung.
So habe, laut Hook, der Bauhof in wesentlichen Teilen die Entkernung
und die Verwaltung die Bauaufsicht übernommen. Vor Ort kommt
Unterstützung vom Arbeitskreis Umweltschutz (AKU) Norden und dem
Naturschutzbund (Nabu) Dornum mit jeweils 5000 Euro.

Weiterhin beteiligen sich Statoil, EON-Climate & Renewables und
CentralEurope GmbH. „Durch die finanzielle Unterstützung weiterer
Firmen und Privatpersonen wird dieses überregionale Vorhaben erst
ermöglicht“, betonte van der Meer. Ebenso seien hiesige
Energieproduzenten und Betreiber von Windkraftanlagen, Biogas- und
Solaranlagen bemüht, das Projekt finanziell und inhaltlich zu
verwirklichen.“ […]

Der Wechsel der vormals sehr kritischen Ausstellung zur Nutzung der Windkraft an der Küste mit der nun beabsichtigten Bereitstellung von Informationsständen für die Investoren ist beängstigend und zeigt beispielhaft den neuen Kurs der finanziell klammen Naturschutzverbände: Wo Natur- und Umweltschutz drauf steht, ist keiner mehr drin, man passt sich an den neo-liberalen Zeitgeist an. Die Abhängigkeit von Stiftungsmitteln und Sponsoren ist evident und lässt den Naturschutz unter völliger Selbstverleugnung zum Spielball der Investoren der „Neuen Energien“ werden, die sich hier einen „grünen“ Anstrich geben lassen: „Greenwashing“ heißt das im Neudeutsch.

Ostfriesen Zeitung, Teil Aurich, S.26, 20. Mai 2010

[…] Die Besucher sollen die Ziele und positiven Wirkungen dieser wirtschaftlichen Entwicklungen, aber auch Informationen über mögliche negative Effekte erhalten. Für Nationalpark-Häuser, so van der Meer, sei das ein bisher einmaliger Ansatz. „Unsere hiesigen Energieproduzenten und Betreiber von Windkraft-, Biogas- und Solaranlagen helfen finanziell, aber auch inhaltlich, das Projekt zu verwirklichen.“[…]

Ganz nebenbei: Wie heute aus der Ostfriesen Zeitung im Teil Wittmund zu erfahren war, will man in der Dornumersieler Nachbargemeinde Holtriem zu den dort vier bestehenden Wind“parks“ weitere 27 Anlagen aufstellen, man sucht bereits nach neuen Flächen.  Der Schwiegersohn des inzwischen pensionierten Gemeindekämmerers ist leitender Angestellter des Anlagenherstellers Enercon im benachbarten Aurich. Die potenziellen Investoren betreiben auch im Bereich der direkt angrenzenden  Samtgemeinde Dornum mit Dornumersiel  bereits dutzende Windkraftanlagen. Genau diese Betreiber wollen im Nordseehaus Dornumersiel Informationsstände einrichten.

Wir werden nach der Ausstellungseröffnung im August 2010 weiter berichten, auch darüber, wie glaubhaft und in welchem Umfang  „unsere hiesigen Energieproduzenten und Betreiber von Windkraft-, Biogas- und Solaranlagen“ die „negativen Effekte“ darstellen werden. Derzeit entsteht der Eindruck, die Interessenvertreter der „Neuen Energien“ kaufen sich in  ein Nationalparkhaus als Informationszentrum für ihren Geschäftsbereich ein. Es kann aber nicht Aufgabe  eines  anerkannten Naturschutzverbandes sein, diesem Wirtschaftszweig ein Forum der Selbstdarstellung zu bieten.

Die Glaubwürdigkeit der Naturschutzverbände BUND und NABU  ist ohnehin spätestens seit dem Emsumfaller mit der Zustimmung zum Ems-Sommerstau für die Meyer Werft verspielt.

Aus dem Archiv:

Ostfriesischer Kurier, Norden, 09. Juni 2005

Gekürzte Landesmittel reichen nur noch für die Grundaufgaben

Nicht weniger, sondern mehr Förderung wäre der richtige Weg, meint der Dornumersieler Nationalparkhaus-Leiter

Dornumersiel/mg – Die Sorge wächst im Dornumersieler Nationalparkhaus. Dort wer­den die von Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) verkündeten Mittel-Strei­chungen zwar erst im Jahr 2011 gültig. Bleibe es dabei, bedeute dies aber das Aus für die bishe­rige erfolgreiche Umwelterzie­hung, ist Einrichtungsleiter Uilke van der Meer überzeugt.

Dem Minister wirft er vor, zwar auf touristisch werbe­trächtige Etiketten zu schielen, die Nationalparkhäuser fak­tisch aber ausbluten zu lassen. Er fahre die den Einrichtungen vom Land auferlegten Bil­dungsaufgaben stückweise vor die Wand und setze sich zu­dem über Vereinbarungen der Nordsee-Anrainerstaaten hin­weg: „Sander schert aus.“

Wie   berichtet,   kürzt   das Land die Förderung der Natio­nalparkhäuser erheblich und fordert zugleich verstärktes privates Sponsoring. 68 000 Euro fließen bislang jährlich nach Dornumersiel, künftig werden es nur noch 55 000 Euro sein. In Norddeich sind es nach van der Meers Angaben ebenfalls 55000 statt bislang 100000 Euro. Die Zentrale in Wilhelmshaven muss mit 145 000 Euro statt wie bislang mit 200 000 Euro auskommen. Damit sei die Arbeit der Häu­ser in der bisherigen Form nicht weiterzuführen. […]

edit 04.Juni 2010: Am 03.Juni 2010 erschien der nachfolgende Leserbrief zum Thema. Verfasser ist Reiner Schopf, der mehr als 30 Jahre lang Inselvogt und Vogelwart auf der Vogelinsel Memmert bei Juist war. Schopf war auch Nationalparkwart im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und legte sich häufig mit der Nationalparkverwaltung wegen deren Untätigkeit an.  Er lebt  jetzt in der Nähe von Stralsund und wird regelmäßig über die Vorgänge im Nationalpark informiert.

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, 03.Juni 2010, S. 6, Leserbrief

Nur noch zahnlose Papiertiger
Betrifft: „Ziel: die Neugier wecken“, Bericht vom 20. Mai über das
Nordseehaus in Dornumersiel

Wächst in Dornumersiel zusammen, was zusammen gehört? Der BUND, der
zusammen mit der Gemeinde das Nordseehaus betreibt, soll sich für den
Erhalt der Küstenlandschaft, den Schutz der Artenvielfalt und für
ungestörte natürliche Entwicklungen einsetzen. E.ON, Statoil und
regionale Windkraft- und Biogasbetreiber sehen in „übertriebenem
Naturschutz Behinderungen des freien Marks.“ Die mit Windkraftanlagen
verbaute Landschaft und das Vorgehen der Konzerne beim Bau der
Europipe und der Kabel-Anbindung der Alpha-Ventus-Offshore-Anlagen
sind gute Beispiele dafür, dass der Schutz der Natur be-
und verhindert wird. Diese Gegensätze scheinen den BUND nicht zu
stören. Das Sponsoring gibt den Energie-Unternehmen die Möglichkeiten
zu einer grünen Selbstdarstellung. Seitdem BUND und NABU von der
Statoil Wattenmeerstiftung finanzielle Zuwendungen erhalten, sind die
„Anwälte der Natur“ zu zahnlosen Papiertigern mutiert.

Ohne Frage wäre es zwingend notwendig, über die Forschungsergebnisse
des „Instituts für Vogelforschung“ im Zusammenhang mit Windkraft zu
informieren. Die Vogelforscher gehen von 50 Vogeltoten pro Anlage und
Jahr im Binnenland aus. Bei etwa 30000 Anlagen sind das 1,5 Millionen
tote Vögel Jahr für Jahr. Nach neuesten Untersuchungen über
Offshore-Anlagen kommen Wissenschaftler zu dem niederschmetternden
Ergebnis, dass zu den beiden Zugzeiten wahre Vogelmassaker verursacht
werden. Das „Welterbe“ ist von tödlichen Vogelfallen umzingelt.

Ob die Ausstellung in Dornumersiel die Besucher über die Fakten, die
die „Umweltfreundlichkeit“ der Windenergie gegen Null tendieren
lassen, wahrheitsgetreu informieren wird? Der Gemeinde und dem BUND
passt der „Ablasshandel“ der Energiewirtschaft sicher ins Konzept. Es
ist aber nicht zu erwarten, dass dies der Ausstellung und dem Schutz
gut tut. Käufliche Naturschutzorganisationen? Nicht doch, es ist nur
„bezahlte Kooperation“. Der organisierte Naturschutz als Handlanger
und Image-Aufpolierer der Energiewirtschaft?

Reiner Schopf
Jakobsdorf

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