18. Dezember 2010

Gänse im Rheiderland: Botulismus und „Bullshit“

Nonnengänse auf Grünland, mittendrin eine Blässgans, Foto (C): Knake

Der jährliche Gänsezug und abertausende überwinternde nordische Gänse aus Russland und Skandinavien im Rheiderland/LK Leer sind ein beeindruckendes Erlebnis für jeden Naturfreund. Für Gerd Koch von der „Allgemeinen Wählergemeinschaft“ (AWG) im Kreistag von Leer sind diese Tiere wohl eher Ungeziefer: Er warnte in der Ostfriesen Zeitung vor einem „erheblichen Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung“ durch „massenhaft überwinternde Gänse“.

Am 14. Dez. 2010 reichte er beim Landkreis Leer eine Anfrage mit folgendem Wortlaut ein:

„Anfrage der AWG-Fraktion

Die Gänsepopulation im Rheiderland nimmt unkontrollierbare Ausmaße an. Und diese Massen an Gänsen stellen nach unserer Auffassung ein erhebliches Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung dar. Allein der Kot, der von diesen Tieren ausgeschieden wird, führt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, insbesondere zu einer nicht zu unterschätzenden Salmonellengefahr. Der Kot muß zwangsläufig zum Botulismus führen. Dabei handelt es sich um eine schwere, lebensbedrohliche Lebensmittelvergiftung. Er wird, so unsere Information, durch den Verzehr von schlecht konservierten Lebensmitteln, die Botulinumtoxin enthalten, ausgelöst. Dazu hat die AWG-Fraktion nachstehende Fragen, die wir gerne in der nächsten Sitzung des hierfür zuständigen „Umweltausschusses“ beantwortet hätten:
Wie sieht der Landkreis die „Gänse-Situation“ im Rheiderland? Wie hoch wird seitens der Verwaltung das Gesundheitsrisiko infolge eine Überpopulation von Gänsen eingeschätzt?“

Die umweltpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im Kreistag, Mechthild Tammena, reagierte prompt in der Ostfriesen Zeitung am 16. Dez. 2010: „Wenn das so wäre, dürfte kein Landwirt seine Gülle oder seinen Mist auf den Wiesen ausbringen, so Mechthild Tammena. Botulismus, von dem Koch in diesem Zusammenhang spreche, sei eine durch Bakterien verursachte Krankheit, die ein Massensterben von Vögeln verursachen könne. Im Jahr 1982 seien daran an der Ems und im Dollart Tausende von Seevögeln verendet. Ursache seien extreme Wetterverhältnisse und die Verschmutzung der der Ems gewesen.“ Sie bezeichnete Kochs Argumente, zwar nicht ganz Gänse-Artgerecht, als „Bullshit“.

Dr. Klaus Gerdes vom NABU-Leer, ausgewiesener Gänsefachmann, äußerte sich am 17.12.2010 in der OZ: „Er [Koch] hat sich über Wildgänse in einer emotionalen Weise geäußert, die jeder sachlichen und fachlichen Grundlage entbehrt […] Die Fleischvergiftung Botulismus ist am Dollart nur sehr selten und dann während längerer Hitzeperioden im Sommer vorgekommen. Im Winter, wenn nordische Gänse als Gäste im Rheiderland leben, trat sie nie auf.“

Man merkt also Herrn Kochs Absicht und für wen er spricht, und darf zu Recht verstimmt sein: Intensiv-Landwirten sind die Gänse seit langem lästig, weil die Tiere auf Grünland sitzen und das tun was alle Gänse gerne tun: fressen. Das Rheiderland ist Teil eines EU-Vogelschutzgebietes. Viele Bauern ziehen üppige Subventionen „für nichts“ von der Europäischen Union, und sind damit verpflichtet, gewisse Einbußen bei der Bewirtschaftung hinzunehmen, Stichwort Cross Compliance . Auch Jäger, die oft auch Landwirte sind, haben schon behauptet, es gäbe eine „Überpopulation“, und Gänse müssten daher „reguliert“ werden. So spielt man sich geschickt von der Politik über die Jäger und Landwirte die Bälle zu, mit dem Ziel, alles zu unterstützen, was den Gänsen schadet, in einem EU-Vogelschutzgebiet!

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