3. November 2013

Wie Natur an der Ems gezielt kaputt gemacht wird: von Rebhühnern, Behörden und lästigem Emsschlick

NSG "Petkumer Deichvorland" (untere Bildmitte) und nördlich angrenzende Pufferzone

Statt eines Vorwortes: Man glaubt es kaum, aber es ist traurige Wirklichkeit: Trotz internationaler Abkommen zum Schutz von Feuchtbiotopen, trotz „Biodiversitäts“-Kampagnen, trotz Naturschutzverordnungen, trotz Naturschutzbehörden, trotz vieler Naturschutzverbände – in Niedersachsen zur Zeit 15 an der Zahl: Die Naturvernichtung in Ostfriesland geht ungebrochen weiter, oft völlig unbemerkt von einer größtenteils desinteressierten Politik, die noch nicht einmal mehr in Sonntagsreden den Naturschutz entdeckt, und einer ebenso weitgehend gleichgültigen Öffentlichkeit. Unser Mitarbeiter Eilert Voß hat eine anklagende Zusammenfassung über ein kleines überschaubares Gebiet an der Ems zusammengestellt, in dem ganz aktuell eine ausgewiesene Pufferzone, angrenzend an das Naturschutzgebiet „Petkumer Deichvorland“, nicht nur unter die Räder von Lastwagen und Ketten von Baggern, sondern auch unter den eingespülten Schlick aus der Ems geraten ist. Der Fluss muss fortwährend für die Schifffahrt ausgebaggert werden, damit auch die riesigen Vergnügungsdampfer der Meyer Werft im binnenländischen Papenburg ans Meer gelangen können. Irgendwo muss das Baggergut schließlich hin, und dafür vernichtetet man seit Jahrzehnten wertvollste Feuchtgebietslebensräume an der Ems. Begonnen wurde mit dem Überschlickungsprogramm Emden-Riepe 1954. In verschiedenen Spülabschnitten wurde bis 1990 aufgespült. 1971 wurden zwischen Borssum und Jarßum die direkt hinter dem Emsdeich liegenden Feuchtwiesen überspült. Aus dieser erhöhten und trockenen Fläche entnahm man bis in die Zeit des Sommers 2013 Kleiboden für den Deichbau und spült die Löcher oder Pütten demnächst mit Schlick wieder zu. Diese Maßnahme ist deshalb vergleichsweise schonender, weil es Doppelüberspülungen sind und keine zusätzlichen Flächen in Anspruch genommen werden.

Das ostfriesische Binnenmeer "Teltenmeer" wird überspült, 1974

Das ehemalige „Teltenmeer“ – ein ostfriesisches Binnenmeer – in der Nähe von Uphusen wurde 1974 komplett zugespült. Auch das war ein herausragendes Feuchtgebiet. Der Borssumer- und Teile des Petkumer Hammrichs wurden 1973 überschlickt. In Ostfriesland gibt es also eine lange Tradition der Naturvernichtung, die lange noch nicht abgeschlossen ist. Der Torf der Hochmoore wurde in den Öfen verbrannt oder in den Hausgärten untergegraben, abgetorft wird bis heute.

Auch im angrenzenden Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer ist nicht alles Gold, was von der PR-Abteilung der Nationalparkverwaltung scheinbar zum Glänzen gebracht wird. Hier sind es viele Salzwiesen, die durch systematische Entwässerung mit Strandquecke überwuchern und als Nahrungs- oder Brutgebiete weitgehend ausfallen, in einem EU-Vogelschutzgebiet, das als „Weltnaturerbe“ von der Tourismusindustrie vermarktet wird. Die Leserinnen und Leser der Wattenratseiten wissen dies.

Manfred Knake

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Wie Natur an der Ems gezielt kaputt gemacht wird: von Rebhühnern, Behörden und lästigem Emsschlick

von Eilert Voß, Widdelswehr

Gern würde der Wattenrat den LeserInnen von einer Erfolgsstory für den Naturschutz berichten und nach diesem Beitrag wäre dieses „Naturwunder“ beinahe geschehen! Ja, wenn es eine Leitlinie für einen funktionierenden Artenschutz in Emdens Unterer Naturschutzbehörde gäbe und andere Behörden nicht der Betonpolitik verpflichtet wären. Doch alles der Reihe nach.

Im Jahre 1994 erklärte die damalige Bezirksregierung Weser-Ems das Petkumer Deichvorland an der Ems bei Emden zu einem Naturschutzgebiet, nachdem man mit einer Verbreiterung und Erhöhung des Emsdeiches dem Außendeichsbereich wichtige Brutflächen für Bodenbrüter entriss. Mit dem Deichbau selbst wurde ebenfalls ein stattlicher Kolk zugeschüttet, für den es keine vergleichbare Ersatzmaßnahme gab. Zeugen bemerkten am 20.06.1986, dass beinahe der gesamte Fischbestand, von Kreiselpumpen geschreddert, ins Emswatt gespült wurde (Bildbelege sind Bestandteil des Wattenrat-Archivs).

Nach der Rekultivierung des deichnahen Binnenlandes, das an den Außendeichsbereich angrenzt, geschah das kleine Wunder: Im Bestand bedrohte Rebhühner kehrten in diese Pufferzone des Naturschutzgebietes zurück und konnten sich in einem Volk von bis zu 15 Hühnern jahrelang halten. Ein Glück für das standorttreue Rebhuhn, dass die Gestalter der Schutzgebiets-Verordnung in den sogen. Erläuterungen zur VO über das NSG „Petkumer Deichvorland festschrieben, dass jegliche Beunruhigungen der Pufferzone zum Schutzgebiet im Abstand von 300 Metern zu unterlassen sind und es „unabdingbar“ sei, Fluggeräte wie Drachen und Modellflugzeuge ausdrücklich zu verbieten!

Papier ist geduldig und Feldhasen scheinbar auch, denn jährlich ballern Hobbyjäger dennoch in der an das Naturschutzgebiet angrenzenden Pufferzone herum! Und das nur so zum Spass auf „Mümmelmänner“ und andere Wildtiere, denn einen nachweisbaren Schaden richtet keines dieser Geschöpfe an.

Flatterbänder und Ende des Idylls

Am 31. 03. 2011 titelt die Emder Zeitung: „Vögel sollen am Jarssumer Deich nicht brüten.

„Kiebitz und Co. sollen vom Brüten in der NSG-Pufferzone abgehalten werden“, erklärt darin Peter Pauschert, zuständiger Landespflege-Ingenieur beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (!), NLWKN, und vermutlich Initiator der glorreichen Idee, rot-weiße Flatterbänder an Pflöcke zu befestigen und sie in die Pufferzone zu stellen. So macht man` s, sollen Vögel wirksam aus ihrem Lebensraum vertrieben werden.

Große und kleine Vogelscheuchen: NSG-Pufferzone bei Jarßum, 2011. Im Hintergrund der Windpark Wybelsumer Polder im EU-Vogelschutzgebiet, im Vordergrund rechts Flatterbänder zr Vertreibung der letzten Bodenbrüter. Maßnahme des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und NATURSCHUTZ (NLWKN)

Grund der Maßnahme: Der wertvolle Klei (schwerer Lehmboden) in der NSG-Pufferzone weckt Begehrlichkeiten bei der Deichacht Krummhörn, die zeitgleich an Plänen arbeitet, den Emsdeich zwischen Borssum und Emden zu erhöhen. Beabsichtigt ist, 145.000 Kubikmeter Klei im Nahbereich des Emsdeiches zu entnehmen. Begründung: Den Bürgern sind Tausende Lkws auf öffentlichen Straßen nicht zuzumuten, Kosten würden minimiert und „Umweltbelastungen reduziert“.

Rebhühner in der Pufferzone des NSG "Petkumer Deichvorland" bei Jarßum

Der Fortgang des Projekts ist schnell erzählt: Da anwesende Rebhühner am Jarßumer Emsdeich nicht ins behördliche Konzept passen, wird deren Vorkommen erst einmal abgestritten. Vor Ort laufen die Hühnervögel dem Emder Ratsmitglied der Grünen, Dieter Stolz, beinahe über die Füße und es gelingt ihm, mit seinem Handy, ein wichtiger, aktueller Bestandsnachweis. Im November wird vom Planungsbüro „Galaplan Groothusen“ zugegeben, dass das Rebhuhn den östlichen Bereich der Planungsfläche bevorzugt. Der Emder Vogelkundler Klaus Rettig bestreitet kurz darauf den Nachweis von Rebhühnern und muss sich selbst und der Öffentlichkeit eingestehen, dass er sich irrte. Sein Verdacht, der „grüne Stadtrat“ habe sich wohl „vertan“ und ein Rebhuhn anscheinend mit einem Fasan verwechselt, war unhaltbar. Grund: Mitarbeitern des Wattenrates war es ebenfalls gelungen, unter Zeugen einen weiteren Bildbeweis der Existenz von Rebhühnern im Planungsbereich zu erbringen.

Dass nach „Vorhandenseins einer bedrohten Vogelart“ Alternativen zum beabsichtigten Erdaushub erwogen wurden, kam örtlichen Planern nicht in den Sinn. In Hannover regierte der damalige FDP- Umweltminister Sander, und der war notorischer Garant für zügige Umsetzung aller technokratischen Planungen. „Dass der Fisch vom Kopf her stinkt“, wie uns die Volksweisheit lehrt, hat sich anscheinend bis zur Ministerialbürokratie nicht herumgesprochen. Vor allem wenn es um Entscheidungen zur Schiffbarmachung der Ems geht, dem verhunzten Fluss, der eigentlich nur noch Meyer-Kanal ist.

Grünes Licht für Bagger

Im Frühjahr 2012 rückten Bagger an und schafften innerhalb weniger Tage vollendete Tatsachen. Die Rebhühner verabschiedeten sich und wurden nicht mehr gesehen. Wieder einmal wurde in voller Absicht und in Kenntnis der ökologischen Besonderheit eines emsnahen Biotops ein Wiesengelände direkt am Fluss platt gemacht. Doch zu vermuten, die Kraterlandschaft aus Pfützen, Matsch und Klei sei für die Natur uninteressant, unterschätzt die unbändige Kraft der Natur.

Sofort wurde die „Mondlandschaft“ von Limikolenarten wie dem Kiebitz, Rotschenkel, Säbelschnäbler und dem Flussregenpfeifer als Ersatzbiotop aus zweiter Hand angenommen. Die Planer hatten Mühe, seltene Bodenbrüter am Brüten zu hindern. Mitarbeitern des Wattenrats wurde bewusst, dass trotz Vertreibung des Rebhuhns sich Chancen für andere Vogelarten bieten, deren Lebensräume infolge Trockenlegung von Feuchtwiesen zerstört wurden. Die in Jarßum entstehenden Erdentnahmestellen oder „Pütten“ wären endlich ein Ersatz für die Zerstörung des ehemaligen Jarßumer Kolkes.

Freigelegte Reste eines historischen "Stackdeiches", Jarßumer Pütte, 12. Sept. 2013

Dann geschah ein archäologisches Wunder: In beiden Jarßumer Pütten stießen die Bagger auf Relikte eines historischen Stackdeiches aus dem 16. Jahrhundert. Bagger wurden kurzerhand abgezogen und die Archäologen der Ostfriesischen Landschaft gruben mit Kleinbagger, Spaten und Spachteln ein 300 Meter langes Wunderwerk des Deichbaues aus.

Ratsantrag auf Bau von Beobachtungshütte

Vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden Feuchtlandschaft, direkt am Nordufer des Dollarts, begeisterten die Emder Grünen sich für die Möglichkeit, Emder Bürgern direkt am Emsdeich den Kontakt mit der Vogelwelt von Ems und Dollart zu ermöglichen. Einzig müsste zu diesem Zweck eine Beobachtungshütte gebaut und rechts und links des Jarßumer Kirchweges ein Erdwall aufgeschichtet werden, um Besucher unsichtbar zu machen und Scheucheffekte zu verhindern.

So hätte es in der Pufferzone aussehen können: Eine gut angenommene Beobachtungshütte im Breebaart Polder am Dollart in der Provinz Groning/NL; aber in Deutschland ticken die Uhren anders, trotz Naturschutzverordnungen

Gesagt getan, der Emder Rat näherte sich diesem Plan mit Wohlwollen und die Ostfriesen Zeitung titelte am 11.Oktober 2012: „Emder können bald Vögel beobachten“. Nur die CDU, mit Ratsherrn Hinrich Odinga, fand ein Haar in der Suppe und wies darauf hin, dass die Hütte in „jagdlichem Gebiet“ stehen könnte und „Auseinandersetzungen befürchtet werden(da spannten Gänsejäger anscheinend die CDU vor ihren Karren, weil sie befürchten, Naturbeobachter könnten Zaungäste ihres blutigen Weidwerks auf Zugvögel werden).Da der Kostenrahmen mit höchstens 30.000 Euro überschaubar war, versprach die Emder Verwaltung, sofort mit den Planungen zu beginnen.

Anzunehmen wäre, dass eine Beobachtungshütte die Möglichkeit böte, zum einen auf die Vogelwelt der Ems-Dollart-Region und zum anderen auf den archäologischen Zufallsfund eines Stackdeiches hinzuweisen. Didaktisch interessant, auf Infotafeln aufbereitet, bestünde die Chance, das teure Grabungsprojekt einer breiten Öffentlichkeit und vor allem Schulklassen zu zeigen. Jarßum wäre um eine Attraktion reicher und Radler, die den Deichweg von Emden bis Jarßum benutzen, böte man bei Regen und Sturm eine Schutzhütte mit Ausblick auf die Vogelwelt. Andernorts pilgern Vogelfreunde von Termunten bis Hauen/Greetsiel zu ähnlichen Wasserstellen und bewundern Kampfläufer, Bekassinen und andere selten gewordene Vögel. An vielen Pütten, die im Zuge von Deichbaumaßnahmen entstanden, errichtete zumeist der NaBu Beobachtungshütten mit schmalen Sichtfenstern. Aus nächster Nähe ergeben sich andernorts unvergessliche Kontakte zwischen Beobachter und Wildtier, wenn Menschen sich an Spielregeln halten und keine Störungen verursachen. Keine 15 km Luftlinie von Jarßum entfernt schuf die „Groninger Landschap“ am niederländischen Teil des Dollarts den Prototyp einer Hütte, deren Verwirklichung auch am Nordufer des Dollarts in Jarßum sinnvoll wäre.

Die Freude war umsonst

Im Sommer 2013 rückten in Jarßum erneut Bagger an. Wer bis zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt war, endlich könne an der Ems ein ökologisch positives Projekt verwirklicht werden, sieht sich schwer getäuscht. Die westliche und größere Pütte wird von Baggern mit einem hohen Erdwall umringt und schnell reift die Gewissheit, hier entsteht kein Naturprojekt sondern eine schnöde Spülfläche für lästig gewordenen Emsschlick, der den viel zu großen Schiffen der Meyer Werft im Weg ist. Wohin also? Der Weg des geringsten Widerstandes – als „Wirtschaftsgut“  hineingespült in die auch nachts hell erleuchtete, bundeseigene Fläche der Jarßumer Pufferzone und jetziger tief gelegener Feuchtfläche, die im ersten Jahr ihrer Existenz eine magische Anziehungskraft auf Wasservögel ausübte.

Schlicknotstand an der Ems

Der Rest ist schnell erzählt. Für Mitte November bestellt Werftchef Bernard Meyer PS- starke Schlepper nach Papenburg: Ein weiterer Pott für die Spaßgesellschaft verlässt die Werft und wühlt sich den 40,9 km langen Weg von Papenburg bis Emden durch den Schlick. Rund um die Uhr ist in diesen Tagen der Emsbagger „HEGEMANN 1“ mit der Vertiefung der Ems vom Stauwehr in Gandersum bis Ditzum beschäftigt. Die Entsorgung der wabernden Masse vom Grund der Ems geschieht nach oft geübtem Ritual: immer hinein mit dem Schlick in Feuchtwiesen und so genannte „Grenzertragsflächen“, um sie später intensiv landwirtschaftlich nutzen oder verscherbeln zu können.

Baggerschiff "Hegemann" pumpt Emsschlick in die angrenzende Pufferzone des Naturschutzgebietes "Petkumer Deichvorland", 26. Okt. 2013

Wen interessiert`s, dass Kinder in der Pufferzone des Petkumer Naturschutzgebietes „keinen Drachen steigen lassen dürfen?“ Ist doch „Schlicknotstand“ und wohin denn sonst mit dem Dreck!

Hoch belastester Hafenschlick wird mit gering belastetem Schlick vermengt, damit die Grenzwerte eingehalten werden: Zwischenpumpwerk Borßum, 1983

Ab Mitte der fünfziger Jahre wurden 3.800 Hektar Wollgraswiesen und Birkhuhnbiotope im Riepster Hammrich fix und fertig mit giftigem Emder-Hafenschlick und unbelastetem Baggergut aus der Ems überspült, aber vorher fein in einer Betonwanne am Feentjer Tief vermischt, um die hohen Giftwerte der Schwermetalle aus dem Emder Hafen rechnerisch passend zu machen! So wurden die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte bei Schwermetallen, z.B. Quecksilber, eingehalten. Ein intakter Hammrich und Großbiotop nicht nur für Sumpfohreulen und Uferschnepfen wurde einfach verfrühstückt! Der Hammrich von Mitling-Mark bis Ihrhove wurde ebenfalls „überspült“, da nah und bequem an der Ems gelegen! Unzählige Kiesbaggerlöcher entlang der Ems wurden ebenfalls mit Schlamm verfüllt.

Längst Geschichte: Birkhuhnbalz vor einem Spülfelddeich am Fehntjer Tief (1. Mai 1975)

Dass es aktuell in Jarßum allerdings ein nur 7 Hektar großes Bestandteil eines Naturschutzgebietes „erwischt,“ ist ein Stück aus dem Tollhaus und bestätigt mal wieder viele Zeitgenossen, die aus dem Bauch heraus behaupten, „Politik sei ein dreckiges Geschäft“ und der ostfriesischen Volksmeinung:…“tegen de Backobend kannst neet gaapen!“(Gegen den Backofen kannst nicht atmen, sprich: argumentieren. Klartext: Bei Behörden ist der Kleine Mann immer auf der Verliererseite!)

Spülfeld Riepe, Kiebitznester nur noch auf dem Schild

Ist der aktuellen Politik niemals in den Sinn gekommen, per Beschluss sofort dafür zu sorgen, die Einspülung von Emsschlick in Wiesengebiete und andere Biotope zu verbieten? Wieso eigentlich wird nicht erwogen, bereits einmal überspülte und zerstörte Landschaften im Widdelswehrster und Riepster Hammrich ein zweites Mal zu überspülen? Scheitert das etwa „nur“ an der fälligen Entschädigung 5 Jahre Nutzungsausfall an einige wenige Landwirte zu zahlen, die im kaputten Hammrich nur Mais und andere Nutzpflanzen anbauen und die Äcker mit Gülleduschen als Deponiefläche missbrauchen?

Emsschlick wird ins Spülfeld im Petkumer Hammrich gepumpt, 1980

1990 beendete der Emder SPD-Fraktionsführer Johann Bruns mit einem Faustschlag auf den Tisch die weitere Zerstörung des Petkumer Hammrichs und stoppte die Schlickeinspülung. Er zeigte den Landwirtschaft-Lobbyisten: „Schluss mit lustiger Neulandgewinnung in Feuchtbiotopen!“

In der Ostfriesen Zeitung vom 17.07.1990 war nach dem Paukenschlag zu lesen: „Die Überspülung neuer Flächen im Niederungsmoor mit Hafenschlick unterbleibt sofort“.

Zeitgleich wehrten sich Bauern mit ökonomischen Argumenten gegen eine ökologisch sinnvolle Doppelüberspülung ihrer in landwirtschaftlicher Nutzung befindlichen, ehemaligen Spülflächen. All dies rückwärts gewandte Gezerre eines Landschaft zerstörenden Lobbyistenverbandes ist Bestandteil des umfangreichen Wattenrat-Archivs und wurde in der Vergangenheit Studenten und anderen Kritikern der Schlickentsorgungs-Praxis des Wasser- und Schifffahrtsamtes, WSA- Emden, zur Einsicht überlassen. Bezeichnend, dass der Emder Landwirt, Hinrich Odinga, bereits 1991 in der Emder Zeitung vom 25. Jan.1991 gegen eine geplante Doppelüberspülung im Wybelsumer Polder wetterte.

Fühlt sich die örtliche und die Landes-SPD dem historischen Beschluss von Johann Bruns nicht mehr verpflichtet?

Nach der weisen und mutigen Entscheidung von ihm wurden dennoch Rote Listen gefährdeter und ausgestorbener Tier- und Pflanzenarten länger. Darf heutzutage zur rücksichtslosen Praxis der Schlickbeseitigung in feuchte Naturgebiete zurückgekehrt werden? Haben Politik und Verwaltungen den Ernst der Naturbedrohung, trotz täglicher Konfrontation mit ihren Gegnern aus der Ökologiebewegung, immer noch nicht erkannt?

Zweifellos lehrt die in diesen Tagen begonnene Zerstörung der Jarßumer Pütte, dass der falsche Werftenstandort in Papenburg ostfriesischen Naturgebieten selbst und wackeren Kritikern des Papenburger Schiffbauwahns noch viele Wunden zufügen wird. Insidern schwant die Erkenntnis, dass das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht ist.

Spülfeld Uphuser Meer, April 1985

Nach der Jarßumer Pütte werden auch andere Naturkleinode im Schlamm versinken, egal, ob in Hannover nach Schwarz- Gelb nun Rot mit Grün regiert und ob es vor Beginn des Jahrtausendwechsels mal eine Ökodebatte um den Zustand dieses Planeten im Allgemeinen und der Feuchtgebiete im Speziellen gab oder nicht. Auch das aktuelle Jahrzehnt der „Biodiversität“ geht an der Ems spurlos vorbei, es sei denn, man meint den Verlust derselben.

Untere Naturschutzbehörde in Emden versagt auf ganzer Linie

Der aktuellen Landespolitik allein den Schwarzen Peter zuzuschieben, wäre ungerecht, denn es kann bezweifelt werden, dass die Vielschichtigkeit des Emsdesasters in seiner ganzen Dimension in Hannover bekannt ist. Die Untere Naturschutzbehörde in Emden, verantwortlich für das Petkumer Naturschutzgebiet, versagte in der hier beschriebenen Angelegenheit auf ganzer Linie. Und dies nicht nur im Trauerspiel einer naturnahen Püttenlandschaft in Jarßum. Die Emder Behörde unternimmt seit Jahren absolut nichts, schädliche Einflüsse vom NSG Petkum fernzuhalten. Erst das Oberlandesgericht Lüneburg musste in Sachen ganzjähriger Freigabe eines illegal gebauten Beton- oder Teekabfuhrweges im NSG, einen rechtsgültigen Beschluss fassen und die Emder Behörde in letzter Instanz zwingen, die touristische Vermarktung des Schutzgebietes an der Ems aufzugeben. Ungeachtet dieses Richterspruches unternimmt die Emder Verwaltung nichts, die Beschießung von Zugvögeln in dem NSG selbst und der dazugehörigen Pufferzone zu untersagen. Ja, eigene Mitarbeiter der Stadt Emden pflegen einen guten Kontakt zur Emder Jägerschaft, ließen sich für die gute Zusammenarbeit mit einem Jägerorden, dem „Goldenen Rebhuhn“, adeln, oder gehen gar selbst mit der Flinte ins Schutzgebiet. Erst ein Vorsitzender eines ökologischen Jagdvereins muss diesen Skandal vor versammelten Ratsleuten und zur Entrüstung der unheiligen Allianz aus SPD, CDU und FDP auf den Punkt bringen!

Schlickaufspülung: Ende eines Rebhuhnlebensraumes in der Pufferzone des NSG "Petkumer Deichvorland", Jarßum, Oktober 2013

Da wundert es nicht, wenn man Baggern freien Lauf lässt, egal, ob Rats-Grüne in einer Ratsversammlung ein Zukunftsprojekt für die Emsregion vorstellen oder nicht.

Die von Amts wegen bestellten Emder „Naturschutzverwalter“ mögen zur Rettung ihres persönlichen Berufsethos behaupten, man habe mit dem begonnenen Überspülungsprojekt nicht beide Pütten für den Emsschlamm frei gegeben, sondern nur die westliche der beiden. Dass sich die östliche, kleine Pütte kaum lohnt, mit einer Beobachtungshütte zu erschließen, hat folgende Gründe: Flachwasserzonen, für Watvögel sehr wichtig, sind nicht vorhanden. Des Weiteren befindet sich der Emsdeich in direkter Nähe und Scheuchabstände zwischen scheuen Wasservögeln und Deichwanderern werden unterschritten. Diese Probleme hätte es in der westlichen der beiden Pütten nicht gegeben. Schade! Verkettungen behördlicher Fehleinschätzungen entwickeln sich halt so, wenn man bürgerfern bürgerliches „Ehrenamt“ und die Öffentlichkeit in Planungen nicht mit einbezieht, den informierten Bürger gar als „Störenfried“ des Behördenalltags empfindet und ausschließlich Lobbyisten aller Couleur die Tür öffnet.

Ebenfalls schade, dass Emder „Ökowerker“ des von der Stadt mitfinanzierten „Öko-Werk Emden“ (Leitziel: „Bildung für nachhaltige Entwicklung durch ´erleben-begreifen-handeln-bewahren´“), eigentlich auf dem Papier dem Umweltgedanken verpflichtet, sich in den Problemen des Petkumer Schutzgebietes nicht mit Ruhm bekleckern, in Herbstzeiten lieber Apfelsaft pressen und die Landschaft an Ems und Dollart niemals gegen Zugvogeljäger und andere Nutzergruppen verteidigen! Da preist man lieber im Fernsehen „Halophyten“das sind Salzwasser liebende Pflanzen für den heimischen Kochtopf an, die unter Umständen frisch im NSG gerupft, als Alternative zum Grünzeug des Gartens vorgestellt werden. Naturschutz halt auf kleinster Sparflamme und ja nicht Anecken wegen struktureller Zwänge bei der Geldzuwendung der Öffentlichen Hand, festgefahrene und durchsichtige Emder Strukturen eben und selten hinterfragt.

Begrabene Hoffnungen

Die Norwegian Getaway“, das neue Kreuzfahrtschiff der Papenburger Meyer Werft, wird am Sonnabend den 2. November 2013 das überdachte Baudock verlassen und Mitte November die Reise zum seeschifftiefen Wasser antreten.

Wie immer werden staunende Schiffstouristen auf den Deichen stehen und „Wohnmobilisten“ bekannte Aussichtspunkte in Beschlag nehmen. Wie immer wird es eine Schar Ostfriesen geben, denen der Rummel auf den Geist geht und sich die Meyer Werft an die Küste wünschen. ReporterInnen vieler Medien werden in höchsten Tönen den Papenburger Schiffbau würdigen.

In all den Lobgesängen sind „mickerige“ 7 Hektar Pufferzone eines Naturschutzgebietes, hier Rebhuhnlebensraum, Gänsewiese und nasse Pütte nun wirklich Peanuts in Meyers Monopoly an der Ems!“ Sich darüber zu ereifern mag aus der Sicht vieler Täter und Nutznießer am schlechten Zustand der Ems müßig sein.

Dass der Wattenrat dennoch Kritik anmeldet ist einzig und allein der Tatsache zuzuschreiben, dass es kaum noch funktionierende Naturlandschaften an der geschundenen Unterems gibt. Und eines dieser besonderen Landschaften ist nun mal die Petkumer Salzwiese mit dazugehöriger angrenzender NSG-Pufferzone, die man mit einer großräumigen Püttenlandschaft nach dem Muster des Hauener Projektes oder des dollartnahen „Breebaartpolders“ in den benachbarten Niederlanden aufgewertet hätte.

In Anbetracht aktueller Landschafts-Zerstörungen mit Baggern, Planierraupen und Baggerschiffen in der Schutzgebiets-Verordnung sinngemäß zu lesen: „Kindern sei es untersagt, einen Drachen steigen zu lassen“, verdeutlicht, wie es um die behördlich reglementierte Umweltpolitik an der Ems bestellt ist und was von allen administrativen Entscheidungen auch in Zukunft zu erwarten ist.

taz Nord, 17. April 2012: […]Die Aufrechterhaltung des Schiffsbetriebes nach dem Ausbau der Ems für die Meyer-Werft hat allein den Bund in 20 Jahren fast eine halbe Milliarde Euro gekostet, wie das Bundesverkehrsministerium vorrechnet. 165 Millionen Kubikmeter Sand mussten aus dem Fluss gebaggert und entweder an Land deponiert oder im Meer verklappt werden. Allein für dieses Jahr rechnet der Bund mit Baggerkosten von 32 Millionen Euro für Außen- und Unterems. Dabei sollte mit dem Bau des Sperrwerkes bei Gandersum das Baggern wegfallen. Tut es aber nicht.

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