3. Juni 2014

Zwergseeschwalben: Vandalismus auf Norderney

Nein, nicht nur Gorillas, Nashörner oder Pandabären irgendwo „ganz weit weg“ sind höchst bedrohte Tierarten, auch direkt vor unserer Haustür spielen sich die Dramen ab, die selten gewordenen und streng geschützten Tierarten durch menschliche Verfolgung, Ignoranz oder schlichte Dummheit den Garaus machen. Auf Langeoog wurden schon mal in einer Möwenkolonie sämtliche Eier abgesammelt oder in gut beschilderten Brutarealen der selten gewordenen Sand- und Seeregenpfeifer an der Emsmündung mit Quads oder Motorrädern gespielt. Nun wüteten auf Norderney in einem Brutgebiet der sehr rar gewordenen Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons) irgendwelche Vandalen. Sie rissen ein Hinweisschild ab, zwei von vier Gelegen sind verschwunden.

Alles das ist nur die Spitze eines Eisberges, es ist Alltag: In diesem Nationalpark und „Weltnaturerbe“ haben Brutvogelarten auf den touristisch genutzten Inseln vor allem den Menschen  zu fürchten, inklusive seiner freilaufenden Haustiere wie Hunde, Katzen oder entlaufene Frettchen. Eine qualifizierte Aufsicht findet kaum statt: 6 hauptamtliche Dünenwärter des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NWLKN) sind gleichzeitig neben ihrer Küstenschutzarbeit auch „Ranger“ auf den Inseln, unterstützt von ehrenamtlichen Landschaftswarten und Mitgliedern des Bundesfreiwilligendienstes, angestellt beim NLWKN. Alle Genannten haben keine hoheitlichen Befugnisse, d.h. sie dürfen nur auf Fehlverhalten in der Fläche hinweisen, keine Platzverweise erteilen und vor allem auch keine Bußgelder kassieren. Bei abertausenden Touristen auf den kilometerlangen Inseln ist die Aufsicht ohnehin ein mühseliges Unterfangen. Verloren haben jetzt schon die in der Öffentlichkeit völlig unbekannten Strandbrüter wie Zwergseeeschwalben, Sand- oder Seeregenpfeifer in ihrem europäischen Vogelschutzgebiet, Nationalpark und Weltnaturerbe! Da hilft kein Lamento wie in der nachfolgenden Pressemitteilung der Nationalparkverwaltung, sondern nur eine bessere und intensivere Aufsicht, die nicht zum Nulltarif zu haben ist!

Fliegende Pinguine statt Strandbrüter: Norderney

Pressemitteilung der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer vom 03. Juni 2014

Zwergseeschwalben brauchen ungestörte Kinderstuben

Mobile Zäune und Schilder kennzeichnen die Brutkolonien – Unbekannte zerstörten Absperrung und durchquerten Brutgebiet auf Norderney

(Norderney / Wilhelmshaven) Mit 20 cm Länge und 45 g Gewicht sind Zwergseeschwalben die kleinsten Seeschwalben der Welt. Im Frühjahr brüten sie an Stränden der Küsten und Flüsse, ab August fliegen sie tausende Kilometer bis Westafrika, wo sie den Winter verbringen. Zwergseeschwalben sind elegante Flieger und geschickte Fischer, ihre blitzschnellen Stoßtauch-Manöver sind faszinierend anzuschauen. Doch leider stehen sie weit oben auf den Roten Listen der bedrohten Tierarten.

Auch in Deutschland sind Zwergseeschwalben vom Aussterben bedroht. Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer ist eines der letzten Refugien für eine erfolgreiche Brut und somit Erhaltung der Art. Geeignete Kinderstuben sind nahezu unbewachsene, offene Sandflächen in Wassernähe. In eine einfache Bodenmulde werden drei Eier gelegt. Beide Eltern betreiben die Brutpflege. Nach drei Wochen schlüpfen die Küken und laufen sofort umher. Nach weiteren drei Wochen sind sie flügge, brauchen aber noch einige Zeit, bis sie das Fischen erlernt haben.

„Wir sind froh über jedes Seeschwalbenpaar, das sich zur Brut niederlässt“ erklärt Bernd Oltmanns, Ornithologe und Inselbetreuer bei der Nationalparkverwaltung. „Die Tiere suchen sich von Jahr zu Jahr neue Brutplätze, wir müssen schnell und flexibel reagieren, um die Flächen gegen Störungen abzuschirmen“. In diesem Jahr haben sich vier Paare am Strand nördlich des Ostheller-Parkplatzes niedergelassen. Seeschwalben sind während der Brut- und Aufzuchtzeit sehr störungsempfindlich. Die Eier und Küken sind winzig und farblich gut getarnt, so dass sie leicht übersehen und zertreten werden. Ein mobiler Steckzaun und Hinweisschilder sollen dafür sorgen, dass die Fläche in dieser Zeit nicht betreten wird.

Am vergangenen Wochenende kam es zu einem sehr unerfreulichen Vorfall in der Brutkolonie nördlich des Ostheller-Parkplatzes. Unbekannte haben ein Schild, das den Brutplatz der Zwergseeschwalben markiert, mit roher Gewalt abgerissen und sind durch das Brutgebiet gelaufen. Am nächsten Tag waren zwei der vier Brutpaare verschwunden.

„Den Fußspuren nach zu urteilen kamen 2 bis 3 Personen durch die Dünen gelaufen, haben im Sichtschutz eben dieser Dünen das Schild abgerissen und ihren Weg dann unbehelligt fortgesetzt“, berichtet Nico Erdmann, der sich als Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung auf Norderney um den Schutz bedrohter Arten kümmert. „Wie weit sie tatsächlich in die Kolonie gelaufen sind, kann ich nicht sagen. Ich bin den Fußspuren nicht gefolgt, um eine weitere Störung zu vermeiden. Tatsache ist, dass nach diesem Vorfall nur noch zwei der zuvor vier ansässigen Brutpaare auf der Fläche auszumachen sind.“

Kopfschüttelnd kommentiert Oltmanns den traurigen Vorfall auf Norderney: „Gäste und Einheimische haben hier im Nationalpark und Weltnaturerbe riesige Flächen und ausgedehnte Wegenetze, um die einmalige Natur zu erleben. Nur bei Bedarf sperren wir für wenige Wochen vergleichsweise winzige Teilgebiete, bis die Küken flügge sind. Wir wissen nicht, wem die Vandalen mit ihrer Aktion schaden wollten. Geschadet haben sie jedenfalls hilflosen Tieren und allen kleinen und großen Menschen, die sich an diesen hübschen, seltenen Vögeln erfreuen.“ Die Nationalpark-Wacht wird in den kommenden Wochen noch häufiger am Seeschwalben-Brutplatz präsent sein.

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