29. November 2014

„Killerrobben“ fressen Schweinswale: Kegelrobben sollen Schweinswalbestände gefährden

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Kegelrobben sind in Verruf geraten: Sie sollen gezielt Jagd auf Schweinswale oder Kleine Tümmler machen. Am 26. November 2014 berichtete Spiegel-online über bemerkenswerte Nahrungsgewohnheiten des größten Raubtieres an der Küste der Nordsee, die von niederländischen Forschern untersucht wurden: „Nahrhaftes Fett: Jagdfieber der Kegelrobben bedroht Schweinswale“[…] Damit wären Kegelrobben-Angriffe eine der Haupttodesursachen für Schweinswale in der Nordsee – neben dem Tod in Fischereinetzen als Beifang (20 Prozent), Infektionskrankheiten (18 Prozent) und Auszehrung (14 Prozent). […]“.

Ob Kegelrobbenattacken tatsächlich die „Hauptursache“ für den Tod der Schweinswale ist, wie der Spiegel berichtet, ist allerdings fragwürdig. Fakt ist, dass die noch im Mittelalter sehr häufigen Kegelrobben am Anfang des 20. Jahrhunderts an den europäischen Küsten als Nahrungskonkurrenten der Fischer fast ausgerottet waren und sich die Bestände im Wattenmeer erst seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts langsam wieder erholen. Die Unterart der Ostsee-Kegelrobbe  (Halichoerus grypus balticus) ist sehr viel seltener. Schweinswale ertrinken nach wie vor häufig in den Netzen der Fischer.

Die bekannten Hauptfressfeinde der Schweinswale sind Haie oder Orcas. Schweinswale sind sehr schnelle Schwimmer, die entweder alleine, paarweise oder auch in großen Schulen, also gemeinsam jagen, Kegelrobben jagen einzeln. Es liegt aber nahe, dass neben unerfahrenen Jungtieren auch kranke oder tote Schweinswale zur Beute von Kegelrobben werden können. Zu fragen ist, wie hoch der Anteil der kranken oder toten Schweinswale in der Nordsee ist und wodurch sie erkranken oder sterben. Bekannt ist der hohe Parasitenbefall und die hohe Schadstoffbelastung bei Schweinswalen; werden die Ortungsorgane befallen, sind die Tiere orientierungslos und finden keine Nahrung mehr.

Bekannt ist auch, dass seit Jahren mit „Airguns“, also Schallkanonen, enorm laute  seismische Untersuchungen des Nordseebodens nach Bodenschätzen oder für die Untersuchung des Bodengrundes für geeignete Windparkstandorte stattfinden. Diese Lärmbelastung, zusammen mit den unglaublichen Lärmwerten von über 200 Dezibel bei Rammarbeiten für die Windkraft-Fundamente, die auch die Ortungsorgane der Kleinwale schädigen, wird in dieser Berichterstattung über die Kegelrobbenattacken nicht erwähnt. Im Juni 2012, als in der Nordsee vor Borkum Fundamente für Windparks gerammt wurde, trieben an der Westküste Schleswig-Holsteins mehr als 130 tote Schweinswale an. Bei keinem der Tiere wurde die Todesursache untersucht, obwohl das nach dem Walschutzabkommen ASCOBANS vorgeschrieben ist. Seit einigen Jahren werden in Deutschland auch keine Mittel mehr für Schweinswaluntersuchungen bereitgestellt. 2012 einigten sich Umweltverbände und die Offshore-Industrie in Berlin auf den „akzeptablen“ Grenzwert von 160 Dezibel in einer Entfernung von 750 m von der Rammstelle, akzeptabel aber nur für die Industrie. Und 2012 wurde auch in den Niederlanden Schweinswale angespült, auch die angefressenen. Ob es also Zusammenhänge mit den Totfunden und den extrem lauten Rammarbeiten oder Schallexplorationen gibt, wurde nie untersucht, jedenfalls ist darüber öffentlich nichts bekannt.

Spiegel online weiter: „[…] Die Forscher vermuten, die Kegelrobben seien durch Aasfresserei dazu angeregt worden, auch Jagd auf lebende Schweinswale zu machen. Hinzu komme, dass viele der verendeten Tiere an Küsten gestrandet seien, die bei Schwimmern und Surfern beliebt wären. Dazu heißt es inder Studie: „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es nicht auch ein Risiko für Menschen gibt, von Kegelrobben angegriffen zu werden.““

Auch Kegelrobben leiden unter der Fischerei: Netzreste am Hals

Zweifellos sind Kegelrobben keine Kuscheltiere und wehrhaft, sie haben auch nicht den Sympathiebonus wie die rundköpfigen und kulleräugigen Seehunde mit ihrem niedlichen Kindchenschema. Auf Juist gab es 2013 bereits eine Attacke einer Kegelrobbenmutter auf Touristen, die ihrem Jungtier zu nahe kamen, verletzt oder angefressen wurde aber niemand, der Weg wurde vorübergehend abgesperrt.

Nach einem Sturm auf den Billweg/Juist verdriftetes lebendes Jungtier einer Kegelrobbe (helles Fell) mit Muttertier, neugierige Touristen wurden attackiert, niemand kam zu Schaden - Dezember 2013

Und zum Schluss noch etwas Sarkasmus (aus dem Altgriechischen sarkasmós für „das Zerfleischen, sich das Maul zerreißen“, passt also perfekt): Vielleicht hat diese Art der Berichterstattung entlastende Wirkung auf den Druck durch den Massentourismus auf den Inseln, der dem Artenschutz gerade für strandbrütende Vögel äußerst abträglich ist. Vor den Inseln gibt es zwar keine Weißen Haie, aber durchaus Kegelrobben wie z.B. auf der Kachelotplate südwestlich von Juist. Es ist zwar kaum anzunehmen, dass die Kegelrobben auf den menschlichen Geschmack kommen werden, aber diese Angstpropaganda der Medien (Beispiele: „Gray seals may be becoming the great white sharks of Dutch beaches“, oder noch heftiger „Killer seals could attack swimmers in British waters“, Verlinkung s.u.) zur rechten Urlaubszeit in den deutschen Medien könnte auch die Badestrände des Nationalparks Wattenmer und „Weltnaturerbes“ „nachhaltig“ entlasten und beruhigen. Fischer, die um Ertragseinbußen durch die Nahrungskonkurrenten Seehunde oder Kegelrobben fürchten, könnten animiert werden, den Abschuss der Meeressäuger zu fordern, diesmal mit dem willkommenen Argument der Gefährdung der Badenden. Bemerkenswert auch, dass noch kein Forscher den klimaschonenden Aspekt des neuen Jagdverhaltens der Kegelrobbe entdeckt hat: Die schnelle „Enstorgung“ der kranken Schweinswale oder deren Kadaver durch Auffressen lässt schädliche Klimagase gar nicht erst entstehen; merke: auch Kegelrobben tragen durch die Schweinswaljagd zum Klimaschutz bei!

Weiterführende Links:

http://news.sciencemag.org/biology/2014/11/gray-seals-may-be-becoming-great-white-sharks-dutch-beaches

http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2849315/Killer-seals-attack-swimmers-British-waters-warn-experts-spate-vicious-porpoise-mutilations.html

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