18. Juli 2015

Fischerei: Teufel oder Beelzebub, Baumkurre oder Elektrofischerei?

No_Pulse_FishingEine etwas bizarre Diskussion um die für den Meeresgrund schädlichen Baumkurren oder die ersatzweise Elektrofischerei (Pulse Fishing), bei der mit Elektroimpulsen die Fische vom Meeresgrund aufgescheucht werden, dabei aber starke Verbrennungen erleiden können, wird in einem gut recherierten Beitrag im „Ostfriesischen Kurier“ aus Norden geführt.

Eine echte Kontrolle der „verträglichen“ Stromstärken fehlt. Kern der Diskussion ist die Einsparung von Treibstoff durch die Elektrofischerei mit leichteren Netzen, die auch noch die letzten Fische ins Netz „kitzeln“ sollen. Leicht irre erscheint das damit verbundene Argument der positiven Auswirkungen auf den „Klimawandel“; die mediale Gehirnwäsche wirkt bis hinein in die Fischereiwissenschaft:
Das leichtere Netz, bei dem die Eisenketten fehlen, gleitet leichter durchs Wasser. Somit lässt sich eine beträchtliche Menge Benzin [Anmerkung: gemeint ist Diesel, mit dem die Kuttermotoren betrieben werden] einsparen, was wiederum in Anbetracht des Klimawandels von großer Bedeutung ist.“ Da darf man gespannt sein, ob sich durch die Elektrofischerei zunächst das Wetter und in dessen Folge auch der statistische Wert des Klimas ändern wird. Es geht letztlich nur um eins: Die Gewinnmaximierung und die Angst, dem Konkurrenzdruck der PS-stärkeren Kutter aus den Niederlanden nicht standhalten zu können. Die EU wird es schon richten, Verlierer werden wieder die Fische sein…

Möwen warten auf den wieder über Bord gegangenen Beifang; Langeoo, Blickrichtung Festland, Foto (C): Eilert Voß

Möwen warten auf den Beifang; Langeoog (Flinthörn), Blickrichtung Festland, Foto (C): Eilert Voß

Ostfriesischer Kurier, Norden/NDS, S. 17, 18. Juli 2015:

Zwischen Umweltschutz und Rentabilität
Landwirtschaft

Elektrofischerei bedarf einer gesellschaftlichen Diskussion, um Schlimmeres zu verhindern

Die europäische Kommission hat für Ende Juni einen ersten Zwischenbericht angekündigt, dieser ist jedoch noch nicht eingetroffen.

Der Elektrofischerei, bei der am Boden lebende Fische durch elektrische Impulse aufgescheucht werden, um sie auf diese Weise mit Grundschleppnetzen unter weitgehender Vermeidung von Grundberührungen fangen zu können, wird ein großes Potenzial für eine ökosystemschonende, beifangärmere und treibstoffsparende Grundschleppnetzfischerei zugesprochen. In der Realität sieht es jedoch nicht ganz so rosig aus.
Der Ursprung des Projekts liegt in der Diskussion über die negativen Umweltauswirkungen und steigenden Ölpreise. Im Zuge dessen gab es Entwicklungen verschiedener Pulsbaumkurrensysteme. Die Europäische Union entschloss sich aus diesem Grund, dass in jedem Mitgliedsland eine gewisse Anzahl an Kuttern mit einer entsprechenden Lizenz diese neuen Fanggeräte erproben darf. Deutschland hat zurzeit etwa elf Kutter im Einsatz, die Niederlande hingegen etwa 80.

Grundsätzlich muss zwischen Seezungen-Pulsbaumkurren und Krabben-Pulsbaumkurren unterschieden werden. Beide Typen unterscheiden sich unter anderem gravierend in ihren Pulseigenschaften. „Dementsprechend verschieden sind auch die Auswirkungen auf die Umwelt. Während für die Krabben-Pulsbaumkurre – trotz intensiver Untersuchungen – bisher keine negativen Auswirkungen auf verschiedenste Organismen gefunden wurden, gibt es hier für die Seezungen-Pulsbaumkurre sehr widersprüchliche Aussagen. „Einige Untersuchungen haben wirklich starke Effekte zum Beispiel auf einige Fischarten gezeigt“, verdeutlichte Dr. Daniel Stepputtis, Leiter der Arbeitsgruppe Fischerei und Surveytechnik am Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock. Negative Erfahrungen hat unter anderem auch Kapitän Jürgen Willems gemacht.

Nordwestlich von Helgoland, etwa 29 Meilen von Norderney entfernt, ist Kapitän Willems mit Decksmann Frank Tjaden und seinem Kutter „La Paloma“ unterwegs. Seit jedoch holländische Kutter mit riesigen Baumkurren unter Verwendung von Impulsstrom in seinem Gebiet fischen, hat er jeden Tag tote Fische in seinen Netzen, die Verbrennungen erlitten haben, bei manchen fehlt sogar ein Stück aus dem Rumpf. „Die Fische sind alle an die Stromkabel gekommen und nicht wie geplant ins Netz gesprungen“, erklärteWillems.

Für die holländischen Kutter wäre dieses Ergebnis nicht sichtbar,sie sähen sich in ihrem Projekt bestätigt, da unnötiger Beifang tot auf dem Grund liegen bleibe und nicht in die Netzegerate.„Wir sehen die aktuelle Situation mit Sorge“, bestätigte Dirk Sander, Präsident des Landesfischereiverbands Weser-Ems. Problematisch sei in diesem Fall, dass es keine Überprüfung der verwendeten Stromstärken der Kutter gebe. Die Verletzungen der Fische würden zudem darauf hindeuten, dass mit einer stärkeren Stromstärke als erlaubt gefischt würde, um„noch den letzten Fisch hochzukitzeln“.
Seiner Meinung nach würden die niederländischen Kutter auch nur wegen des Geldes und nicht wegen der wissenschaftlichen Erkenntnisse mit dieser Technik fischen.„Es sind keine Wissenschaftler an Bord und es werden keine Protokolle geführt“, betonte Sander. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, habe er sich schon mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Bonn auseinandergesetzt. „Es ist schon viel im Gange“, so der Präsident.

Nötig wären klare Richtlinien, vor allem auch im Bereich der Kontrolle und Überwachung, sowie die Frage, ob es überhaupt erlaubt werden sollte. Nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Gründe spielen für die ostfriesischen Fischer eine Rolle. Denn das Fischen mit Pulsbaumkurren garantiert eine größere Ausbeute. Für die kleineren Kutter lohnt sich dieses Gebiet dann nicht mehr. „Wir sind aus unserem Bereich geflüchtet“, berichtete Kapitän Willems.

Er fische nun in einem Schutzgebiet, wo nur Kutter fahren dürften, die maximal 300 PS hätten. Die großen Kutter lägen bei etwa 2000 PS. Wenn diese Art des Fischens legalisiert werden sollte, bedeutet das für kleinere Betriebe herbe Einbußen, welche die Existenz gefährden können.

„Dann herrscht großer Druck für diejenigen, die sich ein solches Gespann nicht leisten können“, verdeutlichte Helmut Heinsohn vom Staatlichen Fischereiamt in Bremerhaven. Zudem sei es mit dieser Technik möglich, rund um die Uhr zu fischen, was mit der traditionellen Weise nicht realisierbar sei.
Gibt es denn noch Positives außer der höheren Fangquote? Ganz klar, der Benzinverbrauch. Das leichtere Netz, bei dem die Eisenketten fehlen, gleitet leichter durchs Wasser. Somit lässt sich eine beträchtliche Menge Benzin einsparen, was wiederum in Anbetracht des Klimawandels von großer Bedeutung ist. Über die Auswirkungen für den Meeresgrund lässt sich streiten. „Der untere Teil des Netzes muss auch mit einem Gewicht beschwert werden“, führt Sander an. Das mache dann im Vergleich zu den anderen Netzen keinen nennenswerten Unterschied.

Dr. Stepputtis ist jedoch der Meinung, dass sich das Gewicht der Netze deutlich bemerkbar mache und somit von einem „ein stark reduzierter Bodenkontakt“ gesprochen werden müsse. Alle Vor- und Nachteile bedürfen eines gesellschaftlichen Dialogs, so Stepputtis. Hierbei müsse aber auch beachtet werden, dass die Fangmethode, die durch die Seezungen-Pulsbaumkurre ersetzt wird (Seezungenbaumkurre) eine der schädlichsten Fischereimethoden sei, die bekannt sei. Insofern sei die Seezungen-Pulsbaumkurre vielleicht kein sehr umweltfreundliches Fanggerät, aber möglicherweise besser als der Status quo.
Um Klarheit zu schaffen, hat die Europäische Kommission ein erstes Ergebnis im zweiten Quartal dieses Jahres angekündigt, bisher ist dieses jedoch noch nicht eingetroffen. Sie macht jedoch deutlich, dass „ihr keine Fischbestände bekannt seien, die durch Elektrofischerei gefährdet werden könnten“.
Sollten jedoch wissenschaftliche Gutachten Hinweise auf eine Gefährdung liefern, so „kann die Kommission geeignete Maßnahmen in Betracht ziehen, um die Nachhaltigkeit der jeweiligen Bestände und der Fischereien, die sie befischen, zu gewährleisten“.
SPD-Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments, Matthias Groote, der sich ebenfalls im Sinne der ostfriesischen Fischer für eine Klärung der aktuellen Situation einsetzt, betonte: „Die Antworten der EU sind sehr generell. Ich bleibe am Ball.“

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