9. Januar 2016

Zwei Pottwale auf Wangerooge gestrandet

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Screenshot (Bildzitat): Anzeiger für Harlingerland, Wittmund/NDS, online 08. Jan. 2016, URL: http://harlinger.de/Nachrichten/artikel/zwei-pottwale-stranden-vor-wangerooge

(Mit Nachträgen weiterer Strandungen in den Niederlanden, England und Schleswig-Holstein)

Am 08. Januar 2016 strandeten am Ostende der Insel Wangerooge zwei Pottwale und verendeten. Die Kuhle und Rinne um den Wal auf dem Foto lassen die Vermutung zu, dass dieses Tier bei seiner Strandung vielleicht noch lebte. Es ist durchaus nicht selten, dass Pottwale an den Küsten der Nordsee stranden. Die letzte Walstrandung in Ostfriesland bei Norderney geschah im Dezember 2003. 1994 wurde ein Pottwal auf Baltrum angepült, sein Skelett wurde präpariert. Im Februar 1996 strandete ein Pottwal ebenfalls vor Norderney, er wurde in den Dünen vergraben. Die Strandungen erfolgen überwiegend im Winterhalbjahr; es sind immer männliche Tiere (Bullen). Eine Erklärung für die Strandungen ist das „Verlaufen“ nach dem Verlassen der norwegischen Gewässer im Herbst mit dem Ziel Atlantik. Manchmal stranden sogar ganze Walschulen, weil sie bei den Färöer- und Shetlandinseln zu früh in Richtung Nordsee „falsch“abbiegen“ und so über die noch tiefe Norwegische Rinne in die immer flacher werdende Nordsee gelangen. Die Echopeilung der Tiere versagt dann in den flachen Gewässern. So finden sie nicht mehr in den offenen und tiefen Atlantik zurück. Dazu kommt der Nahrungsmangel, weil hier das Beutetier Tintenfisch weitgehend fehlt. Die Wale stranden schließlich und verenden. Durch den hochovalen Körperbau fallen sie entweder auf die linke oder die rechte Körperseite. Sie ertrinken, wenn sie auf das Blasloch auf der linken Seite fallen oder sterben qualvoll, wenn sie auf der rechten Seite liegen bleiben. Der Verwesungsprozess setzt sehr schnell ein, die Kadaver blähen durch die Gase im Körper auf, er kann dann sogar explodieren. Es bleibt abzuwarten, ob noch weitere Pottwalstrandungen gemeldet werden.

Nachtrag 13. Januar 2016: Heute meldet die Presse weitere Totfunde von männlichen Pottwalen: Nach Wangerooge wurden auch auf der niederländischen Insel Texel fünf tote Pottwale angespült. Drei weitere kamen an der schleswig-holsteinischen Küste ums Leben, zwei davon vor Helgoland, einer vor Trischen und einer trieb tot in der Wesermündung beim Leuchtturm Eversand. Nachtrag 17. Januar 2016: Der Wal aus der Wesermündung trieb im Watt vor der Wurster Küste bei Cuxhaven an und liegt auf Grund. Er soll dort laut Nationalparkverwaltung liegen bleiben und verwesen. Durch einen Sturm wurde er aber nach Cuxhaven verdriftet und soll nun geborgen werden. Nachtrag 25. Januar 2016: Die „Daily Mail“ aus England berichtet am 24. Januar 2016 von vier weiteren Strandungen in Lincolnshire. Man beachte die  Verunzierungen der Kadaver durch konfus-sinnfreie Graffiti-Sprayer (Link anklicken). Nachtrag 25. Januar 2016: In Wainfleet/Lincolnshire wird ein toter Pottwal angetrieben. Nachtrag 29. Januar 2016: Im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer vor dem Kaiser-Wilhelm-Koog in Dithmarschen sind weitere acht Pottwale gestrandet. Einige der Tiere lebten noch, verendeten dann aber. Nachtrag 03. Februar 2016: Heute wurden zwei weitere tote Pottwale nordwestlich von Büsum in Schleswig-Holstein gesichtet. Nachtrag 04. Februar 2016: In Huntstanton/Norfolk wird ein noch lebender Pottwal angetrieben, verendet dann aber.

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Screenshot/Bildzitat: Daily Mail, online, 24. Januar 2016

Screenshot/Bildzitat: Zwei von vier gestrandendeten Pottwalen in Lindcolnshire/England, Daily Mail online, 24. Januar 2106

Screenshot/Bildzitat: Zwei von vier gestrandeten Pottwalen in Lindcolnshire/England, Daily Mail online, 24. Januar 2106

Tote Pottwale an der Nordseeküste

von Manfred Knake

Immer wieder stranden Pottwale an den Küsten der Nordsee, und immer sind es männliche Tiere, Pottwalbullen. Woher kommen diese Tiere und warum stranden sie seit Jahrhunderten an unseren Küsten?

Langstreckenwanderer

Pottwale sind Langstreckenwanderer der Meere. Männliche und weibliche Tiere trennen sich im Sommerhalbjahr, die Walkühe verbringen mit ihren Jungtieren die Sommermonate in den wärmeren Breiten, die männlichen Pottwale ziehen in polare Gewässer. Vor den norwegischen Lofoten sind die Pottwal-Männer inzwischen zu einer Touristenattraktion, dem „whale-watching“, geworden. Nach dem Sommer in den hohen Breiten zieht es die Bullen wieder südwärts. Der Wanderweg geht zunächst nach Südwesten, um die Färöer- oder Shetland-Inseln herum, westlich vorbei am Kontinentalschelf der britischen Inseln und dann weiter nach Süden in die wärmeren Gewässer des Atlantiks. Einige Wale verfehlen aber die richtige „Abzweigung“ und schwimmen durch die tiefe Norwegische Rinne zu früh nach Süden und gelangen so in die flache Nordsee, die zur Falle mit fatalen Folgen wird.

Archifoto: Pottwalzerlegung in Norddeich, Dezember 2003, Foto (C): Manfred Knake

Archivfoto: Pottwalzerlegung in Norddeich, Dezember 2003, Foto (C): Manfred Knake

Probleme in der flachen Nordsee

Pottwale tauchen nach Nahrung in der der Tiefsee. In der Nordsee, die bekanntlich ein Flachmeer ist, bekommen die Wale vermutlich durch die gestörte waleigene Echopeilung Orientierungsprobleme, sie laufen irgendwann auf Grund, wenn sie nicht den „Ausgang“ durch den Ärmelkanal finden oder rechtzeitig Richtung Norden umkehren. Ursache für das „Verschwimmen“ können auch periodische Änderung des Erd-Magnetfeldes sein, die den „Kompass“ der Wale stören. In der flachen Nordsee wird zudem das Nahrungsangebot knapp, der Tiefsee-Tintenfisch als Beute fehlt hier; die Wale sind geschwächt oder verhungern. Vermutet werden auch Unterwassergeräusche durch Schiffe oder Bohrinseln und sogar toxische Belastungen, obwohl es schon häufig Pottwalstrandungen aus der vorindustriellen Zeit ohne Lärm und ohne hohe Schadstoffkonzentrationen im Wasser gab.

Sitzt der Wal auf Grund, ist sein Schicksal besiegelt.

Oft wird berichtet, Pottwale werden vom eigenen Gewicht erdrückt. Bei gestrandeten Buckelwalen brechen in der Regel die Rippen unter dem queroval gebauten Walkörper durch das Eigengewicht weg; Pottwale haben aber einen hochovalen Körperquerschnitt, sie fallen bei Strandungen auf die Seite, entweder nach links oder nach rechts. Einen „gnädigen“ Tod, wenn das Wort erlaubt ist, hat der Pottwal, wenn er auf die linke Körperseite fällt, vorne links sitzt oben am Kopf das Blas- oder Atemloch, und er ertrinkt. Fällt er auf die rechte Seite, dauert der Todeskampf viele Stunden, da der Wal noch atmen kann. Bereits im lebenden Tier setzt die Verwesung durch Verdauungsenzyme ein, die inneren Organe zersetzen sich bereits und der Wal bläht auf; ein grausamer Tod. Ein fünfzehn Meter langer Pottwalbulle bringt ungefähr 40 Tonnen auf die imaginäre Waage; ein Fuß Körperlänge entspricht nach einer Walfängerregel einem Gewicht von einer Tonne: „one foot-one ton“. Das macht deutlich, welch hoher Bergungsaufwand betrieben werden muss, um einen Pottwal von einer Sandbank zum Zerlegen an Land zu schaffen, wenn Skelette zu Ausstellungszwecken gewünscht werden. Die Kosten der Bergung und Entsorgung, ohne die Präparation des Skeletts, sind enorm. Einfacher und kostengünstiger, aber eben nicht mit jedermanns Empfindung in einem Nationalpark zu vereinbaren, ist das Hochziehen des Kadavers hoch auf einen Inselstrand, weit weg von jeglicher Bebauung. Dort sandet der riesige Fleischberg schnell ein und verwest.

Archiv: "Kettensägenmassaker": Pottwalzerlegung in Norddeich, 2003

Archiv: „Kettensägenmassaker“ vor Publikum: Pottwalzerlegung in Norddeich, 2003, Foto (C): Manfred Knake

Häufige Strandungen sind seit Jahrhunderten belegt

Von Walstrandungen an der gesamten Nordseeküste von Belgien, den Niederlanden, Deutschland,England bis nach Dänemark wird schon im Mittelalter berichtet, ohne jedoch genau die einzelne Walarten zu unterscheiden. Gestrandete Pottwale wurden mit Sicherheit schon im 16. Jahrhundert dokumentiert. Auch in Ostfriesland sind über die Jahrhunderte zahlreiche Strandungen belegt. Bei Wangerooge strandeten beispielsweise im März 1751 zwei Pottwale, im Winter 1994/1995 strandeten insgesamt 22 Pottwale in der Nordsee, zwei davon in Ostfriesland, vor Baltrum und bei Norderney. Die Kachelotplate vor der Vogelinsel Memmert trägt ihren Namen nach einem Pottwal, „cachalote“ heißt der Pottwal im Französischen. Vermutlich strandete dort ein Pottwal in der „Franzosenzeit“, als Ostfriesland im 19. Jahrhundert von napoleonischen Truppen besetzt und verwaltet wurde.

Archiv Wattenrat gestrandeter Pottwal in den Niederlanden, 17. Jahrhundert. Im Januar/Februar 1617 strandeten in den Niederlanden bei Goeree und Nooordwijk mehrere Pottwale, möglicherweise zeigt der beiliegende Stich eines dieser Strandungen.

Archiv Wattenrat: gestrandeter Pottwal in den Niederlanden, 17. Jahrhundert. Im Januar/Februar 1617 strandeten in den Niederlanden bei Goeree und Nooordwijk mehrere Pottwale, möglicherweise zeigt der
Stich eine dieser Strandungen.

Der Bestand der Pottwale ist durch die Strandungen nicht gefährdet. Es gibt sogar Fachleute, die die häufigen Pottwalstrandungen als gutes Zeichen für den steigenden Bestand werten: mehr Jungtiere, mehr Strandungen. Ob es aber tatsächlich zu mehr Strandungen im Vergleich zu früheren Zeiten oder einfach zu einer genaueren Erfassung der Strandungen und deren Verbreitung durch die Massenmedien und der damit verbundenen höheren öffentlichen Wahrnehmung gekommen ist, wird ebenfalls diskutiert. Fakt ist, das im 19. Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der Bejagung, kaum Pottwalstrandungen in der Nordsee registriert wurden.

Wissenschaftler schätzen den Weltbestand auf über eine Millionen Tiere, im Nordatlantik sollen es mehrere zehntausend Pottwale sein. Der einzige lebensbedrohliche Feind des Pottwals ist der Mensch, der ihn über Jahrhunderte gnadenlos jagte. Der Höhepunkt der Verfolung war im 19. Jahrhundert. Begehrt war vor allem das Walrat oder Spermaceti aus dem Kopf des Wals, daher kommt auch der englische Name für diesen Wal: sperm-whale. Diese ölähnliche Flüssigkeit wurde als hochwertiger Lampenbrennstoff oder als Schmiermittel verwendet.  Erst 1984 endete die Pottwaljagd mit dem allgemeinen Verbot des Walfangs durch die International Whaling Commission. Der berühmteste aller Pottwale ist der weiße Wal Moby Dick, erfunden vom US-amerikanischen Schriftsteller Herman Melville, der den anmaßenden und selbstgerechten Kapitän Ahab am weißen Pottwal scheitern lässt.

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