1. Oktober 2016

Nearshore-Windpark Nordergründe wächst am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer

Blick von Wremen/LK Cuxhaven über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmmer Richtung Windpark Nordergründe, Foto (C): Ingrid Marquardt/Wattenrat Ostfriesland

Blick von Wremen/LK Cuxhaven über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer Richtung Windpark Nordergründe, im Vordergrund rechts das Nationalparkschild, Foto (C): Ingrid Marquardt/Wattenrat Ostfriesland

Weitgehend unbemerkt von der Medienberichterstattung wird derzeit am Near-Shore Windpark Nordergründe nur ca. 560 Meter vom Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer (EU-Vogelschutzgebiet und „Weltnaturerbe“) gebaut. Hier entstehen 18 Windenergieanlagen vom Typ Senvion 6.2M126, mit einem Rotordurchmesser von 126 Metern, Gesamthöhe ca. 160 Meter und einer Nennleistung von jeweils 6,15 MW, in der Vogelzugroute und an einem stark befahrenen Schifffahrtsweg. Naturschutzfachliche Empfehlungen gehen von 1.200 Abständen von Windenergieanlagen zu Vogelschutzgebieten aus („Helgoländer Papier“ und „Arbeitshilfe Naturschutz und Windenergie“ des Niedersächsischen Landkreistages). Aber in den Hauptvogelzurouten ist auch das nicht sicher für die Vögel. Bei unsichtigem Wetter wie Nebel, Starkregen oder Schneetreiben werden mit Sicherheit ungezählte Zugvögel mit den Rotoren kollidieren und zu Tode kommen. 

Quelle: Wikipedia

Lage von „Nordergründe“ zwischen Wangerooge und Cuxhaven, direkt am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und „Weltnaturerbe“, Quelle: Wikipedia

Der Windpark entsteht auf einer Gesamtfläche von ca. 6 Quadratkilometern und liegt etwa 15 Kilometer östlich der Insel Wangerooge. Die Bauarbeiten begannen im Mai 2016. Im August 2016 wurde die erste Windkraftanlage errichtet.

Senvion bewirbt den Standort Nordergründe u.a. so:

Jede Turbine verfügt über eine Nennleistung von 6,15 Megawatt (MW) und kann damit rund 4.000 Haushalte mit Strom versorgen. Nach der geplanten Fertigstellung im Herbst 2016 wird der Offshore-Windpark Nordergründe über eine installierte Leistung von rund 111 MW verfügen und umgerechnet mehr als 70.000 Haushalte im Jahr mit Strom versorgen.

Diese Beschreibung ist unwahr und eine öffentliche Irreführung: Bei Schwachwind und Flaute erzeugen die Anlagen keinen elektrischen Strom und können niemanden „versorgen“, noch nicht einmal eine Energiesparlampe zum Leuchten bringen, es handelt sich lediglich um theoretische Werte. Die Nennleistung (Dauerleistung) der Anlagen entspricht nicht annähernd der tatsächlichen Arbeitsleistung des windabhängig unregelmäßig erzeugten Stroms. Ohne grundlastfähige Wärmekraftwerke, die die starken Einspeisungsschwankungen der Windturbinen ausgleichen, kann keine Windenergieanlage ins Netz einspeisen.

Der Windpark grenzt zudem direkt an das Weserfahrwasser von und nach Bremerhaven an. Dort fahren auch die bis zu 400 Meter langen Containerschiffe. Bei einer Havarie eines Containerschiff mit diesen künstlichen Riffen ist es nicht ausgeschlossen, dass die Rotorblätter oder Generatorgondeln der Windkraftanlagen mit erheblicher Wucht in das Schiff einschlagen und Schäden anrichten. Feuerschiffe wurden in früherer Zeit bereits mehrfach gerammt. Die Beleuchtung der Windkraftanlagen direkt am Weser-Fahrwasser könnte ebenfalls zu Irritationen bei der Schiffsführung führen.

Windpark Nordergründe, direkt am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und "Weltnaturerbe", Vogelkollisionen unausweichlich, Foto (C): Ingrid Marquardt/Wattenrat Ostfriesland

Windpark Nordergründe, direkt am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und „Weltnaturerbe“, Vogelkollisionen sind unausweichlich, Foto (C): Ingrid Marquardt/Wattenrat Ostfriesland

Der Wattenrat Ostfriesland hatte bereits ab 2004 auf diese Skandal-Planung hingewiesen, bei der vom niedersächsischen Umweltministerium unter der Federführung des damaligen Referatsleiters Naturschutz, Bernd-Karl-Hoffmann, hinderliche Vogelzahlen „schöngerechnet“ wurden; eigentlich ist die Windparkfläche ein „faktisches Vogelschutzgebiet“, die zu den zahlen- und flächenmäßig geeignetsten Gebieten gehört, die aber nicht an die EU-Kommission gemeldet wurde. Erst durch den Klageverzicht des BUND, der dafür mehr als 800.000 Euro vom Land Niedersachsen aus den Kompensationsmitteln für eine BUND-eigene Stiftung (Stiftung Naturlandschaft, SNL) erhält, wurde die weitere ungehinderte Planung schließlich möglich. Dieser Betrag wurde aus den Naturschutz-Kompensationsmitteln, die dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zustehen, „abgezweigt“. Der BUND-Klageverzicht gegen Bares war einer der Gründe, warum BUND-Mitbegründer Enoch zu Guttenberg aus dem Naturschutzverband austrat. Das NDR-Fernsehen (Panorama 3) berichtete mehrfach darüber. Die EU-Kommission als Hüterin der Natura-2000-Richtlinien verhielt sich passiv, aber die Europäische Investitionsbank (EIB, „Die Bank der EU“) unterstützt den Bau des Windparks Nordergründe mit einem Darlehen von 156 Millionen Euro! 15 „anerkannte“ und damit klagebefugte Naturschutzverbände in Niedersachsen sind stumm, wieder ein eklatantes Versagen des Verbändenaturschutzes. Der deutschen Unesco-Kommission, die das angrenzende Weltnaturerbe Wattenmeer verwaltet, sind die Vorgänge bekannt.

Als bekannt wurde, dass in Australien 20 Kilometer (!) vor dem Weltnaturerbe „Great Barrier Reef“ der Kohlehafen Abbot Point mit erheblichen Auflagen ausgebaut werden soll, kam es zu weltweiten Protesten. Gebetsmühlenhaft wird in Deutschland der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer „auf eine Stufe“ mit dem Great Barrier Reef gestellt, obwohl Schutzgebiet in Australien fast so groß wie Deutschland ist und wesentlich besser geschützt wird. Auf entsprechende Proteste gegen den Bau des abträglichen Windparks „Nordergründe direkt (!) am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und „Weltnaturerbe“ wartet man beim Wattenrat bis heute vergebens.

Zunächst von „Energiekontor“ in Bremen geplant, verkaufte der neue Projektierer WPD aus Bremen inzwischen einen 30-Prozent-Anteil des Windparks an die Londoner John Laing Group. Die Fotos stellte uns freundlicherweise Ingrid Marquardt zur Verfügung.

Windpark-Baustelle Nordergründe, Blick über das Watt des Nationalparks, Foto (C): Ingrid Marquardt/Wattenrat Ostfriesland

Windpark-Baustelle Nordergründe, Blick über das Watt des Nationalparks, Foto (C): Ingrid Marquardt/Wattenrat Ostfriesland

Links:

2004: Was nicht passt wird passend gemacht: Niedersachsen, die Windkraft Near-Shore im Wattenmeer – Wie man in Niedersachsen Windkraftstandorte im Wattenmeer und „faktischen Vogelschutzgebieten“ passend macht, aus dem Kreißsaal der Möglichmacher und „Hinkrieger“ http://www.wattenrat.de/wind/wind61.htm

2008: Nearshore Windpark Nordergründe genehmigt Nearshore Wind“park“ Nordergründe im Wattenmeer: Genehmigung erteilt – wie man im niedersächsischen Umweltministerium Fachgutachten verändert
http://www.wattenrat.de/wind/wind105.htm

6. März 2011: BUND fällt schon wieder um: Klageverzicht und Vergleich bei Wattenmeerwindpark „Nordergründe“. Schämt Euch!
http://www.wattenrat.de/2011/03/06/bund-fallt-schon-wieder-um-klageverzicht-und-vergleich-bei-wattenmeerwindpark-nordergrunde-schamt-euch/

Sammellink Nordergründe, mit BUND-Rechtfertigungsversuchen
http://www.wattenrat.de/tag/nordergrunde/

2016: Senvion: Erste Anlage im Offshore-Windpark Nordergründe installiert                                              https://www.senvion.com/global/de/unternehmen/news-stories/detail/erste-anlage-im-offshore-windpark-nordergruende-installiert/

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