7. Oktober 2016

Zugvogeltage: kulinarische und andere Trittbrettfahrer

Löffler und Silberreiher im Dolart, Ruhezone des Nationalaprks, aber keine Ruhe durch Spaziergänger und Vogelgucker, Foto (C): Eilert Voß

Löffler und Silberreiher im Dollart, Ruhezone des Nationalparks, aber keine Ruhe durch Spaziergänger und Vogelgucker. Die hinter dem Deich gelegenen ehemaligen Hochwasserfluchtplätze werden von den Vögeln wegen der Windturbinen gemieden. Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Morgen ist es wieder soweit:

Die Regional- und Lokalpresse überschlägt sich derzeit mit den Ankündigungen zu den 8. Zugvogeltagen“ im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, die vom 08. bis zum 16. Oktober 2016 stattfinden.

Ungefähr 300 Veranstaltungen zwischen Cuxhaven und Greetsiel sind geplant, und so schafft man „Masse“: nachfolgend einige bemerkenswerte Zugvogel-Blüten, aus Platzgründen nur ausgewählt mit Veranstaltungen von der Insel Langeoog, bekannt aus der Presse durch die sommerlichen Feuerwerke:

Sandregenpfeifer auf dem Zuge, als Brutvogel im NAtionalpark Niedersächsisches Wattenmeer durch den Massentourismus extrem gefährdet, Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Sandregenpfeifer auf dem Zuge, als Strandbrüter im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer durch den Massentourismus extrem gefährdet, Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

* „Zugvogeltage-Menü im Panorama Restaurant Seekrug auf Langeoog – Ein spezielles Menü zu den Zugvogeltagen, das auch noch den Zugvogeltagen zugutekommt!“ Nein, hier werden (hoffentlich) keine Zugvögel aufgetischt, sondern nur das Restaurant über den Umweg der Zugvogeltage beworben.

Das ist für den Nachmittag noch ausbaufähig:
* „Zugvogelgedeck im Panorama Restaurant Seekrug Langeoog – ein spezielles Kaffeegedeck zu den Zugvogeltagen genießen und dabei nach Zugvögeln Ausschau halten“  

Das Restaurant „Windlicht“ auf Langeoog bietet das an:
* „Eine kulinarische Reise mit den Zugvögeln – Kulinarische Spezialitäten aus den Ländern des Vogelzugs – 13,50 pro Gericht“

Und es kommt noch besser:
* „Ran an die Buletten“ Willkommen in der schwedisch-skandinavischen Küche – Eine kulinarische Hommage an Schweden als Land auf dem Ostatlantischen Zugweg“ wird im Haus Bethanien angeboten, selbstverständlich „viabono- und biozertifiziert“ und „vorwiegend mit Produkten aus der Region und aus fairem Handel zubereitet“. Da gibt es doch nichts mehr zu meckern und das freut doch den vogelguckenden Öko ungemein.

Säbelschnäbler und Dunkle Wasserläufer im Dollart, Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Säbelschnäbler und Dunkle Wasserläufer im Dollart, Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Der Langeooger Herr Pastor (ev.-luth.) möchte auch am Vogelboom teilhaben: * „Da kam die Taube nicht mehr zurück“ – Gottesdienst zu den Zugvogeltagen – Ein Gottesdienst zu Bibelaussagen über Vögel und ihre Bedeutung für den Menschen“. Auf dass die Kirchenbänke voll werden. Nur: War die Taube, die Noah nach der Sintflut aus der Arche aufließ (1. Mose – Kapitel 8), um festes Land zu suchen, wirklich ein Zugvogel? Wer weiß das schon. Als Pastor könnte er aber den Insel-Zugvogeljägern ins Gewissen reden, wenn diese denn den Weg in die Kirche finden…

Und das war nur das Angebot auf der Insel Langeoog, auf anderen Inseln gibt es ähnliche Veranstaltungen, ebenfalls mit dem jahreszeitlichen Etikett „Zugvogeltage“ beklebt. Die Nationalpark-Informationshäuser etikettieren ihre Vogelführungen, die ganzjährig angeboten werden, ebenfalls auf „Zugvogeltage“ um.

Verschiedene Ausflugsschiffe der Region bewerben zusätzlich die „Zugvogeltage“ und bieten Wattenmeerfahrten an, die  in der Hauptsaison „unter anderer Flagge“ – z.B. mit den „Fahrten zu den Seehundsbänken“ – angeboten werden. Die Auslastung der Dampfer während der Zugvogeltage ist damit wohl gesichert.

Knutts und Alpenstrandläufer im Dollart; die Rstvogelzahlen des Knutts sind stark rückläufig. Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Knutts und Alpenstrandläufer im Dollart; die Rastvogelzahlen dieser Arten sind rückläufig. Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Es ist jedoch beruhigend zu wissen, dass auch fachliche Vorträge und Exkursionen angeboten werden, aber die sind weitaus rarer als die touristischen Angebote. Hoffentlich werden in den Fachvorträgen auch die z.T. dramatischen Rückgänge einiger Zugvogelarten thematisiert, oder die Entwertung der Hochwasserfluchtplätze binnendeichs durch die riesigen Windparks. Auch viele Salzwiesen im Nationalpark sind durch Entwässerung, Trockenlegung und Nichtbeweidung in einem desolaten Zustand und können von Zugvögeln kaum noch genutzt werden. Von den bloßen Fernglas- und Kameraafficionados unter den Vogelguckern, neudeutsch „Birder“ genannt, kommt wenig Kritisches zu den Lebensraumzerstörungen ihrer gefiederten Lieblinge. Dann fährt man eben woanders hin, wenn sich das Beobachten hier nicht mehr lohnt und hakt anderswo seine Vogellisten ab.

Von den Zugvogeltagen in die Bratpfanne: Eine erlegte Gans aus dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer schmeckt ganz vorzüglich. Symbolfoto (C): Manfred Knake

Und in drei Wochen dürfen dann wieder auf allen Inseln des Nationalparks („Weltnaturerbe“ und EU-Vogelschutzgebiet!) bestimmte Zugvogelarten geschossen werden, sogar für die eigene Restaurantküche wie auf der Insel Baltrum. Im nächsten Sommer, zum Ende der Brutzeit und zum Beginn der Zugvogelzeit, werden die armen Vögel auf einigen Inseln und Küstenbadeorten wieder mit Blitz und Böller der Feuerwerke zur Touristenbespaßung begrüßt. Ja, man hat die weitgereisten Vögel eben ganz dolle lieb im Weltnaturerbe-Wattenmeer, diese Liebe geht sogar durch den Magen.

Merke: Fachliche Informationen zum Vogelzug und den durchaus nicht mehr intakten Lebensräumen sind sehr zu begrüßen. Nur entpuppt sich bei den Zugvogeltagen vieles, jedoch durchaus nicht alles – und das sei ausdrücklich betont -, als lupenreines touristisches Vermarktungsangebot mit dem bloßen Saison-Etikett „Zugvogeltage“. Der Versuch, aus Scheiße Bonbon machen, ist bekanntlich auch ein Markenzeichen der Werbung. Es geht jedoch auch anders: In diesem Falle wird mit dem Phänomen Vogelzug der herbstliche Tourismusumsatz trittbrettfahrend gesteigert, der Nationalparkverwaltung sei Dank.

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