15. Februar 2017

„Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“

Nein, dieser leicht verunglückte Text ist kein Vers aus der PR-Aktion des Bundesumweltministeriums….(2015, Ortseingang Esens/Ostfriesland, Foto: privat)

Hetze, Verhöhnung, Verleumdung, Schmutzkampagne“ tönte aus es aus den Kampfblättern der Bauernlobby. Anlass war die 1,6 Millionen teure Plakataktion „Neue Bauernregeln“, mit dem das Bundesumweltministerium unter der Leitung von Ministerin Barbara Hendricks (SPD) mit lockeren Versen – das Versmaß ist dabei nicht immer ganz ausgereift – auf die Missstände in der industriellen Landwirtschaft aufmerksam machen wollte. Die Probleme sind bekannt, werden aber gerne schöngeredet, vor allem von den Bauernfunktionären. Dazu gehören: zu viel Dünger im Boden, der bis ins Grundwasser dringt und zur Nitratbelastung führt, Güllevergiftungen der Gewässer, Belastung sogar der Küstengewässer mit hohem Stickstoffanteil , hohe Nitrat- und Phosphorwerte aus diffusen Quellen in Gewässern, starker Pestizideinsatz, der u.a. Insekten als Nahrungsgrundlage für Vögel vernichtet, dramatischer Rückgang vieler Wiesenvogelarten durch frühes Mähen, ausgeräumte, maschinengerechte Landschaften, die kaum noch als Rückzugsgebiete für viele wildlebenden Tierarten taugen, ebenfalls dramatischer Rückgang vieler Wildpflanzen durch Herbizide, Bodenverdichtung durch schweres landwirtschaftliches Gerät, Zerstörung von Feldwegen und Straßen durch zu schwere Maschinen, Massentierhaltungen auf engem Raum, die als Tierquälerei gelten. Und alles subventioniert von der Europäischen Union. Dieses zerstörerische System ist irre, die Auswirkungen werden von der Bauernlobby und den damit verbandelten Politikern geleugnet. Nicht wenige Landwirte sind  auch Opfer des Systems, nicht nur Täter. Auf Druck der Lobby hat die Ministerin die Aktion inzwischen gestoppt und sich sogar dafür entschuldigt. Die Webseite des Ministeriums mit den „neuen“ Bauernregeln wurde inzwischen gelöscht. Da weiß man doch gleich, wie die Lobbykratie funktioniert.

„Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld.“

 

Starke Begüllung direkt an einem Vorfluter, der über die Ems und schließlich ins Wattenmeer entwässert. Der vorgeschriebene Abstand zum Gewässer von 3m wurde nicht eingehalten; die Abstände sollen auf 5m erweitert werden, gegen den Protest aus der Landwirtschaft – Schöpfwerk Pogum/Rheiderland, LK Leer, Februar 2017, Foto (C): Wattenrat

 

Totalbegüllung, zwischen Ditzum und Pogum/Rheiderland, LK Leer, unweit vom Emsdeich und des „Ditzumer Schöpfwerktiefs“. Die Entwässerung dieser Flächen erfolgt über das Ditzumer Schöpfwerk in die Ems und von dort zuletzt ins Wattenmeer, Foto (C): Wattenrat, Februar 2017

Schon 2007: Schöpfwerk Sautelersiel, Gem. Moormerland, Landkreis Leer. Das Schöpfwerk entwässert in die Ems. Deutlich ist die starke Eutrophierung durch zu hohen Düngereintrag zu sehen. Foto (C): Eilert Voß

Ein Mitarbeiter des Wattenrates, der die Verwüstungen durch die schlechte landwirtschaftliche Praxis täglich mit der Kamera vor Augen hat, reimte ebenfalls Knittelverse zur maroden Landwirtschaftspraxis und deren Auswirkungen, die können Sie in dieser .pdf-Datei nachlesen: Bauernsprüche.

Die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e.V. (EGE) hat Frau Hendricks Aktion kommentiert. Wir danken für die Überlassung des Textes:

 Agrardebatte: Von Glashäusern und Steinen – Februar 2017

Um das Image der Landwirtschaft in Deutschland steht es nicht zum Besten. Dabei sind ihre Umweltfolgen dramatischer als es in der Öffentlichkeit gewusst oder wahrgenommen wird. In den letzten Wochen haben gleich zwei Institutionen die gravierenden Missstände thematisiert: das Bundesumweltministerium mit abgewandelten Bauernregeln und die Katholische Kirche in der Rede des Berliner Erzbischofs Koch, der zum Auftakt der Grünen Woche bestimmte Formen der modernen Tierhaltung scharf verurteilt hat. Beide – die Bundesumweltministerin und der Erzbischof – kritisieren mit Fug und Recht agrarwirtschaftliche Entwicklungen, die in ökologischer und ethischer Hinsicht inakzeptabel sind.

Die Agrarwirtschaft hat auf die Kritik gewohnt reflexhaft mit Empörung reagiert, die Kritik nicht widerlegt, sondern nur bestätigt, dass die Funktionäre der Branche die Zustände nicht ändern wollen und den Herausforderungen der Zeit nicht gewachsen sind. Sowohl die Bundesumweltministerin als auch Erzbischof Koch haben Mut bewiesen, der sie angesichts der lautstarken Empörung des agrarwirtschaftlichen Establishments allzu schnell wieder verlassen könnte und die Ministerin im Wahljahr 2017 wohl auch schon verlassen hat.

Allerdings gehört zur Wahrheit auch dies: Während die Ministerin die Missstände in der Tierproduktion und in der Landbewirtschaftung anprangert, hat sie als Bundesnaturschutzministerin gerade die Abschwächung des Schutzes wildlebender Pflanzen- und Tiere ins Werk gesetzt und als Bundesbauministerin, die sie auch ist, arbeitet sie an einer Schwächung des Naturschutzes auch im Baugesetzbuch. Subtil, aber durchaus mit System und Wirkung. Und die Kirchen in Deutschland müssen sich die Frage gefallen lassen, weshalb sie als Grundeigentümer die Bewirtschaftung ihrer landwirtschaftlichen Flächen nicht strikt an die Einhaltung ökologischer Standards knüpfen – notfalls gegen geringere Pachteinnahmen.

Das Elend der Nutztiere ist ein Skandal, der Acker so artenarm wie nie zuvor, das Grundwasser darunter ein Endlager für Nitrat. Die Art der modernen Landwirtschaft ist ein ökologisches und ethisches Desaster. Nicht erst seit heute und gestern und nicht einmal zum Nutzen der Mehrzahl der landwirtschaftlichen Betriebe. Die Kritik ist berechtigt. Sie wäre überzeugender, würden ihre Kritiker dort umkehren, wo sie selbst Herr im Hause sind – die Bundesumweltministerin, die Kirchen und die Verbraucher, die mit ihrem Verhalten eine Agrarwende auszulösen vermögen, die manche Landwirtschaftsfunktionäre buchstäblich vom Hof jagen könnte.


Pressemitteilung des BMU, Nr. 043/17 | Berlin, 02.02.2017

Hendricks verkündet neue „Bauernregeln“ für eine Landwirtschaft mit Zukunft

Start der Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle“

Anlässlich der öffentlichen Konsultation der EU zur Zukunft der europäischen Agrarpolitik startet das Bundesumweltministerium heute die Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ Im Stile alter Bauernregeln wirbt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks dabei für eine naturverträgliche Landwirtschaft und eine Reform der europäischen Agrarförderung.

„Gibt`s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur“. Und: „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.“ So lauten zwei der neuen Bauernregeln, die das Bundesumweltministerium unter dem Motto „Gut zur Umwelt. Gesund für alle“ ab heute veröffentlicht. Auf Plakaten in über 70 Städten in Deutschland, mit Ansichtskarten, über Social Media und über eine Kampagnen-Website werden die Bauernregeln zu verschiedenen Themen verbreitet.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks: „Wir wissen, dass die intensive Landwirtschaft die Belastungsgrenzen von Böden und Natur viel zu oft überschreitet. Das wollen die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht. Landwirtschaft hat nur dann eine Zukunft, wenn sie naturverträglich ist und Artenvielfalt, Klimaschutz und die Gesundheit der Menschen mit berücksichtigt. Wir setzen uns deshalb vehement dafür ein, die EU-Agrarförderung umzubauen. In Zukunft sollen Landwirte stärker für öffentliche Leistungen wie den Naturschutz bezahlt werden.“

Ab heute ist unter dem Link www.bundesumweltministerium.de/bauernregeln die Website zur Kampagne mit den neuen Bauernregeln online. Die Internetseite liefert Bürgerinnen und Bürgern zusätzlich Hintergrundinformationen über relevante Themen wie Biodiversität und Landwirtschaft oder den Zusammenhang von Düngung und sauberem Grundwasser. Darüber hinaus verlinkt die Website auf entsprechende Initiativen des BMUB.

 

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