28. Mai 2017

Windkraftboom im Landkreis Aurich – Kommt der Seeadler unter die Windräder?

Fahrwasser Langeoog, Nationalpark Nieders. Wattenmeer: Blick auf das Festland zwischen Bensersiel und Dornumersiel (Ausschnitt), Foto (C): Manfred Knake

Die Genehmigung für noch mehr Windkraftanlagen im Landkreis Aurich boomt, die Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag vom 30. März 2017 brachte Klarheit:

Kleine Anfrage zur schriftlichen Beantwortung mit Antwort der Landesregierung – Drucksache 17/7754 –

Anfrage der Abgeordneten Dr. Gero Hocker, Hillgriet Eilers und Dr. Stefan Birkner (FDP) an die Landesregierung, eingegangen am 30.03.2017, an die Staatskanzlei übersandt am 05.04.2017
Wie viele Windräder wurden im letzten Jahr [2016] im Landkreis Aurich genehmigt?

[…] 1. Wie viele Windkraftanlagen wurden im Landkreis Aurich in den Jahren 2015 und 2016 genehmigt?
Im Jahr 2015 wurde 1 Antrag für 1 Windkraftanlage positiv beschieden.
Im Jahr 2016 wurden 51 Anträge für 101 Windkraftanlagen positiv beschieden. […]

6. Gab es Windkraftprojekte im Landkreis Aurich, die 2016 aufgrund von Einsprüchen nicht genehmigt werden konnten, und, wenn ja, welche?
Aufgrund von Einwendungen aus der Öffentlichkeit wurden nach den hier vorliegenden Erkenntnissen keine Genehmigungsanträge abgelehnt. […]

Nein, kein Druckfehler! 2016 wurden also weitere einhundertundeins (!) Anlagen genehmigt, davon allein im Dezember 2016 noch 57 Anlagen.

Wegen der Änderung und Überarbeitung des Erneuerbare Energien Gesetz mit der Umstellung auf ein Ausschreibungsverfahren mit niedrigeren Einspeisevergütungen stellten die bekannten und nimmersatten Betreiber im Landkreis gerade im Jahr 2016 noch schnell ihre Anträge für noch mehr Anlagen, die alle (!) genehmigt wurden. In Aurich produziert auch der Hersteller der Anlagen, Enercon. Kritiker werfen einzelnen Landkreismitarbeitern „eine große Nähe“ zur Herstellerfirma  vor.

Das Naturschutzrecht kam dabei wieder einmal unter die Windräder.

Die Stadt Norden, links im Bild, Hage rechts. Dazwischen die Windenergieanlagen. Der Pfeil (N) liegt bereits im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Die Flächeh nördlich vom Planungsgebiet gehören zum EU-Vogelschutzgebiet V63, Ostfriesische Seemarschen von Norden bis Esens.

Problematisch sind die Anlagen östlich von Norden und nördlich von Hage, in der Ostermarsch. Diese Anlagen wurden zu dicht am EU-Vogelschutzgebiet V63 (Ostfriesische Seemarschen Norden bis Esens) genehmigt. Hier gibt es große Gänserastgebiete, auch Enten- und Watvogelarten pendeln zwischen dem an das Vogelschutzgebiet angrenzenden Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer (der als „Weltnaturerbe“-Kulisse touristisch vermarktet wird) und dem Binnenland und müssen dabei in Zukunft das Windturbinenfeld passieren. Das wird das Tötungsrisiko für diese Arten erhöhen. Die naturschutzfachlichen Empfehlungen des „Helgoländer Papiers“ und der „Arbeitshilfe Naturschutz und Windenergie“ des Niedersächsischen Landkreistages („NLT-Papier“), die von 1.200 m Abstand von WEA zu EU-Vogelschutzgebieten ausgehen, wurden von der Genehmigungsbehörde ignoriert. Der Landkreis Aurich arbeitete jedoch an den Inhalten des NLT-Papiers mit! Im Bereich Hage, wo ebenfalls weitere Anlagen entstehen, gibt es seit langem eine Reiherkolonie, und nun hat sich ausgerechnet dort auch noch ein Seeadlerpaar häuslich eingerichtet.

Seeadlerhorst im Bereich Hage/LK Aurich. Die nächste Windkraftanlage steht nur ca. 200m entfernt. Foto: privat

Die Lokalzeitung „Ostfriesischer Kurier“ berichtete am 04. Mai 2017 in bemerkenswerter Ausführlichkeit über das Seeadlerproblem in Verbindung mit der Windkraftgenehmigungspraxis. (Link .pdf Seeadler_OK_040517 , mit freundlicher Genehmigung). Das Vorkommen des Seeadlers in diesem Bereich wurde jedoch erst im Januar 2017 bekannt, also erst nach der Genehmigung der Anlagen im Dezember 2016. Nun ist der Landkreis in der Bredouille. Zu klären wäre, ob die durchaus vorgesehenen Abschaltungen der Windkraftanlagen für bestimmten Brutvogelarten in den Genehmigungen auch für den Seeadler gelten werden. Der Landkreis Aurich hat vor einigen Jahren schon einmal die Abschaltung von Windenergieanlagen wegen einer Wiesenweihenbrut verfügt und wurde umgehend von den Betreibern verklagt, aber erfolglos. Und nicht nur Reiher oder Greifvögel sind durch die vielen Anlagen gefährdet: In Hage gibt es größere Fledermausvorkommen, das durch die Windkraftanlagen ebenfalls einem erhöhten Tötungsrisiko ausgesetzt ist. Von den neun dort gutachterlich festgestellten Fledermausarten gelten fünf als besonders kollisionsgefährdet. Die Betreiber der Anlagen sind u.a. Tido Graf zu Knyphausen aus Lütetsburg, der Immobilienmakler Gustav „Bobby“ Claashen aus Lütetsburg, die Kirchengemeinde Hage (etwa zur „Bewahrung der Schöpfung“?) und, wie könnte es anders sein, die „Norderland-Gruppe“ mit Johann Eisenhauer und Heinz Böttcher. Die breit aufgestellte und bis zur Unübersichtlichkeit verschachtelte „Norderland“ betreibt im ganzen Küstenraum und darüberhinaus Windparks.

 

In gefährlicher Rotornähe: Wiesenweihenweibchen vertreibt ein Rohrweihenmännchen aus ihrem Brutrevier, Foto (C): Sabine Baum

Der NABU aus Norden – mit Unterstützung eines Mitarbeiters des sonst sehr windkraftnahen BUND – hat sich akribisch mit der verfehlten Genehmigungspraxis des Landkreises auseinandergesetzt und mehrere kritische Eingaben an den Landkreis Aurich eingereicht, vergeblich, die Anlagen wurden alle genehmigt. Nun ist die große Frage, ob der Landesverband des NABU in Hannover den Norder NABU unterstützt und von seinem Verbandsklagerecht Gebrauch machen wird, um diese Planungen gerichtlich überprüfen zu lassen. Auch der BUND-Landesverband könnte das Anliegen der Norder Naturschützer als klagebefugter Verband unterstützen. In Niedersachsen gibt es derzeit 15 (!) „anerkannte“ Naturschutzverbände mit Klagebefugnis, nur hört man von den meisten Verbänden nichts Kritisches zur Windenergienutzung.

Archiv-Foto 2013: Seeadler an der Ems vor einer Enercon-Windkraftanlage, Foto (C): Eilert Voß

Immerhin hat der Landkreis vor einiger Zeit einen anerkannten Greifvogelfachmann beauftragt, die Auswirkungen der WEA auf die Seeadler in einem Monitoring genau zu beobachten. Es möge nützen…

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