10. August 2017

Wie kommt die künstliche Fahrrinne in das Juister Watt? „Bürger fragen, Behörden antworten nicht“

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, Zwischenzone im „Weltnaturerbe“, EU-Vogelschutz- und FFH-Gebiet: Zwischen den beiden gelben Markierungen verläuft eine schnurgerade Linie, aus 18km Höhe gut zu erkennen. Das sagt etwas über die Dimension dieses Eingriffs aus: Es  ist eine künstliche Fahrrinne, die wie ein Kanal zwei natürliche Fahrwasser im Watt verbindet und die Fahrtzeiten verkürzt. Wie kommt diese Fahrrinne ins Watt? Foto (C): Google Earth, Markierung durch den Wattenrat Ostfriesland

Bei Google Earth ist sie deutlich zu sehen: Wie mit dem Lineal gezogen zieht sich eine gerade Linie durch das Wattenmeer und „Weltnaturerbe“ hinter der Nordseeinsel Juist, aus 18 Kilometer Höhe gut zu erkennen, ca. 3 Kilometer lang, Aufnahmedatum 25. September 2016.

Das sagt etwas über die tatsächlichen Ausmaße aus. Der Wattenrat erhielt Hinweise von der Insel, dass diese Linie eine künstlich geschaffene Fahrrinne in der Zwischenzone des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer sei (nicht wie ursprünglich angenommen in der Ruhezone!). Das Wattenmeer ist zudem FFH-Gebiet und EU-Vogelschutzgebiet und unterliegt daher dem europäischen Schutzregime „Natura-2000“. Hier gilt ein Verschlechterungsgebot.

Vor Eingriffen solcher Art sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§ 34) Verträglichkeitsprüfungen durchzuführen. Das Strafgesetzbuch (§ 329) stellt Veränderungen in Nationalparks u.U. unter Strafe. Da das Juister Watt durch Baggergutverklappungen (im „Weltnaturerbe“!), Wasserbaumaßnahmen und Strömungsverlagerungen verschlickt, kommt es in der natürlichen Fahrrinne nicht selten zur „Grundberührung“ mit Wartezeiten für den Schiffsverkehr. Daher soll eine Reederei mit ihren Frachtschiffen und am Heck angebrachten Dalben (große Holzbalken) eigenmächtig eine neue Fahrrinne von West nach Ost durch das Watt gepflügt haben, die auch die Wege für die Schiffe verkürzt. Am 27. April 2017, vor mehr als drei Monaten, fragte der Wattenrat bei der Nationalparkverwaltung nach, und hat bis heute keine Antwort erhalten. Das macht stutzig. (edit 15. Aug. 2017: Inzwischen berichteten das Online-Magazin „europaticker„,die taz, der Norddeutsche Rundfunk, die Lokalzeitung „Ostfriesischer Kurier“ – nach der überregionalen Berichterstattung sehr verkürzt und auch noch falsch (Richtigstellung) – und am 17. August der Weser Kurier aus Bremen).

Frage: Hat es inzwischen einen Ortstermin mit der Reederei und der Nationalparkverwaltung dazu gegeben, was sind ggf. die Ergebnisse? Immerhin, neben einer Ordnungswidrigkeit käme evtl. sogar eine Straftat in Betracht.

Muschelbank und Löffler im Juister Watt, 08. Aug. 2017, Foto (C): Eilert Voß

Der Nationalpark darf bei Hochwasser befahren werden. Nur dürfen Gewässer in Nationalparks nicht verändert werden. Künstliche Fahrrinnen lassen sich aber auch schon während des Befahrens mit der Aufwirbelung des Wattsediments durch die gezielte und wiederholte Nutzungen des Schiffsantriebs bei ablaufenden Wasser leicht herstellen. Diese Eingriffe in das Watt sind aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht zulässig; nach dem Strafgesetzbuch ist das Verändern von Gewässern in Nationalparks strafbewehrt (§329 StGB).

Wie von Juist zu erfahren ist, soll ab dem 23. August 2017 das Baggerschiff „Seekrabbe“ wieder zur Insel kommen, um Fährhafen, Einfahrt und Zufahrtsrinne im Zuge von Injektionsspülungen zu entschlammen. Zweifellos muss die Erreichbarkeit der Inseln gewährleistet sein, Juist hat jedoch die schlechteste Ausgangssituation. Zudem ist Juist finanziell benachteiligt, weil diese Insel den einzigen Hafen hat, der sich in Gemeindehand befindet.

http://www.wattenrat.de/wp-content/uploads/2010/04/Juist_-Hopperbagger-Seekrab.jpg

Baggerschiff „Seekrabbe“, Foto (C): Sörensen

NDR.de meldet am 17. Juli 2017

„[…] Juist hat ein echtes Sorgenkind: Der Hafen ist nämlich so etwas wie die Nabelschnur zum Festland. Doch durch Schlick könnte diese Verbindung unterbrochen werden. Grund für die Ablagerung der Meeres-Sedimente sind die veränderten Strömungsverhältnisse sowie das ständige Ausbaggern des Hafens, das die Verschlickung noch verstärke. Einen Teufelskreis nennt Bürgermeister Dietmar Patron das. Verzichte man auf das Ausbaggern, könne die Insel bald von den Fähren nicht mehr angefahren werden. Im August muss der Hafen deshalb zum zweiten Mal in diesem Jahr ausgebaggert werden, damit die Schiffe überhaupt noch rein und raus kommen. Das Ausbaggern wird rund 70.000 Euro kosten. Geld, das die Insel nicht habe, so Patron. […]“

Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass Schiffsführer sich eigenmächtig eine neue und kürzere Fahrrinne durch den Nationalpark schaffen.

Ausgewählte Pressezitate zur Juister Fahrrinnenveränderung:

taz-online, 15. August 2017: „Detlev Becker vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt des Bundes Emden (WSA) streitet die Existenz einer neuen Fahrrinne ab: ´Da wurde nicht gebaggert. Da müssten Anträge gestellt werden. Uns liegen keine Anträge vor. Wir beobachten die Fahrrouten mit unseren Radaren, uns ist nichts aufgefallen.´ Den Hinweis auf die vorliegenden Luftbilder belächelt er: ´Vielleicht sind die Bilder ja falsch´“ Anmerkung Wattenrat: google earth hilft in diesem Falle weiter. Von „baggern“ war beim Wattenrat gar nicht die Rede.

taz-online, 15. August 2017: „Die neueren Bilder belegen, so bestätigen Wasserbauexperten, dass es dauerhafte und regelmäßige Arbeiten an dem Kanal gegeben haben muss.“

NDR.de am 15. August 2017: „Die schnurgerade Fahrrinne vor Juist – auf Luftbildern gut zu erkennen – liegt nicht in einer Schutzzone und ist wohl auf natürlichem Wege entstanden, so Detlev Becker vom Wasser- und Schifffahrtsamt.“ Anmerkung Wattenrat: Detlev Becker irrt; der Wattenbereich gehört zur Zwischenzone des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Der Nationalpark ist hier FFH-Gebiet und EU-Vogelschutzgebiet, unterliegt also dem europäischen Schutzregime „Natura-2000“. In diesen Gebieten gilt ein Verschlechterungsverbot, es müssen vor Eingriffen Verträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden.

NDR.de am 15. August 2017: „Die Reederei Frisia hat den Vorwurf des Wattenrats inzwischen als haltlos zurückgewiesen. Das könne man sich als zertifizierter Partner des Nationalparks Wattenmeer überhaupt nicht erlauben, so ein Sprecher.“ Anmerkung Wattenrat: Die Zertifizierungsurkunde ist ein Stück Papier und wurde auch schon an andere „Nationalparkpartner“ verliehen, z.B. an die Kurbetriebe Norddeich, die eine lärmintensive Silvesterfete direkt an der Nationalparkgrenze am Strand von Norddeich organisiert hatten.

Ostfriesischer Kurier, Norden, S. 1, 16. Aug. 2017: „´[…] Das sind wirklich abenteuerliche Behauptungen, die der Wattenrat dort aufstellt´, sagte [Reedereisprecher] Meyer.“

Weser Kurier, Bremen, 17. Aug. 2017, zitiert wird Wattenrat-Sprecher Manfred Knake: „[…] Man kann doch davon ausgehen, dass diese Rinne nicht von Aliens gezogen wurde, die sich von Kornkreisen nun auf schnurgerade Wattenrinnen spezialisiert haben, […]“

Bearbeitet 17. August 2017

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Das Wattenrat-Schreiben sehen Sie hier:

An die
Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer
Virchow Straße

Wilhelmshaven

27. April 2107

per Email (bitte die Anlagen beachten)

„Green Shipping“: Fahrrinne von Norddeich nach Juist, mögliche
eigenmächtige Fahrwasservertiefung durch die Reederei Norden-Frisia in der Ruhezone des Nationalparks?

Sehr geehrte Damen und Herren,

am gestrigen Mittwoch, 26. April 2017, fand bekanntlich die Veranstaltung „Green Shipping“ in Norden statt. In der Ankündigung und heutigen Berichterstattung im Ostfriesischen Kurier/Norden wird deutlich, dass es um das „Weltnaturerbe im Spannungsfeld von Naturschutz und wirtschaftlicher Nutzung“ und auch um die „Vereinbarkeit von Naturschutz und Schifffahrt im empfindlichen Ökosystem Wattenmeer“ ging, also nicht mehr ganz so frische Themen. Diskussionsteilnehmer war auch Carl-Ulfert Stegmann, Vorstand der Reederei AG Norden-Frisia, die die Fahrgastschiffe zu den Inseln und Frachtschiffe als Inselversorger betreibt.

Bekanntlich verschlickt das Juister Watt, möglicherweise auch durch die Baggergutverklappungen im „Weltnaturerbe“, und hat dadurch Auswirkungen auf die Leichtigkeit des Fähr- und Frachtverkehrs. „Dem Vernehmen nach“ soll die Reederei Norden-Frisia schon in „Eigenregie“ Maßnahmen ergriffen haben, um den Frachtverkehr von Norddeich nach Juist „flüssiger“ zu gestalten, in dem an die Frachtschiffe „Frisia VII“ und „Frisia VIII“ am Heck große Dalben angebracht wurden, die bei jedem Befahren eine Rinne durch das Wattenmeer ziehen. Eine künstliche Rinne ist auf dem Satellitenbild von Google-Earth deutlich zu sehen (Anlage .jpg). Diese Rinne befindet sich in der strengsten Schutzzone des Nationalparks, in der Ruhezone. Möglicherweise ist das nicht der einzige „neue“ Schifffahrtsweg durch das Wattenmeer. Diese Maßnahmen hätten also mit „grünen Schiffskonzepten“ wenig gemeinsam.

Unabhängig von den Vorschriften des Nationalparkgesetzes ist das Wattenmeer bekanntlich auch ein „gesetzlich geschützter Bioptop“ nach § 30 BNatSchG.

Ich rege daher an, den geschilderten Sachverhalt zu prüfen und bitte um gelegentliche Rückäußerung in der Sache.

Mit freundlichem Gruß

Manfred Knake

Kopie: Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Emden

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