1. September 2017

Krabbenfischer: WWF gegen MSC-Zertifizierung, FDP Sprachrohr der Krabbenfischer

Greetsieler Krabbenkutter, die Möwen warten auf den Beifang, Foto (C): Eilert Voß

Die Pressemitteilung des WWF im „europaticker“ ganz unten


Das Marine Stewardship Council ist ein vorgebliches „Gütesiegel“ einer privaten Organisation, die ein Umweltsiegel für Fisch aus „nachhaltiger“ Fischerei entwickelt hat. Gegründet wurde der MSC 1997 vom Unilever-Konzern, zu dem bis 2006 unter anderem die Marke „Iglo“ gehörte, zusammen mit der Umwelt- und Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF). Der MSC wurde bereits zwei Jahre später, 1999, von Unilever und dem WWF unabhängig.

Die Krabbenfischerei greift durch den enormen Beifang, der tot oder verletzt wieder über Bord geht (für ca. 1kg gefischte Krabben bis zu 9kg Beifang: Jungfische, Krebse, Seesterne), erheblich in das Artenspektrum im Watt („Weltnaturerbe) ein, der Wattboden wird mit dem Fanggeschirr der Kutter, den Baumkurren, planiert. Die angelandeten Krabben sind oft sehr klein. Krabben werden zum Pulen mit LKW nach Nordafrika transportiert und mit der nicht unbedenklichen Benzoesäure konserviert. Mehr dazu im Fernsehfilm Vorsicht Krabben!

Fischereifreie Zonen im Nationalpark Wattenmeer und „Weltnaturerbe“ gibt es nicht und sind politisch auch nicht gewollt; auch in der nachstehenden Pressemitteilung des WWF wird der Terminus „fischereifreie Zonen“ für Wattenmeer-Schutzgebiete (FFH-Gebiet!) vemieden. Von der FDP in Schleswig-Holstein bekommt der WWF – unqualifizierten – Gegenwind. Dennys Bornhöft, Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, macht sich zum Sprachrohr der Krabbenfischer.

Dem Verbraucher sind diese Feinheiten kaum bekannt und werden in der Regel auch nicht bekannt gemacht. Krabbenkutter sind ein Werbeträger für den Küstentourismus, immer wieder gerne von den Medien genommen. Die Fischereiindustrie versucht, sich einen unzutreffenden Öko-Anstrich mit dem MSC-Siegel zu geben.

Die Miesmuschelfischer mit 18 Beschäftigten erhielten bereits 2013 die begehrte MSC-Zertifizierung. Ihnen wird darin bescheinigt, „für eine nachhaltige Nutzung der Miesmuschelbstände sorgen“. Miesmuschelfischer reißen mit Stahlketten und stählernen Körben die am Wattenmoden festgewachsenen Miesmuscheln los und hinterlassen tiefe Spuren im Wattensediment; „nachhaltig“ noch lange zu sehen. Dies zeigt deutlich, dass die MSC-Zertifizierung nur ein Stück Papier für die Fischereiindustrie ist und das „Weltnaturerbe“ ebenfalls nur ein Etikett.

Das Objekt der Begierde, an Bord gekochte und ungepulte Garnelen oder Krabben – Foto: Ralf Roletschek, Wikipedia-CC BY-SA 3.0

europaticker, 01. Sept. 2017:

WWF legt Widerspruch gegen MSC-Zertifizierung der Krabbenfischerei im Wattenmeer ein – Umweltverträglichkeit der Krabbenfischerei in Zweifel gezogen

Der WWF kritisiert die Empfehlung für eine MSC-Zertifizierung der Krabbenfischerei an der Nordseeküste und hat Einspruch dagegen eingelegt. „Die Krabbenfischerei hat zwar erfreulicherweise damit begonnen, ihren Fußabdruck in der Natur der Nordsee zu verbessern, in entscheidenden Punkten reicht es jedoch nicht für die Anerkennung als umweltverträgliche Fischerei“, sagt Hans-Ulrich Rösner, Wattenmeer-Experte des WWF. Ein Teil der Krabbenfischerei findet im Nationalpark Wattenmeer und anderen Meeresschutzgebieten statt. Dies erfordere eine besondere Vorsorge. „Eine Fischerei im Schutzgebieten kann erst als umweltverträglich zertifiziert werden, wenn sie übereinstimmend mit den Schutzzielen ausgeübt wird“, so Rösner. Der WWF fordert daher auch den MSC auf, strengere Anforderungen für Fischerei in Schutzgebieten in seinen Standard aufzunehmen.

Dennys Bornhöft: Anstrengungen der Krabbenfischer für MSC-Siegel anerkennen

Zur aktuellen Diskussion über die Umweltverträglichkeit der Krabbenfischerei erklärt der fischereipolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion [Schleswig-Holstein] , Dennys Bornhöft: „Der WWF ist ein Gründungsmitglied des MSC und legt als solches einen Widerspruch ein gegen die Erteilung des MSC-Siegels an die hiesigen Krabbenfischer. Damit erteilt der WWF den Krabbenfischern nicht nur eine symbolische Ohrfeige, sondern auch dem MSC-Siegel selbst.
Das MSC-Siegel ist anerkannt und wird auch von Verbraucherinnen und Verbrauchern gewürdigt, sodass es für die nachhaltige Fischerei zum Problem werden kann, wenn WWF, Nabu etc. vermeintlich den eigenen Gutachtern für die Zertifizierung nicht das entsprechende Vertrauen schenken. Dem Umweltschutz und der Fischerei wäre ein Bärendienst erwiesen, wenn dem Marine Stewardship Council ein Imageschaden entsteht. Die Krabbenfischer und die Widerspruchsführer müssen sich daher schleunigst gütlich einigen und die nachhaltige Krabbenfischerei im Land weiter voranbringen.“

Seit vielen Jahren bemüht sich die Krabbenfischerei schon vergeblich um eine MSC-Zertifizierung

Anfang 2016 hatte sie einen erneuten Anlauf als gemeinsame Initiative der deutschen, niederländischen und dänischen Fischerei unternommen. Dies führte nun zu einer Zertifizierungs-Empfehlung durch das mit der Prüfung der Fischerei beauftragte Unternehmen. „Der WWF freut sich über die Absicht der Krabbenfischerei sich den Anforderungen einer ökologischen Zertifizierung zu stellen“, so Rösner. „Aber was die Fischerei dafür als Maßnahmen zur Verbesserung auf den Tisch gelegt hat ist bei weitem nicht genug.“

Der WWF begrüßt zwar, dass die Krabbenfischerei die Maschenweiten schrittweise vergrößern will, um Beifänge zu reduzieren. Auch dass die Fischereiaktivität gedrosselt werden soll, wenn die Bestandsgröße der Krabben stark absinkt, findet Zustimmung der Umweltschützer. Diese Maßnahmen gingen in die richtige Richtung, allerdings beträfen sie nur eines der drei MSC-Ziele, nämlich die Bestandserhaltung der befischten Art, der Nordseegarnele. Für die beiden anderen ebenso notwendigen Ziele, den Schutz des Ökosystems, in dem die Fischerei stattfindet, sowie die Einhaltung der Regeln durch ein gutes Management, wird durch die geplanten Maßnahmen und die von der Zertifizierungsfirma festgelegten Bedingungen kaum etwas erreicht.

„Damit eine Öko-Zertifizierung glaubwürdig wird, muss die Krabbenfischerei erheblich nachlegen und in mindestens drei Bereichen besser werden“, so Hans-Ulrich Rösner weiter. „Der erforderliche Schutz der Wattenmeer-Nationalparks und der anderen Meeresschutzgebiete lässt sich nur erreichen, wenn ein großer Teil nicht mehr durch Bodenschleppnetze befischt wird und die Natur sich dort wieder frei entwickeln kann.“ Die heute verschwundenen Riffe z.B. der Sandkorallen müssen sich auf diese Weise im Wattenmeer ebenso wieder ansiedeln können wie Unterwasserwiesen des Seegrases oder Arten wie Seepferdchen, Katzenhai, oder Nagelrochen. Weitere notwendige Maßnahmen sind, dass die Menge des Beifangs über die eingeleiteten Maßnahmen hinaus erheblich und nachweisbar verringert wird und dass sich die Fischerei einer Umweltprüfung entsprechend des europäischen und nationalen Naturschutzrechts unterzieht.

Für den WWF ist wichtig zu betonen, dass sich der Einspruch nicht gegen die regionale Fischerei an sich richtet. „Krabbenfischerei an unserer Küste muss eine Zukunft haben – doch das geht am besten, wenn sie sich über einen Übergangszeitraum an die Anforderungen der Schutzgebiete anpasst“, sagt WWF-Wattenmeerexperte Rösner.

Der WWF erwartet aber auch von den zuständigen staatlichen Stellen mehr Einsatz für den notwendigen Umstellungsprozess der Fischerei. Er kritisiert zugleich, dass die Bewertungskriterien des MSC auch 20 Jahre nach Einführung des Labels noch nicht vorsehen, dass Fischereien innerhalb von Schutzgebieten erhöhte Ansprüche erfüllen müssen, um glaubwürdig nachhaltig und naturverträglich zu sein. „Fischerei in Schutzgebieten braucht besondere Leitplanken, damit sie in Einklang mit dem Schutzauftrag des Gebiets kommen kann“, so Rösner. Der MSC sei aufgefordert dieses Defizit in seinem Standard zu verbessern, um seine Glaubwürdigkeit als Umweltsiegel zu bewahren.

erschienen am: 2017-09-01 im europaticker
Impressum (Kurzfassung):
EUROPATICKER mit den Magazinen: Umweltruf, Korruptionsreport und
Green IT
Das Magazin mit Hintergrund aus der Entsorgungsbranche
Mitglied im Deutschen Presserat (ID-Nummer 3690)
Herausgeber Hans Stephani
Beratender Betriebswirt – Journalist – Autor
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