1. Juni 2018

Offener Brief: Kritik aus Bayern an Prof. Hubert Weiger (BUND) – „die großen deutschen Umweltverbände, inhaltlich und moralisch entkernt“

Blick vom Hindenburgdamm (Sylt) auf das Festland, Mai 2018, Foto (C): Syltpicture

Nicht nur beim Wattenrat stehen die „großen“ Umweltverbände wegen ihrer Nähe zur Ökostrombranche unter Dauerkritik. Der nachfolgende „Offene Brief“ vom April 2018 von Dr. Nikolai Ziegler, 1 . Vorsitzender Bundesinitiative Vernunftkraft e.V., Enoch Freiherr zu Guttenberg, Dirigent und Umweltschützer, Johannes Bradtka, 1 . Vorsitzender Verein für Landschaftspflege & Artenschutz in Bayern e.V., an Prof. Dr. Hubert Weiger, Bundesvorsitzender des BUND, hat es in sich: Klartext gegen „die großen deutschen Umweltverbände, inhaltlich und moralisch entkernt“.

Übrigens: Der Bundesverband Windenergie (BWE) überträgt im Falle seiner Auflösung sein Restvermögen an den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)…

Auszug aus der BWE-Satzung (Stand: 16. April 2015)

§ 12 Auflösung des Vereins

Bei Auflösung des Vereins oder bei Wegfall seines bisherigen Zwecks geht das Restvermögen an den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), der es unmittelbar und ausschließlich für gemeinnützige Zwecke im Sinn des § 2 dieser Satzung zu verwenden hat.

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Link zum Offenen Brief als .pdf: Offener Brief_VK-VLAB-an-Prof-Hubert-Weiger_2018

Offener Brief

zum Abschied von Prof. Hubert Weiger als BN-Vorsitzender anlässlich der BN-Delegiertenkonferenz in Eichstätt am 28./29.4. 2018

Sehr geehrter Herr Professor Weiger,

nach 18 Jahren an der Spitze des Bundes Naturschutz in Bayern (BN) haben Sie heute Ihr Amt abgegeben. Wir bedauern dies nicht, weil die Bilanz ihres Wirkens an der Spitze dieses bedeutenden und traditionsreichen Umweltverbandes verheerend ist. Unter Ihrer Führung ist der BN von einem echten, überparteilichen Naturschutzverband zu einer Lobbyorganisation für die Milliarden schwere Branche der Erneuerbaren Energie-Industrie geworden, die durch gelegentliche, öffentlichkeitswirksame Aktionen einen Rest wirklicher Naturschutzarbeit oft nur noch vortäuscht.

Das große Engagement vieler BN-Aktiver an der Basis soll dabei nicht in Abrede gestellt werden. „Gerettete Landschaften“ war ein Buch übertitelt, das zum 100. Bestehen des BN im Jahre 2013 herauskam. Es sollte eine Erfolgsbilanz sein. Unerwähnt blieb jedoch, dass unter Ihrer Ägide der Landschaftsschutz, der immer das warme Herz des Natur- und Umweltschutzes war, fast vollständig der sogenannten Energiewende geopfert wurde. Um dieser Energiewende zum Durchbruch zu verhelfen, haben Sie sich aufs innigste mit der Branche der Ökostromproduzenten und der sie tragenden Parteien verbunden, die längst die gleichen schäbigen Geschäftsmethoden an den Tag legen, wie die einst von Ihnen und Ihresgleichen gescholtene Atomindustrie. Ökologie ist in diesem Milliardenspiel nur noch ein Feigenblatt. Bei jeder sich Ihnen bietenden Gelegenheit fordern Sie den Bau immer neuer Windparks und die Abschaffung der 10H – Abstandsregelung, die zumindest Teile Bayerns bislang davor bewahrt hat, in gesichtslose „Energielandschaften“ verwandelt zu werden.

Dabei hatten Sie sich noch vor wenigen Jahren in durchaus anrührenden Worten, zu denen Sie ja auch fähig sind, für den Landschaftsschutz stark gemacht. Wir dürfen Sie an folgende Zitate aus Ihrem Munde erinnern, die aus dem Buch „Bilder meiner Landschaften“ von BN-„Urgestein“ Klaus Arbter stammen: „Das Bekenntnis zur Schönheit einer Landschaft und deren Schutzwürdigkeit ist Voraussetzung für einen wirkungsvollen, ganzheitlichen und emotionalen Naturschutz.“ „Wir müssen heute mehr denn je mit der Schönheit gegen die Hässlichkeit kämpfen. Werden wir auch bald ins Museum gehen, um schöne Landschaften zu betrachten?“ „Eigentlich sind die Wurzeln des Naturschutzes im Landschaftsschutz zu suchen.“

Offenbar ist Ihnen, Herr Professor Weiger, auf Ihrem Weg zu den Fleischtöpfen der Macht jeder Sinn für Schönheit und Gerechtigkeit abhandengekommen. So geht es wohl viel beschäftigten Funktionären, die das was, sie zu schützen und zu pflegen vorgeben, selbst nicht mehr zu Gesicht bekommen. Auch die Wälder sind für den promovierten Forstwissenschaftler Professor Hubert Weiger nicht tabu. Es scheint Ihnen nichts auszumachen, dass für Windparks riesige Schneisen in  Waldgebiete geschlagen werden, die vor kurzem, aus gutem Grund, noch sakrosankt waren. Dabei gehen auch wichtige Kohlenstoffspeicher zugrunde, was die bislang äußerst überschaubare Wirkung der „Energiewende“ in Bezug auf den Klimaschutz noch weiter minimiert. Und es scheint Ihnen nichts auszumachen, dass in den Rotoren Tausende und Abertausende von Vögeln und Fledermäusen verenden, dass Menschen, die in der Nähe der Windmonster leben krank werden und ihr mühsam erarbeiteter Besitz dramatisch an Wert verliert.

Wir möchte Sie auch daran erinnern, dass bei der Planung und beim Bau insbesondere von Windkraftwerken regelmäßig und systematisch gegen geltendes Recht verstoßen wird. Das reicht von schlichten Gefälligkeitsgutachten über unsolide Erhebungsmethoden bis zu kriminellem Handeln wie der vorsorglichen Zerstörung von Schwarzstorch- und Rotmilan-Horsten in den Projektgebieten. Von Ihnen und Ihren Verbandsfunktionären hört man dazu wenig bis nichts! Wenn die von Ihnen und der von Ihnen unterstützten Lobby gnadenlos vorangetriebenen Energiewende weiter ungebremst voranschreitet, wird Bayern, wird Deutschland in wenigen Jahren ein einziges, riesiges Industriegebiet zur Bereitstellung sogenannter Erneuerbarer Energien sein, bar jeder Schönheit, die für Sie einmal (siehe oben) „Voraussetzung für einen wirkungsvollen, ganzheitlichen und emotionalen Naturschutz “ war. Ein beispielloses Desaster des deutschen Umweltschutzes, für das Sie an vorderster Front mitverantwortlich sind.

Den Menschen, die die Energiewende angeblich so rückhaltlos unterstützen, dürfte das wahre Ausmaß dessen, was sie erwartet, noch gar nicht bewusst sein. Und sie werden von Ihnen und Ihresgleichen bewusst im Unklaren gelassen, damit das große Geschäft gnadenloser Weltenretter wie Ihnen weitergehen kann. Herr Professor Weiger, Sie haben nicht nur das Erbe des großen Hubert Weinzierl verraten. Sie zerstören auch einen Natur– und Landschaftsschutz, wie wir ihn verstehen: Nicht als staubige Statistik neu gebauter Wind und Solar und Biogaskraftwerke, sondern als aufopfernder und selbstloser Dienst für die Bewahrung vielfältiger Orte des Lebens und der Schönheit.

Wir fordern Sie und Ihren Nachfolger Richard Mergner auf: Kehren Sie um, besinnen Sie sich auf die Ursprünge des deutschen Umwelt – und Naturschutzes und die Arbeit der Gründerväter von BN und BUND wie Hubert Weinzierl, Horst Stern und Bernhard Grzimek. Öffnen Sie die Augen und die Herzen und werden Sie gewahr, dass mit dieser Energiewende ein gnadenloser Kampf um die letzten Landschafts- und Naturreservate unseres Landes entbrannt ist, dem ECHTE Naturschützer mit ganzer Kraft widerstehen müssen. Machen Sie sich nicht weiter zum Handlanger einer Industrie und einer Politik, der es längst nicht mehr um Ökologie geht, sondern nur noch ums Geldverdienen. Lassen Sie es nicht zu, dass die großen deutschen Umweltverbände, inhaltlich und moralisch entkernt, ähnlich den großen Volksparteien alsbald im Abseits landen könnten.

Dr. Nikolai Ziegler 1 . Vorsitzender

Bundesinitiative Vernunftkraft e.V.

Enoch Freiherr zu Guttenberg,

Dirigent und Umweltschützer,

Johannes Bradtka

1 . Vorsitzender

Verein für Landschaftspflege &

Artenschutz in Bayern e.V.

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