Gratwanderung

Die Woche. vom 28. August 1998

Gratwanderung – Horst Stern über die Kehrseite des Erlebnissports,Heiner Geißler und den Dalei-Lama Heiner Geißler, das weiß man, liebt es steil. Er ist ein Hobby-Kletterer. Während er sich im Hierarchie-Gebirge der CDU verstieg und dem Schwierigkeitsgrad der Steilwand Kohl nicht gewachsen war, ist er in der sogenannten Sportpolitik als Vorsitzender des Kuratoriums Sport und Natur die unbestrittene Nummer eins. Und schon wieder auf Gratwanderung.

Seit langem predigt er landauf, landab die geistige und praktische Identität von Natursport und Naturschutz, dergestalt, daß Kletterer, Wassersportler und Biker, Jogger, nur weil sie ihren Sport in der freien Natur ausüben, a priori auch Naturschützer seien. Er politisiert diesen Anspruch mit dem Gewicht seines Namens und seiner Partei, indem er verlangt, daß die Ermöglichung des Natursports in die Zielbestimmungen des Bundesnaturschutzgesetzes aufgenommen werde; daß .naturverträglicher Sport nicht als Eingriff in die Natur gelte und daß Natursportverbände gleichrangig mit den anerkannten Naturschutzverbänden gesetzlich gesicherte Mitwirkungsrechte an einschlägigen Planungen und Maßnahmen erhalten.

Würde dies alles Gesetz, dann hätten hinfort die Sportverbände auf Grund des politischen Gewichts ihrer bei Wahlen zu Buche schlagenden Mitgliederzahlen und wegen der Großen Koalition aus CDU (Heiner Geißler, 1. Vorsitzender des Kuratoriums) und SPD (Wilfried Penner, 2. Vorsitzender) das Sagen, in welche Felsen die Kletterer ihre Eisenhaken schlagen, und die Wassersportler, wo sie Anker werfen dürfen; und Jogger und Biker müßten sich an kein Wegegebot in Naturschutzgebieten und Nationalparks halten. Es stünde ihrer aller Wort, auf Pflanzen und Tiere .angemessen. Rücksicht nehmen zu wollen, gegen die Erkenntnisse der klassischen Naturschutzverbände.

Der Konflikt läßt sich anschaulich an unserer größten Eulenart, dem Uhu, dartun. Einer Untersuchung der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen (EGE) zufolge ist der Brut-Erfolg des Uhus in Gebieten mit Klettersport um 53,8 % geringer als in vergleichbaren Gebieten ohne Kletterer. Ein Uhu zeigt sich dummerweise ganz unbeeindruckt von der Lobpreisung des Klettersports als menschenbildend und Frieden stiftend, sogar durch den Dalei-Lama, den Geißlers Kuratorium als Kronzeugen für das human Hehre in seinen Zielen rekrutierte. Der Uhu fühlt sich von den Kletterern ganz einfach gestört und verschwindet – vorzugsweise in die Roten Listen der vom Aussterben bedrohten Tierarten.

Geißler und sein Verein schalten sich ungeachtet solcher Untersuchungsergebnisse immer wieder massiv ein in die Auseinandersetzungen um Kletterverbote. So wird der Kölner Regierungspräsident Antwerpes als der Zuständige für mehrere von Geißlers Kuratorium beanstandete Schutzgebietsverordnungen derzeit massiv bedrängt. Dem geht es nicht nur um Wanderfalken und Uhus. Nach wie vor sind in vielen dem Klettersport ausgesetzten Bereichen die Flechten und Moose auf den Felsen durch Tritt und Griff, Reibung der Kletterseile und Kletterhosen zerstört. (Viele Flechtenarten benötigen Jahrhunderte, um nur handtellergroße Bestände zu bilden.) Nach wie vor bietet sich auf den Felsköpfen und an den Felsfüßen überall, wo legal oder illegal geklettert wird, das gleiche Bild: Der Boden ist verdichtet, die Vegetation durch ständigen Tritt vernichtet. Bäume sind durch das Anbringen von Kletterseilen beschädigt, Baumwurzeln breitflächig freigelegt; die natürliche Erosion wird gefördert. Versteck- und Eiablageplätze der vom Aussterben bedrohten Mauereidechse werden vernichtet. Diese Kehrseite des Klettersports gilt besondersfür die Buntsandsteinfelsen in der Nordeifel, einen selten gewordenen Lebensraum für – auch im internationalen Maßstab – hochgradig gefährdete Tierarten: die schon genannten Uhus und Mauereidechsen, ferner Schlingnattern, Wanderfalken, Haselhühner, Wildkatzen und diverse Fledermausarten. Diese Felslandschaft ist von Kletterern sehr begehrt, davon zeugen die 5.000 Kletterhaken, mit denen die Felswände vernagelt sind.

Bei allem Respekt vor den Argumenten Geißlers und des Dalei-Lama – würde der aktive Aufenthalt in freier Natur aus einem Menschen quasi nebenbei einen Naturschützer machen, dann gäbe es keine besseren als die Bauern. Und sie sagen es auch von sich. Es ist indes wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis, daß die Landwirtschaft die Liste der für den Artenverlust verantwortlichen Naturnutzer anführt – nolens volens, das sei zugestanden.

Heiner Geißler sollte, wenn ihm wirklich an der Natur gelegen ist, den Unfug der legislativen Gleichsetzung von Naturnutzern und Naturschützern – und die verheerenden Folgen für die Natur – bedenken, wenn er weiterhin für seine Outdoor-Sportler fordert, was die Landwirte absurderweise längst haben: die nur durch ihr politisches Gewicht – besonders bei der CDU – motivierte Zusicherung des Gesetzgebers, daß ihr ordnungsgemäßes Wirtschaften den Zielen des Naturschutzes dient!

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