Meyer-Kanal

DIE STERN-KOLUMNE – Die Woche, 08. Aug. 1997

Es war einmal ein Fluss

Warum die Ems zum betonierten „Meyer-Kanal“ wurde

Das Foto ging dieser Tage durch viele Zeitungen und der Text war immer derselbe: „Wie aus einer Garage gleitet das mit 77 000 Tonnen vermessene Kreuzfahrtschiff ‚Mercury‘ aus dem überdachten Baudock der Meyer-Werft in Papenburg/Emsland.“ Nirgendwo aber war zu lesen, dass der ökologische Tribut an den ökonomischen Fetisch Werft-Arbeitsplätze im langsamen Sterben eines Flusses besteht: der Ems.

Denn um diese riesigen Musikdampfer, von denen die „Mercury“ nicht der erste ist und der letzte nicht sein wird, in die 50 Kilometer stromabwärts gelegene Nordsee zu bugsieren, muss die Ems immer wieder den Ausmaßen dieser Schiffe angepasst werden. 265 Meter Länge und 32 Meter Breite bei einem Tiefgang von bis zu acht Metern – da muss die Ems ständig ausgebaggert und begradigt werden. Die Werft nach Emden, an die offene See zu verlegen und die Arbeiter mit Bussen pendeln zu lassen – das lehnen sie in Papenburgidlle ab; man hat hier sein Häuschen oder, als Handwerker und Mittelständler, seine Aufträge der Werft, die natürlich auch als Steuerzahler ihresgleichen sucht.

So sind die 2000 Arbeitsplätze der Meyer Werft sicherlich die höchstsubventionierten der Republik, verursacht durch die in die Zigmillionen gehenden, immer wieder neu entstehenden Kosten der Ems-Denaturierung zum „Meyer-Kanal“. Und weil die Ausbaggerung an ihre Grenzen gekommen ist, wollen der Bund und das Land Niedersachsen nun für knapp eine halbe Milliarde Mark ein Sperrwerk bauen, mit dem sie den Fluss aufstauen können zu einer der Meyer-Werft und ihren ozeangehenden Musikdampfern genehmen Pegelhöhe. Ministerpräsident Schröder persönlich hält seine schützende – und zahlende – Hand über die Werft und ihre aberwitzigen, naturzerstörerischen Transportbedürfnisse.

„Das kann mich schon anmachen!“, sagte er unlängst auf einem Deck der „Mercury“, als zwischen Meyer in Papenburg und Thyssen in Emden eine Kooperation vertraglich besiegelt wurde. Wer daraus die Hoffnung schöpfte, dass Meyer nun mit seinen Ozeanriesen ans offene Meer gehen würde, damit die Ems zur Ruhe kommt, irrte: Nicht nur sollen in Papenburg auch weiterhin Riesenschiffe gebaut werden, es ist beabsichtigt, in Zukunft auch noch die schon akquirierten Gas-Großtanker, deren Rümpfe Thyssen in Emden zusammenschweißen will, zur Komplettierung emsaufwärts nach Papenburg zu schleppen! Dem Widerstand, den dieses riesige Sperrwerk mit der vorhersehbaren Folge der periodischen Überflutung von Bruträumen in den Deich-Vorländern nicht nur hei den Naturschützern auslöst, begegnen die Macher mit einer Strategie der Angst.

Sie geben das Sperrwerk primär aus als Schutzwall gegen Sturmfluten. Sachkundige halten dagegen, dass die Vertiefung und Begradigung eines Tidenstroms geradezu eine Einladung an Orkane ist, das Meerwasser landeinwärts zu peitschen, und dass ein Schutz durch herkömmliche billigere Deiche ausreichend wäre. Warum also die staatlichen Millionen nicht in die Verlagerung des Standorts stecken? Sowohl Emden als auch das holländische Eemshaven stehen als Alternative bereit. Aber, wie gesagt: Man hat in Papenburg sein Häuschen …

Aber was wenn der hirnrissige Binnenstandort im Verein mit der großen asiatischen Konkurrenz eines Tages das wirtschaftliche Aus für Meyer bringen sollte? Es wäre nicht die erste Werft, die am umkämpften Markt kapitulieren müsste. Dann können sie an der vermeyerten, sprich: verbetonierten Ems singen:

„Es war einmal ein schöner Fluss.
Doch dann kam Schröder
und mit der Ems war’s Schluss…“