Mühlen-Monster

DIE STERN-KOLUMNE – Die Woche, 22. Sept. 1995

Mühlen-Monster

Windenergie ist nicht ökologisch: Sie bedroht Vögel und verhindert Energiesparen

So einfach ist das: Wenn eine Fabrik in einem für den Schutz der Natur wichtigen Bereich gebaut werden soll, dann darf nicht nur, dann muß der Naturschutz dies verhindern – sofern in dieser Fabrik Automobile gebaut werden sollen. Ist aber am selben Standort eine Fahrradfabrik geplant, darf der Naturschutz keine Einwände erheben: Fahrradfahren ist schließlich umweltfreundlich.

So einfach, sagen die amtierenden Vogelschützer in Ostfriesland, sieht Niedersachsens Umweltministerin Monika Griefahn (SPD) die von ihr betriebene „Verspargelung“ der Nordseeküste mit Windkraftanlagen. Sie hält es für möglich, 15 000 Megawatt Strom aus Windenergie zu gewinnen. Dazu brauchte sie 30 000 dieser Windmühlenmonster.

Und als deren Standorte die Küstenregion, weil dort der Wind so schön bläst. Wenn er bläst. Dummerweise ist diese Region der Lebensraum von 12 Millionen Vögeln – Drehscheibe des ostatlantischen Vogelzuges zwischen Afrika und Arktis und zugleich Brutraum vieler hoch gefährdeter Arten. Zu deren aller Schutz ging die Bundesrepublik gegenüber der Europäischen Union rechtswirksame Verpflichtungen ein. Er wäre in großen Teilen dahin, käme es zur Verwirklichung dieser ohnehin schon weit gediehenen Verspargelung.

Untersuchungen zeigen, daß die in Reihe stehenden Generatoren mit einer Nabenhöhe von bis zu 60 und einem Propellerradius von 33 Metern nebst ihren Lichtreflexen und dem Lärm der Rotoren wahre Schreckenszäune für die Vögel sind, zu denen sie bis zu einem halben Kilometer Abstand halten und die sie daran hindern, bei Hochwasser das Hinterland zur Nahrungssuche zu erreichen.

Aber für Frau Griefahn scheinen diese Vogelscheuchen der besonderen Art die besagte Fahrradfabrik zu sein, gegen die der Naturschutz doch im Ernst nichts haben kann, schließlich will Niedersachsen mit der Windkraft einen Schritt weiterkommen auf dem Weg heraus aus der Kernenergie. Sie ließ erklären, die Proteste der Naturschützer gegen ihre windigen Pläne seien ihr „lästig“. Und eine Karte ihres eigenen Landesamtes für Ökologie, in der die für unverzichtbar gehaltenen Lebensräume der Vögel ausgewiesen worden waren, ließ sie, bevor sie sie den Kommunen als Arbeitsgrundlage für 1000 anstehende neue Genehmigungsverfahren zuleitete, „überarbeiten“. Aus der frisierten Karte – mit dem Datum der alten (!) – war eine ornithologisch bedeutsame Schutzzone klammheimlich getilgt worden, eine Zone, die sich von der Küste bis zu zehn Kilometer binnenwärts erstreckt – entlang den Grenzen des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer!

Als die Naturschützer daraufhin „Fälschung!“ riefen, verlautbarte Monika Griefahn indigniert, ihr Haus habe lediglich die Daten ihres Landesamtes mit denen des Wilhelmshavener Deutschen Windenergie-Institutes „zusammengeführt“. Der Euphemismus „Windpark“ für eine Ansammlung dieser Goliaths an einem Ort ließ grüßen.

Fast nur noch am Rande ihrer Verzweiflung über die Bedrohung der Vogelwelt durch die boomende neue Heilslehre Windkraft argumentierten die Ornithologen mit der Gefahr einer tiefgreifenden Veränderung des norddeutschen Landschaftsbildes. Frau Griefahn dekretierte daraufhin, daß „eine Beeinträchtigung des Landschaftsbildes nicht allein deswegen gegeben ist, weil neue technische Anlagen im Außenbereich zunächst gewohnungsbedürftig sind“. Zunächst. Aber dann werden die Küstenbewohner und deren Gäste gewiß Freude an den neuen Landschaftsbildern haben.

Während der Weltklimakonferenz in Berlin wurde laut „Frankfurter Allgemeine“ ein Horrorszenarium bekannt: Wollte man auch nur die Hauptstadt einzig mit Windenergie versorgen, müßte man die ganze Ostseeküste von Flensburg bis Ahlbeck auf einer Länge von 550 Kilometern mit Windmühlen im Abstand von jeweils 50 Metern bestücken, zweireihig und 400 Meter tief ins Landesinnere gestaffelt. Um die Jahrtausendwende sollen ähnliche Generatoren-Ansammlungen 5 (in Worten: fünf) Prozent des niedersächsischen Strombedarfs decken.

Zum Vergleich: Die Enquetekommission des Deutschen Bundestages zum Schutz der Erdatmosphäre rechnet mit unausgeschöpften Stromsparpotentialen von 70 (!) Prozent allein bei Elektrogeräten und 10 in der Industrie. Vor diesem Hintergrund sowie angesichts des derzeit nur 0,3 Prozent ausmachenden Anteils der Windkraft an der Netto -Stromerzeugung in der Bundesrepublik erweist sich das Öko-Argument der hoch subventionierten Windkraftbetreiber als Bastard aus Politik und Wirtschaft. Längst ist die Einspeisung des Strom-Überschusses der privaten Windkraftnutzer in die Leitungen der Energiekonzerne zum Geschäft geworden. Das, nicht die Ökologie, ist der Motor des Booms. Statt dessen: die Energie verteuern, um wenigstens ihre Verschwendung einzudämmen? Ein Gedanke dies „aus dem Gruselkabinett der Weltverbesserer“, höhnte kürzlich Theo Waigel im Bundestag – darin eines Sinnes mit Frau Griefahns Chef Gerhard Schröder.

Dem ist anzuraten, in Anlehnung seines großen Vorbildes, des Amateur-Ornithologen Helmut Schmidt, zu beherzigen, der zu Zeiten, als Schröder noch ein Juso war, ihm und seinen Junggenossen auf den Weg mitgab, sich lieber um die Vögel zu kümmern, als eine unausgegorene Politik zu betreiben.