
Foto: George Shuklin – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2207684
Aus dem Newsletter von Prof. Dr. Fritz Vahrenholt, an den Wattenrat übersandt am 18. Okt. 2026, mit freundlicher Genehmigung:
Die Gasmangellage treibt die Gaspreise nach oben
Die Gasspeicher sind am 15.10. zu 60,1 % gefüllt. Das ist seit 15 Jahren – in denen es noch in vielen Jahren eine Pipelineanbindung nach Russland gab- der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt. Der Großhandelspreis für Gas ist gegenüber Ende letzten Jahres auf nahezu das Dreifache gestiegen. Der EU-Energiekommissar Dan Jorgensen beschied die Bürger: „Das wird ein harter Winter für unsere Industrie, aber ganz sicher auch für unsere Bürger.“ Dabei verschwieg der Kommissar, dass die EU maßgeblich an der Preisschraube mit dreht.
Denn Deutschland erhält 40 % seines Erdgases über die Niederlande und Belgien. Nach wie vor stammt 15 % des holländischen Gases und sogar 30 % des belgischen Gases aus Russland und wird an den dortigen Terminals Rotterdam und Zeebrügge als Flüssiggas eingespeist. Diese Mengen werden ab 1.1. 2027 fehlen, da die EU und die EU-Staaten den Flüssiggasimport aus Russland von diesem Zeitpunkt untersagt haben. Die Menge, die dadurch an 90 Wintertagen wegfällt, entspricht etwa 20- 25 % des heute insgesamt gespeicherten Gases aus, das also noch zusätzlich beschafft werden müsste.
Der zweite gravierende politische Fehler der EU ist das Festhalten an der Methangas-Verordnung, die am 1.1. 2027 in Kraft tritt. Danach ist es den Gasimporteuren untersagt, Gas zu importieren, das hinsichtlich möglicher Leckagen bei der Förderung nicht den Anforderungen der EU entspricht. Es drohen gewaltige Strafen für Gasimporteure von bis zu 3,5 % des Umsatzes! Dieses Verbot betrifft die Gasförderung in den USA, Katar, Algerien und Nigeria. Diese Länder haben schon erklärt, dass sie die Bedingungen der EU vorerst nicht erfüllen wollen. Der US-amerikanische Energieminister Chris Wright erklärte: „Es gibt keinen gangbaren Weg zur Einhaltung“ und forderte eine Ausnahme bis zum Jahre 2035.
Im Juli empfahl die EU-Kommission den Mitgliedsländern, die Strafe gegen die Verstöße von 2027 bis 2029 auszusetzen. Wie weltfremd ist das denn? Ein Gesetz wird nicht durch eine Empfehlung verändert. Darauf wartet doch nur die Deutsche Umwelthilfe, um vor deutschen Gerichten gegen Importeure zu klagen. Die Folge ist, dass schon heute keine langfristigen Lieferungen mehr abgeschlossen werden.
Auch in der Bundesregierung sitzen Traumtänzer, denen Klimaschutzideologie wichtiger ist als kalte Stuben in Deutschland. So hatte sich Umweltminister Carsten Schneider gegen eine Verschiebung ausgesprochen: „Aufschub ist ein Freifahrtschein fürs Weiter so. Wir haben die Macht, Standards zu setzen. Und wir sollten sie auch setzen – nicht zögern, nicht wegducken.“ Schneider rügte sogar seine Ministerkollegin Reiche öffentlich, weil diese eine Verschiebung der Verordnung verlangt hatte.
Am 14.10. endlich gab Kommissionspräsidentin von der Leyen dem Druck von mehr als 12 Staaten Europas nach (darunter Frankreich, Italien, Polen, Tschechien) und kündigte eine Änderung der Verordnung an, die das Inkrafttreten um 1 Jahr verschieben soll. Das muss jetzt erst noch vom Parlament und dem europäischen Rat in den nächsten Wochen abgesegnet werden. Solange noch können Importeure keine Verträge für das nächste Jahr für den Gasimport aus den USA und anderen Ländern abschließen.
Die Energiewende wird immer teurer
Am 12. Oktober 2026 erschien eine neue Prognos-Studie. Danach braucht Deutschland für den Umbau des Energiesystems und der Volkswirtschaft zwischen 2025 und 2045 rund 5,7 bis 6,4 Billionen Euro – also jährlich etwa 270 bis 300 Milliarden Euro. Die Kosten umfassen den Umbau des Verkehrs, der Wärmeversorgung und der Stromversorgung vom heutigen Energiemix auf eine 100 %ige Versorgung mit Erneuerbaren Energien. Ein wesentlicher Teil wird nötig sein, um das überregionale Netz zum Transport von Wind vom Norden in den Süden und Solarstrom vom Süden in den Norden zu errichten und zu betreiben. Da Sonne und Wind nur an einem Bruchteil des Jahres voll zur Verfügung steht (Wind etwa 30 % des Jahres, Sonne 10 % des Jahres), führt dies dazu, dass diese Investition in häufig unausgelastete Leitungen nicht sonderlich wirtschaftlich ist. Aber eins ist klar: Die Investitionen von 600 bis 700 Milliarden € in das Hochspannungsnetz und weiteren 200-300 Milliarden € für das Niederspannungsnetz in den Städten werden die Netzkosten zur Explosion bringen. Für diesen Netzumbau von zentralen Kraftwerken zu dezentralen Wind- und Solaranlagen werden Zins und Tilgung pro Jahr 40 Milliarden € ausmachen. Das führt zu einem Anstieg der Netzgebühren für die Industrie von heute 6,5 €ct/kWh auf 13,5 €ct/kWh und der Haushalte von 9,2 €ct/kWh auf 27€ct/kWh.(EWI-Studie 2024). Das ist für die Bürger unbezahlbar. Aber schlimmer ist: mit diesen Netzkosten wird es eine Industrie in Deutschland nicht mehr geben.
Denn schon heute lässt sich ein Teil der Industrie nur noch im Lande halten, weil die Netzgebühren durch den Bundeshaushalt von 6,5 €ct/kWh auf 2,86 €ct/kWh heruntersubventioniert wird. Dafür gibt die Bundesregierung im Jahre 2026 6,5 Milliarden € aus. Da aber der Haushalt wegen anderer Ausgaben klamm ist, hat Finanzminister Klingbeil den Zuschuss für 2027 um eine Milliarde € gekürzt, so dass die Netzgebühr für die Industrie im nächsten Jahr um 24 % auf 3,54 €ct/kWh ansteigen wird. Es ist heute schon klar, dass die erdrosselnden Netzgebühren der Zukunft vom Bundeshaushalt nicht aufgefangen werden können.
Zudem droht eine weitere Verschärfung durch die EU. Die EU bastelt an einer Veränderung der Strombinnenmarktverordnung. Die meisten EU-Staaten sehen nicht ein, dass Deutschland auf Grund seines Kernenergieausstiegs und der alleinigen Ausrichtung auf Solar und Wind extrem teure Netzkosten bekommt und dieses durch den Bundeshaushalt im Interesse der deutschen Industrie herunter subventioniert wird. Bei der Netzgeldentlastung steht Deutschland ziemlich allein da in Europa. Es steht zu befürchten, dass die anderen EU-Staaten Deutschlands Sonderweg bei der anstehenden Novelle der Strombinnenmarktverordnung abstrafen werden. Dann müsste die Industrie die vollen Netzgebühren tragen. Für viele wäre das das Ende. (Quelle: eur-lex.europa.eu, Artikel 18, Abs.4: staatliche Mittel nur nichtdiskriminierend, temporär. Im geänderten Text der Präsidentschaft ST 13586/26 (nicht öffentlich) ist das noch einmal verschärft worden.
Wie gut ginge es Deutschland ohne die grüne Energiewende? Hätte man noch 17 Kernkraftwerke, die im Norden wie im Süden einspringen könnten, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint, bräuchten wir diesen Wahnsinnsumbau des Stromnetzes nicht. Und selbst wenn man alle Kernkraftwerke auf den bestehenden Standorten zurückbringen würde, wären im schlimmsten Fall 80 Milliarden € fällig. Dies entspräche 2 Jahre an zusätzlichen Netzkosten der Energiewende, die noch unsere Kindeskinder belasten werden. Und: Wir hätten für 60-80 Jahre preiswerten Strom von etwa 5 €ct/kWh Erzeugungskosten und sparten 600-700 Milliarden € für das Hochspannungsnetz.

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Prof. Dr. Fritz Vahrenholt ist Honorarprofessor an der Universität Hamburg im Fachbereich Chemie. Von 1991 bis 1997 war er Umweltsenator der Freien und Hansestadt Hamburg. Von 1998 bis 2013 hatte er Vorstandsfunktionen im Bereich der Erneuerbaren Energien bei der Deutschen Shell AG, der Repower Systems AG und der RWE Innogy inne. Er war bis Ende 2019 Alleinvorstand der Deutschen Wildtier-Stiftung. Die Stiftung trennte sich von ihm wegen seiner klima- und energiepolitischen Kritik.