
Vor dem Böllerknall: Gänseschlafplatz (Nonnengänse) im Sommerpolder, Unterems, Höhe Ems-Stauwerk- Foto: Eilert Voß/Wattenrat
Die vielen Appelle der letzten Tage, aus Rücksicht auf Haus- und wildlebende Tiere auf Raketen und Böller zu verzichten, fruchteten nicht. Die ignorante Spaßgesellschaft tobte sich an Silvester (und auch noch am nächsten Tag) wieder lautstark aus. Dass Wildtiere, in diesem Falle Vögel, sehr empfindlich auf plötzlich einsetzenden Lärm und Lichtblitze reagieren, ist gut untersucht. Es kommt zur Orientierungslosigkeit und kräftezehrenden Panikfluchten, die unter Umständen sehr weit weg vom Ort der Störungen führen. Zu den akustischen Störungen gekommen nun örtlich die optischen Störungen dazu, grellbunte Lasershows, die die Böllerei ersetzen sollen.

Gänseschlafplatz an der Unterems, Höhe Ems-Stauwerk: Flucht nach Böllerkrachen, 01. Jan. 2026, 08:00h – Foto: Eilert Voß/Wattenrat
Das ist zwar gut gemeint, aber dennoch der Schritt in die falsche Richtung. Nie war es so einfach, sich im Internet darüber zu informieren. Laser werden gezielt zum Vertreiben von Vögeln, z.B. von lästigen Tauben, verwendet: „Vogelabwehr mit Lasertechnik“.
Die verschiedenen Gänsearten haben lange Zugwege von mehreren tausend Kilometer von Skandinavien bis Sibirien hinter sich und überwintern u.a. in den Gänserastgebieten in Nordwestdeutschland. Im Bereich der Meeresbucht „Dollart“ (Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer oder Naturschutzgebiete) befinden sich große Äsungs- und Schlafplätze. Dennoch dürfen einige Gänse- oder Entenarten im Schutzgebiet legal bejagt werden, nur kennen Jäger trotz des „grünen Abiturs“ (das soll die Jägerprüfung sein) oftmals nicht die feinen Unterschiede zwischen den jagdbaren und nicht jagdbaren Arten, sodass es neben den massiven Störungen immer wieder zu strafrechlich relevanten Fehlabschüssen kommt.

Tausende Nonnengänse von ihren Schlafplätzen vertrieben (Ems-Stauwerk im Hintergrund), sie warten auf Ruhe, 01. Januar 2026 – Foto:Eilert Voß/Wattenrat
Unser Mitarbeiter Eilert Voß aus Emden, der seit Jahren ab Anfang November bis Anfang Januar bei jedem Wetter die Störungen von arktischen Gänsen und anderen Zugvögeln an der Ems im Schutzgebiet „Petkumer Deichvorland“ (Teil des Naturschutzgebietes Unterems im EU-Vogelschutzgebiet Emsmarsch von Leer bis Emden) und darüberhinaus dokumentiert, hat die Störungen wieder in seinen aktuellen „Gänsewachtbericht“ aufgenommen (siehe unten).

Böllermüll, 01. Jan. 2026: Widdelswehr (Stadt Emden) an der Ems, Nähe Schutzgebiet „Petkumer Deichvorland“ – Foto: Eilert Voß/Wattenrat
Papier ist geduldig
Der Schutz dieser Flächen steht überwiegend auf dem Papier, auch zur Brutzeit werden in diesem EU-Schutzgebiet über Ausnahmegenehmigungen durch den Landkreis Leer die Grünlandflächen mehrfach im Jahr gemäht; die eigentlich streng geschützten Bruten der Wiesenbrüter kommen so unter die Kreiselmäher. Konkrete Anfragen des Wattenrates beim Landkreis Leer, auf welcher fachlichen Grundlage diese Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, wurden auch nach Erinnerungsmails nicht beantwortet. Dabei ist der Landkreis verpflichtet, die Anfragen nach dem Umweltinformationsgesetz im Detail zu beantworten. So erodiert der Rechtsstaat bereits auf kommunaler Ebene.

Fähranleger Petkum/Ems, am Schutzgebiet „Petkumer Deichvorland“ – Foto: Eilert Voß/Wattenrat
Erst am heutigen 04. Januar waren wieder größere Gänsetrupps auf den verschneiten Binnenlandweiden zu sehen. Auch auf der Ems sammeln sich wieder Gänse und Kiebitze.

Gandersum, 04. Jan. 2026: Nonnengänse kommen langsam zurück – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

04. Jan. 2026: Graugänse, Blässgänse, Nonnengänse und Kiebitze auf dem Emswatt, Außenmuhde bei Petkum – Foto: Eilert Voß/Wattenrat
Hier die Beobachtungen von Eilert Voß:
Mail von Eilert Voß (Auszug) vom 01. Januar 2026):
[…] Hier hat es letzte Nacht so laut geballert wie noch niemals. Heute Morgen erlebte ich Gänsescharen total schreckhaft und gereizt. Zwischen Widdelswehr und Gandersum sah ich keine Gans im Binnenland, weil Gänse offensichtlich Ängste haben, von Ems und Dollart über die Deiche hinweg zu fliegen-in die Gebiete hinein, in der sie regelmäßig Gras fressen und in denen es aktuell pausenlos ballert. Bin gespannt, was ich morgen am Deich erlebe und ob Gänse geschützte u. deichnahe Gebiete immer noch als Äsungsflächen meiden. […]
Auszug aus Gänsewacht-Bericht vom 02. Jan. 2026:
Fr. 02.01.2026 *Petkum- Siel*
Wetterdaten: +2,3 Grad C, bedeckt, Hagel u. Regen; Wind: W 6; SoA: 08:43; HW: 11:03 Uhr
07:15 Uhr: *Außenmuhde*; kein Fährverkehr, nach Silvester-Böllereien: „nur“ 70 Graugänse u. 12 Enten in weit vom Emsdeich entfernter Uferzone. Sommerpolder teilweise überflutet; keine rastenden Wasservögel. (Höchster Pegelstand 10:48
Uhr: 811 cm; ca. 1,5 m über dem Normalwert).
07:22 Uhr: *Sommerpolder*; Einflug von 1.200 Nonnengänse aus Richtung Dollart. Rast im Windschutz von westl. Sommerdeich.
08:05 Uhr: *NSG-Ostteil*; rasch ansteigende Flut übertrifft normale Fluthöhe bereits drei Stunden vor dem voraus berechneten Hochwasserstand um mehr als 30 cm. Emsnahe Vorlandbereiche sind überflutet und zwingen rastende Wasservögel zu Standortwechseln innerhalb des Schutzgebietes. Weidegängern wie Gänse, zu vorzeitigen Einflügen in Binnenland-Flächen. Letztere verweilen jedoch aktuell auf künstlich erhöhten Rastflächen, wie z. B. einem Spülfeld und abgelagertem Bauschutt oder Resten eines früheren, illegal errichteten Sommerdeiches. Um 8:30 Uhr erreicht das Hochwasser 730 cm am Pogumer-Pegel. *15.000 Gänse* bilden über der Spülfeldzone einen geschlossenen Schwarm, der sich unstrukturiert mal nach Süden, Richtung Ems bewegt, oder über dem Emsvorland kreist. Gänse vermitteln zweifellos den Eindruck, als dass sie unschlüssig sein könnten, in die gewohnte Flugrichtung einzuschwenken, der sie über den Emsdeich in Richtung ihrer binnenländischen Äsungsgebiete führt. Nur wenige Gänsegruppen lösen sich vom Schwarm, versuchen gegen den kräftigen Westwind Flughöhe zu gewinnen und fliegen erst nach und nach in den Petkumer- Hammrich. Gegen 9:00 Uhr, das Hochwasser erreicht mittlerweile 770 cm, sind weite Vorlandteile überschwemmt, befinden sich immer noch 8.000 Nonnengänse, auf einem inselähnlichen Spülfeld, welches aus dem Wasser ragt. Das ratlos wirkende Verhalten der Gänse steht im Gegensatz zu allgemein beobachteten Flügen von Gänsen, wenn bei Total-Überflutungen des Deichvorlandes und ausreichendem Licht, Gänse überschwemmte Zonen /sehr früh/ verlassen und mit der Äsung auf erhöhtliegenden Deichanlagen, oder dem dahinter liegenden Binnenland zu beginnen.
Erklären lässt sich die heutige Beobachtung nur mit Erfahrungen der letzten Tage, als es tagsüber und vor allem in der Silvesternacht rundum des Petkumer-und Dollart-Schutzgebietes pausenlos knallte und Lichtblitze für Verunsicherung sorgten. Dass Böllereien, der Abschuss von Raketen und ein Schrotbeschuss bei sensiblen Tieren noch 40 Stunden nachwirken, ist allerdings keine neue Erkenntnis: auch bei Gänsen ist das /kollektive Gedächtnis /offensichtlich sehr gut ausgebildet und bewahrt sie zwar nicht vor dem Beschuss über getarnten Jagdhinterhalten, doch vor allerlei Ungemach darüber hinaus. Dies wären auch Windkraftanlagen und ähnliche Gefahrenquellen, denen Gänse auf ihrer alljährlich zweimal stattfindenden Flugstrecke von der Arktis bis zur Unterems ausweichen.
Gänsewacht von 7:15-9:15 Uhr(Dank an einen Besucher aus Emden)