40 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Elogen und Realitätsverlust

Strengste Schutzzone im Nationalpark Wattenmeer (Ruhezone), Rysumer Nacken bei Emden – Foto: Sabine Bieler/Archiv Wattenrat

Bearbeitet und ergänzt am 12. Febr. 2026

Eigentlich war es vorhersehbar: Die 40-Jahrfeier des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven mit viel Polit-Prominenz verschwieg mehr, als die von den Medien verbreiteten Elogen auf das Schutzgebiet. Die Realität im Nationalpark sieht hinter der veröffentlichten Medienfassade anders aus. Hier einige Leseproben: Florian Carius, Nationalpark-Dezernatsleiter Kommunikation, Information & Bildung (ja, Bildung!), auch beim NABU in Wilhelmshaven als „Orni“ tätig, stellt in einer NDR-Meldung vom 06. Februar 2026 fest:

„Ein steigender Meeresspiegel würde das flache Wattenmeer grundlegend verändern. Steigende Temperaturen verändern schon jetzt die Lebensräume und bedrohen viele Arten, sagt Florian Carius. „Deshalb müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Und da ist die Energiewende der richtige Ansatz dafür. Das heißt, wir brauchen erneuerbare Energien.“ Mit „Erneuerbaren Energien“ wird man klimatisch nichts „in den Griff bekommen“, die funktionieren nur  wetterabhängig, das ist Klima-Hybris. Die Belastungsfaktoren Massentourismus, Schleppnetzfischerei, Muschelfischerei, Eutrophierung, Sedimentverklappungen, Sandentnahme oder die Zerstörung von Zugvogelrastgebieten im direkt angrenzenden Binnenlandbereich durch Intensivlandwirtschaft und mit riesigen Windparks blendet der Bildungsdezernent im NDR-Bericht  aus.

Nationalparkleiter Peter Südbeck und die Klimaherausforderung

Sein Chef, der Diplom-Biologe und Nationaparkleiter wird in einer dpa-Meldung vom 06. Februar 2026 in der Süddeutschen Zeitung zitiert: „Der Klimawandel ist die entscheidende Herausforderung, die Gefährdung, die Bedrohung für das Weltnaturerbe“, sagte Südbeck. „So ist auch der Klimaschutz eine Maßnahme zum Wattenmeerschutz.“

Die „russischen Schattenöltanker“

In der Pressemitteilung:  „Nationalpark wirkt – 40 Jahre niedersächsisches Wattenmeer – Schutz für Natur, Klima und Küste _ Nds. Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz“ wird auch auf hohem Niveau zeitgeistig geschwurbelt, von der „Klimakrise“ bis zu „russischen Schattenöltankern“. Nur die  oben erwähnten tatsächlichen negativen Entwicklungen werden weitgehend ausgeblendet. Olaf Lies (SPD), Ministerpräsident in Niedersachsen und politischer Windkraft-Lobbyist:  „Damit bleibt der Nationalpark ein zentraler Baustein für Klima-, Biodiversitäts- und Meeresschutz – heute und in Zukunft.“  Christian Meyer (B90/Die Grünen) und Umweltminister in Niedersachsen wird ein bisschen realistischer: „Gerade in Zeiten der Klimakrise ist der Nationalpark Wattenmeer von zentraler Bedeutung: Er schützt wertvolle Lebensräume, wirkt als natürlicher Klimaregulator und ist ein Frühwarnsystem für ökologische Veränderungen. Zugleich steht der Lebensraum vor großen Herausforderungen – von steigendem Meeresspiegel massiven Seegrasverlusten, Plastikmüll, Rohstoffabbau, russischen Schattenöltankern bis hin zu zunehmenden Nutzungsansprüchen.“

Willkommen im Weltnaturerbe: Norderney – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Nationalparkleiter Südbeck bescheinigt sich selbst die „positive Weiterentwicklung“

Dem Nationalpark Nieders. Wattenmeer wird laut Umweltminister Meyer zudem attestiert: „Die aktuelle Evaluation des Nationalparks durch seinen Dachverband Nationale Naturlandschaften e. V. zeigt, dass sich der Nationalpark insbesondere im letzten Jahrzehnt sehr positiv weiterentwickelt hat“.  Und wer ist Vorsitzender des Dachverbandes? Peter Südbeck, Leiter des Nationalparks Nieders. Wattenmeer. Wie praktisch, sich selbst die „positive“ Weiterentwicklung zu bescheinigen und mit  wohlfeilem „Klima“ von den tatsächlichen negativen Entwicklungen im Schutzgebiet abzulenken.

Kitesurfer -Spots im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, ohne vorherige gesetzliche Veträglichkeitsprüfung- Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Die Weichselkaltzeit und das Wattenmeer

Das Wattenmeer entstand erst durch den Meeresspiegelanstieg nach dem Ende der Weichsel-Kaltzeit vor ca. 12.000  Jahren, der bis heute anhält, mit derzeit moderaten ca. 2 mm. Damals lag der Meeresspiegel der Nordsee bis zu 120 Meter tiefer als heute, das trockene tundraähnliche „Doggerland“. Watt und Salzwiesen wachsen mit dem Meeresspiegelanstieg mit, nur eben die Deiche nicht, das ist das Problem, die müssen ständig in der Höhe angepasst werden. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) sieht das so:

 Das Wattenmeer mit seinen Tier- und Pflanzenarten hat im Laufe der Jahrtausende nach der Kaltzeit mehrfach starke Klimaschwankungen mit langen Warmzeiten, wärmer als heute, er- und überlebt. Nicht überlebt dagegen haben den drastischen postglazialen Klimaumschwung, verbunden mit der Nachstellung durch Homo sapiens, die Tiere der Megafauna, wie z.B. das Wollhaarnashorn, das Wollhaarmammut, der Höhlenbär, der Riesenhirsch oder in Amerika die Säbelzahnkatze. Das konnten schon Kinder in der Zeichentrick-Filmserie „Ice Age“ lernen.

Die Naturschutzverbände: Welterbetitel in Gefahr?

Kritisch (endlich!) äußerten sich einige Naturschutzverbände zum Nationalparkjubiläum in der dpa-Meldung, obwohl sie jahrelang die Offshore-Windenergienutzung unterstützt hatten: BUND, WWF und Umwelthilfe sehen mit Sorge, dass der Nutzungsdruck durch neue Offshore-Windparks, Kabeltrassen, Gasbohrungen, LNG-Terminals und Schifffahrt auf die Nordsee steigt – und damit auch auf das sensible Ökosystem. Sie fordern daher die Landesregierung auf, das Wattenmeer entschiedener zu schützen.“ Man fürchte, dass „der Welterbe-Titel auch wegen der Gas-Pläne vor Borkum in Gefahr sein könnte“. Nur gibt es weit mehr Belastungsfaktoren als die Gasbohrpläne. Der UNESCO-Weltnaturerbetitel wurde den deutschen Wattenmeernationalparken 2009 verliehen, als werbewirksames Etikett für die Tourismusindustrie. Motor der Verleihung war der damalige FDP-Politiker Walter Hirche, früher Landtagsabgeordneter in Niedersachsen und Bundestagsabgeordneter; 2009 war er Präsident der deutschen UNESCO-Kommission.

Hinweisschild an der A31 in Ostfriesland  – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

 Paradigmenwechsel vom Naturschutz zum imaginären „Klimaschutz“

Irreführend ist der Paradigmenwechsel vom Naturschutz zum politisch gehypten, aber nur imaginären, aber dogmatisch verbreitetem „Klimaschutz“. „Klima“ ist das statistische Ergebnis von 30 Jahren Wetteraufzeichnung in einer definierten Region. Allein in Deutschland gibt es von der Nordsee über den Oberrhein bis zu den Alpen verschiedene Klimate. Weder kann man das Wetter „schützen“ noch in der Folge das statistische Ergebnis „Klima“. 

Der letzte Versuch: Seeschwalben und Sandregenpfeifer brüten hinter einem Absperrzaun, Strand Norderney – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Real ist die Biodiversitätskrise

Tatsächlich beunruhigend ist die „Biodiversitätskrise“, abzulesen auch am z.T. dramatische Brutvogelrückgang der bodenbrütenden Limikolen (Watvögel). Ursache sind u.a. die Intensivierung der Landwirtschaft mit den damit verbundenen Lebensraumzerstörungen wie Trockenlegung von Feuchtgebieten oder die häufige Mahd. Auf den touristisch (über-) genutzten Inseln ist es der Rückgang der strandbrütenden Vogelarten, nicht aber das „Klima“. Bereits vor zehn Jahren berichtete der Wattenrat kritisch über die damalige 30-Jahrfeier des Nationalparks in der Zeitschrift „„Nationalpark“, verbunden mit 5 Jahren Weltnaturerbe.

Die Generation „Klima“ hat übernommen

Auch in der Nationalparkverwaltung wie auch in den Redaktionsstuben der Medien hat ein Generationenwechsel stattgefunden, die junge Generation nimmt offensichtlich die Historie des Nationalparks mit den politischen Einflüssen und den zunehmenden Belastungsfaktoren geschichtsvergessen nicht mehr wahr. Der Unterricht „Biologie“ ist zudem während der Schulausbildung ein Stiefkind geworden. Vermutlich wird an den Hochschulen auch schon die politisch korrekte Klimanummer gelehrt. Inzwischen gibt es in Deutschland das Greenpeace-Projekt „Klimaschulen“: „Die Forderung von Fridays for Future, Greenpeace und vielen weiteren Akteur:innen der Umweltbewegung ist richtig: Deutschland muss klimaneutral werden…Der CO₂-Schulrechner: Greenpeace und das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) haben speziell für Schulen einen CO2-Rechner zur Ermittlung des Klima-Fußabdrucks von Schulen entwickelt.“ Kritiker sprechen inzwischen von gezielter Klima-Indoktrination an den Schulen.

CO2 mit 0,04 Prozent Anteil an der Atmosphäre ist kein Giftstoff, der Anteil lag in der Erdgeschichte schon um ein Vielfaches höher. Das Klima wird von multiplen Faktoren beeinflusst, z.B. von Meeresströmungen, Wolkenbildung oder Sonnenzyklen, aber nur marginal vom CO2.  Die Reduzierung auf CO2 ist Politik, keine Wissenschaft. Hintergrund der Fixierung auf das Spurengas CO2 ist seit 2005 der europäische Zertifikatshandel, das Geschäftsmodell mit heißer Luft. Hat sich das Wetter oder das Klima (welches?) dadurch geändert? „Klimaneutral“ ist ein nichtssagendes Wieselwort, weder kann man das Wetter noch in der Folge das Klima mit „Aktionen“ ändern.

Klimawissenschaftler Dr. Stephen Schneider († 2010), Mitarbeiter beim politischen UNO-Gremium IPCC im Magazin „Discover“, 1989: „Also müssen wir Schrecken einjagende Szenarien liefern, müssen vereinfachte, dramatische Aussagen machen, und dürfen Zweifel, die wir vielleicht haben, kaum erwähnen. Diese „ethische Doppelbindung“, in der wir uns oft befinden, kann durch eine Formel gelöst werden. Jeder von uns [Forschern] muss entscheiden, was die richtige Balance ist zwischen effektiv sein und ehrlich sein. Ich hoffe, dass es auf beides hinausläuft.“

Die Zeiten haben sich geändert 

Die alten tatsächlichen Naturschützer „mit Herzblut“ sterben langsam aus. Beim Wattenrat kann man die Entwicklung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer nachlesen, hier arbeiten die Zeitzeugen der ersten Stunde als Chronisten, die die negativen Veränderung nicht vom Schreibtischsessel aus miterlebt haben. Erinnert sei an die denkwürdige Trilaterale Ministerkonferenz der Staaten Dänemark, Niederlande und Deutschland 1991 in Esbjerg/Dänemark, in der damals die tatsächlichen Belastungsfaktoren des Wattenmeeres deutlich aufgezeigt und Empfehlungen zur Vermeidung gegeben wurden. Die Esbjerg-Deklaration blieb überwiegend bedrucktes Papier, die damaligen besorgten Akteure sind heute entweder in Rente oder schon beerdigt. 2006, 20 Jahre nach Ausweisung des Nationalparks, wurde von den Naturschutzverbänden unter wesentlicher Zuarbeit des Wattenrates noch eine kritische Nationalparkbilanz veröffentlicht; „Klimaschutz“ kam darin nicht vor, dafür aber die tatsächlichen Belastungen. Diese Bilanzen gibt es nicht mehr. Und die immer wieder auftauchende Frage, ob diesem „Schutzgebiet“ wegen der vielen Eingriffe das werbewirksame Etikett „Weltnaturerbe“ aberkannt werden soll, kann eigentlich nur mit einem „Ja“ beantwortet werden.

P.S.: Ein Nachwort am Rande

Zu den 250 geladenen Gästen der 40-Jahre-Jubiläumsfeier zählten Mitarbeiter des Wattenrates als „Veteranen“ nicht, wie auch. Traurig sind wir darüber nicht, wir wussten, welche Reden uns erwartet hätten. Aber wir waren bei der Eröffungsfeier im Jahr 1986 in Wilhelmshaven mit dabei. Eilert Voß, unser „Aktivist“ und Fotograf, machte sich schon damals unbeliebt. Hier eine kleine Anekdote vom Rande der damaligen Feier: Während der Veranstaltung, als Dr. Gottfried Vauk, Leiter der Vogelwarte Helgoland, seine Rede nach Ministerpräsident Albrecht (CDU ) am Stehpult hielt, öffnete sich hinter ihm der Vorhang zu einer Seitentreppe, von der die Schaufensterpuppe „Bruno“ von Eilert hereingeschoben wurde.

Schaufensterpuppe Bruno: „Wie edel ist die Wattenjagd?“ -Foto: Archiv Wattenrat

„Bruno“ war als Wattenjäger angezogen, trug zwei echte tote Enten am Gürtel und eine Schrotflinte aus einem Besenstiel mit zwei Metallrohren und einem Pappschild um den Hals. Aufschrift in Fraktur: „Wie edel ist die Wattenjagd“. Es wurde schlagartig ruhig im Raum, zwei Sicherheitsbeamte stürzten sich auf Eilert und drängten ihn zurück hinter den Vorhang und dann über die Treppe nach unten. Das hätte auch nach hinten losgehen  können. Aber der Beharrlichkeit von Eilert Voß ist es zu verdanken, dass die Wattenjagd (Lizenzjagd) schließlich eingestellt wurde. Auf den Ostfriesischen Inseln im Nationalpark darf immer noch gejagt werden, auf Gänse und Enten, die auch Zugvögel sind. Auch an anderer Stelle war er vorher aktiv, was zur Verhinderung von Luftkissenbooten im Watt führte.

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