Friesisch herb

DIE STERN-KOLUMNE – Die Woche, 25. Oktober 1996

Naturschutz-friesisch herb

Wenn Liebe zur Natur in Haß auf Naturschützer umschlägt: Der Aufstand der Krabbenfischer und Gastwirte gegen den Nationalpark Wattenmeer

Selten hat sich eine moderne Gesellschaft schneller und radikaler von einem mehrheitlich akzeptierten Postulat verabschiedet als die Deutschen vom Schutz der Natur. Für die Politik ist er nicht einmal mehr Gegenstand von Sonntagsreden, und in allen Umfragen rutschte er, seit Theo Waigel um die Milliardenlöcher im Haushalt Slalom fährt von einem Spitzenplatz ans Ende der abgefragten Problemfelder. Standort Deutschland über alles und mit Schrempp & Co zum Sieg! Banken „machen den Weg frei!“ Und keiner fragt: Wohin?

Begegneten Politik und Öffentlichkeit der Restnatur nur mit Desinteresse – es könnte ihr sogar zum Nutzen gereichen; in Ruhe gelassen, würde sie an manchen Orten wieder genesen. Aber es schlägt ihr offene Feindseligkeit und ihren Hütern blanker Haß entgegen. Das ist neu. Solange die Stimmung im Land ausweislich der Umfragen eindeutig pro Natur war, bewegten auch die Politiker im Bekenntnis zu ihr die Lippen. Nun, da reinstes FDP-Gelb einschießt ins ohnehin blasse Regierungsgrün, fallen die rhetorischen Feigenblätter, und Macher wie Nutzer heben die Köpfe.

Aus der Vokabel „Ökologie“, die jahrelang everybody´s darling war, wurde über Nacht das Schimpfwort „Ökoismus“. Was Kohl die „Schöpfung“ nennt, ist wieder Rexrodts kostenfreie Ressource. Nirgends zeigt sich das neue Auftrumpfen der Naturnutzer, ihr reaktionäres Herr-im-Haus-Gehabe deutlicher als in den Gebieten, denen in besseren Zeiten die höchste gesetzliche Schutzkategorie zugestanden wurde: in den deutschen Nationalparks. Im Bayerischen Wald gab es Brandanschläge gegen Parkeinrichtungen, klebten RAF-Plakate unseligen Angedenkens mit der neuen Kampfparole „Tod dem Nazionalpark!“

Waren das noch die Taten feiger Namenloser, so rief in Brandenburg der Landwirtschaftsminister Edwin Zimmerman n (SPD) höchstselbst die Bauern auf, mit ihren Traktoren die Schranken niederzureißen, die im Einklang mit dem Gesetz die Zufahrten zum Nationalpark Unteres Odertal sichern sollten. Und jetzt, an der Nordseeküste, der offene, mit Gewalt gegen Personen drohende Aufstand der Naturnutzer – Fischer, Bauern, Gastronomen – gegen die schon immer ungeliebten Nationalparkzwillinge Schleswig-Holsteinisches und Niedersächsisches Wattenmeer. „Biologen hinter Gitter!“ plakatieren sie, und: „Hoch soll’n sie leben, die Grünen – an jedem Baum einer!“

Das Wattenmeer zwischen dem dänischen Esbjerg und dem holländischen Den Helder ist weltweit das bedeutendste Ökosystem dieser terrestrisch-aquatischen Art. Es ist Brut- und Mauserraum großer Seevogelansammlungen, Drehscheibe des internationalen Vogelzugs und Kinderstube vieler Seefische. Und es ist durch menschliche Nutzung und Verschmutzung bis an die Grenzen seiner Regenerierungsfähigkeit belastet, manche sagen: längst darüber hinaus. Und so waren es nicht menschenfeindliche Biologen auf der Suche nach einer „Spielwiese“, wie ihnen nun polemisch unterstellt wird, sondern die Regierungen der drei Küstennationen, die in mehreren Konferenzen den Schutz allen Lebens in den Nordseewatten beschlossen.

Den Wortführern des Aufruhrs ist anzuraten, einmal nachzulesen, wie rigoros die Absichtserklärung der Anrainerstaaten zum Schutz der Nordsee-Flora und Fauna ist, die 1991 auch die Bundesregierung unterschrieb. Dagegen ist das, was sich davon in den Nationalparkverordnungen niederschlug, mit seinen vielen Ausnahmeregelungen und Zugeständnissen an menschliches Wirtschaften und Freizeitverbringung nur ein müder Aufguß.

Von diesem Mißverhältnis ausgehend, hat die Nationalparkverwaltung im schleswig-holsteinischen Tönning nach jahrelangen – pflichtgemäßen Ökosystemforschungen ein von 19 wissenschaftlichen Institutionen getragenes Absichtspapier zur Erweiterung des Schutzes vorgelegt. Es wurde, obwohl ausdrücklich als ergebnisoffenes Diskussionsangebot bezeichnet, sogleich zur Brandfackel.

Besonders die Küstenfischer erregen sich, als ginge es für sie um Sein oder Nichtsein. Man fragt sich: Was soll das Geschrei? Die befischbare, derzeit keinem Verbot unterliegende Fläche im nordfriesischen Nationalpark ist rund 115 000 Hektar groß. Lediglich das Lister Tief (4600 Hektar) und das Wesselburer Loch (5200 Hektar) sollen als „Referenzflächen“ in Zukunft tabu sein – 8,5 Prozent! Bedenkt man nun noch, daß die tatsächlich befischte Meeresfläche seewärts bis an die Zwölf-Meilen-Grenze reicht, und rechnet man auch nur drei Viertel dieses Gebiets zur befischbaren Nationalparkfläche hinzu, so machen die beiden Referenzgebiete ganze 2 Prozent der befischbaren Gesamtfläche aus. Im niedersächsischen Nationalpark gar gibt es, abgesehen von ein paar Minimalflächen in Ruhezonen, keine Einschränkungen, und Monika Griefahn (SPD), die zuständige Umweltministerin in Hannover, wiegelte – die internationalen Vorgaben populistisch ignorierend – sogleich ab: Es werde auch keine geben. Wie denn auch?

Gerhard Schröder, ihr Regierungschef, hat seinen Nationalpark mit dem Bau der Gasleitung Europipe quer durchs Watt an die Energiekonzerne Statoil und Ruhrgas verkauft. Die zahlten dafür mit einer 50-Millionen-„Wattenmeerstiftung“, aus der bisher an den Nationalpark 2000 Mark für ein paar Mikroskope und 200 000 Mark für eine Solarheizung des Schwimmbads von Dornumersiel flossen.

Alles nebbich! Die ostfriesischen Inseln, die Gastronomie- und Fischereiverbände gaben dramatisch klingende Solidaritätserklärungen für die nordfriesischen Kollegen ab. Mit Bussen machten sie sich auf den Weg nach Büsum, wo eine mit Plakaten über die Toppen geflaggte Kutterflotte einlief. „Freiheit statt Ökoismus“.

Es wären die ostfriesischen Schlepptaufahrer des Aufruhrs im Norden besser nach Westen, nach Emden, gereist und hätten dort gegen ein Chemiewerk protestiert, das am gegenüberliegenden Ems-Ufer, beim holländischen Delfzijl, vom amerikanischen Konzern B. F. Goodrich gebaut wird. In der Produktion werden 15 verschiedene halogenierte Kohlenwasserstoffe anfallen, die in einer EU-Liste als „geächtet“ gelten. Die Strömung wird die Abwässer dieser PVC-Großkocherei in die Fanggründe im Nationalpark tragen. Kein Fischer muckte auf.

Die zweite Stimme im Chor der Aufrührer singt, nein schreit der Tourismus. Und das vor dem Hintergrund zweistelliger Zuwächse, so daß die Lokalpresse kürzlich wieder jubelte: „Ostfriesland ist bei Urlaubern absolute Spitze.“ Der Augenschein bestätigt es: Mitte Oktober noch waren die Großparkplätze auf ehemaligen Salzwiesen bei Bensersiel vor der – autofreien – Insel Langeoog gerammelt voll. In der Saison tummeln sich an manchen Tagen gar bis zu 15 000 Touristen auf Langeoog – bei einer Wohnbevölkerung von 2 000! Daß diese Menschenströme mit dem Brut- und Rastgeschehen in der Vogelwelt kollidieren, liegt auch für die Insulaner auf der – aufgehaltenen – Hand. Aber es ist nie genug. Das Fremdenverkehrsgewerbe begreift sowenig wie die Fischer den Nationalpark als Schutz der eigenen Lebensgrundlagen – Landschaft und Fischreichtum – vor stetig wachsender Übernutzung, sondern nur als ein Hindernis im Gewinnstreben. Alle ostfriesischen Inseln kündigten dem Naturschutz die Zusammenarbeit auf.

Auch andere scheren sich nicht um Vorschriften. Der staatliche Küstenschutz fährt mit Kettenfahrzeugen durch die streng geschützten, ornithologisch und botanisch wertvollen Salzwiesen, wo selbst das Spazierengehen nicht erlaubt ist. Vor den Deichen, an den absoluten Ruhezonen des Nationalparks, lassen Ausflügler in Scharen ihre bunten Lenkdrachen fliegen – ein jeder ein Raubvogel in den Augen der Enten und Gänse dichtbei. So scheuchen sie arglos große Flächen vogelfrei. Monströse Ansammlungen von hochhaushohen Windkrafträdern, oft hart hinter der Nationalparkgrenze, schrecken sie vom Flug in ihre landeinwärts gelegenen Nahrungsräume ab. So scheußlich und so dicht stehen diese Betonspargel in der flachen Landschaft hinter den Deichen, daß Bensersiels Kurdirektor den Urlaubern schon rät, „in die andere Richtung zu gucken“.

Manfred Knake, Lehrer und zuständiger Landschaftswart, läßt Sarkasmus aus seinem Günter-Grass-Schnauzer tropfen: „Dieser Nationalpark ist Niedersachsens größter Freizeitpark mit Naturschutzverordnung.“ Dann deutet er auf ein Wahlkampf-Flugblatt der Langeooger CDU: „Nationalpark a la Griefahn heißt: Weniger Gäste, weniger Arbeitsplätze und noch weniger Heimat!“ Der Schnauzer bewegt sich wieder: „Von den 14 auf der Rückseite genannten Kandidatinnen und Kandidaten sind sieben in der Gastronomie und im Getränkehandel tätig. Es muß der Geist der Mirabelle sein, der zu solchen Flugblattaussagen führt…“

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