7. Februar 2011

„Windräder keine Vogelschredder“, sagt das Bundesumweltministerium, eine Entgegnung

Nonnengänse vor einer Windkraftanlage im EU-Vogelschutzgebiet "Wybelsumer Polder" bei Emden

Gestern bekam die Windenergielobby eine neues Geschenk vom Bundesumweltministerium: Bundesweit wurde ein dpa-Bericht veröffentlicht, der sich auf eine 1 Million Euro teure Studie des BMU bezieht, nachdem „Windräder keine Vogelschredder“ sein sollen.

Die BMU-Statistik sagt aus, es gäbe „in den vergangenen Jahren“ 146 Rotmilane, 163 Mäusebussarde, 25 Wintergoldhähnchen, 87 Tauben und 30 Stockenten, die tot unter deutschen Windrädern gefunden wurden. Ein flächendeckendes Phänomen sei das nicht, der „Mythos vom Massensterben“ sei damit widerlegt. In Deutschland stürben die meisten Vögel eher, weil sie gegen Gebäude oder Autos flögen oder von Katzen gefressen würden.

Was die „Studie“ und der Bericht nicht im Detail erwähnen: Über welchen genauen Zeitraum wurden die Daten erhoben, wie oft wurde zu welcher Uhrzeit gezählt, wo genau wurden die Totfunde verzeichnet? Die tatsächlichen Funde können nur die berühmte „Spitze des Eisbergs“ sein, weil die meisten Opfer gar nicht gefunden werden können, weil nicht gründlich danach gesucht wird (oder werden kann) oder Füchse und andere Greifsäuger schneller waren. Und wer hat die Studie mitfinanziert? Antwort: Die Windindustrie!

Fakt ist, dass es kaum systematische Untersuchungen über Totfunde, nach Jahreszeiten und Arten gelistet, an Windkraftanlagen gibt. Ein Beispiel: Der Wind“park“ Utgast im Landkreis Wittmund (nur ca. 1,5 km vom Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer entfernt), hat eine Flächengröße von ca. 2 qkm mit 50 Anlagen. Im Wind“park“ befinden sich ca. 10 km extra angelegte Schwerlaststraßen zur Wartung der Anlagen. Man müsste als systematisch jeden Tag diese 10 km ablaufen und schon sehr früh nach Anflugfopfern suchen. Und man muss schneller und früher sein als der Fuchs, der die Anflugopfer sicher findet und wegträgt. Fledermäuse als Todesopfer, die allein durch das „Barotrauma“, den Luftdruckunterschied vor und hinter den Rotoren durch Lungenriss ums Leben kommen, werden gar nicht erwähnt.

Derzeit gibt es mehr als 25.000 Windkraftanlagen in Deutschland an den verschiedensten Standorten von der offenen See, über einige Inseln, im Flachland bis in die Mittelgebirge. Jetzt sollen auch noch die Wälder für die unersättliche Windlobby und der damit verbandelten Politik geöffnet werden.

Allein auf See wird man die verunglückten ziehenden Vögel nie finden, wenn sie gerade bei unsichtigem Wetter wie Nebel, Regen und Dunkelheit an den Masten oder Rotoren verunglücken. Das Bundesumweltministerium finanzierte von 2004 bis 2007 das „Minos+ Projekt“, das die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf See untersuchen sollte.

Mit Hilfe von Radarbeobachtungen und Wärmebildkameras entdeckten die MINOS+ Wissenschaftler, dass sich der Vogelzug wetterbedingt auf sehr wenige, besonders geeignete Nächte konzentriert. So sind bei günstigem Wetter zwei Drittel der Zugvögel in Höhe der geplanten Windkraftanlagen (bis zu 200 Meter) über der Nordsee unterwegs. Nach zwei starken Zugnächten wurden auf einem(!) Messturm (ohne Rotoren!) in der Nordsee mehr als 200 Vögel gefunden, die an diesem Hindernis den Tod fanden. Wie viele Vögel werden es erst sein, wenn die Nordsee mit Offshore-Wind“parks“ zugebaut sein wird?

Der Hinweis darauf, dass Vögel ja ohnehin an Gebäuden, Autos oder durch Katzen ums Leben kämen, kann keine Rechtfertigung für noch mehr tödliche Bauwerke direkt in wichtigen Vogellebensräumen sein. Diese Opfer kommen zu den bekannten Ursachen hinzu!

Durch Rotor halbierte Silbermöwe, Wind"park" Utgast/LK Wittmund

Tobias Dürr führt beim brandenburgischen Landesamt für Umwelt die „Zentrale Fundkartei über Anflugopfer an Windenergieanlagen (WEA)“. Er betonte in der dpa-Meldung: „Ich halte die Fundzahlen unter den genannten Umständen schon für bemerkenswert hoch.“ Die realen Zahlen seien sicher viel höher. Bei zwei modellhaft untersuchten Windparks „kamen wir auf eine Schlagopferrate von 1,4 beziehungsweise 3,3 Greifvögeln je WEA, was sehr hohe Werte sind“, betont Dürr.

Der mitgliederstarke NABU, ehemals Deutscher Bund für Vogelschutz, dessen vormaliger Präsident sich nun zum Präsidenten des Bundesumweltbundesamtes hochgedient hat, wiegelt indes staatstragend und lobbykonform ab:  „In Deutschland leben 60 Prozent des Weltbestands der seltenen Rotmilane“, sagt Projektleiter Hermann Hötker vom Michael-Otto-Institut des NABU der Presse. Das seien nur noch etwas mehr als 10.000 Paare. Klar sei aber, dass keine Vogelart durch Windräder akut in ihrem Überleben gefährdet sei. Aber es gäbe ein paar Maßnahmen, die das Risiko mindern könnten, etwa ein ausreichender Abstand von den Horsten und der Verzicht auf das Mähen zwischen den Windanlagen. „Dann verlieren zum Beispiel Hamster nicht die Deckung und sind besser vor Greifvögeln geschützt.“ Man müsse die Nahrungssituation rund um Windanlagen „möglichst unattraktiv“ gestalten. Zum besseren Verständnis zur windelweichen Position des NABU: Der Naturschutzbund Deutschland arbeitet in der „NABU-Unternehmerinitiative“ zusammen mit Stromanbietern und empfiehlt die sog. „Ökostromanbieter“, vertritt also die Windkraftnutzung als Naturschutzverband nicht nur ideell.

Dem NABU ist zu entgegnen, dass es nicht gleich darum gehen muss, dass eine komplette Art durch Windräder am Überleben gehindert wird (was für die letzten Großtrappen in Brandenburg bereits zutrifft). Es geht auch eine Nummer kleiner, nämlich die ungestörte Erhaltung von Vogellebensräumen gegen den Anspruch der Lobbyisten des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG), alle Lebensräume mit Hilfe der willfährigen Politik für die Windkraftnutzung (oder Solarnutzung) in Anspruch zu nehmen, vordergründig für einen vorgeblichen „Klimaschutz“, in Wahrheit aber um die enormen Subventionsgelder aus der Zwangsabgabe für alle Stromkunden aus dem EEG abzuziehen, nackter Profit also.

Da können das Bundesnaturschutzgesetz oder die Vorgaben der EU-Vogelschutz- oder FFH-Richtlinie schon hinderlich bei der „Lizenz zum Gelddrucken“ sein, also rechnet man die Todesfälle der Vögel regierungsamtlich klein. Nur glaubt das niemand, der sich ernsthaft mit der Materie befasst.

Rastende Gänse und Watvögel halten in der Regel weiten Abstand zu WKA

Eins hat die Studie überhaupt nicht berücksichtigt: den enormen Lebensraumverlust durch den Scheucheffekt der Windkraftanlagen, von dem vor allem rastende Gänse und Watvögel an ihren Nahrungsplätzen betroffen sind. Gut untersucht ist das Meideverhalten dieser Arten durch nur eine Windkraftanlage, die auch durch Ausnahmebeobachtungen an Windrädern bei Nahrungsknappheit nicht relativiert werden können

Es bleibt also dabei: Windkraftanlagen bedeuten eine erhebliche Gefährdung für viele Vogelarten und auch Fledermäuse, entweder durch den direkten Anflug oder durch den Scheucheffekt verursachten Lebensraumverlust.

Link: Offshore-Windenergie: Vogelhäcksler auf See

* Der Tagungsband der TU-Berlin: „Windkraft und Vögel, Ausmaß und Bewätigung eines Konflikts“, ist auf Anfrage beim Wattenrat als .pdf-Datei erhältlich (ca. 21 MB!). Der vollständige Tagungsband wurde bereits aus dem Internet entfernt, es sind nur noch „pro domo“-Beiträge daraus von windkraftnahen Planungsbüros im Internet abrufbar.

* Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen, Heft 5/93, Beiträge zur Eingriffsregelung II, Hrsg. Niedersächsisches Landesamt für Ökologie (NLÖ), enthält Beiträge zum Konflikt Windkraft, Natur- und Landschaftsschutz und zum Einfluss von WKA auf die Rastplatzwahl von Watvögeln.

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