Gänsejagd: AfD im Niedersächsischen Landtag will Jagd ausweiten – mit fragwürdigen Argumenten

Gandersum/Ems: Zur Jagdzeit fotografierte Blässgänse mit Flügelverletzungen: flugunfähig – Archivfoto: Eilert Voß/Wattenrat

Das Leben von wildlebenden Gänsen ist nicht ungefährlich: Viel kann auf den langen Zugwegen aus den arktischen Brutgebieten in Sibirien und Nordeuropa bis in die Überwinterungsgebiete in Deutschland geschehen: Prädatoren, Geflügelpest-Virenkontakte von infizierten Vögeln aus der Massentierhaltung, Kollisionen an Hochspannungsleitungen und Windkraftanlagen oder Begegnungen mit Gänsejägern, die, das lassen Fehlabschüsse vermuten, noch nicht einmal die verschiedenen Gänsearten, ob jagdbar oder nicht jagdbar, beim Blick über die Laufschiene sicher unterscheiden können. Auch in den europäischen Vogelschutzgebieten sind die wildlebenden Gänse vor Nachstellungen nicht sicher. Die Jagdgesetze werden je nach politischer Gemengelage nach den Landtagswahlen immer wieder verändert, je nachdem, welchen Einfluss die Lobbygruppen der Jäger und Landwirte auf die Gesetzgebung haben.

Darüber wurde schon öfter auf den Wattenratseiten berichtet.

„Kollateralschaden“: frischtote Blässgans nach der Jagd bei Dunkelheit und Nebel (nicht der Originalfundort!) – Archivfoto: Eilert Voß/Wattenrat

Aktuell versucht der Landtagsabgeordnete Jens-Christoph Brockmann der AfD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, die Jagdeinschränkung bei Gänsen zu lockern. Er brachte am 12. Dezember 2025 den Entschließungsantrag „Konsequentes jagdliches Gänsemanagement in Niedersachsen – Landwirtschaft entlasten, Bodenbrüter schützen, Seuchenrisiken reduzieren“ – und der hatte es in sich. Auf seinen weitgehend faktenbefreiten Antrag hat der Wattenrat mit einem Schreiben an den AfD-Abgeordneten reagiert, das sie nachfolgend lesen können. Auch die Presse bekam dieses Schreiben in Kopie zugemailt. Man darf gespannt sein, ob das Thema von den Medien aufgegriffen wird. In der Vergangenheit hat die Regionalpresse in Ostfriesland in der Regel ohne viel Recherche die interessengeleitete Sichtweise der Bauern und Jägern zur Gänsejagd wiedergegeben. Hier können sie den AfD-Entschließungsantrag in voller Länge nachlesen: Antrag AFD auf Ausweitung der Jagd auf Zugvögel

Jagdzeit im EU-Vogelschutzgebiet an der Ems: verletzte und flugunfähige Blässgans – Archivfoto: Eilert/Voß/Wattenrat

Herrn
Jens-Christoph Brockmann
AfD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag
Hannover

per Mail

Ihr Entschließungsantrag der AfD-Fraktion vom 12. Dez. 2025: „Konsequentes jagdliches Gänsemanagement in Niedersachsen – Landwirtschaft entlasten, Bodenbrüter schützen, Seuchenrisiken reduzieren“

Guten Tag, Herr Brockmann,

vor mir liegt Ihr Entschließungsantrag der AfD-Fraktion vom 12. Dez. 2025: „Konsequentes jagdliches Gänsemanagement in Niedersachsen – Landwirtschaft entlasten, Bodenbrüter schützen, Seuchenrisiken reduzieren“. Darin findet sich diese Begründung:

„Niedersachsen verzeichnet seit Jahren stark wachsende Gänsebestände. Insbesondere Grau-, Kanada- und Nilgans erreichen inzwischen Bestandsdichten, die zu erheblichen Nutzungskonflikten führen. Die aktuelle Jagdstreckenentwicklung bestätigt die hohe Populationsdynamik, ohne dass bis lang eine spürbare Entlastung für Landwirtschaft und Naturschutz erzielt werden konnte. Die von Wildgänsen verursachten Fraßschäden auf landwirtschaftlichen Flächen haben in vielen Regionen ein wirtschaftlich erhebliches Ausmaß erreicht. Der Brut- und Aufzuchterfolg heimischer Wiesen- und Bodenbrüter wie z. B. Kiebitz, Uferschnepfe oder Brachvogel ist gefährdet – gerade in Vogelschutzgebieten, die ursprünglich auch zu ihrem Schutz ausgewiesen worden sind. Darüber hinaus liegt nahe, dass die Ausbreitung der Aviären Influenza durch hohe Gänsebesätze begünstigt wird. Die bisherige Ausdehnung der Jagdzeiten in den Sommer hinein hat sich als weitgehend wirkungslos erwiesen, da die maßgeblichen nordischen Gänsepopulationen während dieser Zeit in ihren arktischen Brutgebieten verweilen. Eine wirksame Bestandsregulierung ist vielmehr im Herbst- und Spätwinterzeitraum erforderlich. Andere Bundesländer haben diese Entwicklung erkannt und ihre Jagdzeiten bereits entsprechend angepasst.“

Ihre Begründung hat mit der Realität wenig zu tun und zeugt von wenig Sachkenntnis. Der Jahreslebensraum (!) der hier überwinternden Gänse reicht von Sibirien über Skandinavien bis nach Nordwestdeutschland und darüberhinaus. Einige Gänsearten haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt; die Zunahme stagniert seit ein paar Jahren. Örtlich können die arktischen Gänse zu Einbußen nur beim ersten (!) Grünlandschnitt führen; dafür erhalten Bauern Ausgleichszahlungen über die EU und mit Landesmitteln, z.B. durch das Rastspitzenmanagement für nachgewiesene Schäden pro Hektar.

Zu den Fraßschäden kommen aber auch Frostschäden, die dann den Gänsen in die Schnäbel geschoben werden: https://www.wattenrat.de/2012/03/23/schaden-am-wintergetreide-fras-oder-frost/ Fraßschäden, wissenschaftlich untersucht: Journal of Applied Ecology,18 January 023, Grazing  effects of wintering geese on grassland yield: A long-term study from Northwest Germany „[…] In the present study, we found evidence that wintering geese caused a continuous increase in the loss of grassland yield over the last 20 years, now reaching 50% of the first harvest on average. In line with Bergjord Olsen et al. (2017) we detected no significant yield losses at the second cut of grass. […]“ https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2664.14340

Derzeit werden ca. 8 Millionen Euro/a in Niedersachsen als Entschädigung bei Gänsefraßschäden gezahlt. Dem  Berufsstand mit der stets offenen Hand reichen diese Mittel aber nicht, das übliche Lamento, überwiegend aus dem Rheiderland im LK Leer verbreitet. https://www.wildtierschutz-deutschland.de/single-post/rheiderland

Es folgen aber, je nach Witterung, bis zu fünf weitere Grünlandschnitte in der Zeit, wo die arktischen Gänse bereits in ihren Brutrevieren in den Tundren Skandinavien oder Nordeurasiens sind.

Nicht nur die Gänse haben zugenommen, sondern auch die Rindereinheiten durch Vergrößerung der Laufställe, was wiederum zu höherem Grassilagefutterbedarf führt. Die Verkotung der Flächen durch Gänse wird maßlos übertrieben; der nicht ätzende Gänsekot ist alkalisch und zersetzt sich sehr schnell, er düngt zudem die Flächen für die nachfolgende Mahd. Wie sagte einmal ein niederländischer Gänseforscher: „Die Gänse fressen euch nicht arm, sie kacken euch reich…“ Der massive grundwasserbelastende Gülleeintrag auf das Grünland aus der Massentierhaltung findet in Ihrem Antrag keine Erwähnung.

Nach Ihrer Darstellung sollen wildlebend Gänse die „Aufzucht“ von Wiesenbrütern gefährden oder diese verdrängen, das ist Unsinn. Wiesenbrütende Vogelarten, auch in den ausgewiesenen EU-Vogelschutzgebieten, werden durch die häufige Grünlandmahd ausgemäht und haben dadurch dramatisch abgenommen, mit Unterstützung z.B. des LK Leer, Untere Naturschutzbehörde, die Ausnahmegenehmigungen von den Schutzverordnungen für die Bauern erteilen.
https://www.wattenrat.de/2018/05/07/rheiderland-gaensefrass-und-wiesenvoegel-bauernlamento-auf-hohem-niveau/

Sie führen als Beleg in Fußnote 9 den „Friesischen Verband für Naturschutz“ (FVN) http://fvnj.eu/ an, der aber kein Naturschutzverband ist, sondern eine Jägervereinigung, die sich auf die Wasservogeljagd spezialisiert hat; „Gänseschießer, keine Naturschützer“, wie Kritiker bemängeln. Ein Exponent  des  FVN ist der Gänseschießer Hero Schulte aus Weener, der auch Milchbauer ist: https://www.wattenrat.de/2025/05/15/gaenseschiesser-und-landwirt-hero-schulte-aus-weener-80-000-euro-fuer-gaensefrassschaeden-die-ganze-geschichte/ , ein anderer der Tierarzt Dr. Heeren, der als Barde schon mal den Wolf auf Norderney besang, der Mann darf legal Waffen führen! https://www.wattenrat.de/2024/07/28/tierarzt-dr-hansjoerg-heeren-vom-fvn-besingt-den-wolf-von-norderney/

Die von Ihnen angeführten „Seuchenrisiken“ sind ebenfalls abwegig: Die Aviäre Influenza entsteht in den Geflügelmastställen (Massentierhaltung!) und wird durch Unachtsamkeiten des Personals (z.B kontaminierte Kleidung, Arbeitsgeräte oder Fahrzeuge) ins Freiland übertragen, wo die Krankheit dann auf Wildvögel übertragen wird und diese das Virus weiter tragen. Es ist also immer wieder die Intensivlandwirtschaft, die zu Konflikten mit wildlebenden Vogelarten führt.

Zur Blässgansbejagung: Diese Art hat in Niedersachsen keine Jagdzeit, wird aber dennoch aus Unkenntnis der Artenunterschiede von Jägern auch in den Vogelschutzgebieten bejagt, wie Zufallsfunde (!) von Wattenratmitarbeitern belegen. Die Jagdverstöße wurden stets zur Anzeige gebracht, nur ist nicht bekannt, ob gegen die betreffende Jäger auch Verfahren eingeleitet wurden. https://www.wattenrat.de/2026/01/06/erneut-illegaler-blaessgansabschuss-bei-petkum-ems/

Die von Ihnen geforderte Ausweitung der Jagd würde die Gänse zudem enorm beunruhigen, zu kräftezehrenden Panikfluchten führen, damit die Fettreserven unnötig aufgebraucht werden und das zum verstärkten Fressen auf angrenzenden Flächen führen.

Vor diesen Hintergründen halte ich Ihren Entschließungsantrag für sachfremd und verfehlt, der vermutlich durch die stets lamentierenden Milchbauern aus dem Rheiderland, die auch Jäger sind, angeregt wurde.

Freundliche Grüße
Manfred Knake
– Koordination Wattenrat Ostfriesland –

BCC: Presse
und zur Veröffentlichung unter www.wattenrat.de vorgesehen

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