3. Juli 2011

Meyer Werft:

Passt man gerade, aber nur mit Baggern und Aufstau: Schaulustige im eigentlich gesperrten EU-Vogelschutzgebiet

Am 30. Juni 2011 versanken wieder einmal die Deichvorländereien der Ems in den Fluten, und mit ihnen die Nachgelege oder Zweitbruten der Vögel in diesem EU-Vogelschutzgebiet. Nein, es war keine natürliche Sturmflut, sondern das Ergebnis des Aufstauens der Ems mit Hilfe des Emsstauwerkes (immer noch Emssperrwerk genannt), um den Neubau der Meyer Werft „Celebrity Silhouette“ im binnenländischen Papenburg an das seeschifftiefe Wasser der Nordsee zu überführen. Dieses Spektakel nutzten wieder zahllose Schaulustige, die die Schutzgebiete der Ems-Vorländereien stürmten, um näher an das riesige Kreuzfahrtschiff heranzukommen. Zuvor, am 26. Juni, hatte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) mit einer „Megaparty“ die Massen in Papenburg vor der Kulisse  des Schiffsneubaus mit lauter Musik angetörnt, noch eine kostenlose PR-Veranstaltung für die Werft mit öffentlichen Mitteln.

Megaparty des NDR vor der „Celebrity Silhouette“

Bei der Überführung kam, was kommen musste: Durch den Aufstau der Ems stieg der Pegel des Flusses auf 2,20 m über NN an, ganze Vorländereien und die Emsinseln Hatzumersand sowie Randbereiche des Bingumersandes standen unter Wasser, und damit die Vogelbruten in ausgewiesenen Naturschutzgebieten im EU-Vogelschutzgebiet „Emsauen“. Begleitet wurde die Überführung des riesigen Musikdampfer durch Proteste und kleine Begleitschiffe der BI „Rettet die Ems“, ein Bild wie David gegen Goliath.

Die späten Zweitgelege oder Nachbruten hatten keine Chance, sie mussten ertrinken. Im Nachbarlandkreis Aurich wurden gerade zwei Windkraftanlagen aus Artenschutzgründen mit gerichtlicher Hilfe vorübergehend abgeschaltet, um hochgradig bestandbedrohte brütende Wiesenweihen vor dem Rotortod zu bewahren, im Landkreis Emsland und Leer gelten solche fachlichen Skrupel nicht, hier soffen für eine Schiffsüberführung zur Unzeit große Brutareale mit nicht gezählten Jungvögeln verschiedener Arten ab. Mögliche wurde der Aufstau erst durch eine „Ausnahmegenehmigung“ des Landkreises Emsland mit takräftiger Unterstützung des organisierten Naturschutzes.

Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet schon das Stören von besonders geschützten Arten u.a. in ihren Fortpflanzungsgebieten, die Beschädigung von Fortpflanzungsstätten ist ebenfalls verboten. Die  gewerbsmäßige Zerstörung von Fortpflanzungsstätten ist eine Straftat und kann mit einer Freiheitstrafe geahndet werden. Vor Eingriffen in ein EU-Vogelschutzgebiet ist vorher eine Verträglichkeitsprüfung durchzuführen. Ergibt die Prüfung der Verträglichkeit, dass das Projekt (wie hier der Aufstau zur Brutzeit) zu erheblichen Beeinträchtigungen des Gebiets in seinen für die Erhaltungsziele oder den Schutzzweck maßgeblichen Bestandteilen führen kann, ist es unzulässig. Die EU-Vogelschutzrichlinie ist auch hier nur bedrucktes Papier!

Großtechnik im Vogelschutzgebiet

Die Naturschutzorganisationen BUND, NABU und WWF taten diesmal aber besorgt: In einer Pressemeldung vom 29.06.2011  warnten die Organisationen in einer gemeinsamen Pressemitteilung u.a. davor, „dass durch den Anstau der Ems für die heutige Überführung des Kreuzfahrtschiffes ´Celebrity Silhouette´ von der Meyer Werft in Papenburg große Teile der Vorländer überstaut werden. Nicht flügge Jungvögel in den außendeichs gelegenen Europäischen Vogelschutzgebieten könnten dadurch ertrinken bzw. Gelege der Vögel zerstört werden. ´Im Juni und Juli wachsen entlang der Ems unter anderem Rohrweihen und Blaukehlchen-Küken auf, die noch nicht schwimmen können´.“

Überschwemmtes Brutgebiet bei Terborg

Abgesehen von den handwerklichen groben Fehlern der Pressemitteilung, die die Funktionäre der ortsfernen Verbände als bloße Schreibtischtäter und Sesselpuper entlarven (Rohrweihen als Greifvögel und Blaukehlchen als Singvögel sind keine Schwimmvögel und können das Schwimmen auch nicht lernen!), warnten Ausgerechnet die Mitverursacher des nach dem Planfestellungsbeschluss eigentlich unzulässigen Ems-Sommerstaus, BUND, NABU und WWF, vor dem Ertrinkungstod von Jungvögeln in den Schutzgebieten an der Ems. Die  Brandstifter riefen nach der Feuerwehr!

Krähen auf Nahrungssuche nach der Überflutung des Ems-Vorlandes

BUND, NABU und WWF hatten 2009 einen „Generationenvertrag“ mit Werft-Chef Meyer unter Beteiligung des Landes Niedersachsen ausgekungelt („Vogelschutz an der Unterems langfristig garantiert)“, der für 30 Jahre die Überführung mit dem Stau der Ems erst möglich machte, allerdings nicht zwischen dem 01. 04 und 15. 7, also in der Brutzeit. Der genaue Wortlaut dieser Vereinbarung wurde bis heute nicht öffentlich gemacht. Die vorher eingereichte Klage gegen den Sommerstau hatten die Verbände 2009 nach nur einem Monat kurzfristig zurückgezogen! Nun wird doch wieder aufgestaut, und zwar vor dem 15. Juli. Man sieht, welchen Wert solche Kungeleien haben, keine.

Die Emsinsel Hatzumer Sand, sonst im wahrsten Sinne des Wortes ein „herausragendes“ Brutgebiet, völlig überflutet

Emsinsel Hatzumersand mit Nonnengans, die ihr Gelege aufgegeben hat

Beim Sommerstau 2009 anlässlich der Überführung der „Celebrity Equinox“ kamen zahleiche Jungvögel ums Leben bzw. wurden Gelege fortgespült, das wurde vom Wattenrat dokumentiert, die Naturschutzverbände schwiegen damals dazu.
Der derzeitige Aufstau wird zwar „nur“ die Nachbruten und -gelege schädigen, da die Hauptbrutzeit vorbei ist, dennoch ist dies ein Verstoß gegen die EU-Vogelschutzrichtlinie, gegen den kein Naturschutzverband Rechtsmittel eingelegt hat.

Der letzte Emsfischer und der schwimmende „Plattenbau“

Brückenpassage durch die hochgeklappte Jann-Berghaus-Brücke in Leer

Der WWF hat bereits durch das Bekanntwerden seiner Nähe zur naturvernichtenden Industrie, aktuell durch Absprachen mit der Palmölwirtschaft in Asien und dem damit verbundenen Pseudo-Regenwaldschutz („Der Pakt mit dem Panda„), international an Ansehen verloren, auf regionaler Ebene ist dies das Ems-Desaster.  WWF, BUND und NABU haben in der Region durch ständige Kungeleien mit der Meyer Werft und der niedersächsischen Landesregierung über die Köpfe der örtlichen Naturschützer hinweg und an den Naturschutzgesetzen vorbei ihre Glaubwürdigkeit verloren, die  Pressemitteilung der Verbände ist ein weiterer Baustein des Gebäudes der Halbwahrheiten der Verbändefunktionäre.

Fachlich sinnvoll wäre es gewesen, von den Naturschutzverbänden ein Brutvogelmonitoring vor und nach der Überführung durchführen zu lassen und mit den Ergebnissen Rechtsmittel einzulegen. Mit „Rechtsstaatlichkeit“ hat die großflächige Vernichtung von Brutarealen in einem EU-Vogelschutzgebiet nichts mehr zu tun. Die Interessen der Meyer Werft hebeln alle Regeln aus, und das ist nur noch Bananenrepublik.

Protest gegen die Schiffsüberführung: „Schluss mit Wahnsinn“

Eine Werft, die riesige Schiffe an einem kleinen Fluss im Binnenland baut, gehört an die Küste und nicht nach Papenburg, nur das rettet die Ems vor ständigen Eingriffen zu Lasten der Steuerzahler für eine Werft am falschen Standort. Dieses Ziel haben die Naturschutzverbände längst aus den Augen verloren! Link: Meyer Werft: Schilda liegt an der Ems

Pressemitteilung WWF, Bund, NABU 29.06.11, Süsswasser, Kampagnen

 

Überführung der „Celebrity Silhouette“: Jungvögel könnten ertrinken
Zuschauer an der Ems sollten Rücksicht auf flüchtende Vögel nehmen

Die Meyer-Werft an der Ems. © Claudia Stocksieker / WWF

Hamburg – Die Naturschutzverbände BUND, NABU und WWF weisen darauf
hin, dass durch den Anstau der Ems für die heutige Überführung des
Kreuzfahrtschiffes „Celebrity Silhouette“ von der Meyer Werft in
Papenburg große Teile der Vorländer überstaut werden. Nicht flügge
Jungvögel in den außendeichs gelegenen Europäischen
Vogelschutzgebieten könnten dadurch ertrinken bzw. Gelege der Vögel
zerstört werden. „Im Juni und Juli wachsen entlang der Ems unter
anderem Rohrweihen und Blaukehlchen-Küken auf, die noch nicht
schwimmen können. Auch die Elterntiere können sie nicht aus der
Gefahrenzone herausführen. Das bedeutet für einige Jungvögel, dass sie
durch die Überflutung ertrinken könnten. Da das Gebiet ‚Emsauen
zwischen Ledamündung und Oldersum’ vom Landkreis Leer durch eine
Naturschutzgebiets-Verordnung ausgewiesen wurde, ist es folgerichtig,
dass der Landkreis seinen Verpflichtungen nachkommt und jegliche
Störung dieses Gebietes untersagt“, erläutert Elke Meier vom NABU
Landesverband Niedersachsen.

Jungvögel, die zumindest schon laufen können, könnten vor dem
ansteigenden Wasser in Richtung der Deiche flüchten. Vera Konermann,
Gewässerreferentin des BUND, appelliert an die Besucher: „Wir bitten
alle Zuschauer der Überführung, Rücksicht auf Vögel und andere Tiere
zu nehmen, die möglicherweise fliehen müssen. Sie sollen sich
verantwortungsbewusst verhalten und die Vogelschutzgebiete nicht
betreten, sondern die Schiffsüberführung von anderen Stellen aus
beobachten und dazu befestigte Wege nicht verlassen. Wir begrüßen es
sehr, dass diesmal auch das Niedersächsische Landesamt für Küsten- und
Naturschutz, die Landkreise und die Werft die Besucher darauf
hinweisen, dass die Naturschutzgebiets-Verordnung ein Betretensverbot
vorschreibt“, ergänzt Konermann.

Die Überführung der „Celebrity Silhouette“ werde hoffentlich für
lange Zeit die letzte große Schiffsüberführung während der
Hauptbrutzeit der geschützten Vögel sein. Dank der im Juni 2009
geschlossenen Vereinbarung der Umweltverbände BUND, NABU und WWF mit
der Meyer Werft dürfen künftig keine Schiffe in der Zeit vom 1. April
bis 15. Juli überführt werden, für die die Ems so hoch (NN + 2,20 m)
angestaut werden muss, dass die unter Schutz stehenden Brutgebiete
überflutet werden.

Doch während für den Vogelschutz eine Lösung gefunden wurde, die
Ökonomie und Ökologie berücksichtigt, bleibt das Schlick- und
Sauerstoffproblem in der Unterems weiter ungelöst. „Die Eingriffe der
Vergangenheit und die Ausbaggerungen vor jeder Schiffsüberführung
haben den Fluss zerstört. Baggerarbeiten in den Sommermonaten sind
besonders kritisch. Auch heute ist der Sauerstoffgehalt wieder so
niedrig, dass auf 30 Kilometern Flussstrecke kein Fisch mehr leben
kann“, erklärt Beatrice Claus vom WWF. Eine ökologische Sanierung sei
daher nötiger denn je. […]

 

 

Pressemitteilung Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN)  vom 29. Juni 2011

Celebrity Silhouette: Emssperrwerk wird Donnerstag geschlossen
Vorbereitung zur Passage des Meyer-Schiffes

Gandersum – Damit die Celebrity Silhouette, der Neubau der
Papenburger Meyer-Werft, genügend Wasser unter dem Kiel hat, wird das
Emssperrwerk des NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für
Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) nach derzeitiger Planung am
Donnerstag mittag zwischen 12:00 und 13:00 Uhr geschlossen. „Die
Witterungs- und Tideverhältnisse sprechen für diesen Termin“, erklärte
Reinhard Backer vom NLWKN. Für den gut 319 Meter langen, knapp 37
Meter breiten und rund acht Meter tiefen Kreuzfahrer darf die Ems bis
zu 25 Stunden auf eine Höhe von maximal 2,20 Meter über Normal Null am
Pegel Gandersum aufgestaut werden, das sind rund 60 Zentimeter mehr
als das mittlere Tidehochwasser.

Möglich wurde dies durch eine Ausnahmegenehmigung, die auf Antrag des
Landkreises Emsland im April 2009 nach Abschluss eines umfangreichen
Planfeststellungsverfahrens ausgesprochen wurde. Normalerweise gilt im
Sommerhalbjahr eine maximale Stauhöhe von 1,75 Meter über NN für
höchstens zwölf Stunden.

Fachlich begleitet wird die Überführung von einem umfangreichen
gewässerkundlichen und naturschutzfachlichen Monitoring, aber auch die
Interessierten können dazu beitragen, die Belastungen für die Umwelt –
insbesondere für die dort lebenden Vögel – möglichst gering zu halten:
Der Landesbetrieb weist in Abstimmung mit den Landkreisen Leer und
Emsland darauf hin, dass nicht alle Bereiche der Ems zwischen Leer und
Emden für Zuschauer frei gegeben sind: „Die Vorlandbereiche dürfen
während der Schiffsüberführung grundsätzlich nicht betreten werden“,
appelliert der NLWKN an die Vernunft der Besucher.

Die gesperrten Gebiete sind Teile des Europäischen
Vogelschutzgebietes „Emsmarsch von Leer bis Emden“ und national als
Naturschutzgebiete ausgewiesen. „Hierbei geht es insbesondere um den
Schutz von zahlreichen, wertbestimmenden Brut- und Gastvogelarten,
insbesondere Offenlandbrüter und Röhrrichtbrüter“, heißt es in einer
Information des NLWKN.

Durch den Aufstau der Ems werden Teile der Vorländer überflutet Die
verbleibenden, nicht überstauten Flächen werden dringend als
Rückzugsraum für die aus dem Vorland flüchtenden Vögel und sonstige
Tierarten gebraucht und dürfen deshalb nicht betreten werden.
„Es gibt an der Ems genügend Orte, von denen man die
Schiffsüberfügung sehr gut beobachten und verfolgen kann, ohne die
Vorländer zu betreten“, betont der NLWKN. Die Karte mit den gesperrten
Gebieten steht zum Downloaden auf den Internetseiten des
Landesbetriebes unter www.nlwkn.niedersachsen.de zur Verfügung. Dort
finden Interessierte neben technischen Details zum Sperrwerk auch eine
Liste mit den bisherigen Schiffsüberführungen sowie rechtliche
Grundlagen – wie etwa den Planfeststellungsbeschluss – für den Betrieb
der Anlage.

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