8. Februar 2012

Nun ohne Führerschein: mit 15 PS übers Wasser, für noch mehr Tourismus

Von 5 - XXL-PS: PS-Wahn auch im Großschutzgebiet Nationalpark Wattenmeer und "Weltnaturerbe"

Die sog. „Liberalen“ waren für den Naturschutz oft abträglich: In Niedersachsen ging bis zum Januar 2012 Hans-Heinrich Sander (FDP) als Umweltminister um und hat hier tiefe Spuren hinterlassen. Nutzung, Nutzung über alles, z.B. Kitesurfer in Schutzzonen des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer waren u.a. die sichtbaren Auswüchse seiner „Umweltpolitik“.

Und es wird weiter gelockert, dass es schmerzt. Jetzt hat die Bundesregierung noch einen draufgesetzt: Aktuell wurde vom Bundestag die Führerscheinpflicht für Sportbootfahrer gelockert.  Die Novelle geht zurück auf eine Initiative der Bundestagsabgeordneten Torsten Staffeldt (FDP) und Hans-Werner Kammer (CDU). Kammer ist Abgeordneter für den Bundestags-Wahlkreis 026 Friesland – Wilhelmshaven – Wittmund, der zwar für das „Weltnaturerbe“ Wattenmeer trommelt, aber damit nur die touristische Erschließung meint.

Bisher musste man ab einer Motorleistung von 5 PS einen Sportbootführerschein erwerben; die theoretische und praktische  Prüfung hat es in sich: Kenntnisse der Navigation, Lichterführung, Vorfahrtsregelungen, An- und Ablegemanöver etc. waren Pflicht.  Nun darf jedermann ab 16 Jahren ein Boot mit 15 PS-Motorleistung bewegen. Für ein Moped braucht man bereits einen Führerschein, für ein Sportboot nicht mehr. Jeder Stenz, der zu faul oder zu dämlich für den Sportbootführerschein ist, darf sich nun mit 15 PS auf dem Wasser bewegen. Bei einem trägen Verdränger ist das mit der Geschwindigkeit und den 15 PS nicht unbedingt ein Problem, kritischer wird es aber, wenn 15 PS an ein Gleitboot wie z.B. ein Schlauchboot angehängt werden. Damit lassen sich schon beträchtliche Geschwindigkeiten auf dem Wasser erzielen, auch im Wattenmeer. Das Nachsehen werden die Wassersportler haben, die ordentlich ihren Führerschein gemacht haben, die sich an die ohnehin lockeren Regeln halten. Für Segler oder die langsamen Seekajakfahrer können schnellfahrende Gleitboote mit einem Skipper ohne Bootsführerschein und Erfahrung lebensgefährlich werden. Das Nachsehen werden auch Seehunde auf ihren Liegeplätzen haben, sie reagieren sehr empfindlich auf zu dicht vorbeifahrende schnelle Sportboote.

Auf langsamen  Fließgewässern haben schnelle Boote verheerende Auswirkungen auf die Wasserfauna und –flora, Brutvögel am Ufer verlieren dadurch mit Sicherheit ihre Rückzugsgebiete allein durch die starke Wasserbewegung. Egal, Hauptsache der Tourismus boomt.

Es geht also wieder einmal nur um die Tourismusförderung, mehr Fun auf dem Wasser für die gnadenlose Spaßgesellschaft. „Dies ist der erste Schritt zur Verbesserung des Wassertourismus“, ließ der FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Goldmann aus Aschendorf verlauten. Kurt Radtke, Geschäftsführer der Ostfriesland Tourismus GmbH mit Sitz in Leer, erhofft sich durch die Neuregelung „einen Impuls für den Wassertourismus in Ostfriesland“.

Wie schwurbelte doch noch kürzlich Europarc zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz in einer Pressemitteilung von einem „Dialogforum“, das „Akteure aus Tourismus und Naturschutz“ vernetzt: „Die Partner-Initiativen zeigen eindrucksvoll, wie sich naturverträglicher und nachhaltiger Tourismus mit dem Erhalt der biologischen Vielfalt in Einklang bringen lässt.“

Hier an der Küste ist nicht „im Einklang“, hohles Geschäftsgeschwätz der Touristiker, die keinen Feld- von einem Hausspatz unterscheiden können und in Übernachtungszahlen denken. Die dringend nötigen Ranger mit ausreichenden Aufsichts- und Kontrollkompetenzen und Wasserfahrzeugen hat man in den Großschutzgebieten wieder einmal „vergessen“, dafür gibt es ständig neue Nutzung mit der gewollten Steigerung des Tourismusaufkommens. Naturschutzignoranz hat Konjunktur.

Ostfriesen Zeitung, online, 28. Jan. 2012
Ostfriesland/Berlin
Mehr Freizeitskipper sollen aufs Wasser
von Marion Luppen

28. Januar 2012

Der Bundestag lockert die Führerscheinpflicht für Bootfahrer – geteiltes Echo in Ostfriesland. Touristiker erhoffen sich durch die Neuregelung einen Schub für den Wassersport. Kritiker sprechen von einer Einladung zum Heizen und Rasen.

Ostfriesland/Berlin – Der Bundesverband Wassersportwirtschaft spricht von einem „Befreiungsschlag“, der Deutsche Motoryachtverband wittert Gefahr für Leib und Leben: Freizeitskipper dürfen demnächst Motorboote bis 15 PS ohne Führerschein fahren. Mit den Stimmen von Union und FDP hat der Bundestag am Donnerstagabend den Antrag „Neue Impulse für die Sportbootschifffahrt“ verabschiedet, der unter anderem die Führerscheinregeln lockert und mehr Freizeitskipper aufs Wasser locken soll.

„Dies ist der erste Schritt zur Verbesserung des Wassertourismus“, meint der FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Goldmann aus Aschendorf. Auch Kurt Radtke, Geschäftsführer der Ostfriesland Tourismus GmbH mit Sitz in Leer, erhofft sich durch die Neuregelung einen Impuls für den Wassertourismus in Ostfriesland. „Wir haben ein schönes Gewässernetz und tolle Marinas.“

Segler, Paddler und Schwimmer sind die Leidtragenden

Begeistert klingt Herbert Fooken (Moormerland), Sprecher des Teams Wassersport Ostfriesland (TWO), der Dachorganisation aller 32 Wassersportvereine im ostfriesischen Binnenland. „Wir bekommen dadurch mit Sicherheit einen Schub“, sagt Fooken. „Je einfacher der Zugang zum Wasser ist, desto mehr Leute kaufen oder chartern ein Boot.“ Das wiederum setze Anreize, die Infrastruktur zu verbessern, also Brücken zu erhöhen, Kanäle zu vertiefen und Schleusen zu bauen. Nicht alle Bootfahrer in Ostfriesland teilen diese Meinung. „Ich persönlich halte nicht viel davon“, sagt Hermann Baxmann, Vorsitzender des Seglervereins Leer. Gerade in Tidegewässern wie in Ostfriesland sei das Manövrieren schwierig. „So was lernt man, wenn man den Führerschein macht.“ Auch Martina Jensen, Vorsitzende des Wassersportvereins Emden, lehnt die Neuregelung ab. „Das öffnet Tür und Tor für Raser und Heizer. Segler, Paddler und Schwimmer sind die Leidtragenden.“

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