30. Mai 2010

Naturtourismus: CDU-Fraktionsvorsitzender David McAllister nimmt Stellung

Der Beitrag des Wattenrates  vom 15.Mai 2010 “Welt(w)erbe”-Etikett Wattenmeer: Vermarktung mit “Naturtourismus” fand breite Resonanz in den niedersächsischen Medien und darüberhinaus (mit üblicher Ausnahme der Ostfriesen Zeitung, die die Arbeit des Wattenrats weitgehend ignoriert). Bemerkenswert die Reaktion des Fraktionsvorsitzenden der CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, David McAllister, der den Wattenrat Ostfriesland direkt anschrieb,  um auf den Entschließungsantrag der Landtagsfraktionen von CDU und FDP zu „UNESCO-Weltnaturerbe: Das Wattenmeer-Chancen für den Tourismus nutzen-Naturschutz stärken“ hinzuweisen. Das Letztere hört man beim Wattenrat gerne, gibt es doch seit Jahrzehnten erhebliche Defizite beim Schutz des Nationalparks Niedersächsisches Watttenmeer.

Ein näherer Blick auf den Entschließungsantrag bringt allerdings auch dessen Schwächen zum Vorschein.

Das wurde Herrn McAllister auch postwendend in einer EMail mitgeteilt:

Herrn
David McAllister, MdL
CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag (nur per E-Mail)

Hannover

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer
Entschließungsantrag der CDU-Landtagsfraktion zum UNESCO-Weltnaturerbe
vom 03.05.2010
Ihr Schreiben vom 25.05.2010 zur Presseberichterstattung „Freizeitpark“ Wattenmeer

Sehr geehrter Herr McAllister,

für Ihr Schreiben (siehe .pdf-Anlage) und die Übersendung des o.a.
Entschließungsantrages, den ich bereits aus dem Internet kenne
(http://presse.cdu-fraktion-niedersachsen.de/assets/Uploads/PM103AnlageWattenmeer-als-Naturerbe.pdf)
danke ich Ihnen.

Nach mittlerweile 35 Jahren Erfahrung im ehrenamtlichen
Wattenmeernaturschutz und nach mehr als zwanzig Jahren
(abgeschlossener) ehrenamtlicher Tätigkeit als Landschaftswart im LK
Aurich an der Küste kann ich Ihren Entschließungsantrag inhaltlich
nicht im vollen Umfang teilen. Ich begrüße, dass Sie die
„Ökosystemfunktionen“ voranbringen, „Nutzungskonflikte
minimieren“ und dem „fortschreitenden Verlust der biologischen
Vielfalt entgegenwirken“ wollen.

Das erreicht man aber nicht mit dem weiteren Ausbau des Tourismus. Es
gibt zweifellos vordringlichere Aufgaben im Wattenmeer, als durch das
neue Etikett „Weltnaturerbe“ nun „neue Chancen für den Tourismus“ zu
fordern. Allein an der Küste von Cuxhaven bis Emden verzeichnet der
Tourismusverband Nordsee laut presseöffentlicher Aussage des
Vorsitzenden Ambrosy (SPD), Landrat vom LK Friesland, vom Sept. 2009
gegenüber dpa „37 Millionen Übernachtungen“.

Es kann auch nicht die vordringliche Aufgabe von personell ohnehin
unterbesetzten Naturschutzverwaltungen sein, eine „abgestimmte
Informationskampagne“ mit der Tourismusindustrie zu initiieren. Die
Tourismusindustrie hat in den letzten Jahrzehnten trotz des Status
„Nationalpark“, „Biosphärenreservat“ oder Feuchtgebiet von
internationaler Bedeutung“ vergleichsweise nichts dazu beigetragen,
die Naturschutzsituation im Wattenmeer zu verbessern, im Gegenteil.

Die Naturschutzdefizite sind trotz „einer „einhundertjärigen
Naturschutztradition im Wattenmeeer“ enorm. Schon vor 75 Jahren warnte
der Lehrer und Naturforscher Otto Leege ( der „Vater des Memmert“) vor
dem ungezügelten Massentourismus an der Küste, der seitdem alles in
den Schatten des damals Vorstellbaren stellt.

Es gibt zahlreiche Publikationen des WWF und der Naturschutzverbände
zu den Naturschutzdefiziten im Nationalpark Niedersächsisches
Wattenmeer („Bilanzen“); die letzte Bilanz erschien 2006:
http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf_neu/Bilanz_ueber_20_Jahre_Nationalpark_Niedersaechsisches_Wattenmeer.pdf

1980 warnte der „Sachverständigenrat für Umweltfragen“ in seinem
„Sondergutachten, Umweltprobleme der Nordsee“ vor einer
Kapazitätsüberschreitung der touristischen Infrastruktur an der
Küste. Dies Warnungen blieben nur bedrucktes Papier.

Vordringlich halte ich die Qualitätsverbesserung und -sicherung des
Naturschutzes im Wattenmeer, der unübersehbar unter dem
Massentourismus leidet, für notwendiger denn je. Es gibt nach 24
Jahren Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer z.B. noch nicht
einmal einen Nationalparkplan mit festgelegten Entwicklungszielen,
aber einen Diplom Biologen und Nationalparkleiter, der sich öffentlich
als Tourismusförderer darstellt.

Zunächst müsste die Betreuung und Überwachung internationalen
Standards angepasst werden, bevor man überhaupt neue Kundenschichten
für den Tourismus erschließt. Dazu gehören ausgebildete Ranger in
ausreichender Zahl mit hoheitlichen Kompetenzen und ein Monitoring der
täglichen Missstände im Großschutzgebiet Nationalpark
Niedersächsisches Wattenmeer, aber nicht sechs Dünen- und
Nationalparkwärter auf den ostfriesischen Inseln, angestellt beim
Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und
Naturschutz, die keinerlei Kompetenzen oder Boote haben und als
Feigenblatt einer verfehlten Naturschutzpolitik hilflos agieren.

Aktuell sind es die Kitesurfer, die a) unter Missachtung des
Nationalparkgesetzes in Niedersachsen über fragwürdige und sachlich
unbegründete „Befreiungen“ neue Flächen in Schutzgebieten von der
Nationalparkverwaltung zugewiesen bekommen und b) vielerorts illegal
surfen, ohne dass die Wasserschutzpolizei aus personellen und
zeitlichen Gründen „nachhaltig“ eingreifen kann, wenn sie denn gerufen
wird.

Ich bleibe bei meiner Feststellung, dass dieser Nationalpark
zielstrebig zu einem Freizeitpark entwickelt wurde und wird und die
Naturschutzinhalte auf der Strecke geblieben sind.

Es gäbe also von der Politik viel zu tun, aber es wird nicht
angepackt. Details können sie auf der WebSeite des Wattenrates
www.wattenrat.de abrufen.

Mit freundlichem Gruß

Manfred Knake

Bleibt nachzutragen, dass der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer auch als „Vogelschutzgebiet“ und „Flora-Fauna-Habitatgebiet“ nach den entsprechenden EU-Richtlinien ausgewiesen ist, die auch das Land Niedersachsen verpflichten, die Lebensräume der Arten vor Beeinträchtigungen zu schützen, auch vor den Beeinträchtigungen eines ungezügelten Massentourismus, der durch einen wie auch immer gearteten „Naturtourismus“ nicht verträglicher wird. Es bleibt auch nachzutragen, dass sich die „anerkannten“ Naturschutzverbände in Niedersachsen, 14 an der Zahl, als Landesverbände aus den Schutzbemühungen weitgehend ausgeklinkt haben. Was eigentlich notwendig wäre, kann man in den Verbändesatzungen nachlesen. „Nachhaltiges“ Engagement, verbunden mit unvermeidlichen Konflikten mit der Politik und den Naturschutzverwaltungen, stört aber offensichtlich ebenso „nachhaltig“ den Fördergelderfluss aus der Wattenmeerstiftung oder den staatlichen BINGO-Lottomitteln. Mit dieser Abhängigkeit hat man die ehemals streitbaren Naturschutzverbände, allen voran den NABU und BUND ebenso „nachhaltig“ sediert und an die kurze Leine genommen. Nun dürfen die Verbandsfunktionäre zwar mit den großen Herrchen pinkeln gehen, aber bellen und beißen ist nicht mehr erlaubt.



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