29. Dezember 2010

Seehunde und Tourismus: Wie das Jungtier zum Heuler wird

Ungestörte Seehundbank, Foto (C): Voß

Peter Lienau leitet die Seehundaufzuchtstation in Norden-Norddeich, betrieben von der niedersächsischen Landesjägerschaft. Die Station ist ein Touristenmagnet, der Seehund ist der Sympathieträger für das Wattenmeer. Aber der wildlebende Seehund leidet auch gerade unter denen, die ihn so nett rundköpfig und kulleräugig finden, und das sind die Touristen, die zu abertausenden das Weltnaturerbe und den Nationalpark Wattenmeer bevölkern und sich dabei häufig nicht an die Regeln halten.

Solche Regelverstöße, wie z.B. das Aufsuchen von Seehundsbänken zu Fuß, mit dem Boot oder dem Surfbrett können  zur Trennung von säugenden Seehundmüttern von ihren Jungtieren führen, die dann verlassen zu Heulern werden und bei Peter Lienau Aufnahme finden.

Peter Lienau kennt das Problem. Er hat eine Dissertation vorgelegt, in der 39 Jahre Seehundstationsarbeit auswertet und das Problem und die Ursachen der Trennung von Muttertieren und Seehundbabies beschreibt. Eigentlich müssten sich dadurch auch Konsequenzen für die qualifizierte Betreuung des Großschutzgebietes Nationalpark Wattenmeer ergeben, nicht nur wegen der Seehunde, auch Brutkolonien der Küstenvögel und Rastgebiete sind betroffen: Ausreichend Ranger müssen her, mit Booten und hoheitlichen Aufgaben und ggf. auch Bußgeldern für die Unbelehrbaren, und das sind nicht wenige! Aber die niedersächsische Landesregierung und die Nationalparkverwaltung machen genau des Gegenteil von dem, was augenscheinlich erforderlich wäre: Es werden immer neue Nutzungen im Nationalpark zugelassen, so z.B. die Öffnung der Zwischenzonen (das sind die zweitstrengsten Schutzzonen im Nationalpark) für Kitesurfer, obwohl die Verwendung von Drachen in diesen Zonen nach dem Nationalparkgesetz verboten ist. Auf 3.500 qkm obliegt die Aufsicht im Nationalpark sechs hauptamtlichen Nationalparkwarten, die keine Boote, Fahrzeuge oder irgendwelche Kompetenzen haben. Die Wasserschutzpolizei an der Küste wird gerade ausgedünnt, in Norddeich wird die Dienstelle der Wasserschutzpolizei ab 2011 geschlossen. Eine Aufsicht im Nationalpark ist also eindeutig politisch nicht gewollt, hier entsteht ein rechtsfreier Raum. Peter Lienaus Seehundaufzuchtstation wird also keinen Mangel an weiteren Zugängen haben.

Link: Der Seehund als Ware

Ostfriesischer Kurier, Norden, S. 3, 23. Dezember 2010

120 Milliliter Milch müssen es schon sein

Forschung Seehundstation: Wie kommt es zur Trennung von Mutter und Jungtier? –Zivis: Lage desaströs

Stationsleiter Peter Lienau beweist Entstehungsgründe für Heuler in seiner Doktorarbeit.

Norddeich/JEN – Dass die Seehundbestände im niedersächsischen Wattenmeer in diesem Jahr so hoch sind wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnung per Flugzeug im Jahr 1975, ist für Peter Lienau eine sehr erfreuliche Nachricht. Die Tiere sind dem Leiter der Seehundstation Norddeich ans Herz gewachsen. Das verraten seine strahlenden Augen, wenn er den Finger auf die Grafik legt und die wieder ansteigende Kurve seit der letzten Seehundstaupe im Jahr 2002 nachzeichnet.

Hat seine Station ihren Auftrag damit also erledigt? „Nein“, sagt Lienau mit Nachdruck. „Wir sind nicht zur Bestandserhaltung da, sondern um Tierschutz und ethische Aspekte zu erklären, umzusetzen und publik zumachen.“Diejenigen, um die sich die Mitarbeiter der Station im Nationalpark-Haus vorrangig kümmern, sind also eigentlich gar nicht die Seehunde, sondern die Menschen. „Zwar soll der Nationalpark dem Menschen die Natur näherbringen, doch wird er dadurch auch wirtschaftlich genutzt“, erklärt Lienau die Krux der Idee, denn neben dieser natürlichen Umgebung des Seehunds kommen eigentlich gar keine Menschen vor. Es gilt also zu vermitteln und auf Rücksichtnahme zu beharren. Die meisten Einheimischen wüssten das, so Lienau.

„Wir möchten vor allem Gäste dafür sensibilisieren, draußen vernünftig mit den Tieren umzugehen. Sie sollen nicht in die Nähe der Seehunde kommen, sondern sie einfach in Ruhe lassen. Das Kernziel ist Ruhe.

“ Wie kommt es zu Trennung?

Natürlich liegt ein Hauptaugenmerk der Station auch auf der Betreuung von verwaisten und kranken Tieren, doch wie kommt es überhaupt dazu, dass die wilden Meeressäuger diese Hilfe benötigen? Seit 39 Jahren zeichnet die Seehundstation verschiedene Daten rund um den Heuler im Bereich der Nordseeküste auf. Lienaus zentrale Fragestellung dabei: Wie und warum entstehen Heuler im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer?

In den vergangenen fünf  Jahren ist gar eine Dissertation daraus entstanden. Im KURIER-Gespräch erklärt Lienau zuerst den Zusammenhang zwischen Aufenthalts- und Fundorten der Raubtiere. „Die Seehunde halten sich an unserer Küste sehr gern an den Ostspitzen der Inseln auf.“ Durch die Bewegung des Meeres würde es dort tiefe Priele geben–ideal,um bei Gefahr schnell flüchten zu können. Fundtiere würden hingegen meist an der Nordseite der Inseln oder am Festlandsdeich aufgelesen. „Hier hält sich kein Seehund freiwillig auf. In so einem Fall ist der Kontakt eines Jungtiers zur Mutter wirklich verloren.“

Die Trennungsgefahr sei hoch, wenn starke Wellengänge vorherrschen, die das Jungtier abtreiben. Komme noch ein Sturm hinzu, könnten die Tiere ihre Rufe nicht mehr hören und der Kontakt reiße ab. Diesen Zusammenhang konnte Lienau in seiner Dissertation beweisen. Ein weiterer Faktor gehe vermutlich von der Störung durch den Menschen aus, so der Stationsleiter.

In einer Säugephase würde ein junger Seehund etwa 120 Milliliter Milch Von seinerMutter bekommen. Dazu steuern die Tiere eine Sandbank an. „Dann wird geschlafen, danach gibt’s noch mal Milch und schließlich gehen die Tiere wieder sechs Stunden schwimmen“, erklärt Lienau.

Mensch stört Energiefluss

Würden die Meeressäuger auf der Sandbank beispielsweise durch sich nähernde Boote, Kajakfahrer, Wattwanderer oder auch Flugzeuge gestört, könne der Säugevorgang nicht beendet werden und das Kleine erhalte zu wenig Energie. Beim nächsten Sturm habe es folglich weniger Kraft, um sich bei der Mutter zu halten.

„VieleWassersportler und Wattgänger halten sich an die Regeln“,weiß Lienau. „Der ein oder andere will dann aber doch mal näher ran und das ist fatal. Es ist definitiv klar, dass solche Störungen abträglich sind.“

Um diese Faktoren noch genauer bestimmen und auch wissenschaftlich belegen zu können, wünscht sich Lienau weitere Monitoring-Programme. Das wiederum sei ein finanzielles Problem. […]

Comments are closed.