Aufbruch in die Arktis: Weißwangengänse verlassen das Wattenmeer

Seit mehr als 40 Jahren werden Weißwangengänse individuell mit Farbring-Codes markiert (Foto: IWWR e.V.)

Arktische wildlebende Gänse befinden sich derzeit auf dem Heimzug aus ihren Überwinterungsgebieten in den küstennahen Gebieten Norddeutschlands in Richtung ihrer Brutgebiete in Nordeuropa oder Sibirien. In einem Forschungsprojekt von Wetlands and Waterbird Research IWWR (Verden) und des Forschungs- und Technologiezentrums FTZ der Universität Kiel (Büsum) wurden dazu 10 Weißwangengänse (= Nonnengänse, engl. Barnacle Geese) besendert. Hier die Pressemitteilung der Vogelforscher vom 03. Mai 2026:

Aufbruch in die Arktis: Weißwangengänse verlassen das Wattenmeer

Vogelfreunde können Gänsen auf ihrem Weg in die Brutgebiete folgen

Verden / IWWR. Das Frühjahr schreitet voran und dies gilt auch für den Norden Europas. Kaum ist hier der Schnee geschmolzen, brechen auch die Weißwangengänse zur ihren Brutgebieten auf. Sie verlassen die Salzwiesen des Wattenmeeres, wo sie sich zuletzt die notwendigen Energiereserven für den 2.500-3.500km langen Zugweg angefressen haben. In einem Forschungsprojekt vom Institute for Wetlands and Waterbird Research IWWR (Verden) und Forschungs- und Technologiezentrum FTZ der Universität Kiel (Büsum) wurden im April zehn Weißwangengänse mit GPS-Sendern ausgestattet und freigelassen. Ihre Daten können im Internet tagesaktuell eingesehen werden, so dass alle Naturfreunde die Möglichkeit haben, diese Reise in den arktischen Norden zu verfolgen.

Die moderne Elektronik macht es heute möglich, auch bei mittelgroßen Vögeln wie arktischen Gänsen mit einem Gewicht unter 2kg Sender zu nutzen, die schier unglaubliche Datenmengen sammeln können. „Diese Sender sammeln aktuell alle 5min einen GPS-Punkt, dazu noch Daten über das Verhalten der Gänse“, so Dr. Helmut Kruckenberg, Zugvogelforscher vom IWWR e.V. „Im Flug erhöht sich diese Datenrate noch zusätzlich auf alle 30sec. Der Sender erkennt das automatisch“. Damit wollen die Forscher mehr über die Flugbewegungen der Gänse im Nordseeraum herausfinden. Außerdem, so Kruckenberg, werden die Daten Aufschluss über die detaillierte Nutzung der einzelnen Salzwiesentypen geben. Die Sender erfassen die Position des Vogels metergenau, so dass die Daten später mit Satellitenfotos des Wattenmeeres und hochgenauer Geländerkarten verarbeitet werden können. Auch interessieren sich die Forscher für die Zugrouten der Gänse. Speziell die Art und Weise wie die Gänse die Ostsee überqueren, ist ihnen wichtig. „Hier sind ja bereits sehr viele Offshore-Windparks entstanden und noch weitere geplant“, erklärt Helmut Kruckenberg. Welchen Einfluss diese auf die Zugrouten der Vögel haben, damit beschäftigen sich die Biologen aus Kiel und Verden schon seit einigen Jahren.

Am ersten Maiwochenende sind nun fast alle Vögel abgeflogen. Ein besenderter Vogel verweilt noch an der Leybucht. „Die Gänse ziehen natürlich nicht alle gleichzeitig“, berichtet der Biologe. „Wenn der Wind günstig ist und die individuellen Energievorräte ausreichen, dann fliegen die Vögel los.“ Der Abzug der Gänse wird noch bis Mitte Mai andauern, schätzt der Vogelexperte. Dies hinge auch davon ab, ob die Vögel in der kommenden Saison überhaupt zur Brut schreiten wollen. Wollen oder können sie das nicht, etwa weil sie noch nicht geschlechtsreif sind oder den Partner verloren haben, dann haben sie ja deutlich mehr Zeit, so Kruckenberg.

Insgesamt wurden in zwei Fangaktionen knapp 100 Gänse gefangen und mit codierten Farbringen an den Füßen markiert. Diese internationale Kennzeichnung von Weißwangengänsen wird seit 1976 genutzt. Eine große Internet-Datenbank erlaubt es jedem Beobachter, Ablesungen dieser Vögel im Rahmen eines Citizen-Science-Projektes zu melden. Auf der Seite submit.cr-birding.org können sogleich die Lebensdaten der Vogels eingesehen werden.

Die meisten Gänse haben innerhalb weniger Stunden die Ostsee überquert und rasten derzeit in Estland oder Finnland. Sobald sie die russische Grenze überfliegen, rechnen die Experten mit weniger Daten. „Aufgrund des Krieges hat Russland das mobile Internet eingeschränkt und stört zudem aktiv die GPS-Signale“, so Kruckenberg. Wie oft sich die Vögel also auf dem Weg zum Nest melden, wird spannend. Für die Verfolgung des Gänsezugs haben die Forscher eine Internetseite eingerichtet: www.blessgans.de/tracking/barnacle-track . Hier werden die einkommenden Daten automatisch auf einer Karte dargestellt. Gleichzeitig können die Sender mit der App „Animal Tracker“ vom Max Planck Institut für Ornithologie verfolgt werden. Diese ist im App-Store von iOS und Android kostenlos erhältlich und zeigt auch viele andere Vogelarten an.

 

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