
Aus 10km Höhe sieht alles ganz harmlos aus: Teilgebiet des EU-Vogelschutzgebiets V63 „Ostfriesische Seemarsch von Norden bis Esens“ westlich von Dornumersiel im Landkreis Aurich. Nördlich der gelb eingezeichneten Linie verläuft die neu gebaute graue ca. 1 km lange Schotterstraße inklusive eines befestigten Abstellplatzes. Darüber befindet sich der Seedeich, nördlich davon direkt angrenzend der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer – google earth/Airbus
Die „Energiewende“ und ihre Auswirkungen auf die Biodiversität ist deutlich sichtbar im EU-Vogelschutzgebiet V63, Ostfriesische Seemarsch von Norden bis Esens, das direkt an den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer („Weltnaturerbe“) angrenzt, getrennt durch den Seedeich. Im Teilbereich des Vogelschutzgebietes zwischen Dornumersiel und Neßmersiel (Landkreis Aurich) wurde inzwischen eine riesige Baustelle für die Anlandung von Windkraft-Offshore Seekabeln (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, HGÜ) eingerichtet.

Vogelschutzgebiet V63: Bewertung durch den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) – Screenshot
Auf nationaler Ebene ist das Vogelschutzgebiet V63 in diesem Bereich durch das Landschaftsschutzgebiet (LSG AUR 029) gesichert, auf dem Papier. Im Watt und auf der Ostspitze der gegenüberliegenden Insel Baltrum (im Nationalpark) liegt ebenfalls eine große Anlandungsbaustelle. Die Baumaßnahme, die 2024 begann und bis 2030 dauern soll, wird vom Übertragungsnetzbetreiber und Stromnetzinvestor TenneT durchgeführt.

Bildmitte: ca. 1km lange Schotterstraße inkl. Abstellplatz im Vogelschutzgebiet, rechts im Bild der Seedeich mit der Deichverteidigungsstraße – Foto: Manfred Knake/Wattenrat
Im Vogelschutzgebiet V63 wurde eine ca. 1 km lange schwerlastfähige Schotterstraße mit einem anschließenden Abstellplatz deichparallel gebaut, dazu kommen Lagerflächen für Offshore-Kabel und Abstellplätze für Container und Baumaschinen. In einer früheren Version dieses Beitrages wurde die Gesamtlände mit 1,4 km angegeben. Für die Bürgermeister der Insel Borkum und der landseitigen Gemeinde Dornum ist alles „öko“, zumindest im Geschwurbel auf der WebSeite von TenneT.
Zitate: „Die geplanten Horizontalbohrungen von TenneT sind ein entscheidender Schritt für die Energiezukunft. Wir erwarten eine transparente und respektvolle Partnerschaft, die die Interessen unserer Inselgemeinde und den Schutz unserer Natur gleichermaßen berücksichtigt. Harm Olchers Bürgermeister von Baltrum „
und weiter:
„Die kommenden Projekte mit TenneT bieten die Gelegenheit, zu zeigen, wie moderne Infrastruktur und ökologische Verantwortung erfolgreich miteinander verbunden werden können. Wir erwarten eine konstruktive Partnerschaft, die den Weg für eine nachhaltige Zukunft ebnet und die Interessen der Dornumer Bürgerinnen und Bürger sowie der Urlaubsgäste miteinbezieht. Uwe Trännapp
Bürgermeister von Dornum“

TenneT-Kabelprojekte durch die Nordsee und den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer – Grafik: Tennet – Screenshot/Bildzitat, abgerufen am 12. April 2026
Kompensation für den schweren Eingriff in das Schutzgebiet?
Ob und welche Ersatzmaßnahmen vom Landkreis Aurich mit der Bewältigung des Störungs- und Schädigungsverbots nach dem Bundesnaturschutzgesetz durchgeführt wurden, ist nicht bekannt. Der Wattenrat wird nachfragen. Immerhin, der NABU hat auf seiner WebSeite im November 2024 schon mal Bedenken gegen die Kabelverlegungen durch das Wattenmeer geäußert.

Ca. 1 km lange schwerlastfähige Schotterstraße mit Abstellplatz im Vogelschutzgebiet V63, rechts der Seedeich – Foto: Manfred Knake/Wattenrat
Der NABU lobt aber gleichzeitig die für Meeressäuger, Hochseevögel und Zugvögel gefährliche Offshore-Windenergie: „Offshore-Windenergie ist ein wichtiger Baustein der Energiewende“.
Diese Eingriffe in das Weltnaturerbe lassen die berechtigte Frage aufkommen, ob dem Wattenmeer nicht der Titel „Weltnaturerbe“ von der UNESCO aberkannt werden sollte.

Lagerplatz für Seekabel an der Schotterstraße- Foto: Manfred Knake/Wattenrat
Offshore-Propaganda in der Lokalpresse: „minimaler Eingriff“
So beschrieb eine Redakteurin der Nordwest Zeitung im Mai 2024 in grandioser Unkenntnis die Leistungsfähigkeit von Offshore-Windparks:
Horizontalbohrungen in Dornumersiel beginnen Dieses Großprojekt spielt entscheidende Rolle für die Energiewende im Nordwesten
Der Strom von fünf Atomkraftwerken – so viel werden die Windparks in der Nordsee ab dem Jahr 2031 bereitstellen. Um den Strom an Land zu nutzen, beginnt Tennet nun damit, Kabel zu verlegen. […] Ronald Siebel ist zuständig für diese Horizontalbohrungen und erklärt den Vorteil: „Es ist ein minimaler Eingriff in die Natur, denn wir haben nur einen Startpunkt (Dornumergrode) und einen Zielpunkt (Watt) an dem Bauaktivitäten stattfinden müssen.“
Das Geschäftsmodell Windenergie
Auch Offshore-WEA produzieren speisen Strom nur dann ins Netz ein, wenn der Wind ausreichend weht, und der weht eben nicht beständig auf See. Offshore-Windparks erreichen Auslastungen von ca. 3.500 bis 4.500 Volllaststunden pro Jahr, das Jahr hat 8760 Stunden. Zudem sind auch Offshore-Windparks nicht grundlastfähig und auf ein stabiles Stromnetz durch Wärmekraftwerke angewiesen. Windkraftanlagen sind ein Geschäftsmodell mit 20-jähriger garantierten Vergütung des eingespeisten sog. „grünen Stroms“ zur angeblichen Rettung des Klimas, vom Steuerzahler bisher mit Milliardenbeträgen finanziert.
Auch bei Neuharlingersiel im Landkreis Wittmund sollen demnächst Offshore-Kabel über Langeoog und das Wattenmeer angelandet werden, mit den ebenfalls zu erwartenden erheblichen Beeinträchtigungen der dortigen Bereiche des Vogelschutzgebietes V63.

Vogelschutzgebiet V63, westlich Dornumersiel: TenneT-Abstellplatz für Container und Baufahrzeuge – Foto: Manfred Knake/Wattenrat
Schon mehrere schwere Eingriffe in das Vogelschutzgebiet V63
Das südlich hinter dem Deich angrenzende Vogelschutzgebiet V63 war schon öfter Schauplatz von Eingriffen, von ignoranten und offensichtlich naturschutzfachlich überforderten Kommunalpolitikern auf den Weg gebracht: 2021 wurde die 2,1 km lange Umgehungsstraße um Bensersiel/Stadt Esens für den Verkehr freigegeben, obwohl das Bundesverwaltungsgericht den Straßenbau mit dem zugrundeliegenden Bebauungsplan im damaligen „faktischen Vogelschutzgebiet“ in seinem Urteil von 2014 (BVerwG 4 CN 3.13) als „rechtsunwirksam“ bezeichnet hatte, damit war die Straße ein „Schwarzbau“. 2024 fand im Vogelschutzgebiet bei Neuharlingersiel die Europameisterschaft der Friesensportler statt, in der Brutzeit, direkt an den Brutgebieten von streng geschützten Rohrsängern und Blaukehlchen. Schirmherr der Veranstaltung war der damalige niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).
Papier ist geduldig
Um es zu wiederholen: Auch europäischer Naturschutz, nach den für alle Mitgliedstaaten verbindlichen Natura-2000-Richtlinien, findet oft nur auf dem Papier oder in Sonntagsreden statt, siehe oben. In der oft distanzlos unternehmens- oder verwaltungsnah berichtenden Lokalpresse (copy & paste) wird man kaum kritische Artikel dazu finden. Eine kritische Bewertung der Kabelanbindungsprojekte erfolgte durch die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste e.V..
Korrigiert und ergänzt am 06. Mai 2026