14. Juni 2012

Seehunde: die ersten Heuler der Saison im „Weltnaturerbe“

Seehundbank auf Borkum, ständige Störungen

*Bitte #edit ganz unten beachten!*: Luftmine am Seehundswurfplatz gesprengt

Alle Jahre wieder werden junge Seehunde oder „Heuler“, benannt nach ihrem durchdringenden Verlassenheitsruf, in die Seehundaufzuchtstation der Landesjägerschaft in Norden eingeliefert. Nr. 1 in diesem Jahr war der Junghund „Greta“, der von seiner Mutter getrennt von Borkum aus nach Norden gebracht wurde. Warum wurde der Heuler „Greta“ von seiner Mutter getrennt und fristet nun als Wildtier sein Dasein in einer Aufzuchtstation? Es liegt nahe, das Greta ein Opfer des Massentourismus im „Weltnaturerbe“ und Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wurde.

Seehundbank Borkum: Flucht vor Touristen (dabei auch eine Kegelrobbe, vorne links)

Der Badebetrieb auf Borkum findet in der Nähe einer Seehundbank statt. Touristen laufen bei Niedrigwasser direkt zur Sandbank, auf dem Seehunden liegen, auch Kitesurfer fahren dort dicht vorbei. In unmittelbarer Nähe der Bank segeln Hobie Cat-Segler (schnelle Katamarane). Die Hobie Cats und Surfbretter kann man Strand mieten. Es gibt keine Absperrung, die Segler und Surfer am dichten Vorbeifahren hindern.

Borkum: Hobie Cat vor Seehundbank

Eine Aufsicht findet nicht statt, nur 6 hauptamtliche Ranger ohne Kompetenzen und Boote sollen ein Nationalparkgebiet von 3.500 qkm überwachen, die Wasserschutzpolizei ist personell überfordert, die Dienststelle in Norddeich wurde 2011 aufgelöst. Inzwischen wurden zwei weitere Heuler aus dem Watt bei Cuxhaven in die Norddeicher Station eingeliefert. Auch Cuxhaven ist eine Hochburg des Massentourismus.

So schließt sich denn für die kleinen Seehunde der Kreis: Erst von der Mutter getrennt, aus seinem Schutzgebiet entnommen und gegen Bares in Norddeich den Touristen zur Schau gestellt, ausgerechnet in einer Einrichtung der niedersächsischen Landesjägerschaft, die damit ihr Image als Tierretter der rundköpfigen und kulleräugigen Seehunde fördert. Bis Anfang der 1970er Jahre wurde der Seehund von Jägern als vermeintlicher Fischschädling bis an den Rand der Ausrottung stark bejagt. Gäbe es eine qualifizierte Aufsicht im Nationalpark Wattenmeer und „Weltnaturerbe“ gäbe es mit Sicherheit auch weniger Heuler. So wird es der Aufzuchtstation an neuem „Ausstellungsmaterial“ auch in Zukunft kaum mangeln!

Seehundkadaver am Strand von Borkum

Link: Der Seehund als Ware

Ostfriesen Zeitung, online

Norddeich

„Greta“ verschläft den größten Teil des Tages

 09. Juni 2012

Norddeich – „Greta“ heißt der erste Heuler dieses Sommers, der in die Seehundstation Nationalparkhaus in Norddeich gebracht wurde und dort jetzt aufgepäppelt wird. Gefunden wurde das Tier einer Pressemitteilung von am Freitag zufolge bereits am 25. Mai auf Borkum. Wasserschutzpolizisten entdeckten den Heuler am Strand, ganz allein. Weil dort so viele Menschen unterwegs waren, habe keine Chance bestanden, dass die Kleine wieder Kontakt zu seiner Mutter bekommt. […]

#edit 15. Juni 2012: Gestern, als dieser Beitrag online ging, wurde in der Osterems von Fischern eine Luftmine aus dem 2. Weltkrieg geborgen. Sie wurde ausgerechnet zur Kachelotplate bei der Vogelinsel Memmert geschleppt und dort unter Wasser gesprengt. Die Kachelotplate ist eine streng geschützte Sandbank und bekannt als großer Seehund-Wurf- und Liegeplatz, dort liegen auch häufig Kegelrobben; Küsten-und Zwergseeschwalben brüten hier relativ ungestört. Derzeit werden dort die jungen Seehunde geworfen oder gesäugt. Vor der Minensprengung wurden die Seehunde mit Schallgeräten von der Plate vertrieben.  Auch so kann man Heuler produzieren, in einem Nationalpark und Weltnaturerbe! Der explosive „Fang“ der Fischer hängt mit den derzeitigen Räumungsarbeiten der Firma TenneT in der Osterems für die Kabelanbindung des Windparks Riffgat bei Borkum zusammen. Unglaublich ist, dass ohne die sonst üblichen Ausschlusszeiten aus Naturschutzgründen auf Deubel komm raus auch im „Weltnaturerbe“ und Nationalpark Wattenmeer gebuddelt und geräumt wird. Dabei nimmt man bewusst die „Kollateralschäden“ bei Seehunden in Kauf. Wie viele Tiere lagen auf der Kachelotplate? Wie hoch war der Jungenanteil? Wohin sind die Seehunde nach der Räumung abgetaucht, in Richtung Sprengort? Wer hat das kontrolliert?  Dass es keine Unterwasser-„Kollateralschäden“ bei 500kg detoniertem Sprengstoff gegeben haben soll,  ist wenig plausibel. Die Presseberichterstattung klingt bemerkenswert harmlos, die Nationalparkverwaltung äußerte sich gar nicht. Die Kabelverlegung durch TenneT, bzw. die Vorbereitung, wird öffentlich seit Januar 2011, also seit eineinhalb Jahren, diskutiert und  schon seit vielen Wochen praktiziert.  Der hohe Zeitdruck mit der Renditeerwartung der Windpark- Investoren setzt offenbar alles Spielregeln außer Kraft. Die angeblich so „ökologische“ Energiewende hat erhebliche Auswirkungen auf die Tierwelt des Wattenmeeres. Die gab es bereits bei der Kabelverlegung und Anlandung in Hilgenriedersiel 2008.

Nordwest Zeitung, Oldenburg, online, 15. Juni 2012

[…] Vor der Sprengung mussten die dort zahlreichen vorkommenden Seehunde den Angaben zufolge zu ihrem eigenen Schutz vertrieben werden. Menschen und Tiere wurden trotz der hohen Sprengkraft nicht verletzt.

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Ostfriesen Zeitung, S. 11, 15. Juni 2012

Luftmine in der Osterems gesprengt

[…] Vor der Sprengung seien alle Seehunde aus dem Gebiet mit einem Schallgerät vertrieben worden. Da die Bombe mit 500 Kilo eine extrem hohe Sprengkraft gehabt habe, sei der Sprengort im Umkreis von einem Kilometer abgesperrt worden.

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Ostfriesen Zeitung, 20 Januar 2011
Fischer bangen um Fanggründe und Existenz
VON FRITZ HARDERS

Ein Kabel für den Nearshore-Windpark Riffgatt wird durch die Osterems verlegt. Bei dem Wattgebiet handelt es sich um ein Hauptfanggebiet der
Greetsieler und Ditzumer Granatkutter. 

Krummhörn – Die Greetsieler Fischer bangen um ihre Fanggründe in der Osterems – und damit um ihre Existenzen. Ein Seekabel, das dort verlegt werden soll, bereitet ihnen erhebliches Kopfzerbrechen. Es geht um die Anbindung des Nearshore-Windparks Riffgatt, der nordwestlich von Borkum gebaut wird. Während der Netzanbindung darf ein sechs Kilometer breiter Korridor für Fangfahrten nicht genutzt werden. Die Einbußen sind nicht absehbar, sagen die Fischer. Zumal die Arbeiten in die späte Sommerzeit fallen sollen. Dann stört es die Seehunde am wenigsten, heißt es zur Begründung. Für die Granatfischer ist dann Hauptsaison. Drei Monate soll es dauern, bis das Kabel 1,50 Meter tief im Meeres- und Wattenboden verlegt ist. Ob die Zeitvorgabe eingehalten werden kann, dafür gibt niemand den Fischern eine Garantie. Auch die Tennet-Offshore GmbH nicht, die den Auftrag für die Anbindung des Windparks hat. […]

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