26. Juli 2012

Munitionsaltlasten: Zündstoff im Nationalpark Wattenmeer

 

Archivbild: Sprengung einer Seemine im Watt vor Dornumersiel/LK Aurich

Im Juni berichtete der Wattenrat über die Unterwassersprengung einer 500kg-Luftmine an der Kachelotplate im Watt bei Memmert. Die Kacheloplate ist ein bekannter Liegeplatz von Seehunden und Kegelrobben. Hier werden die Jungen geboren und gesäugt. Vor der Sprengung dieser Luftmine vertrieb die Wasserschutzpolizei alle Seehunde von der Sandbank ins Wasser, dann wurde die Mine gesprengt. Angeblich, so die Presseberichterstattung, wurde kein Tier bei der Sprengung verletzt. Genau das ist wenig plausibel und daher kaum glaubhaft.

Gerade im Wasser verstärkt sich der Schall und kann noch auf Kilometer Schäden am Gehör der Tiere verursachen. In der Woche nach der Sprengung wurden bei Borkum vier Heuler, also verlassene junge Seehunde gefunden. Ob dies ursächlich mit der vorangegangenen Sprengung zusammenhängt, lässt sich nicht sicher nachweisen.

Die derzeit hektischen Kabelverlegearbeiten im Wattenmeer und „Weltnaturerbe“ für die Anbindung der Offshore-Windparks für die „Energiewende“ sorgen für immer mehr Munitionsfunde. Eine vor Borkum gefundene britische Ankertaumine wurde ohne nähere örtlichen Angaben am 24. Juli „außerhalb der üblichen Schifffahrtswege“ abgelegt und zur Detonation gebracht, auch hier wurden die Seehunde, so ein Zeitungsbericht, „vor der Sprengung durch den Einsatz eines speziellen Unterwasserschallgerätes vom Gefahrenbereich ferngehalten“. Ob das jedes mal so gelingt, ist fraglich, weil die Tiere nicht wunschgerecht unter Wasser die ausreichende Abstände zur Sprengung einhalten werden. Weitere inzwischen gefundene Seeminen warten auf die kontrollierte Detonation mittels Haftladungen. Auf Wangerooge wurde am 25. Juli ein 250 kg-Torpedokopf gesprengt, über Wasser am Ostende der Insel. Die Überwassersprengungen bei Niedrigwasser sind für Meeressäuger unproblematisch, wenn man die Tiere fernhält. Dem Vernehmen nach ist die Nationalparkverwaltung in Kontakt mit der Wasserschutzpolizei, um nach Möglichkeit die Sprengungen der Munitionsaltlasten über Wasser durchzuführen, so weit das aus Sicherheitsgründen und nach Munitionstyp möglich ist.

In einem Nationalpark und „Weltnaturerbe“ sollte immer mit äußerster Umsicht bei Sprengungen mit Rücksicht auf die Tierarten gearbeitet und alle Faktoren ausgeschlossen werden, die zu Verletzungen oder Todefällen führen könnten. Aber auch den Schutzstatus eines Nationalparks gibt das Bundesnaturschutzgesetz ausreichende Handhabe, die damit verbundenen Beeinträchtigungen der wildlebenden Tierwelt zu minimieren.

Munitionsaltlasten gibt es noch auf Jahrzehnte zu entsorgen. Es handelt sich dabei nicht, wie immer fälschlich behauptet wird, ausschließlich um Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg.  Auch Bundeswehr- und NATO-Munition liegt noch zuhauf in der Nord- und Ostsee. Altmunition in den Küstenmeeren hat seit Kriegsende zu 581 Todesopfern geführt. Einen aufschlussreichen Artikel dazu veröffentliche der Biologe Dr. Stefan Nehring in der Zeitschrift „Waterkant“: „Pulverfaß Nordsee“. Nehring schätzt die Munitionsreste allein vor der niedersächsischen Küste auf ca. 300.000 t. Bis zu 1,3 Millionen Tonnen konventioneller und chemischer Munition sollen nach dem Bericht einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe auf dem Meeresboden von Nord- und Ostsee verrotten!

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund (und andere), 25. Juli 2012

Kontrollierte Sprengung unter Wasser

WILHELMSHAVEN!OTS – Der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) hat gestern Mittag eine englische Ankertaumine aus dem Zweiten Weltkrieg unter Wasser gesprengt. Eine deutsche Fischkutterbesatzung hatte die Mine im niedersächsischen Küstenmeer etwa neun Kilometer nördlich von Borkum gefunden und aus Sicherheitsgründen außerhalb der üblichen Schifffahrtswege abgelegt. […] Die Besatzung des Polizeiküstenbootes „Wasserschutzpolizei 2“ aus, Emden übernahm die erforderlichen wasserschutzpolizeilichen Absperrmaßnahmen.Die in diesem Gebiet zahlreich vorkommenden Seehunde wurden vor der Sprengung durch den Einsatz eines speziellen Unterwasserschallgerätes vom Gefahrenbereich ferngehalten.

Comments are closed.