3. März 2013

Vogeltod an Mittelspannungsmasten, Energieversorger setzen Umrüstung nur schleppend um

Stromtod im Mittelspannungsmast: toter Uhu, Foto (C): EGE

Mittelspannungsmasten sind Freileitungsmasten für den 1kV- bis 50 kV-Bereich. Anders als Hochspannungsmasten sind viele Mittelspannungsmasten gefährliche Todesfallen für größere Vögel, weil durch die Isolatorenkonstruktion leicht ein Erdschluss durch die Berührung mit den Flügeln hergestellt werden kann und die Vögel durch den Stromschlag getötet werden. Betroffen sind überwiegend größere Vögel wie See- oder Fischadler, Bussarde, Falken, Störche oder Eulen bis zur Größe eines Uhus. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt. Der Gesetzgeber hat daher im Bundesnaturschutzgesetz verfügt:

§ 41 Vogelschutz an Energiefreileitungen

Zum Schutz von Vogelarten sind neu zu errichtende Masten und technische Bauteile von Mittelspannungsleitungen konstruktiv so auszuführen, dass Vögel gegen Stromschlag geschützt sind. An bestehenden Masten und technischen Bauteilen von Mittelspannungsleitungen mit hoher Gefährdung von Vögeln sind bis zum 31. Dezember 2012 die notwendigen Maßnahmen zur Sicherung gegen Stromschlag durchzuführen. Satz 2 gilt nicht für die Oberleitungsanlagen von Eisenbahnen.

Also alles bestens und geregelt, könnte man meinen. Weit gefehlt. Die gesetzliche Frist zur Entschärfung und Umrüstung der todbringenden Masten ist seit dem 31. Dezember 2012 verstrichen, bei weitem nicht alle Mittelspannungsmasten wurden umgerüstet. Die „Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen“ (EGE) hat diesen nicht hinnehmbaren Zustand auf ihrer WebSeite zum wiederholten Male beleuchtet.  Die EGE ist die Triebfeder im Lande, damit dieser gesetzlose Zustand endlich beendet wird. Bemerkenswert: Genau in dem Gebiet um Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, wo die Mitarbeiter der EGE aktuell die Kartierung der gefährlichen bisher nicht umgerüsteten Masten vornahm, wohnt der Landevorsitzende des NABU-NRW Josef Tumbrinck. Bemerkenswert deshalb, weil der NABU-NRW im Juli 2012 dem Land Nordrhein-Westfalen in einer Ampelbewertung ein sattes Grün  für die angebliche Durchsetzung der gesetzlich verlangten Entschärfung von Mittelspannungsmasten zuerkannt hatte, die Bestnote! Der NABU als „mitgliederstärkste“ Naturschutzverband, allein in NRW mit 65.000 Mitgliedern, sollte sich also dringend noch einmal genauer im Lande umsehen. Nur ein Prozent engagierter Mitglieder würde ausreichen, um eine gründliche Kartierung der noch nicht umgerüsteten Strommasten in NRW vorzunehmen.

Wir danken den Eulenfreunden für die Überlassung von Text und Bildern:

Gefährlicher Mast am Wegkreuz, Foto (C) : Stefan Brücher/EGE

EGE, im Februar 2013: Stefan Brücher und Wilhelm Breuer könnten das Wochenende angenehmer verbringen. Im Dienst der EGE sind sie im Auto unterwegs zwischen Düsseldorf und der deutsch-niederländischen Grenze. Brücher und Breuer steuern im 144 km² großen Gebiet des Messtischblattes Heinsberg jeden Mittelspannungsmast an. Seit 2013 müssen diese Masten vogelsicher sein. Die Masten sind in den öffentlichen Karten nicht verzeichnet und müssen im Gelände von den Wirtschaftswegen aus gesucht werden. Die meisten Wirtschaftswege sind zerfahren, schmierseifenglatt oder unpassierbar. Es verlangt vom Fahrer schon allerhand Übung, sich nicht festzufahren oder im Graben zu enden. Wie der Wagen nach so einer Tour ausschaut, lässt sich denken. Das Unternehmen erinnert an die Bilder aus der verbotenen Zigarettenwerbung – nur dass es nicht nach Freiheit und Abenteuer schmeckt und statt in der grünen Hölle des Amazonas in der braunen Agrarlandschaft spielt.

Hier konzentrieren sich an diesem Wochenende viele Mäusebussarde und Turmfalken; darunter dürften bereits Heimzügler aus anderen Teilen Europas sein. Sie nutzen die Mittelspannungsmasten in der an Bäumen armen Landschaft als Sitzwarte. Genau hier liegt das Problem, denn schließlich erweisen sich von 181 Masten 80 als für Greifvögel und Eulen hochgefährlich. Der Netzbetreiber hat keinen einzigen Mast entschärft und daran zum Schutz der Vögel praktisch überhaupt nichts unternommen. Stefan Brücher hält jeden Mast in einer elektronischen Karte im Laptop fest. Am Ende des Tages sind

"Wanderer bist Du bereit, einzugehen in die Ewigkeit", Foto (C) Stefan Brücher/EGE

325 Kilometer zurückgelegt, Brücher und Breuer der Frustrationsgrenze nah. Für die Suche nach Stromopfern fehlte die Zeit. Womit die rastenden Vögel auf dem Mast rechnen können, steht neben einem gefährlichen Mast übelster Sorte unter dem Wegkreuz (im Bild): Wanderer bist Du bereit einzugehen in die Ewigkeit.

Das Ergebnis der Untersuchung ist auch deshalb bemerkenswert, weil der Naturschutzbund Deutschland (NABU) im Juli 2012 Nordrhein-Westfalen hinsichtlich der Durchsetzung der gesetzlich verlangten Entschärfung von Mittelspannungsmasten die Bestnote und in einer Ampelbewertung ein sattes Grün zuerkannt hatte. Eine Bewertung, die die EGE schon damals nicht hatte nachvollziehen können. Immerhin ging selbst das nordrhein-westfälische Umweltministerium zu diesem Zeitpunkt noch von 11.100 gefährlichen Masten aus. Schon damals war klar, dass eine fristgerechte Umrüstung nicht mehr zu erreichen war.

Die EGE wird auch in anderen Landesteilen Nordrhein-Westfalens sowie in weiteren Bundesländern Stichproben durchführen und über die Ergebnisse die mitverantwortlichen Umweltbehörden informieren. Die EGE scheint die einzige Organisation zu sein, die dazu willens und in der Lage ist. In Nordrhein-Westfalen steht es um die Umrüstungsquote gefährlicher Masten deutlich schlechter als zugegeben und befürchtet wird. Dazu könnte der Umstand beitragen, dass sich das dortige Umweltministerium noch bis 2008 mit dem Netzbetreiber RWE darauf verständigt hatte, sich mit einer Umrüstung von Masten in EG-Vogelschutzgebieten zuzüglich 15 Prozent der Landesfläche zufrieden zu geben. Dieser gesetzwidrige Deal zwischen damals christlich-liberaler Landesregierung und Konzern war erst auf den massiven Druck der EGE hin aufgeflogen. In Nordrhein-Westfalen scheint die Misere niemanden zu interessieren – das Umweltministerium nicht und die großen Umweltverbände so wie damals schon offensichtlich auch nicht. Hauptsache, der Strom, der Greifvögel, Eulen und Störche auf dem Mast tötet, fließt aus regenerativen Quellen. Während der Kontrollen standen die zahlreichen Windenergieanlagen im Raum Heinsberg übrigens still, weil der Wind nicht wehte. Und der Himmel war so trüb, dass auch die Fotovoltaikanlagen zur Stromversorgung nichts beitrugen.

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