27. Dezember 2013

Nach dem Orkan „Xaver“: „So viel Teek wie noch nie“, wirklich?

 

Screenshot-Bildzitat, aus: Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, online, 26. Dez. 2013

Es war zu erwarten wie das Amen in der Kirche: Der Deichunterhaltungsverband „Deichacht Esens-Harlingerland“ in Esens/LK Wittmund beklagte nach dem Orkan „Xaver“ die Menge des Treibsels in der Lokalzeitung „Anzeiger für Harlingerland“ mit „so viel Teek wie noch nie“. Diese Aussage darf bezweifelt werden. Nach jedem Orkan an der Küste singen die Deichachten das Klagelied vom hohen Treibselanfall (genannt „Teek“ mit hohem Pflanzenanteil und Zivilisationsmüll vermischt) und den damit verbundenen Entsorgungskosten, das alles gehört zu einer Sturmflut wie die Nässe nach einem Regenguss. Im Januar 1976 z.B. türmte sich Treibsel (Teek) nach einer Sturmflut übermannshoch in Dornumersiel auf. Damals gab es noch keinen Nationalpark Wattenmeer und das Deichvorland wurde durch viel zu hohen Weideviehbesatz auf Golfrasenhöhe abgeweidet. Auch im Jahr 1980 spülten Stürme erhebliche Teekmengen an die Küste. 1990 war eines der sturmflutreichsten Jahre; die damaligen erfassten Treibselmengen anderer Deichverbände in Niedersachsen lagen weit über dem Durchschnitt und resultierten allein aus der Höhe des auflaufenden Wassers. Aber: Bis 1993 wurden die Treibselmengen von der Deichacht Esens- Harlingerland, anders als bei anderen Deichverbänden Niedersachsens, noch gar nicht erfasst. Das durchschnittliche Treibselaufkommen in den Jahren 1994 und 1995 der Deichacht Esens-Harlingerland war das geringste von allen Deichverbänden in Niedersachsen (Quelle: Arbeitsgruppe zum Treibselproblem, Bericht Treibselproblematik an den Hauptdeichen der niedersächsischen Nordseeküste und der von der Tide beeinflussten Flußläufe, S. 12, Bez.Reg. Lüneburg, 1993).

Auch damals wurde schon auf hohem Niveau für mehr Geldmittel geklagt, klappern gehört eben zum Handwerk. Als statistische Bemessungsgrundlage des Teekanfalls gelten bei der Deichacht Esens-Harlingerland also gerade mal zwanzig Jahre (von wie vielen hundert Jahren Sturmfluten?). Das Bild der Kompostierungsanlage in der Zeitung suggeriert zudem riesige Mengen, die aber aus einem weiträumigen Sammelbereich angefahren wurden. Und ob das angekündigte Verblasen der gehäckselten Treibselmengen in die Salzwiesen (strengste Schutzzone des Nationalparks Wattenmeer und „Weltnaturerbe“) rechtlich überhaupt zulässig ist, ist fraglich. Bei Teek handelt es sich nicht um eine homogene Pflanzenmasse, sondern es sind auch Müll- und Plastikanteile dabei, die nicht einen Nationalpark eingebracht werden dürfen. Bis in die 1980er-Jahre wurde der Teek zusammen mit dem darin enthaltenen Zivilistationsmüll einfach in den Salzwiesen aufgeschichtet und verbrannt! Die Teekhaufen schwelten wochenlang. 1998 regte die Deichacht Esens-Harlingerland an, mit schwerem Gerät in die Salzwiesen des Nationalparks Wattenmeer fahren zu dürfen, um dort den Bewuchs zu schlegeln, d.h. zu zerhäckseln, und zwar im Juli, zur Brutzeit der Wiesenvögel. Das wurde nicht verwirklicht. Die Deichacht Esens-Harlingerland ließ Teek bis in die jüngste Zeit zusätzlich zum Kompostplatz bei Neuharlingersiel auf einem Lagerplatz zwischen Dornumersiel und Bensersiel einfach verrotten, ohne eine Betonplatte und ohne Sickerwasseraufnahme, direkt angrenzend an ein Landschaftsschutzgebiet mit Orchideenvorkommen.

Und immer soll der Nationalpark Wattenmeer „schuld“ am hohen Teekaufkommen sein, weil die Salzwiesen nicht mehr beweidet werden und die Pflanzen höher aufwachsen. Ob das tatsächlich so ist, darf bezweifelt werden. Sicherlich werden auch Pflanzenreste durch Sturmfluten aus den Salzwiesen abgerissen und am Deich als Spülsaum abgelagert; Teek (und Müll) wird aber auch aus weiteren Bereichen der Nordsee und aus den Flussläufen, je nach Windrichtung, mit jeder Sturmflut in großen Mengen herangeführt. Auch in früheren Jahren, als es noch keinen Nationalpark gab und das Deichvorland völlig überweidet war, wurden erhebliche Mengen Treibsel angespült. Wenn dann noch kurz aufeinanderfolgende Kettentiden auflaufen, ist auch immer mit mehr Teekanfall zu rechnen.  Aber auch an Deichabschnitten ohne vorgelagerte Salzwiesen lag Teek auf dem Deich, ebenso an Inselstränden. Der Hintergrund des Klageliedes der Deichacht ist also leicht zu erraten: Es geht ums Geld und die Übernahme der Kosten, und dafür wird dann auch gerne mal, im wahrsten Sinne des Wortes, „dick aufgetragen“. Teekfreie Sturmfluten gab es nie und wird es nie geben. Dennoch müsste die Politik die Deichachten dabei unterstützen, sie finanziell zu entlasten, um auch Bundesmittel z.B. aus der „Gemeinschaftsaufgabe Küstenschutz“ für die notwendige Treibselentsorgung bereitzustellen.  Jeder Grundeigentümer an der Küste zahlt bereits eine Umlage an die Deichunterhaltungsverbände, gestaffelt nach der Größe seines Grundbesitzes, das ist der  Haushaltsrahmen der Verbände, in den die Treibselentsorgung tiefe Löcher reißen kann. Immerhin wird Teek ja auch aus Bundeswasserstraßen angepült und muss zum Schutz der Grasnarbe auf den Seedeichen, also für die Verbesserung der Deichsicherheit, von dort wieder entfernt werden.

Kein Vorland, kein hoher Bewuchs: trotzdem Treibsel am Campingsplatz Bensersiel

Eine ganz andere Frage indes ist es, wie man die Salzwiesen im Nationalpark qualitativ verbessen kann. Derzeit sind viele von ihnen in diesem Schutzgebiet und „Weltnatuerbe“ tatsächlich in einem desolaten Zustand, weil sie zu zu stark durch tiefe Gräben, mit schweren Kettenfahrzeugen gezogen, entwässert werden, austrocknen und dadurch monotone Strandquecke die salzwiesentypischen Pflanzenvielfalt verdrängt. Eine moderate Beweidung könnte den Bewuchs auflockern. Hier ist tatsächlich die Nationalparkverwaltung gefragt, die sehenden Auges diese auch ohne Nationalpark geschützten Salzwiesenbereiche jahrelang verkommen ließ.

PS: Ein ganz gewitzter Oberdeichrichter wollte das Teekproblem 2008 schon mal ganz elegant lösen: In Upleward im LK Aurich sollte das Treibgut einfach verbuddelt werden, im Vordeichsbereich des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Unterstützt wurde das Vorhaben vom damaligen Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP), keine Einwände kamen vom Nationalparkleiter Peter Südbeck. Der Wattenrat macht diese als „Pilotprojekt“ deklarierte Müllentsorgungsnummer im Nationalpark Wattenmeer publik. Der Landkreis Aurich untersagte schließlich diese illegale Müllentsorgung auch mit dem Hinweis auf das strafrechtlich bewehrte Verbot, Abgrabungen im Nationalpark vorzunehmen. Nach Paragraf 329 des Strafgesetzbuches kann dafür eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren verhängt werden. Link dazu: Treibselentsorgung im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gescheitert- Oberdeichrichter wollte Teek auf Salzwiese verkuhlen, Strafgesetzbuch spricht dagegen 

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, S.1, 27. Dez. 2013

So viel Teek wie noch nie KÜSTENSCHUTZ Deichacht rechnet mit Entsorgungskosten in Höhe von 165 000 Euro

Weil Pflegemaßnahmen im Nationalpark nicht möglich sind, nimmt das Teekaufkommen bei Stürmen zu.

VON KLAUS HÄNDEL

HARLINGERLAND –Die Sturmfluten des Orkantiefs „Xaver“ sind Geschichte, ohne Schäden

an den Deichen. Das ist die gute Nachricht. Zurückgeblieben ist der Teek (Treibsel). „So viel wie noch nie“, sagt Oberdeichrichter Jan Steffens. Im Vergleich zu 2007 ist es fast doppelt soviel. Allein auf der Teekkompostierungsanlage in Neuharlingersiel haben Bagger gut 9000 Kubikmeter Treibsel mehrere Meter hoch aufgetürmt. […] „Ein weiterer Teil wird vor Ort, das heißt am Deich mit Spezialgerät gehäckselt und ins Deichvorland verblasen“, so Steffens. […]

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, 27. Dez. 2013, S.4.:

Deichacht sieht auch andere in der Pflicht

KÜSTENSCHUTZ Teek ein gesamtgesellschaftliches Problem

Zurzeit müsse die Deichacht alleine für die Teekentsorgung zahlen. Ob das so bleiben kann, müsse geklärt werden.

ESENS/HÄ – Der Aufwand und die Kosten für die aktuelle Teekentsorgung nach dem Orkantief „Xaver“ sind enorm. Dafür aufkommen muss die Deichacht Esens-Harlingerland, bisher geschätzte 165 000 Euro. „Wir müssen das Geld aus dem laufenden Budget aufbringen“, erklärt Oberdeichrichter Jan Steffens zusammen mit Geschäftsführer Meinhard Edzards. […] Zu überlegen sei, ob das so sein muss und auf Dauer so bleiben kann. Denn aus ihrer Sicht sind die Folgen einer Sturmflut, hier das ungewöhnlich hohe Teekaufkommen, ein gesamtgesellschaftliches Problem. „Teek hat es immer gegeben, aber nicht in diesen Mengen wie jetzt“, sagt der Oberdeichrichter. Den Grund dafür sehen Jan Steffens und Meinhard Edzards unter anderem im Nationalpark Wattenmeer: Der Teek entsteht dort in großen Mengen in den ungenutzten Flächen des Deichvorlandes. Ein Vergleich zur schweren Sturmflut im Jahr 2007 zeige, dass das Teekaufkommen damals noch wesentlich geringer war. „Es stellt sich daher die Frage, ob eine gewisse Pflege des Deichvorlandes nicht zwingend notwendig ist, um solche Mengen an Teek erst gar nicht entstehen zu lassen“, so Steffens. Der Nationalpark sei gesellschaftlich gewollt und stehe auch für die Deichacht nicht zur Debatte. „Gerade weil das so ist, sehen wir daher auch andere in der Pflicht, sich an den Kosten für die Teekbeseitigung zu beteiligen“, betont Meinhard Edzards. Und Oberdeichrichter Jan Steffens ergänzt: „Entweder müssen alle für die Entsorgung des Teeks bezahlen oder es muss zusammen mit der Nationalparkverwaltung, den Naturschutzverbänden, dem Land und gegebenenfalls auch mit dem Bund ein Pflegekonzept für den Nationalpark zur Vermeidung von Teek erarbeitet werden.“ Die jetzigen Mengen an Teek werden zum Teil direkt am Deich gehäckselt und ins Vorland verblasen. […]

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