18. September 2013

NLWKN, die Teflon-Küstenschutzbehörde

Grüppenfräse auf den Salzwiesen von Norderney, Screenshot-Bildzitat: Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, online und print, 16./17. Sept. 2013 (Archivfoto)

 Ein Kommentar von Manfred Knake, der sich seit 1975 über eine teflonbeschichtete Küstenschutzbehörde wundert

Herma Heyken vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ist eine gute Pressesprecherin ihrer Behörde, in der das letzte Kürzel tatsächlich „Naturschutz“ bedeutet, und das Letzte im NLWKN ist auch der Naturschutz. Das letzte „N“ wurde dem früheren NLWK nach der Landtagswahl 2003 angehängt, als das damalige Niedersächsische Landesamt für Ökologie (NLÖ) von Ministerepräsident Christian Wulff (CDU) aufgelöst  und ausgerechnet in die Küstenschutzbehörde eingegliedert wurde. Frau Heyken als ehemalige Pressesprecherin der ebenfalls aufgelösten Bezirksregierung Weser-Ems in Oldenburg versteht die Kunst, so wie es sich für eine Pressesprecherin gehört – mit Verlaub – auch aus Scheiße Bonbon zu machen, wie es so anschaulich-griffig heißt. Das ist ihr am Beispiel eines Kettenfahrzeugs ihrer Behörde, das vor wenigen Tagen großflächig eigentlich geschützte Salzwiesen zerwalzte, wieder einmal gelungen.

Zur aktuellen Wattenrat-Kritik an der Zerstörung der eigentlich nach nationalem und EU-Recht geschützten Salzwiesen im Nationalpark Wattenmeer und Weltnaturerbe („Wieder mit einem Kettenfahrzeug durch die Salzwiese„) merkte sie in der Lokalpresse (s.u.) an:

„Um die konkurrierenden Interessen von Naturschutz und Küstenschutz in Einklang zu bringen, werden alle Maßnahmen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer am Jahresanfang mit den Landkreisen (Untere Naturschutzbehörden), dem Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Niedersachsen und der Nationalparkverwaltung abgestimmt.“ Das klingt zu gut (oder naturschutzfachlich grottenschlecht), dann müssten sich nämlich gleich drei weitere Behörden über den gesetzlich Schutz der Salzwiesen in diesem Großschutzgebiet hinweggesetzt haben. Insidern ist bekannt, dass der NLWKN ein Eigenleben an der Küste führt und die „Abstimmung“ mit der Nationalparkverwaltung recht einseitig gestaltet wird. Und man muss sich fragen, was das eigentlich für eine Nationalparkverwaltung mit welchem Selbstverständnis ist, die diesem desolaten Zustand der Salzwiesen im „Weltnaturerbe“ zugestimmt haben soll und dies ohne Widerspruch auch duldet. Die Kernfrage ist, welche Position der Nationalparkleiter Südbeck (und die Landesregierung, die ja nun sogar zum Teil auch „ergrünt“ ist!) zu dieser eindeutig gesetzeswidrigen zerstörerischen Unterhaltung der Deichvorländereien einnimmt. Salzwiesen sind eben kein Teil des Vorgartens einer Küstenschutzbehörde, in dem diese nach Belieben mit ihren schweren Geräten ackern kann.

In den nächsten Tagen werden wieder einmal die „Zugvogeltage“ mit Busladungen von ahnungslosen Vogelguckern an der Küste an- und dann in den Mittelpunkt der Medienberichterstattung rücken, obwohl die Zugvögel kaum noch großflächig intakte Salzwiesen als Rastplätze vorfinden. Die jährliche PR-Aktion der Nationalparkverwaltung nützt zwar den Zugvögeln und den maroden Salzwiesen nichts, ist aber hilfreich für die positive Außendarstellung der Wilhelmshavener Behörde, der man ohnehin mehr Nähe zur Tourismusindustrie als zum Naturschutz nachsagt. Die kaputten Salzwiesen werden kaum in der Intensität wie die Zugvögel, die zudem ab Dezember auch im Nationalpark als „Wasserfederwild“ wieder bejagt werden, öffentlich wahrgenommen. Die mediale Aufmerksamkeit für den Zustand der  Außendeichsbereiche ist eher lokal und marginal.

Ausreichend nasse und beweidete Salzwiese im Frühjahr außerhalb (!) des Nationalparks Wattenmeer, NSG Petkumer Deichvorland an der Ems bei Emden - Säbelschnäbler, Nonnengänse und eine Rothalsgans (unten rechts)

Ihren Terminkalender hat Frau Heyken offensichtlich genauso wenig im Griff wie ihre Zunge: Am Beispiel des Einsatzes eines Kettenfahrzeuges in der Salzwiese bei Dornumersiel im Landkreis Aurich äußerte sie sich so: „Tatsächlich wurde der genannte Bereich zuletzt 2007, also vor sechs Jahren, unterhalten.“ Nein, Frau Heyken, das war im August 2008, als vor fünf Jahren. Und zwischenzeitlich wurde das Kettenfahrzeug immer wieder an wechselnden Orten auf anderen Salzwiesen des Nationalparks eingesetzt, so ein Monstrum muss doch ausgelastet sein.

Selbstverständlich ist eine Küstenschutzbehörde für die Deichsicherheit mit ausreichend dimensionierten Deichen zum Schutz der Bevölkerung unverzichtbar, das wird hier nicht in Frage gestellt. Aber Wasserbauingenieure sind nun mal keine behördlichen Naturschützer und setzen sich entweder aus Unkenntnis, Betriebsblindheit oder schlichtem Einflussdenken oft über die eigentlichen Naturschutzbelange hinweg. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass der NLWKN in seinem Geschäftsbereich IV die Aufgaben des Naturschutzes, insbesondere der FFH- und Vogelschutzrichtlinie, des Biotopschutzes und die Beschäftigung von Freiwilligen zur Betreuung des Nationalparks wahrnimmt. Beim Zustand der Salzwiesen muss es dort aber einen blinden Fleck geben, sonst sähen diese anders aus. Unübersehbare Missstände gleiten an dieser Behörde ab, wie an einer mit Teflon beschichteten Bratpfanne.

Nationalpark Wattenmeer und "Weltnaturerbe" östl. Dornumersiel/LK Aurich: durch Entwässerung und Beweidungseinstellung mit Strandquecke überwucherte "Salzwiese", für Vögel völlig unattraktiv

Seit Jahrzehnten hat sich der großflächige Salzwiesenschutz an der Küste trotz Nationalpark und Weltnaturerbe, trotz Bundesnaturschutzgesetz und FFH-Richtlinie, kaum einen Millimeter  – mit ganz wenigen Ausnahmen – weiter in die gesetzlich gebotene natürliche Entwicklung und den tatsächlichen Schutz bewegt.

Betreten verboten, zerwalzen und entwässern erlaubt: Tiefe Gräben, mit einem Kettenfahrzeug in der strengsten Schutzzone des Nationalparks Wattenmeer östlich von Dornumersiel/LK Aurich gezogen. Die vielen tiefen Entwässerungsgräben sind Todesfallen für flugunfähige Jungvögel. Durch die Gräben trocknet die Salzwiese aus, die standorttypischen Pflanzen verschwinden und machen einer monotonen Queckenlandschaft Platz, völlig unattraktiv für Rast- oder Brutvögel. Aber: "Weltnaturerbe"!

Die betonköpfigen Küstenschutzbehörden mit im Laufe der Zeit wechselnden Namen, aber stets am selben Ort Norden/Ostfriesland, handeln nicht selten noch immer so, als ob es Naturschutzgesetze nicht gäbe und holen als finales Totschlagargument stets den Blanken Hans mit dem nassen Untergang Ostfrieslands aus der Mottenkiste. Es geht offensichtlich mehr um den Einfluss dieser Behörde, das „Herr-im-Haus-Gehabe“, die Abgrenzung gegenüber der Nationalparkverwaltung und um die Auslastung eines Kettenfahrzeuges, als um das fachliche Naturschutzhandeln in einem Nationalpark und „Weltnaturerbe“, das seinen Namen aber nicht verdient, nicht nur wegen entweder überweideter, verqueckter oder turnusmäßig zerwalzter Salzwiesen.

Mehr zu Herma Heykens Kunst als Pressesprecherin des NLWKN hier: Bananen in Öl

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund/NDS, Printausgabe S.1 und S. 5, 17. September 2013 und fast identisch mit anderen Bildern im Ostfriesischen Kurier, Norden/NDS

Streit um Fräsarbeiten an der Küste

UMWELT
Wattenrat: Schwerer Eingriff Kettenfahrzeuge ziehen tiefe parallele Gräben auf den Salzwiesen. HARLINGERLAND/MH/AH – Der Einsatz von Kettenfahrzeugen auf Salzwiesen an der Küste zwischen Bensersiel und Dornumersiel sorgt für einen Streit zwischen dem Wattenrat und dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Der Wattenrat bezeichnet die Arbeiten des NLWKN als „schweren Eingriff in die Salzwiesen und des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer“. […] NLWKN-Pressesprecherin Herma Heyken kontert: „Die von Herrn Knake kritisierten Begrüppungen dienen der Entwässerung des Deichfußes und der Vorlandsicherung.“ Die Arbeiten erfolgten nach Bedarf. Im Einzelfall könne dies auch schon einmal bedeuten, dass „jeder Graben begrüppt wird. Tatsächlich wurde der genannte Bereich zuletzt 2007, also vor sechs Jahren, unterhalten.“ […] Der NLWKN schreibt: „Um die konkurrierenden Interessen von Naturschutz und Küstenschutz in Einklang zu bringen, werden alle Maßnahmen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer am Jahresanfang mit den Landkreisen (Untere Naturschutzbehörden), dem Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Niedersachsen und der Nationalparkverwaltung abgestimmt.“ […]

Comments are closed.