3. Juli 2010

Sandregenpfeifer: NABU und Nationalparkverwaltung: „Erfolgsmeldung“ von der Gelegefront

Der NABU feiert zusammen mit der Nationalparkverwaltung den Bruterfolg des hochgradig gefährdeten Sandregenpfeifers mittels Drahtkäfigen auf der Muschelschillbank bei Campen/Upleward in der Krummhörn, LK Aurich. Diese „Erfolgsmeldung“ verschleiert aber in  Wirklichkeit das jährliche Desaster für diese Watvogelart nicht nur an dieser Stelle. Sandregenpfeifer, genau wie Seeregenpfeifer und Zwergseeschwalben,  finden kaum noch ungestörte Brutplätze am Watt. Der Brutbestand des Sandregenpfeifers ist innerhalb weniger Jahre auf weniger als 100 Brutpaare in Niedersachsen abgesunken, aber nicht wegen Hochwasser an den Brutplätzen oder Fressfeinden, damit lebt die Art seit ihrer Entstehung.

Von den Stränden vertrieben: Sandregenpfeifer

Der dramatische Rückgang der Sandregenpfeiferpopulation ist u.a. das direkte Ergebnis des unkontrollierten Massentourismus und von völlig unzureichenden Schutzmaßnahmen der Nationalparkverwaltung. Die ständigen Störungen durch Spaziergänger oder freilaufende Hunde an den Stränden sind eine Ursache für den Rückgang nicht nur dieser Art. Eine Aufsicht findet kaum statt. Würde sich der Nationalparkleiter Peter Südbeck mehr um die im anvertrauten Nationalparkflächen als um die Propagierung des Tourismus im Welterbe kümmern, sähe es für Strandbrüter besser aus. Ausgerechnet an Muschelschillfläche in der Krummhörn bei Campen  hat die Nationalparkverwaltung 2009 eine Fläche für Kitesurfer in der Zwischenzone des Nationalparks ausgewiesen, obwohl das Nationalparkgesetz dies verbietet. Diese Fläche ist zudem absolut unzureichend gegen Spaziergänger gesichert, die Zäune sind häufig kaputt. Bilder dieser Störungen und davon, wie man vergleichbare gefährdete Brutflächen auf der niederländischen Insel Ameland besser sichert, sind hier zu sehen. Das hätte die Botschaft des NABU sein müssen: Macht die Brutgebiete dicht, haltet Störungen fern! Sorgt für eine qualifizierte Aufsicht im Nationalpark! Gegen die Ausweisung der Kiterfläche an diesem Brut- und Rastgebiet gab es vom NABU keinerlei Unterstützung. Gegen eine Brutplatzsicherung durch Aufschüttungen ist ja nichts einzuwenden, nur ist das keine „nachhaltige“  Lösung des Problems, die nächste Sturmflut wird die Maßnahme wieder nivellieren. Die propagandistischen Scheinerfolge mit der Einzelgelege-Sicherung mittels Drahtkäfig, die zusammen mit der Nationalparkverwaltung vermeldet werden, die aber der Art als solcher überhaupt nichts nützen, ist eben nur der erweiterte NABU-Nistkastenaturschutz. „Pritzelkram“ hätte Altmeister Hermann Löns wohl geätzt.

Aufschüttung auf der Muschelschillbank, Ruhezone des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer

 

Kaputte Zäune, keine Aufsicht: Hund jagt Vögel auf der Muschelschillbank bei Campen

 

Schillbank Campen/Krummhörn: Spaziergänger im Schutzgebiet

Beschilderung mit kleinen Macken

Nicht aus der Feuerzangenbowle: Pfeiffer mit 3 f

Pressemitteilung der Nationalparkverwaltung

Dank Gelegeschutz und Besucherinformation wurden die ersten Küken der Sandregenpeifer flügge – auch Seeregenpfeifer geschlüpft

Wilhelmshaven, 30.06.2010 – Die vom NABU-Niedersachsen im Auftrag der Landesregierung durchgeführten Artenschutzmaßnahmen waren erfolgreich: An der Krummhörn führen jetzt wieder die ersten Paare Sandregenpfeifer Junge! Sandregenpfeifer gehören zu den Küstenvogelarten, deren Brutbestände seit Jahren zurückgehen. Als so genannte Strandbrüter benötigen sie vegetationsarme Schill- und Sandflächen, die frei von Störungen und für Beutegreifer wie Füchse unzugänglich sind. Solche ungestörten Flächen werden immer seltener.

An der Krummhörn befindet sich eines der bedeutendsten Vorkommen dieser gefährdeten Vogelart, allerdings schlüpften hier in den letzten Jahren keine Küken mehr. Die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer hat die Ursachen für den geringen Schlupferfolg untersuchen lassen, das Ergebnis: Schon wenig erhöhte Sommerfluten zerstörten die Gelege, andere wurden von tierischen Nesträubern geplündert. In der Leybucht war Vertritt durch Weidevieh eine weitere Gefährdung. Um die Gelege künftig besser vor Überflutungen zu schützen, hat der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) dieses Jahr damit begonnen, an der Wasserkante erhöhte Schillflächen anzulegen. Der Ornithologe Dr. Winfried Daunicht, ein Mitarbeiter des NABU, hat den Brutverlauf genau verfolgt und z. B. die Gelege mit Drahtkörben vor räuberischem Besuch, sei es aus der Luft oder zu Land, geschützt.

Die Vögel reagieren auf Störungen sehr empfindlich. Sie verlassen schon bei Annäherung auf 100 Meter Entfernung das Gelege und trauen sich nicht zurück, solange Menschen sich innerhalb dieser Distanz aufhalten. Verlassene Gelege können – je nach Witterung – erkalten oder überhitzen. Auch die kleinen, sich bei Gefahr still drückenden Küken sind durch Färbung und Musterung so an ihre Umgebung angepasst, dass ein falscher Schritt abseits des Weges ihr Ende bedeuten kann – ohne dass es bemerkt wird.

Deshalb weisen Informationsschilder am Wegesrand auf das Brutgebiet hin, mit der ausdrücklichen Bitte an Radfahrer und Spaziergänger, diesen Bereich ohne Halt zügig zu durchqueren und auf dem Weg zu bleiben. Mitgeführte Hunde müssen unbedingt an kurzer Leine gehalten werden.. Da an der Krummhörn noch Revier an Revier grenzt, ist auf der ganzen Wegstrecke fast immer wenigstens ein Nestbereich in der Nähe.

Alle Maßnahmen zusammen bewirkten, dass dieses Jahr ging alles soweit gut ging: Die ersten Jungen des Sandregenpfeifers werden gerade flügge und in der Leybucht sind sogar Seeregenpfeifer geschlüpft – die letzte Brut dieser hoch gefährdeten Art am Festland!

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