3. November 2011

„3. Zugvogeltage“: „Experten-Dinner“ und „exklusive Abende“, eine Nachlese und der kreative Umgang mit der Wahrheit

Nonnengänse an der Ems vor Ditzum, im EU-Vogelschutz-  und Gänsejagdgebiet

Die „3. Zugvogeltage“ sind zu Ende gegangen, alles „positiv“ selbstverständlich, wer hätte anderes erwartet. Hier finden Sie eine Nachlese aus einigen uns vorliegenden Presseveröffentlichungen zum Thema. Und immer noch ziehen täglich bei diesem guten Wetter unüberhörbar tausende Gänse verschiedener Arten aus Sibirien oder Nordeuropa über Ostfriesland hinweg, aber unüberhörbar hat auch die Gänsejagd in den Randgebieten des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer inzwischen begonnen. Kritische Berichterstattungen über die PR-Aktion „Zugvogeltage“ gab es auch, sie beschränkte sich aber auf nur ganz wenige Zeitungen. In vielen Tageszeitungen und anderen Medien wurden die PR-Berichte der Nationalparkverwaltung 1:1 in den redaktionellen Teil übernommen, eine eigenständige Recherche fand weitgehend nicht statt. Fakt ist aber, das auch viele Veranstaltungsangebote der „Zugvogeltage“ mangels Beteiligung ausgefallen sind oder Routineveranstaltungen für die Zugvogeltage einfach umdeklariert wurden. Die Nordwest Zeitung brachte gar ein Interview mit dem Nationalparkleiter Peter Südbeck und sprach ihn auf die vom Wattenrat vorgebrachte Kritik an, er sei mehr dem Tourismus als dem Naturschutz verpflichtet, was er selbstverständlich, wieder besseres Wissen, zurückwies, wie ein Blick ins Archiv beweist (siehe Artikel aus der Ostfriesen Zeitung vom 03. März 2010, weiter unten: „Peter Südbeck (Wilhelmshaven), Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, rührt in einer Vortragsreihe die Werbetrommel für die touristische Vermarktung des Weltnaturerbes.“

Er will „Akzeptanz“ für „Schutzmaßnahmen“ mit den Zugvogeltagen schaffen. Welche Schutzmaßnahmen denn konkret? Für die Akzeptanz haben das Land Niedersachsen und die Nationalparkverwaltung mehr als 25 Jahre seit dem Bestehen des Nationalparks Zeit gehabt, es wird weiter nur tatenlos, aber öffentlichkeitswirksam geschwätzt. Südbeck hat viele großflächige Kitesurfer-Areale mit „Befreiungen“ in den eigentlich dafür verbotenen Zwischenzonen des Nationalparks genehmigt und ist auch sonst „His Master´s Voice“, wenn sein Chef und Umweltminister Sander neue Parolen zum angeblichen „Naturtourismus“ im Großschutzgebiet Wattenmeer zum Nachteil der Tiere und Pflanzen im Nationalpark ausgibt. Sanders Referatsleiter Naturschutz im Umweltministerium, Ministerialrat Bernd-Karl Hoffmann,  sprach sich anlässlich der Zugvogeltage in Wilhelmshaven sogar für den Abbau von Infomationsschildern im Nationalpark aus, aus Gründen des Landschaftsschutzes! Der Wattenrat als einziger Kritiker dieses Eco-Entertainments wurde nicht von der Nordwest Zeitung gefragt, auch so kann man Journalismus betreiben. Was dabei vergessen wird: Auch Zeitungsleser gehen ins Internet und lesen, was auf der Welt neben dem Verlautbarungsjournalismus geschieht.

Nonnengänse und Goldregenpfeifer im Dollart, im Hintergrund des VW-Werk in Emden

Ostfriesischer Kurier, Norden, S.5, 26. Oktober 2011

Zugvogeltage sind Öko-Entertainment“

Reaktion -Wattenrat Ostfriesland kritisiert Naturschutzverbände Teil der Vermarktungsstrategie

Ostfriesland – Der Wattenrat Ostfriesland kritisiert, dass die aktuellen „Zugvogeltage“ nur Makulatur seien.Weder Tourismus noch Wirtschaft hätten bis heute, mehr als 25 Jahre nach der Gründung des Nationalparks 1986, irgendwelche wahrnehmbaren Anstrengungen zur Verbesserung der Situation der Zugvögel oder der Nationalparkflächen beigetragen. Die Tourismuswirtschaft habe sich sogar noch ausgeweitet, meint Sprecher Manfred Knake.

Die für die Zugvögel unverzichtbare Kulturlandschaft am Deichfuß sei mit Unterstützung des Umweltministeriums zielstrebig zu Windparkstandorten ausgebaut worden. Die Folge sei die Vernichtung riesiger Rastareale von Emden bis Cuxhaven. Fehlen würden auch Flächen durch den Grünlandumbruch oder Flächen für den Maisanbau, um Biogasanlagen zu „füttern“.

Als „blanker Hohn“ bezeichnet der Wattenrat Worte von Umwelminister Hans- Heinrich Sander, sich für den Erhalt der Marschenlandschaft, für Rückzugsgebiete der Zugvögel und das verträgliche Maß der Tourismusentwicklung einsetzen zu wollen. Untätig seien„völlig unkritische Naturschutzverbände“. Bei den „Zugvogeltagen“ würden keine Anmerkungen zu den tatsächlichen Belastungen der Landschaft im und am Wattenmeer verloren. […]

 

Der frühe Vogel fängt den Wurm: Kiebitz im Watt

dpa-Bericht, erschienen am 29. Oktober 2011

Zugvogeltage an der Küste enden – Jagdzeit beginnt

Von Hans-Christian Wöste, dpa

Nach den Vogel-Touristen kommen die Jäger: Die Zugvogeltage an der Küste gehen mit einem großen Feste zu Ende, doch danach beginnt wieder die Jagdzeit auf Wasservögel.

Wilhelmshaven (dpa/lni) – […] «Alles Öko-Entertainment», kritisieren Naturschützer vom Wattenrat Ostfriesland: «Schon in wenigen Tagen dürfen viele der zuvor beobachteten Wasservögel wieder ganz legal abgeschossen werden.»

Zugvögel als Naturschauspiel zu beobachten, sei sicher spannend und lehrreich, sagt Wattenrat-Sprecher Manfred Knake. «Viele dieser Vögel, darunter verschiedene Gänsearten aus der Arktis, werden vom 1. November an auch in Niedersachsen bejagt und getötet – auch in EU-Vogelschutzgebieten an der Ems, die direkt an den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer angrenzen.»

Der Wattenrat kritisiert auch direkt die Nationalparkverwaltung, deren Leiter Peter Südbeck mehr dem Naturtourismus als dem Naturschutz verpflichtet sei. So habe unkontrollierter Massentourismus mit mehr als 37 Millionen Übernachtungen jährlich mehrere Vogelarten an den Rand der Ausrottung gebracht. Regelmäßig sorgten zudem in Schutzzonen zugelassene Kitesurfer für Störungen. Nach wie vor fehlten Aufseher im Nationalpark.

«Die Risiken für die Tierwelt werden bei den Zugvogeltagen nicht versteckt», hält Südbeck dagegen, «wir wollen nur nicht mit erhobenem Zeigefinger vorgehen.» Leitmotiv der Veranstaltungen sei die Verantwortlichkeit: «Weltnaturerbe heißt auch Weltverantwortung. Das ist unser moralisch-ethischer Aufhänger mit der Botschaft: Im Wattenmeer wird der Grundstein für den Bruterfolg vieler Vögel gelegt, die später tausende Kilometer weit entfernt brüten.»

[…]

Die ostfriesischen Jäger sehen dagegen keinen Anlass für ein grundsätzliches Umdenken bei der Jagd auf Wasservögel. «Graugänse sind inzwischen ein Problem für viele Landwirte», sagt Wilke Siebels vom Bezirksverband Ostfriesland der Landesjägerschaft. […] Eine gewisse Nutzung kann man uns Jägern nicht verwehren.» Die Chancen, bei Schüssen auf Gänse auch geschützte Arten zu treffen, sei sehr gering. «Wir achten stark auf Waidgerechtigkeit. Ein Fehlverhalten einzelner Jäger ist aber nicht ganz auszuschließen.»

 

Nordwest Zeitung, 31. Okt. 2011

Mit Zugvögeln Menschen für den Naturschutz gewinnen

von Jürgen Westerhoff

FRAGE: Herr Südbeck, wie fällt denn Ihre Bilanz der Zugvogeltage aus?

SÜDBECK: Ausgesprochen positiv. […]

FRAGE: Wie waren die Besucherzahlen?

SÜDBECK: […] Die genaue Teilnehmerzahl der etwa 200 Einzelveranstaltungen lässt sich so schnell noch nicht präzise sagen. Anhand der heute vorliegenden Zahlen geschätzt werden wir bestimmt auf 6000 bis 10000 Besucher kommen. Dabei muss man aber auch wissen, dass manchmal kleinere Treffen besser als Großveranstaltungen sein können.

FRAGE: Gibt es ein Beispiel?

SÜDBECK: Wir haben beispielsweise Experten-Dinner angeboten. Das sind exklusive Abende, bei denen sich die Speisenfolge an den Ländern des Zugweges der Vögel orientiert – verbunden mit einem Expertenvortrag und ausführlichen Gesprächen.

FRAGE: Was sagen Sie zu den Kritikern, die Ihnen vorwerfen, Sie kümmerten sich zu viel um Tourismus und zu wenig um den Naturschutz?

SÜDBECK: Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Wir müssen die Leute doch erstmal packen und für das Anliegen begeistern. Erst wenn die Besucher entsprechend fasziniert sind, finden die notwendigen Schutzmaßnahmen auch die erforderliche Akzeptanz der Menschen. […]

 

Ziehende Nonnengänse bei Bensersiel

Aus dem Archiv:

Ostfriesen Zeitung, 03. März 2010

„Nationalpark ist Jobmaschine“  Weltnaturerbe

Von Manfred Stolle

Carolinensiel – Peter Südbeck (Wilhelmshaven), Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, rührt in einer Vortragsreihe die Werbetrommel für die touristische Vermarktung des Weltnaturerbes.

[..]

Die Botschaft ist simpel. Elf Prozent aller Gäste kämen wegen der Natur in die Küstenregion, sagt Südbeck. Sie gäben dafür 114 Millionen Euro aus und sicherten damit etwa 3000 Arbeitsplätze. „Der Nationalpark ist eine Jobmaschine“, sagte Südbeck bei seinen Vorträgen.

Jetzt müsse das Weltnaturerbe in der Region verankert und daraus internationaler Qualitätstourismus entwickelt werden. […]

—–

Wikipedia zur NWZ:

Kritik [Bearbeiten]

Die NWZ wird seit längerem für ihre Monopolstellung in und um Oldenburg kritisiert. Dazu gehört etwa der Vorwurf, die NWZ strebe ein „Meinungsmonopol“ an und werfe dafür „journalistische Grundsätze über Bord“ [….]

Und dann war da noch die WebSeite nordsee24.de , die „Millionen Brutvögel“ (so viele, und das sogar noch im Oktober?), im „Weltnaturerbe“ ausgemacht haben will. Diese Tourismusseite verquirlt locker Brut- und Zugvögel, die auch in der Arktis jetzt nicht brüten. Wer die „Millionen Brandgänse und Pfuhlschnepfen“ wo gezählt haben will, erschließt sich dem staunenden Leser nicht. Was lernt man daraus: Die Tourismusmacher wissen in der Regel nicht, wovon sie schwätzen, wenn es um die Naturkulisse geht, die sie gegen Bares gnadenlos vermarkten (diese Internetplattform ist ein Projekt der Metatravel Service GmbH).

Millionen Brutvögel im Wattenmeer

Das niedersächsische Wattenmeer begrüßt in diesen Tagen wieder Millionen Brutvögel. Bereits zum dritten Mal können Besucher nun die Zugvogeltage am Wattenmeer erleben. Im Rahmen dieser Tage verbringen Millionen Brandgänse und Pfuhlschnepfen einige Tage im UNESCO Weltnaturerbe, um für ihre lange Reise Kraft zu tanken. […] Die diesjährigen Zugvogeltage am niedersächsischen Wattenmeer finden vom 22. bis 30. Oktober statt.[…]

Ballett der Brutvögel über dem Watt

An der deutschen Nordseeküste sind in den vergangenen Tagen Millionen Brutvögel aus der Arktis angekommen. Am Watt legen sie vor ihrer Weiterreise zu den Überwinterungsgebieten im Süden eine Pause ein. Über dem Watt starten die Brutvögel zu aufregenden Flugmanövern, die nicht selten einem Ballett der Wattvögel ähneln. Anlässlich des Vogelzugs sind in diesem Jahr erneut viele Naturfreunde an die Nordseeküste gereist. Naturliebhaber, die das Schauspiel hautnah erleben möchten, können im Rahmen der Zugvogeltage an zahlreichen Exkursionen teilnehmen. […]

 

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