9. Juni 2015

Sommerdeichsöffnung im Langwarder Groden/Butjadingen

Brandenten und Säbelschnäbler im Wattenmeer, Foto (C): Eilert Voß

Brandenten und Säbelschnäbler im Wattenmeer, Foto (C): Eilert Voß

Hier mal etwas Erfreuliches aus dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, mit Einschränkungen:
In Butjadingen (Landkreis Wesermarsch) wurde der vorher durch einen niedrigen Sommerdeich abgetrennte Langwarder Groden auf ca. 70 Hektar Fläche wieder geöffnet und dem Tideeinfluss ausgesetzt, auch als Ersatzmaßnahme für den wenig ausgelasteten Jade-Weser-Port im nahen Wilhelmshaven, bei dessen Bau wertvollste Biotope zerstört wurden. Die Tourismuswirtschaft hat sofort Zugriff auf den neu geöffneten Sommerpolder bekommen. In Butjadingen wird diese Maßnahme nun mit einem Naturerlebnispfad, möbliert mit Informationstafeln, als „Naturspektakel“ vermarktet:

„Seit April 2015 ist am Langwarder Groden Natur pur zu erleben!
Der Langwarder Groden zwischen Fedderwardersiel und Langwarden ist einer der besten Orte zur Vogelbeobachtung in Butjadingen. Ab 2015 bieten ein 4 km langer Rundwanderweg und ein 2 km langer Naturentdeckungspfad Naturerlebnisse der besonderen Art. Von mehreren Beobachtungsständen, Stegen und einer Brücke, die auf den Vordeich führt, lässt sich das Naturspektakel besonders gut überblicken. Auf zahlreichen Infotafeln erfahren Sie mehr zu Natur und Landschaft. Interaktive Modelle laden zum Entdecken dieses interessanten Lebensraums ein.“

Wo bleibt nun das Negative? Ob die dort brütenden oder rastenden Vögel des Wattenmeeres, die sehr störungsempfindlich sind, das auch so sehen, darf bezweifelt werden. Rastvögel wie z.B. der Große Brachvogel fliegen bei Annäherung eines einzelnen Menschen schon auf 150 bis 200 Metern Entfernung auf. Links und rechts vom „Naturerlebnispfad“ wird sich die empfindlichere „fliegende Natur“ also sehr schnell zurückziehen. Der vorhandene Hauptdeich eignet sich hervorragend als Beobachtungsplattform  und Zuschauetribüne für die Vögel des Wattenmeeres, ohne zu stören, vorausgesetzt man führt ein Fernglas mit. Merke: Die Verbesserung des Naturschutzes im niedersächsischen „Weltnaturerbe“ wird erst durch die touristische Nutzung möglich gemacht, Naturschutz degradiert zur  touristischen Erlebniskulisse und zum bloßen „Spektakel“.

Ein ähnliches Projekt scheiterte im Landkreis Aurich. 1995, nach dem Bau der Erdgasleitung Statoil-Europipe durch die strengste Schutzzone des Nationalparks, wurde ebenfalls eine Sommerdeichsöffnung im Münsterpolder als Ersatzmaßnahme planfestgestellt, jedoch ohne einen Rundwanderweg. Die Verwirklichung dieser Naturschutzmaßnahme scheiterte jedoch an den Betonköpfen des Küstenschutzes, der Landkreisspitze und den Deichunterhaltungsverbänden mit ihren politischen Verbindungen. Die Naturschutzverbände verzichteten ebenfalls auf die Maßnahme. Die von Energiekonzern Statoil bereitgestellten Kompensationsmittel in Höhe von 3,6 Millionen Euro drohten zu verfallen. Die Mittel flossen nach Jahren des Gezerres schließlich nach Langeoog, in die Öffnung eines kaum noch sichtbaren flachen Sommerdeiches. Der größte Teil des Geldes wurde allerdings für einen „Damm“ zur Inselsicherung mit einem breiten Wanderweg zur Erschließung des Osten der Insel verwendet.

Nach dem Bau der Erdgasleitung wurde von Statoil die „Wattenmeerstiftung“ ins Leben gerufen, deren Fördergelder vom niedersächsischen Umweltministerium verwaltet werden. Auch die Naturschutzverbände in Niedersachsen erhalten daraus Projektfördermittel, wenn sie brav sind. Die Wattenmeerstiftung finanzierte u.a. die Öffnung des Sommerdeiches im Langwarder Groden.
Pressemitteilung der Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, 03. Juni 2015:

Brutvogelwelt profitiert von der Deichöffnung

Seit der Deichöffnung am Langwarder Groden im Oktober letzten Jahres hat sich die Grodenlandschaft stark gewandelt. Die Baumaschinen sind weg, Ebbe und Flut haben Einzug gehalten. Zweimal täglich schwingt die Tide in den Groden ein und überschwemmt die niedrig gelegenen Bereiche, wodurch nahrungsreiche Schlickflächen entstehen. Der regelmäßige Einfluss des Salzwassers ist außerdem Voraussetzung dafür, dass die für die Küste so typischen Salzwiesen entstehen können. Sie prägten das Landschaftsbild an dieser Stelle Butjadingens, bis der Vordeich gebaut wurde.
„Wir waren von Anfang an sehr gespannt, wie die Brutvögel auf den Tideeinfluss durch Öffnung des Vordeiches reagieren“, so Gundolf Reichert, Brutvogelexperte bei der Nationalparkverwaltung. Derzeit laufende Erfassungen der Brutvogelbestände deuten darauf hin, dass insbesondere Watvögel vom Nahrungsangebot der Schlickflächen profitieren, die mittlerweile im Groden entstanden sind.
„Durch die Deichöffnung haben wir keine Arten verloren, es sind sogar typische Pionierarten wie Sandregenpfeifer und Säbelschnäbler dazu gekommen. Beim Rotschenkel können wir bereits im ersten Jahr einen deutlichen Bestandsanstieg erkennen“ zieht Reichert ein vorläufiges Fazit. Der Rotschenkel gilt hier als Indikator für eine natürliche Salzwiesenentwicklung. Er benötigt – anders als andere Watvögel – eine eher höhere Vegetation zur Nestanlage.
Die Erfassungen der Brutvogelbestände zeigen zudem, dass typische Grünlandarten wie Kiebitz und Uferschnepfe, aber auch Singvögel wie Feldlerche, Wiesenpieper und Schafstelze nach der Deichöffnung weiterhin im Groden brüten. Für die wenigen Paare von Röhrichtbrütern wie Teichrohrsänger oder Rohrammer ist es durch die Maßnahme offenbar schwieriger geworden, denn die Verbreiterung des Sieltiefs und der Salzwassereinfluss haben die Röhrichtbereiche stark verkleinert.
Auch die Wiesenvögel der näheren Umgebung des Langwarder Grodens profitieren von der Maßnahme. „Uferschnepfen aus dem Binnenland fliegen regelmäßig in den Groden und suchen dort in den Schlammflächen nach Nahrung“ erläutert Reichert.
Seit Anfang April hält sich die besenderte Uferschnepfe „Alcollarin“ in Butjadingen auf. Es ist ein Weibchen, das nach dem Ort in der Extremadura in Spanien benannt wurde, wo es am 10. Februar von niederländischen Vogelforschern mit einem Sender ausgestattet wurde. Anfangs hielt sich „Alcollarin“ südlich von Fedderwardsiel auf. Dann hat sich der Vogel südlich vom Langwarder Groden angesiedelt, wo er wahrscheinlich gebrütet hat. Die Sendersignale zeigen, dass „Alcollarin“ regelmäßig in den Langwarder Groden zur Nahrungssuche fliegt. Vor der Brutzeit hat die Schnepfe auch im Watt Nahrung gesucht.
„Wir sind erfreut über die Entwicklung im Langwarder Groden. Es zeigt sich, welches Potenzial die Natur entfaltet, wenn wir ihr Raum zurückgeben,“ erklärt Reichert.
Hintergrund
Das Renaturierungsprojekt Langwarder Groden ist eine Kompensationsmaßnahme zum Ausgleich von Eingriffen im Wattenmeer durch den Bau des JadeWeserPorts und verschiedene Deichbauprojekte. Finanziert wurde die Maßnahme von der JadeWeserPort Realisierungsgesellschaft sowie vom II. und III. Oldenburgischen Deichband.
Mit der Öffnung des Vordeichs am Langwarder Groden im Oktober 2014 wurden 140 ha ehemaliger Sommerpolder wieder dem regelmäßigen Salzwassereinfluss zugeführt. Die Einrichtungen zum Naturerleben wurden vom Land Niedersachsen, der Wattenmeerstiftung und der Bingo-Umweltsstiftung sowie der Gemeinde Butjadingen finanziert.

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