1. Januar 2016

30 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Es kann nur besser werden!

Screeshot (Bildzitat) http://www.nationalpark-wattenmeer.de/nds/service/presse/pressemitteilungen, 01. Jan. 2016

Screenshot (Bildzitat) http://www.nationalpark-wattenmeer.de/nds/service/presse/pressemitteilungen, 01. Jan. 2016

Heute wird der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer 30 Jahre alt. Am 01. Januar 1986 trat er mit einer Verordnung in Kraft, die 1999 in ein Nationalparkgesetz umgewandelt wurde. 2001 wurde das Gesetz bereits von der SPD-Regierung mit dem Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel novelliert. Damit wurden auf Betreiben der Tourismuswirtschaft ca. 90 wertvolle Naturschutzflächen für den Tourismus aus dem Gültigkeitsbereich des Nationalparks herausgenommen oder in der Zonierung herabgestuft. Dafür wurde eine Wasserfläche vor den Inseln Borkum und Baltrum und das ehemalige Naturschutzgebiet im östlichen Teil des Dollarts mit in den Nationalpark einbezogen. Die Schutzfläche vergrößerte sich dadurch von 240.000 Hektar auf inzwischen fast 350.000 Hektar oder 3.500 Quadratkilometer (zum Vergleich: Das immer wieder als Referenzgebiet erwähnte Weltnaturerbe „Barrier Reef“ in Australien, mit dem sich die Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven gerne auf einer Stufe sieht, ist eintausendmal größer, fast so groß wie die gesamte Fläche Deutschlands und dabei wesentlich strenger geschützt als dieser Pseudo-Nationalpark Wattenmeer). Die Beschwerde des Wattenrates Ostfrieslands gegen die Herausnahme und Entwertung von FFH- und Vogelschutzgebietsflächen des Nationalparks für die touristische Nutzung bei der EU-Kommission verlief im Sande. Der boomende Massentourismus erfasst nun auch die entferntesten Winkel dieses Schutzgebietes: zu Fuß (mit oder ohne Hund oder Lenkdrachen), per Sportboot, Flugzeug oder Kitesurfbrett. Die Tourismusindustrie vermarktet den Nationalpark umsatzfördernd als „Weltnaturerbe“ und trägt nichts zum Schutz des Wattenmeeres bei.

Kitesurfer in der strengsten Schutzzone (Ruhezone) des Nationalparks, Foto (C): Eilert Voß

Verbotene Kitesurfer in der strengsten Schutzzone (Ruhezone) des Nationalparks, Foto (C): Eilert Voß

Zahlreiche Nutzungen

Nach der Ausweisung des Nationalparks als „Weltnaturerbe“ im Jahr 2009 begann die Nationalparkverwaltung in Zusammenarbeit mit der Tourismuswirtschaft damit, Kitesurferbereiche in der Schutzzone II (Zwischenzone) von Cuxhaven bis Emden einzurichten. Das Nationalparkgesetz verbietet darin sogar die Verwendung von Kinderdrachen! Die nach dem Bundesnaturschutzgesetz erforderlichen Verträglichkeitsprüfungen vor (!) der Genehmigung wurden nicht durchgeführt. Die Verwaltung arbeitete mit dem Instrument der „Befreiung“ von den Vorschriften des Nationalparksgesetzes. „Befreiungen“ dürfen aber nur bei „überwiegendem öffentlichen Interesse“ erteilt werden und wenn Naturschutzbelange nicht betroffen sind. Das trifft auf die Hobbygruppe der Kitesurfer aber nicht zu. Dazu kommen die zahlreichen anderen zugelassenen Nutzungen wie die Wasservogeljagd auf den Inseln, die Bagggergutverklappungen und die uneingeschränkte Berufsfischerei.

Alles schwarz: Grüppenfräse bei Kettenfahrzeug zieht Entwässerungsgräben in Salzwiese, Dollart, LK Leer, Foto (C): Eilert Voß

Alles schwarz: Grüppenfräse bei Kettenfahrzeug zieht Entwässerungsgräben in einer Salzwiese, Dollart, LK Leer, Foto (C): Eilert Voß

Die Salzwiesen des Nationalparks sind vielerorts durch die zu starke Entwässerung und Nichtbeweidung in einem desolaten Zustand. Die Salzwiesen trocknen aus und überwuchern mit Strandquecke. Als Brut- oder Rastgebiete sind sie daher weniger geeignet, die typischen Salzwiesenpflanzen werden verdrängt. Die Randbereiche des Nationalparks wurden inzwischen mit riesigen Windparks überbaut; binnendeichs gelegene Rastvogelbereiche von Wat- und Wasservögeln wurden allein durch den enormen Scheucheffekt der riesigen Anlagen entwertet. Mehr als eintausend Windkraftanlagen drehen sich nun in Ostfriesland, auch inmitten oder direkt an EU-Vogelschutzgebieten, und es werden immer mehr. Die EU-Kommission als Hüter der Natura-2000-Richtlinien schaut tatenlos zu. Im Küstenbereich von Nordergründe nordöstlich von Wangerooge soll in diesem Jahr ca. 560 Meter vom Nationalpark entfernt ein Nearshore-Windpark mit 18 über 200 Meter hohen Anlagen errichtet werden. Der BUND nahm eine bereits eingereichte Klage gegen diesen Windpark zurück. Dafür wurde mit dem Land Niedersachsen eine Zahlung von 830.000 Euro für eine BUND-nahe Stiftung vereinbart. Das Geld wurde von den Kompensationsmitteln für den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) abgezweigt. Der Wattenrat machte diesen Deal publik. Der BUND-Klageverzicht war einer der Gründe, warum der BUND-Mitbegründer Enoch zu Guttenberg aus dem Verband austrat.

Kein Grund zum Feiern

Ein Grund zum Feiern gibt es daher für den Wattenrat nicht. Einige der erheblichen Defizite in diesem maroden Großschutzgebiet haben die Autoren Manfred Knake und Reiner Schopf in einem Beitrag für die „Nationalpark Zeitung“ zusammengefasst. Der Letzgenannte war mehr als 30 Jahre Vogelwart und auch Ranger auf der Insel Memmert. Den Beitrag können Sie hier nachlesen Nationalparkzeitung_01-2015

WWF und BUND gratulieren

Pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum des Nationalparks Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer kommen nun auch WWF und BUND wieder aus der Deckung der Büros; die Pressemitteilung können Sie ganz unten lesen. Von ihnen hört man sonst fast nichts mehr zu den gravierenden Fehlentwicklungen in diesem Großschutzgebiet. Gemeinsame kritische „Nationalparkbilanzen“ aller Verbände gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr; die letzte erschien 2006, also vor zehn Jahren unter nicht unerheblicher Mitwirkung des Wattenrates: Nationalparkbilanz_2006 .Trotz WWF, BUND und weiteren 14 „anerkannten“ und klagebefugten Naturschutzverbänden in Niedersachsen (u.a. auch der NABU) hat sich dieser Nationalpark zu dem entwickelt, was er heute ist: ein grün angestrichener Freizeitpark!

Mit Winkraftwerken gegen den Klimawandel und die Höhe des Meeresspiegels? Blick vom Langeoog-Fahrwasser auf die ostfriesische Küste, April 2015, Foto (C) Manfred Knake

Mit Winkraftwerken gegen den Klimawandel und die Höhe des Meeresspiegels? Blick vom Langeoog-Fahrwasser auf die ostfriesische Küste, April 2015, Foto (C) Manfred Knake

Viel fällt den langjährigen Funktionären von WWF und BUND nicht mehr ein, wenn sie den Nationalpark nun bewerten: Die Seehunde haben sich aber nicht wegen des Nationalparks erholt, sondern wegen der Jagdeinstellung vor mehr als vierzig Jahren. Die Vögel der Küste erleben derzeit, von WWF und BUND offenbar unbemerkt, bei einigen Arten z.T. dramatische Bestandseinbrüche. Es gibt zwar inzwischen zehn hauptamtliche Ranger, die aber immer noch über keine polizeiliche Kompetenzen und keine Boote verfügen. Zutreffend ist die Kritik an der Fischerei im Wattenmeer, die völlig uneingeschränkt ausgeübt wird. Dazu gehört auch die Saatmuschelfischerei. Junge Miesmuscheln werden sogar in den strengsten Schutzzonen mit stählernen Ketten und Dredgen vom Wattenboden gerissen; die viel beklagte Pazifische Auster als nichtheimische Muschelart wurde erst durch Muschelzuchtbetriebe im Wattenmeer verbreitet. Im Langwarder Groden in der Wesermarsch wurde zwar eine Salzwiese wiedervernässt, aber durch einen Bohlenweg als „Naturerlebnispfad“ touristisch erschlossen und damit entwertet. Rastvögel werden die Nähe dieses Spazierweges meiden.

Touristenbespaßung in Upleward, LK Aurich. Im Hintergrund die Kabelanschlussbaustelle für einen Offshore-Windpark, Foto (C): Eilert Voß

Touristenbespaßung in Upleward, LK Aurich. Im Hintergrund die Kabelanschlussbaustelle für einen Offshore-Windpark, Foto (C): Eilert Voß

Klima

Und was wäre heute ein Umweltverband ohne den wohlfeilen Klimaalarmismus? WWF und BUND beklagen in ihrer Pressemitteilung zum 30-jährigen Bestehen des Nationalparks: „Die größte Gefahr für das niedersächsische Wattenmeer liegt langfristig im Anstieg des Meeresspiegels, der durch den Klimawandel stark beschleunigt wird.“ Das ist, mit Verlaub, völliger zeitgeistiger Blödsinn und durch nichts bewiesen. Der Meeresspiegel der Nordsee steigt seit dem Ende der letzten Weichsel-Kaltzeit vor 12.000 Jahren beständig an. Damals lag er mehr als 100 Meter unter dem heutigen Niveau. Ein konstantes Meeresspiegelniveau hat es nie gegeben und wird es nie geben. Derzeit steigt der Meeresspiegel der Nordsee laut Messungen der Universität Siegen mit 1,7 Millimetern im Jahr oder 17 Zentimetern im Jahrhundert an, das ist der sog. „säkulare Meeresspiegelanstieg“. Darauf haben sich die Küstenschützer auch ohne WWF und BUND eingerichtet und bemessen danach die Deichhöhen. Die Pegelmessungen und zahlreiche Veröffentlichungen, auch der Küstenschutzbehörde NLWKN oder des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) belegen, dass es keinen dramatischen Anstieg des Meeresspiegels in der Nordsee gibt.

Der WWF und der BUND haben sich im Laufe der Jahre zu zahnlosen Tigern und Naturschutz-Marketingverbänden entwickelt, auf die man in der Tagesarbeit des Naturschutzes längst verzichten kann.

P.S.: Wie es ausschnittsweise tatsächlich in diesem hochgelobten Nationalpark zugeht, erfahren Sie aus einem Bericht der Urlauberin M. aus M., die auf der Insel Norderney ihre Augen offen hielt. Wir bedanken uns für die Überlassung: Norderney-Urlaubsbericht_Aug2015

Gemeinsame Pressemitteilung WWF und BUND:

Jubiläum im Watt zum Jahreswechsel, 30. Dezember 2015
30 Jahre Nationalpark Wattenmeer in Niedersachsen / Naturschutzverbände gratulieren und warnen

Wilhelmshaven / Hannover: Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wird am 1. Januar 30 Jahre alt. Zum Jubiläum ziehen die Umweltorganisationen WWF und BUND eine Bilanz mit großen Naturschutzerfolgen und schmerzhaften Schwachstellen. Insbesondere die Unterwasserwelt des Weltnaturerbes genieße trotz Nationalparkstatus noch immer kaum Schutz. Im Jubiläumsjahr selbst wurden wichtige Erfolge erzielt: Im Langwarder Groden können sich hinter einem geöffneten Sommerdeich die Salzwiesen wieder entwickeln und der Nationalpark wird durch neue Ranger nun besser betreut.

„An der Küste kann man stolz sein auf den Nationalpark: Seehunde sind auf einen großen Bestand angewachsen, die einst im Wattenmeer ausgerotteten Kegelrobben kamen zurück, viele Salzwiesen sind geschützt, und Millionen von Küstenvögeln finden mehr Ruhe zum Rasten und Brüten“, sagt Hans-Ulrich Rösner vom WWF.

„2015 gab es große Fortschritte. Mit elf neuen Rangerstellen hat die Landesregierung endlich den Einstieg in eine professionelle Betreuung des Nationalparks ermöglicht“, lobt Holger Wesemüller, Vertreter der Naturschutzverbände im Nationalparkbeirat. „Eine hohe Bedeutung für die Information der Besucher hat der Ausbau der Nationalparkeinrichtungen, z. B. der Häuser auf Norderney und Wangerooge sowie des Welterbezentrums in Cuxhaven.“ Konkreten Schutz auf der Fläche brachte die Öffnung des Sommerdeiches am Langwarder Groden, wo sich nun Salzwiesen wieder natürlich entwickeln können. Allerdings kam dies nicht von selbst, sondern als Ausgleich für zuvor durch den Jade-Weser-Port zerstörte Natur.

Die Naturschützer weisen zugleich auf gravierende Schwächen des Nationalparks hin: „Die Mündungen von Elbe, Weser und Ems, die eng mit dem Wattenmeer verbunden sind, werden vor allem zugunsten von Schifffahrt und Hafenwirtschaft extrem genutzt“, so Carl-Wilhelm Bodenstein-Dresler vom BUND. „Mit den Vertiefungen der Flussmündungen, mit Baggerungen und Verklappungen, aber auch mit Gaspipelines und Kabeltrassen für die Offshore-Windparks wird sehr stark in den Wattenmeerboden eingegriffen und so eine natürliche Entwicklung in großen Teilen des Nationalparks erheblich erschwert oder gar verhindert.“

„Auch der biologische Teil der Unterwasserwelt ist kaum geschützt, denn im Nationalpark darf selbst nach 30 Jahren fast überall nach Krabben und Miesmuscheln gefischt werden, wo dies möglich ist“, so Hans-Ulrich Rösner. Entsprechend seien heute im ständig wasserbedeckten Bereich des Wattenmeeres weder ältere Riffe aus Sandkorallen oder Miesmuscheln noch empfindliche Fischarten wie Katzenhaie und Rochen zu finden.

Die größte Gefahr für das niedersächsische Wattenmeer liegt langfristig im Anstieg des Meeresspiegels, der durch den Klimawandel stark beschleunigt wird. Damit Watt, Salzwiesen, Strände und Dünen nicht eines Tages verschwinden, sind neben besserem Klimaschutz rechtzeitige Anpassungsmaßnahmen nötig. Um sich hier vorzubereiten, fordern die Umweltorganisationen, dass Niedersachsen – vergleichbar mit Schleswig-Holstein – eine von Küstenschutz und Naturschutz gemeinsam entwickelte Anpassungsstrategie für das Wattenmeer entwickelt. Die Betonung liege dabei auf „gemeinsam“ – denn in der Zukunft müssen solche Maßnahmen Vorrang haben, die der Sicherheit der Menschen ebenso dienen wie der Erhaltung der einmaligen Naturlandschaft Wattenmeer.

Vor 30 Jahren, am 1. Januar 1986, wurde der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gegründet. Dies war ein Meilenstein für den Schutz des einmaligen Lebensraums an der Nordseeküste. Damals noch heiß umstritten, genießt der Nationalpark heute eine große Anerkennung in der Bevölkerung. Im Jahr 2009 führte die hohe internationale Bedeutung des Wattenmeeres und der in den drei Wattenmeerstaaten Dänemark, Deutschland und den Niederlanden erreichte Schutz zur Anerkennung des Gebietes als UNESCO-Weltnaturerbe.

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