40 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Elogen und Realitätsverlust

40 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: viel heiße Klimaluft in Wilhelmshaven – Foto: Pixabay (lizenzfrei)

Eigentlich war es vorhersehbar: Die 40-Jahrfeier des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven mit viel Polit-Prominenz verschwieg mehr, als die von den Medien verbreiteten Elogen auf das Schutzgebiet. Hier einige Leseproben: Florian Carius, Nationalpark-Dezernatsleiter Kommunikation, Information & Bildung (ja, Bildung!), auch beim NABU in Wilhelmshaven als „Orni“ tätig, stellt in einer NDR-Meldung vom 06. Februar 2026 fest:

„Ein steigender Meeresspiegel würde das flache Wattenmeer grundlegend verändern. Steigende Temperaturen verändern schon jetzt die Lebensräume und bedrohen viele Arten, sagt Florian Carius. „Deshalb müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Und da ist die Energiewende der richtige Ansatz dafür. Das heißt, wir brauchen erneuerbare Energien.“ Mit „Erneuerbaren Energien“ wird man klimatisch nichts „in den Griff bekommen“, die funktionieren nur  wetterabhängig, das ist Klima-Hybris. Die Belastungsfaktoren Massentourismus, Schleppnetzfischerei, Muschelfischerei, Eutrophierung, Sedimentverklappungen, Sandentnahme oder die Zerstörung von Zugvogelrastgebieten im direkt angrenzenden Binnenlandbereich durch Intensivlandwirtschaft und mit riesigen Windparks blendet der Bildungsdezernent im NDR-Bericht  aus.

Nationalparkleiter Peter Südbeck und die Klimaherausforderung

Sein Chef, der Diplombiologe und Nationaparkleiter wird in einer dpa-Meldung vom 06. Februar 2026 in der Süddeutschen Zeitung zitiert: „Der Klimawandel ist die entscheidende Herausforderung, die Gefährdung, die Bedrohung für das Weltnaturerbe“, sagte Südbeck. „So ist auch der Klimaschutz eine Maßnahme zum Wattenmeerschutz.“

Die „russischen Schattenöltanker“

In der Pressemitteilung:  „Nationalpark wirkt – 40 Jahre niedersächsisches Wattenmeer – Schutz für Natur, Klima und Küste _ Nds. Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz“ wird auch auf hohem Niveau zeitgeistig geschwurbelt, von der „Klimakrise“ bis zu „russischen Schattenöltankern“. Nur die  oben erwähnten tatsächlichen negativen Entwicklungen werden weitgehend ausgeblendet. Olaf Lies (SPD), Ministerpräsident in Niedersachsen und politischer Windkraft-Lobbyist:  „Damit bleibt der Nationalpark ein zentraler Baustein für Klima-, Biodiversitäts- und Meeresschutz – heute und in Zukunft.“  Christian Meyer (B90/Die Grünen) und Umweltminister in Niedersachsen wird ein bisschen realistischer: „Gerade in Zeiten der Klimakrise ist der Nationalpark Wattenmeer von zentraler Bedeutung: Er schützt wertvolle Lebensräume, wirkt als natürlicher Klimaregulator und ist ein Frühwarnsystem für ökologische Veränderungen. Zugleich steht der Lebensraum vor großen Herausforderungen – von steigendem Meeresspiegel massiven Seegrasverlusten, Plastikmüll, Rohstoffabbau, russischen Schattenöltankern bis hin zu zunehmenden Nutzungsansprüchen.“

Willkommen im Weltnaturerbe: Norderney – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Nationalparkleiter Südbeck bescheinigt sich selbst die „positive Weiterentwicklung“

Dem Nationalpark Nieders. Wattenmeer wird laut Umweltminister Meyer zudem attestiert: „Die aktuelle Evaluation des Nationalparks durch seinen Dachverband Nationale Naturlandschaften e. V. zeigt, dass sich der Nationalpark insbesondere im letzten Jahrzehnt sehr positiv weiterentwickelt hat“.  Und wer ist Vorsitzender des Dachverbandes? Peter Südbeck, Leiter des Nationalparks Nieders. Wattenmeer. Wie praktisch, sich selbst die „positive“ Weiterentwicklung zu bescheinigen und mit  wohlfeilem „Klima“ von den tatsächlichen negativen Entwicklungen im Schutzgebiet abzulenken.

Die Weichselkaltzeit und das Wattenmeer

Das Wattenmeer entstand erst durch den postglazialen Anstieg des Meeresspiegels nach dem Ende der Weichsel-Kaltzeit vor ca. 12.000  Jahren, der bis heute anhält, mit derzeit moderaten 2 mm im Jahr. Damals lag der Meeresspiegel der Nordsee bis zu 120 Meter tiefer als heute, das trockene tundraähnliche „Doggerland“. Watt und Salzwiesen wachsen mit dem Meeresspiegelanstieg mit, nur eben die Deiche nicht, das ist das Problem, die müssen ständig in der Höhe angepasst werden. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) sieht das so:“Die Auswertung langer Pegelaufzeichnungen ergibt einen säkularen Anstieg des mittleren Tidehochwassers von ca. 25 cm in 100 Jahren an der offenen Küste. Dieser Anstieg setzt sich aus einer Erhöhung des Wasserspiegels und einer Landsenkung zusammen und unterlag dabei gewissen Schwankungen. Mit dem Norderneyer Pegel kann aber nach wie vor ein beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels nicht nachgewiesen werden.“ Das Wattenmeer mit seinen Tier- und Pflanzenarten hat im Laufe der Jahrtausende nach der Kaltzeit mehrfach starke Klimaschwankungen mit langen Warmzeiten, wärmer als heute, er- und überlebt. Nicht überlebt dagegen haben den drastischen postglazialen Klimaumschwung, verbunden mit der Nachstellung durch Homo sapiens, die mehr als 45 kg schweren Tiere der Megafauna, wie z.B. das Wollhaarnashorn, das Wollhaarmammut, der Höhlenbär, der Riesenhirsch oder in Amerika die Säbelzahnkatze. Das konnten schon Kinder in der Zeichentrick-Filmserie „Ice Age“ lernen.

Die Naturschutzverbände: Welterbetitel in Gefahr?

Kritisch (endlich!) äußerten sich einige Naturschutzverbände zum Nationalparkjubiläum in der dpa-Meldung, obwohl sie jahrelang die Offshore-Windenergienutzung unterstützt hatten: BUND, WWF und Umwelthilfe sehen mit Sorge, dass der Nutzungsdruck durch neue Offshore-Windparks, Kabeltrassen, Gasbohrungen, LNG-Terminals und Schifffahrt auf die Nordsee steigt – und damit auch auf das sensible Ökosystem. Sie fordern daher die Landesregierung auf, das Wattenmeer entschiedener zu schützen.“ Man fürchte, dass „der Welterbe-Titel auch wegen der Gas-Pläne vor Borkum in Gefahr sein könnte“. Nur gibt es weit mehr Belastungsfaktoren als die Gasbohrpläne. Der UNESCO-Weltnaturerbetitel wurde den deutschen Wattenmeernationalparken 2009 verliehen, als werbewirksames Etikett für die Tourismusindustrie. Motor der Verleihung war der damalige FDP-Politiker Walter Hirche, früher Landtagsabgeordneter in Niedersachsen und Bundestagsabgeordneter; 2009 war er Präsident der deutschen UNESCO-Kommission.

Hinweisschild an der A31 in Ostfriesland  – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

 Paradigmenwechsel vom Naturschutz zum imaginären „Klimaschutz“

Irreführend ist der Paradigmenwechsel vom Naturschutz zum politisch gehypten, aber nur imaginären „Klimaschutz“. „Klima“ ist das statistische Ergebnis von 30 Jahren Wetteraufzeichnung in einer definierten Region. Allein in Deutschland gibt es von der Nordsee über den Oberrhein bis zu den Alpen verschiedene Klimate. Weder kann man das Wetter „schützen“ noch in der Folge das statistische Ergebnis „Klima“.

Der letzte Versuch: Seeschwalben und Sandregenpfeifer brüten hinter einem Absperrzaun, Strand Norderney – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Real ist die Biodiversitätskrise

Tatsächlich beunruhigend ist die „Biodiversitätskrise“, abzulesen auch am z.T. dramatische Brutvogelrückgang der bodenbrütenden Limikolen (Watvögel). Ursache sind u.a. die Intensivierung der Landwirtschaft mit den damit verbundenen Lebensraumzerstörungen wie Trockenlegung von Feuchtgebieten oder die häufige Mahd. Auf den touristisch (über-) genutzten Inseln ist es der Rückgang der strandbrütenden Vogelarten, nicht aber das „Klima“. Bereits vor zehn Jahren berichtete der Wattenrat kritisch über die damalige 30-Jahrfeier des Nationalparks in der Zeitschrift Nationalpark“, verbunden mit 5 Jahren Weltnaturerbe.

Die Generation „Klima“ hat übernommen

Auch in der Nationalparkverwaltung wie auch in den Redaktionsstuben der Medien hat ein Generationenwechsel stattgefunden, die junge Generation nimmt offensichtlich die Historie des Nationalparks mit den politischen Einflüssen und den zunehmenden Belastungsfaktoren geschichtsvergessen nicht mehr wahr. Der Unterricht „Biologie“ ist zudem während der Schulausbildung ein Stiefkind geworden. Vermutlich wird an den Hochschulen auch schon die politisch korrekte Klimanummer gelehrt. Die alten tatsächlichen Naturschützer „mit Herzblut“ sterben langsam aus. Beim Wattenrat kann man die Entwicklung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer nachlesen, hier arbeiten die Zeitzeugen der ersten Stunde als Chronisten, die die negativen Veränderung nicht vom Schreibtischsessel aus miterlebt haben. Erinnert sei an die denkwürdige Trilaterale Ministerkonferenz der Staaten Dänemark, Niederlande und Deutschland 1991 in Esbjerg/Dänemark, in der damals die tatsächlichen Belastungsfaktoren des Wattenmeeres deutlich aufgezeigt und Empfehlungen zur Vermeidung gegeben wurden. Die Esbjerg-Deklaration blieb überwiegend bedrucktes Papier, die damaligen besorgten Akteure sind heute entweder in Rente oder schon beerdigt. 2006, 20 Jahre nach Ausweisung des Nationalparks, wurde von den Naturschutzverbänden unter wesentlicher Zuarbeit des Wattenrates noch eine kritische Nationalparkbilanz veröffentlicht; „Klimaschutz“ kam darin nicht vor, dafür aber die tatsächlichen Belastungen. Diese Bilanzen gibt es nicht mehr. Und die immer wieder auftauchende Frage, ob diesem „Schutzgebiet“ wegen der vielen Eingriffe das werbewirksame Etikett „Weltnaturerbe“ aberkannt werden soll, kann eigentlich nur mit einem „Ja“ beantwortet werden.

P.S.: Ein Nachwort am Rande

Zu den 250 geladenen Gästen der 40-Jahre-Jubiläumsfeier zählten Mitarbeiter des Wattenrates als „Veteranen“ nicht, wie auch. Traurig sind wir darüber nicht, wir wussten, welche Reden uns erwartet hätten. Aber wir waren bei der Eröffungsfeier im Jahr 1986 in Wilhelmshaven mit dabei. Eilert Voß, unser „Aktivist“ und Fotograf, machte sich schon damals unbeliebt. Hier eime kleine Anekdote vom Rande der damaligen Feier: Während Veranstaltung, als Ministerspräsident Albrecht (CDU) seine Rede am Stehpult hielt, öffnete sich hinter ihm der Vorhang zu einer Seitentreppe, von der die Schaufensterpuppe „Bruno“ von Eilert hereingeschoben wurde. „Bruno“ war als Wattenjäger angezogen, trug eine Schrotflinte aus einem Besenstiel mit zwei Metallrohren und einem Pappschild mit der Aufschrift in Fraktur: „Wie edel ist die Wattenjagd“ um den Hals. Es wurde schlagartig ruhig im Raum, zwei Sicherheitsbeamte stürzten sich auf Eilert und drängten ihn zurück hinter den Vorhang. Das hätte auch in die Hose gehen können. Aber der Beharrlichkeit von Eilert Voß ist es zu verdanken, dass die Wattenjagd (Lizenzjagd) schließlich eingestellt wurde. Auf den Ostfriesischen Inseln im Nationalpark darf immer noch gejagt werden, auf Gänse und Enten, die auch Zugvögel sind.

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