23. Dezember 2011

Horst Sterns röhrende Weihnacht 1971

Ja, auch beim Wattenrat ist bekannt, dass Rothirsche nicht zu den Tierarten des Wattenmeeres gehören. Ja, und trotz unserer häufigen jagdkritischen Beiträge sind wir, und das mag einige erstaunen, keine absoluten Jagdgegner. Wir wollen in diesem Zusammenhang eine denkwürdige Fernsehsendung am Heiligen Abend vor 40 Jahren in Erinnerung rufen. Der Fernsehjournalist und Publizist Horst Stern, der hier beim Wattenrat einen besonderen Platz einnimmt, hat an diesem bemerkenswerten Fernsehtag vielen Freizeit- und Trophäenjägern die Laune verdorben, als er mit seinen beißenden „Bemerkungen über den Rothirsch“ den unzureichenden Abschuss dieses Sinnbildes des deutschen Waldes beklagte.

Hinter- und tiefgründige Tier- und Naturfilme sind in der heutigen quotenorientierten Mediengesellschaft rar geworden, sprachgewaltige und punktgenaue Journalisten wie Horst Stern, die die immens angewachsenen Naturschutzprobleme im Lande aufspießen, sind im Nachrichtenbrei kaum noch auszumachen. Das inzwischen etablierte Privatfernsehen als offene Kommerzanstalt für Konsumidioten wurde von Altkanzler Helmut Schmidt als „gefährlicher als die Kernenergie“ eingestuft und trägt nicht zur Aufklärung bei. Kurzum: Horst Stern, der heute hochbetagt im bayrischen Passau lebt, fehlt und konnte auch bisher nicht ersetzt werden.

Auf der Seite der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen fand sich der folgende aktuelle Beitrag zu Horst Stern und seinen Fernsehbemerkungen am Heiligen Abend. Mit freundlicher Genehmigung der Eulenfreunde drucken wird deren Beitrag hier ab. Ralf Kistowski (www.wunderbare-erde.de) überließ uns sein Bild vom röhrenden Hirsch, dafür danken wir.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer WebSeite, natürlich auch den Jägern, die unsere Seiten aufmerksam verfolgen, ruhige Weihnachten und ein zufriedenes Jahr 2012.

Das Jahr 2011 sollte nicht ohne Erinnerung an ein Stück Fernsehgeschichte zu Ende gehen. Am Heiligen Abend vor genau 40 Jahren bescherte das deutsche Fernsehen seinem Publikum eine Tierdokumentation der besonderen Art. Ausgerechnet zur stillsten Nacht hatte der Stuttgarter Südfunk wie es eine TV-Zeitschrift formulierte „eine Bombe auf den Gabentisch geschmuggelt“: Horst Sterns Bemerkungen über den Rothirsch. Stern rief darin zum Töten auf – zum massenhaften Abschuss des Edelwildes.

Schon in neun Abendsendungen zuvor hatte der Journalist Horst Stern das sentimental verkitschte Tierbild zurechtgerückt und mit schonungsloser Offenheit eine materiell orientierte Wohlstandsgesellschaft mit dem Leid der Nutztiere konfrontiert. Im Unterschied zu den großangelegten „Expeditionen ins Tierreich“ dreht Stern „eigentlich immer Reportagen über den Menschen“, schrieb damals „Die Zeit“. Deshalb ging keine „Sterns Stunde“ (Programmtitel) – es waren bis 1979 immerhin 26 – ohne Proteste über den Sender. Das Magazin „Der Spiegel“ lag damals richtig: „Nach der Heiligabend-Sendung wird Stern wohl auch mit den deutschen Jägern Streit bekommen.“

Sterns Bemerkungen über den Rothirsch empfand die Jagdlobby als ungeheuren Tabubruch; sie lösten eine hitzige forstpolitische Debatte aus. Stern führte vor, was ein aus ökologischem Unverstand und des Trophäenkults wegen gehätschelter Wildbestand aus dem deutschen Wald gemacht hatte. Sterns Kommentar: „Zuviel Boom, zu wenig Bum.“ Es sei an der Zeit, das Rothirschgeweih als Statussymbol der Renommierjäger zu entzaubern und auf diese Weise das Schussfeld frei zu bekommen für die biologische, umweltgerechte Jagd. Man rette den Wald ja nicht, indem man „Oh Tannenbaum“ singt. Alles dies – heute unvorstellbar – zur besten Sendezeit. Der Bildungsanspruch, die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Konflikt der öffentlich-rechtlichen Sender (andere gab es nicht) waren offenkundig größer und zumindest einzelne Programmverantwortliche von anderem Format als jetzige Ressortleiter und der ganz überwiegende Teil des Medienbetriebs.

Heute, 40 Jahre später, ist an Tierdokumentationen kein Mangel im TV-Programm. Die meisten kommen produktionskostensenkend gleich harmlos rührselig aus dem Zoologischen Garten, andere dramatisierter Effekte halber aus der lebensgefährlichen Wildnis, bisweilen dem Ansehen des Tierfilmers mehr verpflichtet als den Wesen vor der Kamera. Es sind so viele Tierdokus auf Sendung wie Kochshows: angepasst, lieblich, beliebig, exotisch, sentimental, sensationell, atemberaubend und wenn’s passt, auch gern alarmistisch – Folge um Folge und stets garantiert folgenlos. Der Tierfilm ist um Quote bemüht, nicht um Aufklärung. Der Tierfilm hat trotz beeindruckender Aufnahmen seine Ausstrahlung verloren. Der Fernsehgemeinde geht nichts mehr auf und kein Stern voran. Journalisten wie Stern fehlen; gäbe es sie, mit Sendezeit dürften sie kaum rechnen. Der Anspruch der Sender ist so flach wie der Bildschirm. Deshalb hat die Vielzahl der Sender auch zum Internationalen Jahr der Wälder, das in ein paar Tagen endet, nichts beigetragen. Erst recht nichts, woran sich der Zuschauer nach Jahren noch erinnern könnte.

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