Norderney: Pfingst-Ballermann am Strand – White Sands Festival

Screenshot/Bildzitat/NDR: Die Bildunterschrift ist falsch: Der Festival-Campingplatz liegt nicht „im“, sondern am Schutzgebiet

Von Mallorca aus hat sich der Begriff „Ballermann“ als ein Ort des ausschweifenden Alkoholkonsums und Partytourismus etabliert. Zu einem ballermannähnlichen Event kam die Partygesellschaft am Pfingstwochenende 2026 auf der Insel Norderney zusammen, 40.000 bis 70.000 Teilnehmer sollen laut unterschiedlicher Medienberichterstattung zum „White-Sands-Festival“ angereist  sein, das dort einmal im Jahr stattfindet. Die Insel selbst hat eine Wohnbevölkerung von ca. 5.500 Einwohnern. Spaß muss eben sein, auch wenn Norderney im Großschutzgebiet Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, Teil eines EU-Vogelschutz- und Fauna- Flora-Habitat-Gebietes liegt (Natura-2000-Gebiete) und werbewirksam mit dem Etikett „UNESCO-Weltnaturerbe“ umsatzfördernd beworben wird.

Norderney: grobe Schraffur = Zwischenzone des Nationalparks, feine Schraffur = Ruhezone – Karte: Wikipedia CC BY-SA 3.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/

Da klingelten beim Wattenrat die Alarmglocken. Eine Anfrage bei der Nationalparkverwaltung ergab zunächst Beruhigendes: Nein, der Austragungsort des Events liege nicht im Nationalparkbereich und grenze auch nicht an die Ruhezone an [= Zone 1, strengste Schutzzone, die nur auf Wegen betreten werden darf], so die schriftliche Antwort: “Das White Sands Festival auf Norderney jetzt wieder über die Pfingsttage ist in der Tat eine Großveranstaltung. Es findet vornehmlich im Stadtgebiet statt, zum größten Teil auf der Promenade. Ein großes Beachvolleyballfeld mit Tribünen (siehe z. B. eine Aufnahme hier: https://www.whitesandsfestival.de/newsletter) ist auch am Strand aufgebaut – all dies ist allerdings außerhalb des Nationalparks [….] Letztlich ist zu bemerken, dass sich solch ein für die Besucherinnen und Besucher sicherlich attraktives Festival auch ´inmitten´ – also in größerer Perspektive, das heißt im Umfeld – einer Nationalpark-Landschaft gut realisieren lässt. Dessen ungeachtet ist die Anwesenheit tausender Gäste natürlich verbunden mit einer erhöhten Anzahl an Fährfahrten und z. B. auch erhöhtem Abfallaufkommen. […] Gegeben ist aber ein gewisses Einwirken von Lärm in den Nationalpark; eine naturschutzrechtliche Einflussmöglichkeit auf derlei Einwirkungen von außen ist unterhalb einer Natura-2000-Erheblichkeit allerdings schwer handhabbar. […]“ Die Frage nach der Aufsichtsführung wurde nicht beantwortet, auf der Insel ist laut WebSeite der Nationalparkverwaltung eine Nationalpark-Rangerin tätig. Die zusätzlich eingesetzten  Polizeibeamten vom Festland werden kaum auf die Schutzbestimmungen des Nationalparks geachtet haben, wenn diese überhaupt bekannt sind.

Norderney, Sandstrand, Nähe Surfschule, brütender Sandregenpeifer , streng geschützt, mit zu kleinräumiger Absperrung. Diese Art geht durch den Massentourismus im Nationalpark dramatisch zurück. – Foto (C): Eilert Voß/Archiv Wattenrat

Diese Einschätzung sieht man bei Wattenrat „naturgemäß“ ganz anders. Es ist zwar richtig, dass der Austragungsort im nationalparkfreien Teil der Insel liegt (Norderney ist eine „Stadt“), dennoch grenzen die Festivalflächen an die zweitstrengste Schutzzone, die Zwischenzone, an. Hier leben, besonders im Mai, auch Brutvögel, die z.T. streng geschützt sind. Wenn sich von 40.000 bis 70.000 Partygästen nur wenige Partygänger, alkoholisiert oder nicht, zur Notdurft oder zur weiteren Bespaßung in die angrenzenden Schutzzonen verdrücken und sich dort verlustieren, kann das dort zur Aufgabe von Bruten führen. Die Brutvögel unterscheiden zudem nicht zwischen den Zonierungen im Nationalpark und brüten sogar am touristisch genutzten Strand.

Norderney, Strand: Spaziergänger vertreiben brütende Flussseeschwalben und Sandregenpfeifer- Foto: Eilert Voß/Archiv Wattenrat

Falls der angefallene Müll auch aus den Schutzzonen entfernt werden sollte, kommt es zu weiteren „nachhaltigen“ Störungen. Beim Wattenrat ist man nicht der Auffassung, dass sich dieses Massenspektakel „im Umfeld – einer Nationalpark-Landschaft gut realisieren lässt“.

Nüchtern betrachtet wurde dieser Nationalpark seit seinem Bestehen ab 1986 zu einem Freizeitpark entwickelt. KI sagt dazu: „Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer ist der meistbesuchte Nationalpark Deutschlands. In der Nationalparkregion [Anm.: dazu gehören auch die Küstenbereiche außerhalb des Nationalparks] werden jährlich rund 19,7 Millionen Übernachtungen sowie über 21,7 Millionen Besuchstage registriert.“ Erinnert sei an die Einrichtung von 30 Kitesurfer-Spots von Cuxhaven bis Emden auf Antrag der Kommunen, auch in den Zwischenzonen, alles ohne die eigentlich vorgeschriebenen gesetzlichen artenschutzrechtlichen Prüfungen oder andere Veträglichkeitsprüfungen (FFH-VP). Man sollte diesem Nationalpark das Prädikat „UNESCO-Weltnaturerbe“ endlich aberkennen, es ist Etikettenschwindel!

Link: Regionalökonomische Effekte des Tourismus im Nationalpark – Niedersächsisches Wattenmeer, Schriftenreihe Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer | Band 18

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