5. Juli 2014

„De Ranger“: halbnackte Tatsachen

„Tittenbüx“ am Nationalpark-Schild (Symbolfoto: spätere und  unvollständige Rekonstruktion)

„De Ranger“: halbnackte Tatsachen, die späte Rache up platt

von Manfred Knake

Im „Anzeiger für Harlingerland“, Lokalzeitung im Landkreis Wittmund, erschien am 04. Juli 2014 ein Plattdeutsch-Döntje über einen „Ranger“, der „vor gut dreißig Jahren“ drei Badenden im Watt die Kleider weggenommen und angeblich hinterher wegen einer polizeilichen Anzeige „den Schwanz eingezogen“ haben soll. Den Beitrag können Sie ganz unten nachlesen. Böser „gröner Naturschützer“, und dazu noch ein „Zugereister“! Die Geschichte liest sich flott, wenn man plattdeutsch lesen kann, nur scheint die Vergangenheit doch den Schleier der geschönten Erinnerungstrübungen über das Erlebte gelegt haben, Wesentliches wird verschwiegen. Der erwähnte „Ranger“, der hier öffentlich verbraten wird, ist -natürlich- meine Person.

Mein Name wird wohlweislich nicht erwähnt, nur sollte sich der  mir völlig unbekannte Autor Johann Hohlen aus Negenmeerten im Landkreis Wittmund in Zukunft aus Fairnessgründen sorgfältiger überlegen, was er da zur allgemeinen Volksbelustigung von sich gibt. Der tatsächliche Verlauf der im wohlmeinenden Sinne für „Gertrud, Frieda und Karla“ aufgeschriebenen Geschichte (die in Wirklichkeit ganz anders heißen) unterscheidet sich denn auch nicht unerheblich von dem, was zur Belustigung, Herabwürdigung und späten Empörung der geneigten Leserschaft nach einem Vierteljahrhundert weitererzählt wird.

Eines Mannes Rede…und viele Gerüchte

Eines Mannes Rede ist bekanntlich keines Mannes Rede, hier also meine Version, und ich war dabei: Ich bin nicht nur „Naturschützer“ und „Zugereister“ (der hier seit fast vierzig Jahren wohnt). Das mit „den Grönen“ ist seit dreißig Jahren vorbei, mit denen habe ich, wie viele andere Mitbegründer auch, nichts mehr am Hut. Damals war ich als vom Landkreis Aurich bestellter Landschaftswart ehrenamtlich tätig, für Gottes Lohn, aber mit einem Dienstausweis versehen. Meine Aufgabe war es u.a., die Einhaltung der Schutzvorschriften in den Schutzgebieten meines Bereiches von Dornumersiel bis an die Kreisgrenze nach Bensersiel zu kontrollieren, auf Missstände hinzuweisen und über den Natur- und Landschaftsschutz zu informieren. Dieses Amt hatte ich bis 2003 fast zwanzig Jahre ausgeübt, mein Markenzeichen war ein alter Landrover. Auch das längst verkaufte betagte Fahrzeug wird von einigen inzwischen auch schon betagten Mitbürgern der schlichteren Denkungsart als Beispiel dafür angeführt, was für ein „mallen Kerl“ ich eigentlich sei – bis heute. Landrover dieser Baujahre – genau wie die Traktoren jener Zeit- schwitzten leicht Öl, dichtzukriegen waren sie auch nach vielen Werkstattstunden nicht, also gab es Ölflecken auf meiner Hauseinfahrt (die tatsächlich gelegentlich und vermeintlich heimlich inspiziert wurden). Daraus wurden dann in weiteren Ausschmückungen Ölschlieren, die die alte Kiste angeblich auf der Straße hinter sich hergezogen haben soll, DER Beweis für mein böses Tun. Die Gerüchteküche machte schließlich daraus, Steigerungen waren kaum noch möglich, ich hätte die komplette Ölwanne des Motors am Deich verloren.

Die Tasche am Schild

An einem Wochenende im Sommer 1989 – zu Zeiten, da der Tourismus brummt- fuhr ich also mit einer Bekannten die Deichstraßen ab und ging an ausgewählten „neuralgischen“ Punkten über den Deich, so auch in Westerbur, wo sich vor dem Deich die Ruhezone, die strengste Schutzzone des damals seit drei Jahren eingerichteten Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer erstreckt. Die Salzwiesen und das Watt vor dem Deich dürfen dort nicht betreten werden, ausgewiesene Wege gibt es nicht. Am Deich lagen Touristen und sonnten sich, am Deichzugang standen mehrere Fahrräder, also alles ruhig an der Naturschutzfront und keine Probleme. Bei näherem Hinsehen entdeckten meine Begleiterin und ich jedoch eine große Stofftasche mit Tragegriffen, die prall gefüllt an der Befestigung des blauen Nationalpark-Schildes hing. Die Kleidertasche war nicht an den Fahrrädern am Deichaufgang abgelegt, wie es der Plattdeutsch-Autor seiner Leserschaft weismachen will. Eine Tasche an einem Fahrrad hätte mich auch nicht zu interessieren gehabt, eine am Nationalparkschild deponierte schon. Auf dem Schild stand der deutliche lesbare Hinweis, dass das Betreten hier aus Naturschutzgründen verboten ist. In der Tasche knüllte sich Damenbekleidung. Ich stellte mich den Touristen vor und fragte, ob sie wüssten, wem die Tasche gehöre, dies wurde verneint. Daraufhin nahm ich die Tasche an mich, erzählte den Sonnenbadenden, dass ich die Tasche samt Inhalt bei eventuellen Nachfragen als Fundsache bei der Polizeistation in Esens abgeben werde und legte sie ins Auto. Dann holte ich mein Fernglas, ging zurück auf den Deich, suchte die Fläche ab und sah tatsächlich ganz weit draußen im Wasser drei glänzende Köpfe mit Badekappen aus dem Wasser ragen, die zunächst wie Seehunde aussahen. Ich fragte meine Begleiterin, ob man so dreist sein könne, seine Badesachen an ein Verbotsschild zu hängen, um dann im Schutzgebiet ins Wasser zu gehen. Nein, könne man eigentlich nicht, also doch Fundsache und auf zur Polizei nach Esens. Einen „Zettel“, wie es in der Zeitung steht, hinterließ ich nicht; woher sollte ich auch wissen, wem welches Fahrrad gehörte. Die Polizeistation war kurzzeitig nicht besetzt, die Tasche legte ich in der Eingangstür ab und rief später von zu Hause aus dort an, ob man die Tasche gefunden habe. Der diensthabende Polizist bestätigte den Erhalt und erwähnte, dass drei aufgebrachte Damen die Tasche von der Dienststelle abgeholt hätten. Auf eine polizeiliche Anzeige wegen des Verstoßes gegen die Nationalparkverordnung  habe man verzichtet, da die Damen schon genug Unannehmlichkeiten durch die leichtbekleidete Heimfahrt ins Heimatdorf gehabt hätten. Von einer Anzeige gegen mich war, ganz im Gegensatz zur aktuellen plattdeutschen Darstellung, überhaupt nicht die Rede. Meinen Namen hätte man den Damen genannt, sie würden sich mit mir in Verbindung setzen.

Besuch

Kurze Zeit darauf ging das häusliche Telefon: „Sind Sie Knake?“. Ich bejahte. „Nackig“  habe man nach Hause fahren müssen -was aber übertrieben war, die kritischen Körperteile waren durchaus bedeckt-, das ganze Dorf habe gelacht. Man wolle mich nun besuchen kommen. „Gerne“, antwortet ich. Meine Begleiterin machte Tee und wir harrten der Dinge, die nun kommen sollten. Und dann kamen die schon reiferen Damen, zwar nicht mehr wutschnaubend, aber distanziert und nun mitteleuropäisch korrekt sommerlich bekleidet. Nein, Tee wolle man nicht, und hinsetzen auch nicht, nur mal sehen, was ich für einer sei. Meine Versuche, auf die seit drei Jahren geltende damalige Nationalparkverordnung (heute ein Gesetz) und deren Regeln, die auch für Einheimische gelten, hinzuweisen, scheiterten kläglich. Die Antwort: Man badete dort seit vierzig Jahren, werde das auch weiterhin tun und auch die zahlenden Badegäste, die bei ihnen einquartiert seien, dort zum kostenlosen Baden hinschicken, Nationalpark hin oder her. Dann war der kurze Auftritt beendet.

Dorftratsch und Üble Nachrede

Diese Geschichte ging über die Dörfer und wurde, wie bei der „Stillen Post“, in unterschiedlichen Varianten weitererzählt. Der inzwischen verstorbene und in Ostfriesland nicht unbekannte Wattführer Christian Eisbein, mit dem ich oft über Kreuz lag, unterstellte mir sogar kurz darauf in einem Leserbrief im „Anzeiger für Harlingerland“ perverse sexuelle Neigungen, die ich wohl mit geklauter Damenwäsche zu befriedigen suchte. Selbiger Herr verbreitete in seinen regelmäßig verteilten Heftchen oft kauzig-skurrilen Inhalts  „Die Wattläufer“ über mich, ich führe als „kaiserlicher Feldwebel“ mit meinem Geländewagen „durch die Salzwiesen“, offenbar in völlig Unkenntnis darüber, dass auch ein geländegängiges Allradfahrzeug dort im Schlick tief und unfahrbar einsinken würde. Eisbein nutzte jede Gelegenheit, gegen Einschränkungen durch den Nationalpark zu wettern. Die Bandagen waren damals härter als der Inhalt der Tasche am Schild. Und jetzt taucht, nach 25 Jahren, in der Rubrik „För jo up platt“ die Geschichte wieder völlig entstellt in der Lokalzeitung auf.

Warum nach 25 Jahren?

Ich rief den Verfasser Johann Hohlen an, der mir bestätigte, die drei Damen und weitere Einwohner aus Westerbur und Umgebung gut zu kennen. Er sei damals dort aufgewachsen, sie hätten immer zusammen im Wattenmeer gebadet. Mehrfach habe man ihn gebeten, diese Geschichte aufzuschreiben; seine inzwischen betagte Mutter sei dabeigewesen. Auf meine Nachfragen kamen dann weitere Namen ans Licht, die sich mit dieser Posse offenbar ebenfalls seit Jahrzehnten bis heute beschäftigt halten. Darunter ist auch ein bekannter Vielschnacker, ostfriesisch „Kauelmors“, der früher als allerchristlichster schwarzer Lokapolitiker wirkte und dessen Familienmitglieder heute bis in den Gemeinderat hinein im lukrativen Windkraftgeschäft des angrenzenden Wind“parks“ Utgast beteiligt sind. Und gegen diesen bauernschlau errichteten Korruptions-Windpark im Speziellen und die Windenergie im Allgemeinen, und nicht nur das, habe ich seit Jahren angeschrieben, auf dieser WebSeite oder in anderen Veröffentlichungen. Autor Johann Hohlen ist Lokalpolitiker (SPD) in der Gemeinde Neuschoo und in der Samtgemeinde Holtriem (Westerholt), die eine sehr hohe Dichte an Windkraftanlagen hat und noch mehr Anlagen plant. Hohlen ist durch familiäre Einheirat mit einem bekannten „Windbaron“ der Region verschwägert, der viele Anlagen im Gemeindegebiet betreibt. Und Hohlen ist Plattdeutschbeauftragter des Landkreises Wittmund.

So schließt sich möglicherweise der Kreis: Da man dem unbequemen Naturschutz-Knake sonst nicht beikommen kann und die direkte Auseinandersetzung in der Regel scheut, spielt man also indirekt und stark verkürzt über die Bande, arbeitet sich bodenständig up platt an ihm ab, und pult ihm nach 25 Jahren noch einen bei! Viele ältere Leute kennen die Deichgeschichte noch, und hängenbleiben wird schon etwas. Die Reizworte für einige eingesessene Alt-Ostfriesen sind immer noch „de Grönen“, der unbeliebte und einschränkende Naturschutz und die „Zugereisten“, und das alles miteinander verquirlt. Gegenüber Naturschutzvorschriften stellt man sich in diesen Kreisen taub, bis heute. Als „Zugereister“ und nicht mit der Gnade der ostfriesischen Geburt ausgestattet, hat man es bei bestimmten Ostfriesen auch noch nach Jahrzehnten des Hierseins nicht leicht, ein „Rassismus“ der besonderen Art.

Der Autor Johann Hohlen hat sich inzwischen telefonisch für seinen Beitrag bei mir entschuldigt, er habe nur das aufgeschrieben, was man ihm so erzählt habe, und mich habe er ja gar nicht gekannt…. Um mit den Worten des Autors zu reden: Man kann es tatsächlich „übertreiben“, wenn man auch noch nach 25 Jahren immer noch eine Rechnung mit einem „Zugereisten“ offen hat und die auf diese platteste und hinterhältige Art öffentlich über einen unbeteiligten Dritten „fürs Volk“ begleichen will.

Baden und ganz ohne Eintritt kann man übrigens im Watt nur ein paar Kilometer weiter östlich in Ostbense, einer weniger streng geschützten Zone des Nationalparks. Diese Badestelle wird auch von vielen Einheimischen angenommen, bei denen es sich inzwischen herumgesprochen hat, dass es Regeln im Nationalpark gibt, die für alle gelten.

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund/NDS, S. 2

04. Juli 2014

FÖR JO UP PLATT

De Ranger

VAN JOHANN HOHLEN UT NEGENMEERTEN

Wat de dree Froolüü van d’ Diek, Gertrud, Frieda un Karla, vör good dartig Jahr beleevt hebbt, dat will ik jo nu even de Rieg na vertellen. De Dree sünd an en mojen Sömmerdag mit hör Fahrrööd dör d’Westerburer-Poller na d’ Seediek henfahren, um in ‘t Watt to baden. Asse daar ankomen sünd, hebbt se hör Kleer uttrucken un bi hör Fahrrööd henleggt. Se mussen ‘n temelk Enn na ‘t Watt rinlopen, wiel noch keen Flood weer. Na ‘n goden Stünn harren se sük lang genoog afköhlt. Nu gung dat weer torügg na d’ Diek. Aber do hebbt de Froolüü villicht ‘n Schreck kregen. Waarum? Na, hör Kleer weren nich mehr daar. Well harr de denn klaut? Aber wat weer dat denn?

Unner Friedas Rad leeg ‘n Zedel. Daar harr een wat upschreven: „Ihre Kleider können sie beim Polizeirevier in Esens abholen“, stunn daar up. De Froolüü wussen nich, wat se daarto seggen sullen. Wull hör villicht een vernarrbruken? Man hör bleev nix anners över as up d’ Baadbüx na Huus hentofahren. Nu heet dat, nix as rin in de Sönndagsklamotten un af na d’ Esenser Wache. As se de Schandarms hör Beleevsels vertellt hebbt, fungen de an to smüstern. Anschient na kennen se de Keerl woll. Se harren woll al faken mit hum to doon hatt.Dat kunn man ut hör Snacken ruthören. De Froolüü wurren do gewahr, dat ‘n „Naturschützer“ hör Kleer up ‘t Revier afgeven un hör togliek anzeigt harr. Aber de Schandarms weren woll up d’ Sied van de Froolüü, anners harren se hör wiss nich so ‘n goden Raadslag geven: Se sulln de „Naturschützer, vandaag seggt man up engelsk „Ranger“ daarto, ok anzeigen. Keeneen geev hum dat Recht eenfach so anner Lüü hör Saken mittonehmen. Ja, un do hebbt de Froolüü up de Schandarms hört un de „Naturschützer“ wegen Diebstahl anzeigt. Un wat menen ji woll, wu dat utgahn is?

De Keerl hett d’ Steert tüsken d’ Benen knepen un wull de Anzeig woll torüggtrecken, man blot wenn de Froolü datsülvige maken deen. Ja, un genauso is dat do ok komen. So weer dat för all dat Best. PS: Ik hebb wiss nix tegen de „Grönen“ un al lang nix tegen de Naturschutz, aber man kann dat ok överdrieven. De Froolüü sünd genau as ik an d’ Diek upwussen. Wi kennen uns daar ut as nüms anners. Mit Moodwillen hebbt wi daar wiss nix verneelt. Un denn kummt daar so ‘n „Togereister“ un will ‘t all verbeden. Aber so as ik al see: Man kann ‘t ok överdrieven

 

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