„Klimadeiche“ für den Küstenschutz

Sturmflut, November 2007, Bensersiel, Hafen – Foto (C): Manfred Knake

Und wieder eine neue Klima-Wortschöpfung: „Klimadeiche“. Früher hießen sie einfach und richtig „Landesschutzdeiche“. Nun schützen die Deiche an der Nordsee nicht nur das Hinterland vor Überflutungen, sondern jetzt sogar das Klima – oder gar vor dem Klima? Darauf muss man erst einmal kommen. Zeitgeistig korrekter Wortschöpfer ist wieder einmal der Umweltminister in Niedersachsen, Olaf Lies (SPD), der auch schon die Begriff „Klimaschutz ist Artenschutz“ erfunden hatte und damit bis zum Bundesrat für mehr Windkraftanlagen im Lande hausieren- und umging.

Nur sind Windkraftanlagen nicht nur tödlich für hunderttausende Fledermäuse im Jahr, sie schreddern auch Vögel vom Kranich über den Storch bis hin zu Eulen und Greifvögeln. Dort wo an der Küste riesige Windparks hinter den Deichen entstanden, müssen nun die Zugvögel des Wattenmeeres allein durch den Scheucheffekt der Riesenpropeller auf ihre Rast- und Hochwasserfluchtplätze verzichten. Und auf dem Meer können sich Schweinswale nicht die Ohren oder die Ortungsorgane zuhalten, wenn mit mehr als 160 Dezibel Fundamente der Offshore-Anlagen in den Boden gerammt werden; das ist lauter als ein startender Düsenjet in unmittelbarer Nähe. Die Naturschutzverbände stimmten diesem viel zu hohen Wert 2012 zusammen mit Windenergiewirtschaft ab: DUH_Presse_Schweinswale_WEA_Offshore_2012

Mehr Angstszenarien= mehr Geld für den Küstenschutz?

Zurück zu den „Klimadeichen“: Laut „Gesetz über die Gemeinschaftsaufgabe ´Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes´“ zahlt der Bund den Ländern 70 Prozent der Mittel für „ Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit an den Küsten der Nord- und Ostsee sowie an den fließenden oberirdischen Gewässern im Tidegebiet gegen Sturmfluten (Küstenschutz)“. Von „Klimadeichen“ steht nichts im Gesetz. Am 29. Juni 2021 malte Olaf Lies in Aurich mal wieder den Klimateufel an die Wand, dpa berichtete anlässlich der Vorstellung des Jahresberichts 2020/2021 des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) so: „Küstenschutz reagiert auf Klimawandel: höhere Deiche geplant… Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) hat angesichts der dramatischen Folgen des Klimawandels zum Handeln beim Klimaschutz aufgerufen.“ Die ihm unterstellten NLWKN-Mitarbeiter wiesen darauf hin, dass die Deicherhöhungen allerdings auch zwischen 10 und 20 Prozent mehr kosten würden. Minister Lies forderte vom den Bund, mehr Geld bereitzustellen: „Wir werden mehr Geld für den Küstenschutz brauchen.“ 2021 stünden Mittel in Höhe von 61,6 Millionen Euro von Bund und Ländern bereit. Künftig benötige man aber laut Lies mindestens 100 Millionen Euro jährlich, etwa um Deiche auszubauen, zu unterhalten und auch um ausreichend Planungskapazitäten dafür vorzuhalten. So weit, so normal. Diese Forderungen nach mehr Küstenschutzmitteln werden unabhängig von Partei und Person alle paar Jahre wieder erhoben, um den Staatssäckel des klammen Bundeslandes Niedersachsen beim Küstenschutz zu entlasten.

Beweidete Außendeichsberme in Ostfriesland – Foto (C): Manfred Knake

Neu sind nur die „Klimadeiche“, die der uninformierten Leserschaft suggerieren sollen, die Küstenanwohner stünden kurz vor dem Ertrinkungstod; Angstszenarien wirken immer. Die Lokalzeitungen berichteten dramatischer: „Wesentlicher Bestandteil dieser neuen Strategie ist der Niedersächsische Klimadeich, der zukünftige Generationen hinter den Deichen vor Überflutungen durch den steigenden Meeresspiegel schützen soll. […] Für den Küstenschutz besonders relevant seien Projektionen des zukünftigen mittleren Meeresspiegelanstiegs bis zum Ende des Jahrhunderts. Die Bandbreite betrage im pessimistischsten Szenario 61 bis 110 Zentimeter, verbunden mit einer Fortsetzung des Meeresspiegelanstiegs weit über das Jahr 2100 hinaus“ sekundierte der NLWKN-Mitarbeiter Prof. Frank Thorenz, Leiter der Betriebsstelle in Norden, Ostfriesland, dem ihm vorgesetzten Minister: „Wir befürchten für die zweite Hälfte des Jahrhunderts erhebliche Auswirkungen. Und eine Generation, die schon da ist, wird es erleben“, ergänzte Lies. Sie beriefen sich auf den „Weltklimarat“, das politische gesteuerte Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das für seine alarmistischen Klima-Szenarien bekannt ist, immer wieder gerne genommen. Zur Erinnerung: „Klima“ bezeichnet nichts anderes als den statistischen Wert von 30 Jahren Wetteraufzeichnung für eine bestimmte Region, sagt die World Meteorological Organization (WMO). Wer „das Klima“ (welches?) schützen will, müsste also zunächst das Wetter schützen, um in dreißig Jahren herauszufinden, ob der Schutz statistisch erfolgreich war – oder, wer das heutige Klima „schützen“ will (stark reduziert auf den CO2-Gehalt der Luft von 0,04 Prozent), müsste 30 Jahre lang rückwirkend das Wetter „geschützt“ haben, eine interessante Vorstellung…

Kontinuierlicher Anstieg seit der letzten Kaltzeit

Was nicht berichtet wurde ist, dass der Meeresspiegel seit ca. 12.000 Jahren nach dem Ende der Weichsel-Kaltzeit kontinuierlich ansteigt, mal mehr, mal weniger, Transgression und Regression heißen die Fachbegriffes des postglazialen Meeresspiegelanstiegs, verursacht durch isostatische Ausgleichsbewegungen der Erdkruste. Das kann, wie in Skandinavien, zu Hebungen des Meeeresgrundes führen oder zu Senkungen wie in der Nordsee. Am Ende der Kaltzeit lag der Nordsee-Meeresspiegel bis zu 120 Meter tiefer als heute. Die damaligen Jäger- und Sammlerkulturen, die auf dem heutigen Meeresgrund lebten, konnten zu Fuß auf die heutigen Britischen Inseln gelangen. Der steigende Meeresspiegel zwang Jahrtausende später die sesshaften Siedler zum Warften- oder Wurtenbau. Auf diesen künstlichen Erdhügeln konnte einigermaßen sicher vor Sturmfluten gesiedelt werden, die Hügel mussten im Laufe der Jahre aber immer wieder an den steigenden Meerespiegel angepasst werden. Das ist eigentlich Schulstoff, der früher schon ab der vierten Klasse in der Grundschule unterrichtet wurde. Schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus beschrieb in seinem Werk „Germania“ diese Erdhügel. Im Mittelalter, ab dem 11. Jahrhundert, wurde an der Küste begonnen, die Siedlungsbereiche mit Deichen zu schützen, im Lauf der Jahrhunderte entstand so eine geschlossene Deichlinie an der Nordseeküste.

Link (.pdf): Behre_2005_Meeresspiegelanstieg_Die letzten 10.000 Jahre

Well nich will dieken, de mutt wieken

In früheren Jahrhunderten mussten die landbesitzenden Küstenanwohner selbst mit zu Schaufeln, Spaten und Schubkarren greifen, um die Deichhöhen dem ständigen  Meeresspiegelanstieg anzupassen. „Well nich will dieken, de mutt wieken“ – frei übersetzt: „Wer nicht beim Deichbau helfen will, muss seine Ländereien aufgeben und verlassen“, hieß es damals auf niederdeutsch. Die Lehren aus vielen Sturmfluten mit verheerenden Schäden und abertausenden Toten sorgten in der Folge für eine immer bessere Deich-Infrastruktur. Bis heute mussten die Deichhöhen mit einem Sicherheitszuschlag ständig angepasst werden, also schon Jahrhunderte vor dem alarmistischen Umweltminister Olaf Lies, der nun die wohlfeile Klimakarte zog, um zusätzliche Finanzmittel vom Bund lockerzumachen.

Mit schwerem Gerät in der Salzwiese: Ruhezone (Betreten verboten, strengste Schutzzone) im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. – Foto (C): Manfred Knake

Retentionsräume durch Vordeichungen verkleinert

Durch schweres technisches Gerät wurde der Deichbau wesentlich erleichert. In den letzten Jahrzehnten wurden bis in die späten 1980er von ehemals 329 Quadratkilometern Salzwiesen seewärts vor den Deichen 216 Quadratkilometer in den Wattenmeer-Anrainerstaaten für die landwirtschaftliche Nutzung vorgedeicht (Quelle: Report to the Sixth Trilateral Government Conference on the Protection of the Wadden Sea, Esbjerg, 1991). Dadurch entfielen nicht nur große Brut-, Rast- oder Nahrungsareale der Küstenvögel, sondern auch große Flut-Retentionsräume zur Abmilderungen von Sturmflut-Hochwasserspitzen auf die Deiche. Salzwiesen vor den Deichen bremsen bei hoch auflaufenden Fluten den Druckschlag des Wasserkörpers auf den Deichkörper. Durch Sedimentation wachsen Salzwiesen in die Höhe. Der Rest der Salzwiesen gehört heute in Deutschland zum Nationalpark Wattenmeer und „Weltnaturerbe“. Durch die nun geplanten Deicherhöhungen sollen auch die Außenbermen weiter in die geschützten Salzwiesen hinein erweitert werden, die Flächen der Salzwiesen werden also weiter schrumpfen, zum Nachteil der Artenvielfalt. Zusätzlich soll nun auch deichfähiger Boden aus den Salzwiesen entnommen werden, obwohl das Strafgesetzbuch in § 329 die Bodenentnahme aus Nationalparks unter Strafe stellt.

Der „säkulare Anstieg“

Heute gehen die Küstenschützer von einem säkularen Meeresspiegelanstieg von ca. 26 Zentimetern im Jahrhundert auf. Das berichtete der erwähnte Prof. Frank Thorenz vom NLWKN noch 2018 anlässlich des Besuches einer „grünen“ Bundestagsabgeordneten auf der Insel Langeoog in der Lokalzeitung. Zitat: „Thorenz teilte mit, dass eine signifikante Häufung von Stürmen durch denKlimawandel nicht festzustellen sei, allerdings ist das mittlere Tidehochwasser um 26 Zentimeter gestiegen mit Auswirkungen auf Dünen und Deiche, die Inseln und Küste sichern.“ Der Zeitungsbericht unterschlug allerdings, dass es sich bei den genannten „26 Zentimetern“ um den Zeitraum eines Jahrhunderts gehandelt hatte, also 2,6 Millimeter säkularer Anstieg im Jahr.

Derzeit 1,7 Millimeter Anstieg im Jahr

Zu ganz anderen Zahlen als der Blick in die politisch motivierte Szenarien-Glaskugel kommt die Universität Siegen im Juli 2013. Zitiert wird aus der Doktorarbeit von Thomas Wahl im Bereich Küsteningenieurwesen: „Er fand anhand der erhobenen Daten heraus, dass der Meeresspiegel in diesem Bereich um ca. 1,7 mm pro Jahr im letzten Jahrhundert angestiegen ist.“ Prof. Dr. Jensen, Leiter des Forschungsinstituts Wasser und Umwelt (fwu) im Department Bauingenieurwesen an der Universität Siegen weiter: „Das steht in gutem Kontext zum globalen Mittleren Meeresspiegelanstieg. Die Ergebnisse – von Siegen aus koordiniert – lassen einerseits aufatmen, geben andererseits aber keine Grundlage für gänzliche Entwarnung. Jensen: ´Es gibt ein relativ konstantes Anstiegsverhalten des Mittleren Meeresspiegels seit Beginn des 20. Jahrhunderts, aber keinen außergewöhnlichen Anstieg in den letzten Jahrzehnten, den wir direkt dem Klimawandel zuschreiben könnten.´ Die globalen Werte passten auch zur Nordsee, es gebe aber regionale Besonderheiten. Jensen: ´Diese Ergebnisse geben uns eine gewisse Planungssicherheit für den Küstenschutz im Allgemeinen.´“ Meeresspiegel_Nordsee_Universität Siegen_2013

Keine Anzeichen für einen beschleunigten Anstieg

Der säkulare Anstieg hat sich im letzten Jahrhundert also deutlich verlangsamt, es gibt keine Hinweise auf einen beschleunigten Meeresspiegelanstieg, mit dem wird fast täglich aus den Medien zugedröhnt und im Panikmodus gehalten werden. Die Pegel von Norderney und Cuxhaven geben das nicht her. Satellitenmessungen sind ungenauer.

Siehe nachfolgende pdf-Grafiken, erstellt von Dipl.Met. Klaus Puls, bitte anklicken:

Pegel-Nordney_1890-2015-NLWKN+Nordsee Zeitung

Pegel-Cuxhaven_1845-2015_NLWKN+Nordsee Zeitung

Nun schützen aber nach der Diktion von Umweltminister Lies die Seedeiche auch noch vor dem Wetter und in der Folge vor dem statistischen Wert des Klimas. Sie schützen nicht nur das Hinterland vor Sturmfluten, sondern nun auch noch vor dem Wetter im Frühling, Sommer , Herbst und Winter, vor Regen, Hagel und Schnee. Seriöse Pegeldaten und Messreihen einer Küstenschutzbehörde werden nicht mehr genannt, heute muss es eben das schreckliche „Klima“ mit Horror-Szenarien sein, damit Berlin die Mittel für den Küstenschutz erhöht. Klimakatastrophenminister Olaf Lies sei Dank…

Nachsatz: Dass das Klima sich immer wieder ändert oder „wandelt“ ist eine Binsenwahrheit, da gibt es nichts zu „leugnen“. Nur ist es wenig überzeugend, durch geschicktes alarmistisches „Wording“ aus dem Klimawandel eine „Klimakrise“, eine  „Klimakatastrophe“ oder einen „Klimanotstand“ zu erfinden; das sind politische Taschenspielertricks, die aber offensichtlich beim größten Teil der Bevölkerung (und Wählerschaft) verfangen.

Dieser Beitrag erschien am 04. Juli 2021 leicht verändert und gekürzt bei der „Achse des Guten“

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