„Fischereidialog“ Niedersachsen: Nur zehn Prozent des Küstenmeeres sollen fischereifrei werden

Greetsieler Krabbenkutter- Die Möwen warten auf den Beifang – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Bearbeitet und ergänzt am 08. August 2026

1986 wurde in Niedersachsen der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer ausgewiesen. 39 Jahre später, im Mai 2025, begann der „Fischereidialog“ der Niedersächsischen Landesregierung mit Küstenfischern, Naturschutzverbänden und Tourismuskommunen, um fischereifreie Referenzgebiete im Küstenmeer auszuweisen. Das Problem: Die Küstenfischerei planiert mit ihren Grundschleppnetzen das besiedelte Sediment des Wattemeeres, Miesmuschelfischer hobeln bei der Muschelentnahme mit stählernen Dredgen durch den Wattengrund.

Für Tourismuskommunen in den Sielorten an der Küste sind Krabbenkutter die umsatzsteigernde folkloristische Kulisse.

aus: „Die Nordsee schützen und die Küstenfischerei in Niedersachsen sichern – Umsetzung der EU-Vorgaben erörtert – Vorschläge für fischereifreie Gebiete gehen ins parlamentarische Verfahren“ , 22.07.2026, Screenschot/Bildzitat https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/pressemitteilungen/die-nordsee-schutzen-und-die-kustenfischerei-in-niedersachsen-sichern-252634.html

Der  Dialog fiel erwartungsgemäß mager aus: Im Juli 2026 wurden die Ergebnisse mit dem Flächenkonzept vorgestellt: Ganze zehn Prozent des Küstenmeeres sollen als fischereifreie Zonen ausgewiesen werden, damit folgt Niedersachsen einer Vorgabe der Europäischen Union. Im Großschutzgebiet Nationalpark, ausgewiesenes geschütztes Flora-Fauna-Habitatgebiet (FFH-Gebiet) innerhalb des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura-2000 und „UNESCO-Weltnaturerbe“, soll also weiterhin auf fast allen Flächen gefischt werden dürfen, mit allen bekannten Eingriffsfolgen wie der Planierung des Wattensediments, dem hohen Beifanganteil oder der Überfischung.

Touristenkulisse: Greetsieler Kutterhafen – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Überrumpelt?

Dennoch und wie gewohnt: Beim Treffen zum Fischereidialog Anfang Juli 2026 in Hannover bekundeten einige Fischer laut NDR ihren “Unmut“ über die vorgestellte Gebietskulisse mit den Fangeinschränkungen, man fühle sich „überrumpelt“, die vorgesehenen Einschränkungen seien ein „Schock“. Die Küstenfischerei wird von der EU über den Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (EMFAF) hochsubventioniert.

Der Landtag entscheidet

Nun werden die Ergebnisse des Fischereidialogs in den Niedersächsischen Landtag zur Abstimmung überwiesen. Nur haben sich die dortigen Parlamentarier in der Vergangenheit nicht gerade als Sachkundige des Naturschutzes ausgewiesen, im Gegenteil.

Beifang an Bord eines Krabbenkutters: im Verhältnis bis zu  7 bis 8 Teile Beifang für 1 Teil Krabben – Foto: privat

Dolly-Ropes

Dolly-Ropes am Fanggeschirr (blau, rechts im Bild) auf Krabbenkutter in Ditzum/Ems – Foto: Eilert Voß/Archiv Wattenrat

Nicht allein die Schleppnetzfischerei, auch die Verwendung der sog. „Dolly Ropes“ aus Kunststofffasern, die zum Verschleißschutz an den Grundschleppnetzen befestigt werden, wurden zu einem Problem für die Meeresumwelt. Man findet sie überall abgerissen an Stränden. Die nicht verrottbaren Fasern reißen schnell ab und treiben dann im Meer, wo sie von Meeressäugern aufgenommen werden. Seevögel nutzen die Kunststofffasern zum Nestbau, in denen sich die Jungvögel verheddern und umkommen können. Die deutschen Krabbenfischer kündigten inzwischen an, in Zukunft auf Dolly Ropes zu verzichten und diese gegen Lederstreifen auszutauschen. Nur: Wird das von allen Kutterkapitänen umgesetzt? Wer kontrolliert das?

07. Aug. 2026: Krabbenkutter „Friesland, Dan 1“ in Dangast/LK Friesland: neu angebrachte Dolly Ropes. Was soll man von den Ankündigungen der Fischer halten, auf Dolly Ropes zu verzichten? – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Nationalparkleiter Peter Südbeck zur Krabbenfischerei

Der Leiter des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, Dipl. Biologe Peter Südbeck, äußerte sich am 22. Juli 2023 in Lokalzeitungen an der Küste (Mantel Nordwest Zeitung, Oldenburg) zur Krabbenfischerei, in einer Weise, die an seiner Fachkompetenz zweifeln lassen: „In der laufenden Diskussion über die Zukunftsfähigkeit der traditionsreichen Krabbenfischerei stellt sich der Verwaltungsleiter hinter die heimischen Fischer. ´Für uns als Nationalpark und Naturschutzgebiet ist das Schützen von natürlichen Populationen natürlich oberstes Gebot, aber Krabbenfischerei ist offiziell als nachhaltig ausgezeichnet worden´“.

Auch die Umweltverbände WWF, NABU und Schutzstation Wattenmeer spielten eine merkwürdige Rolle bei der Zertifizierung der Krabbenfischerei nach den Richtlinien des Marine Stewardship Council: (2017) Krabbenfischer erhalten MSC-Zertifizierung, mit Unterstützung des NABU und WWF!

Nichts ist an der Grundschleppnetzfischerei „nachhaltig“, trotz inzwischen geänderter Maschenweiten, wie interessengeleitet immer noch behauptet wird!

Geisternetze

Zudem treiben Unmengen von aberissenen „Geisternetzen“ im Meer, die Meerestieren vom Wal über den Seehund bis zum Seevogel zum Verhängnis werden können.

Vogelinsel Memmert: Vogelwart Reiner Schopf (+) birgt Netzreste zu Abtransport. Die orangefarbenen Plastikfäden sind Dolly Ropes – Foto: Eilert Voß/Archiv Wattenrat

Abtransport von Fischereimüll, gesammelt auf der Insel Memmert vom damaligen Vogelwart Reiner Schopf (+) – Archivfoto: Eilert Voß/Wattenrat

Basstölpel, im Netzrest verendet und bei Dornumersiel/LK Aurich in den Schafdraht gespült – Foto: Manfred Knake/Archiv Wattenrat

Kegelrobbe mit  „Halskrause“ aus Netzresten – Foto: Jouw de Boer/Archiv Wattenrat

Mit einem Nationalpark haben die Ergebnisse des Dialogs nichts mehr zu tun. Der Nationalpark besteht nach Meinung vieler Kritiker durch die vielen zugelassenen Nutzungen ohnehin nur auf dem Papier, wie auch die Etiketten „FFH-Gebiet“, „Vogelschutzgebiet, „Biosphärenreservat“ oder „Weltnaturerbe“ nur schmückendes Beiwerk sind.

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