Verbände fordern Aktionsprogramm für wirksamen Schutz des Wattenmeeres – Anmerkungen vom Wattenrat

Foto: Archiv Wattenrat

Die Umweltverbände unter der Federführung des WWF haben geliefert, am 18. August 2026 wurde die Pressemitteilung „40 Jahre Nationalpark Wattenmeer: Verbände fordern Aktionsprogramm für wirksamen Schutz – Zehn Umwelt- und Naturschutzverbände übergeben Positionspapier an Umweltminister Meyer“ veröffentlicht (im Wortlaut ganz unten). Das ist – mit Einschränkungen -ausdrücklich zu begrüßen. Nur ist darin auch stellenweise der Kotau vor dem Zeitgeist zu lesen. Klima und Windenergie dürfen nicht fehlen: „Die Organisationen befürworten eine naturverträgliche Energiewende, fordern aber, dass der Ausbau der Offshore-Windenergie und insbesondere der Kabelanbindungen die Belastungsgrenzen des Wattenmeers berücksichtigt.“ – Daher weht der Wind:

Ob allen Unterzeichner bekannt ist, dass die Unterzeichner NABU und BUND mit staatlichen Projektfördermitteln in Millionenhöhe unterstützt werden? Laut KI erhielt allein der NABU von 2020 bis 2027 Bundesmittel für ausgewählte Umwelt- und Klimaprojekte von rund 54 Millionen Euro. Der BUND will erklärtermaßen die „Erneuerbaren entfesseln“ und ist damit eigentlich ein Energie- und kein Naturschutzverband mehr. Und hier: „Die großen deutschen Umweltverbände, inhaltlich und moralisch entkernt“

Das Geschäftsmodell  „Energiewende“, das keinen Einfluss auf die Klimaentwicklung haben kann (daran muss man glauben!), mit ca. 30.000 Windkraftanlagen an Land und mehr als 1.900 in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) von Nord- und Ostsee, ist nirgends „naturverträglich“; auf See sorgt sie für Gefährdung von Schweinswalen und Zugvögeln. Der Nationalpark ist inzwischen wenig „naturverträglich“  land- und seeseitig von Windkraftanlagen umstellt.

Ein häufiges Anflugopfer: Seeadler vor Windkraftanlage – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Kritik am Nationalpark Wattenmeer ist nicht neu

Die jetzt erneut vorgebrachte Kritik an der (Über-) Nutzung des Wattenmeeres gab es allerdings schon vor Jahrzehnten, als die Naturschutzverbände und -gruppen  zusammen mit dem WWF regelmäßig „Nationalparkbilanzen“ veröffentlichten (unter enger Zusammenarbeit mit heutigen Wattenrat-Mitarbeitern). Das schlief langsam ein, die Arbeitsgruppe Nationalpark mit den Verbändevertretern auch aus Ostfriesland unter Federführung des WWF (damals mit Sitz in Bremen-Schönebeck, Leitung Holger Wesemüller) wurde ca. 2002 aufgelöst. Die damaligen Teilnehmer aus den Naturschutzverbänden mit ihren Ortskenntnissen arbeiteten dem dem WWF ständig  zu. Der WWF ging aber dann seine ganz eigenen Wege mit den Informationen der örtlichen Naturschutzvertreter von der Küste, um es moderat auszudrücken.

Norderney – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Der Massentourismus und weitere Nutzungsansprüche an das Großschutzgebiet Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer  haben seitdem nicht ab-, sondern zugenommen. Von einigen Mit-Unterzeichnern des WWF-Aktionsprogramms hat man bisher wenig oder nichts zu den Eingriffen in den seit 40 Jahren bestehenden Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gehört. Sind das die Trittbrettfahrer des WWF?

Der Wattenrat muss sein Licht nicht unter den Scheffel stellen

Der Wattenrat Ostfriesland als Naturschutz-Kleingruppe muss sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, wir informieren kontinuierlich seit Jahrzehnten (ab 1979 als „Konferenz der Natur- und Umweltverbände Ostfriesland, ab 2001 als Wattenrat-Ostfriesland) als Chronisten und Zeitzeugen über die Entwicklung dieses Nationalparks, wie unschwer an den fortlaufenden Veröffentlichungen mit den Fotos auf unserer WebSeite zu lesen ist. Dazu gehören auch die Themen, die wieder im aktuellen „Aktionsprogramm“ des WWF vorgetragen werden.

Als z.B. das Nationalparkgesetz 2001 vom Land Niedersachsen (damals unter Ministerpräsident Gabriel, SPD) unter Herausnahme von ca. 90 naturschutzrelevanten Flächen für die touristische Nutzung novelliert und dafür große Wasserflächen vor den Inseln ausgewiesen wurden, blieben WWF, BUND und NABU stumm. Die Beschwerde gegen die Novellierung wurde von drei Wattenrat-Mitarbeitern direkt in Brüssel mit einer umfangreichen Dokumentationen vorgetragen: https://wattenrat.de/aktuell/aktuell196.htmund verlief im Sande. Die EU-Kommission verwarf die Beschwerde des Wattenrates nach fünf (!) Jahren Bearbeitungszeit. Man kann von einer anschließenden massiven Einflussnahme der touristisch orientierten Landespolitik auf die EU-Kommission ausgehen.

Hinweisschild an einer Bundesautobahn, keine Fotomontage! – Foto:  Eilert Voß/Wattenrat

Das alles dürfte den heutigen „nachgewachsenen“ klimabewegten Akteuren aus den Verbänden kaum noch bekannt sein. Möge aber das aktuell vorgestellte „Aktionsprogramm“, das vieles wiederholt, was schon vor Jahrzehnten vorgetragen wurde, nützen!

Wo bleibt der breite Protest gegen die Einschnitte in das Naturschutzrecht?

Nur sollte sich das „Aktionsprogramm“ der Naturschutzverbände nicht nur auf das Wattenmeer beschränken, laute (!) Proteste gegen die massiven Einschnitte in das Naturschutzrecht für die Windlobby, zunächst von der abgewählten Ampel-Koalition auf den Weg gebracht und nun, ganz aktuell, mit Schwarz-Rot die Verabschiedung des Infrastruktur-Zukunftsgesetzes kurz vor der Sommerpause 2026 mit gravierenden Änderungen des Bundesnaturschutzgesetzes, das weitere Beschleunigungen von Infrastrukturmaßnahmen u.a. im Energiebereich (u.a. die Erleichterung und Beschleunigung von Windkraftprojekten) mit der Verwässerung der seit 1976 bestehenden Eingriffsregelung (Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen) vorsieht. Davon las man kaum etwas in der Presse. Damit hat der fachliche Naturschutz „fertig“, nur hat sich das verheerende Ausmaß noch nicht vollständig bis in die Verbände und die örtlichen Untergliederungen herumgesprochen.


18. August 2026:

„40 Jahre Nationalpark Wattenmeer: Verbände fordern Aktionsprogramm für wirksamen Schutz – Zehn Umwelt- und Naturschutzverbände übergeben Positionspapier an Umweltminister Meyer“

40 Jahre nach der Gründung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer ist das einmalige Schutzgebiet massiv bedroht. Zehn Umwelt- und Naturschutzverbände haben heute mit einer Protestaktion einen konsequenteren Schutz des einzigartigen Ökosystems gefordert. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Nationalpark wirkt!“ im Niedersächsischen Landtag übergaben sie Umweltminister Christian Meyer ein gemeinsames Positionspapier. Darin fordern sie ein Aktionsprogramm des Landes mit wirksamen Maßnahmen zum Schutz des Wattenmeers, mehr Raum für natürliche Prozesse und eine stärkere Begrenzung menschlicher Nutzungen.

Das Wattenmeer ist seit 1986 Nationalpark und seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe. Trotzdem steht das Ökosystem zunehmend unter Druck: Energie- und Rohstoffgewinnung, Kabel- und Pipelineinfrastrukturen, Schifffahrt, Fischerei, Küstenschutz und Tourismus wirken auf den sensiblen Naturraum ein. Die Verbände kritisieren, dass die kumulativen Auswirkungen dieser Nutzungen auf Planungen und Vorhaben bislang nicht ausreichend berücksichtigt werden.

„Trotz 40 Jahren Nationalpark und erreichter Erfolge, ist das Wattenmeer stark bedroht. Deshalb müssen wir dringend handeln: Das Wattenmeer braucht konsequenten Schutz statt immer neuer Eingriffe. Nutzungen müssen sich an den Belastungsgrenzen des Ökosystems orientieren. Natürliche Prozesse müssen Vorrang haben. Dafür braucht es klare politische Entscheidungen und ein verbindliches Aktionsprogramm zum Schutz des Wattenmeers“, so die neun Verbände.

Ein Schwerpunkt ihrer Forderungen ist der Umgang mit Energie- und Rohstoffgewinnung. Die Förderung von Öl und Gas im und am Wattenmeer schädigt das einzigartige Ökosystem und heizt die Klimakrise weiter an. Die derzeit geplanten Erdgasfördervorhaben vor der niedersächsischen Küste lehnen die Verbände daher strikt ab. Gleichzeitig verlangen sie, die Öl- und Gasförderung im und direkt am Weltnaturerbe spätestens bis 2030 zu beenden. Die Organisationen befürworten eine naturverträgliche Energiewende, fordern aber, dass der Ausbau der Offshore-Windenergie und insbesondere der Kabelanbindungen die Belastungsgrenzen des Wattenmeers berücksichtigt.

Beim Natur- und Artenschutz sprechen sich die Verbände für eine deutliche Ausweitung der Nullnutzungszonen aus. Bestehende Ruhezonen müssen konsequent vor Störungen geschützt werden, mindestens 75 Prozent der Nationalparkfläche sollten sich künftig ohne menschliche Nutzung entwickeln können. Wo Lebensräume bereits beeinträchtigt sind, soll zudem behutsam zur Förderung natürlicher Prozesse renaturiert werden. Wo menschliche Einflüsse die Natur weiterhin prägen, braucht es gezielte Managementmaßnahmen, um wertvolle Arten und Lebensräume zu schützen und die Ziele von Natura 2000 nachhaltig zu sichern. Wo anthropogene Einflüsse weiter wirksam sind, bedarf es verstärkter Managementmaßnahmen für Arten- und Biotopschutz, um die Ziele von Natura 2000 zu erreichen.

Wirksamer Küstenschutz ist angesichts des steigenden Meeresspiegels unausweichlich. Dieser muss jedoch stärker mit der Natur arbeiten als gegen sie. Die Verbände fordern daher einen echten Paradigmenwechsel hin zu einem naturbasierten Küstenschutz.

Beim Fischereimanagement sehen die Verbände ebenfalls Handlungsbedarf. Sie fordern großräumige, zusammenhängende fischereifreie Zonen. Mehr als 50 Prozent der ständig mit Wasser bedeckten Flächen sollen künftig frei von Fischerei sein. Zugleich müsse der notwendige Veränderungsprozess für die ansässigen Fischereibetriebe sozialverträglich gestaltet und finanziell unterstützt werden.

„Ein Nationalpark muss seinem Anspruch gerecht werden: Natur Natur sein lassen! Natur braucht Raum und natürliche Prozesse brauchen Schutz. Jetzt kommt es darauf an, die seit 40 Jahren geltenden Schutzziele konsequent umzusetzen. Dazu braucht es endlich konkrete politische Entscheidungen. Nur so lassen sich Nationalpark und Weltnaturerbe Wattenmeer für künftige Generationen bewahren“, unterstreichen die neun Verbände.

Beteiligte Umwelt- und Naturschutzverbände:

Biologische Schutzgemeinschaft Hunte-Weser-Ems e.V.

Bürgerinitiative „Rettet das Cux-Watt“

Bürgerinitiative „Saubere Luft Ostfriesland e.V.“

BUND Niedersachsen

Der Mellumrat e.V.

Initiative „Wattenmeer-Schutz Cuxhaven“

NABU Niedersachsen

Niedersächsischer Heimatbund

WAU (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz, Jever)

WWF Deutschland

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