6. Januar 2014

Jägerlatein: Gänse schuld am Hasenrückgang

Jagd oder Hinrichtung? Abschuss eines Feldhasen auf kurze Distanz, Emder Jäger in Petkum, 21. Dez. 2013

Deftiges Jägerlatein verbreiten einige ostfriesische Jäger, und sind offensichtlich nicht mehr ganz ernstzunehmen bei ihrer Feindbildpflege: Nun sollen angeblich Nonnengänse und Graugänse schuld am Rückgang der Feldhasen sein, wie die Emder Zeitung am 04. Januar 2013 berichtete. Diesen lodengrünen „Naturschützern“, wie sie sich gerne nennen, ist kein Argument zu dämlich, um die drohende Änderung der Jagdzeiteinverordnung für Gänse im Lande zu torpedieren. Es läge so viel Gänsekot auf den Flächen, dass die Hasen im Zickzack springen müssten, so der Emder Kreisjägermeister Kampenga im Chor mit dem Vorsitzenden der Emder Kreisjägerschaft, Radke.

Eigentlich machen das Hasen immer, gerade wenn sie bejagt werden, ganz ohne Gänsekot, Haken schlagen nennt man das bekanntlich. Und die Jagd auf Hasen wird auch im Umfeld von Emden immer noch ausgeübt, auch auf so kurze Distanz, dass man schon von einer „Hinrichtung“ sprechen kann. Im letzten Jahr waren es allein auf einer Grünlandfläche bei Emden mehr als 40 Hasen, die an einem Jagdtag geschossen wurden! Sinnvoller als das ständige Lamento der Jäger wäre also eine Einstellung der Hasen- und Fasanenjagd, aber was bliebe dann noch übrig zum Schießen, wenn auch die Jagd auf Gänse in den Vogelschutzgebieten reduziert wird?

Es wird mit Sicherheit das Vielfache an Gülle auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht, viel mehr, als Gänse jemals kötteln können, aber das stört diese Jäger weniger. Und auch Gänseköttel sind Dünger, kostenlos. Ein zweites „Argument“ der Gänsejäger für die Jagd in Schutzgebieten ist die angeblich starke Vermehrung des Nutrias, einer Nagerart aus Südamerika. Diese Nager sind aber nicht gut an das mitteleuropäische Klima angepasst und vermehren sich daher nicht stark. Bauernschlau wird aber in der Emder Zeitung auf die Gefährdung der Deiche durch diese Großnager hingewiesen, die angeblich Löcher in die Deiche buddeln. Das machen schon seit vielen Jahren Maulwürfe, Kaninchen oder Bisame, ohne dass Ostfriesland deshalb bisher untergegangen ist. Aber die Deichsicherheit zieht immer in Ostfriesland, egal wie dick man aufträgt.

Sind das "Naturschützer"? Jagdtag am 21. Dez. 2013 in Petkum bei Emden: noch ein Hase und eine Blässgans, geschossen bei Emden nur ca. 300 m vom Naturschutzgebiet "Petkumer Deichvorland". Im Schutzgebiet dürfen Blässgänse wegen des EU-Vogelschutzgebietes an der Ems nicht mehr geschossen werden.

Der Rückgang der Hasen und Fasane wird allein durch die Industrie-Landwirtschaft mit dem hohen Pestizideinsatz und Insektenrückgang, dem ständigen Befahren der Flächen mit schwerem Gerät und den Maismonokulturen für Biogasanlagen verursacht. Es fehlen zudem Brachflächen als Rückzugsflächen. Das Phänomen ist seit Jahren in ganz Deutschland bekannt, auch den Emdern Jägern. Nur wird diese tatsächliche Ursache für den Rückgang vieler wildlebender Tierarten von Kampenga und Radke nachrangig in der Emder Zeitung genannt. Die Jägerschaft versteht es meisterhaft, sich nach außen honorig darzustellen, die tatsächlichen jagdlichen Zustände sind aber oft erbärmlich. Diese aktuelle gezielte Volksverdummung durch exponierte Jäger sollte eigentlich Anlass sein, dieser Zunft die Anerkennung als Naturschutzverband im Lande zu entziehen! Bemerkenswert, dass die Lokalpresse diesen interessengeleiteten Blödsinn auch noch druckt.

Blamiert hatten sich ostfriesische Jäger schon einmal: Im Mai 2012 starteten sie zusammen mit den „Sportfischern“ eine Kampagne gegen Graugänse und logen gemeinsam das Blaue vom Himmel herunter. Gänse legten angeblich so unglaublich viele Eier, dass das „Hochwasser“ (in einem Binnengewässer!) diese zu Haufen zusammentriebe. Von der natürlichen Geburtenreglung bei Gänsen durch sog. „egg-dumps“ hatten die Waidmänner noch nie etwas gehört: Graugänse in OstfrieslandJägerlatein im EU-Vogelschutzgebiet.

Hasenjagd trotz Rückgang: Petkum bei Emden, 21. Dez. 2013

Emder Zeitung, 04. Januar 2014

Jäger schlagen Alarm: Immer weniger Hasen und Fasane

[…] Als eine Ursache sehen die Jäger die großen Gänsekolonien auf den Feldern. Das starke Wachstum der Populationen vor allem von Nonnen- und Graugänsen bereitet den ostfriesischen Jägerschaften schon längere Zeit Sorge. […] Die Gänse würden die Feldhasen vertreiben. „Auf einigen Flächen liegt so viel Gänsekot, dass die Hasen im Zickzack springen müssen“, so Radke. […] Ein zweiter Grund für den Rückgang der Hasen- und Fasanenbestände sei der strukturelle Wandel in der Landwirtschaft […]

* zusätzliche Links:

(Am Niederrhein gib es große Gänserastbestände, niemand kommt dort auf die Idee, den Gänsen den Rückgang des Niederwilds zuzuschieben)

* RP-Online 19. Dezember 2013:
Am Niederrhein stirbt das Wild

Immer weniger Hasen und Fasane : Am Niederrhein stirbt das Wild – Hasen werden am Niederrhein immer seltener.
Düsseldorf. Jäger und Naturschützer schlagen Alarm: Die Zahl der Fasane und Hasen hat sich dramatisch verringert. Eine Ursache ist der Wegfall von Brachflächen in der Landwirtschaft. [..]

* 27. April 2011:
Süddeutsche Zeitung: Landkreis Erding Biogasanlagen sind des Hasen Tod

Jäger schlagen Alarm: Innerhalb von drei Jahren ist die Zahl der Hasen
und Fasane stark zurückgegangen. Gibt es einen Zusammenhang mit dem
verstärkten Maisanbau? [….]

* pro iure animalis: Treibjagd in Petkums Gänsewiesen

 

Comments are closed.