22. Mai 2016

Geschafft: der „Stumme Frühling“ im und am Nationalpark Wattenmeer

Der letzte Kiebitz in der Pufferzone des NSG "Petkumer Deichvorland" an der Ems, Foto (C): Eilert Voß

Mit Mist überstreut: Der letzte Kiebitz in der Pufferzone des NSG „Petkumer Deichvorland“ an der Ems, Foto (C): Eilert Voß

Während die Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven mit ihrem Leiter Peter Südbeck ständig die Erfolgs-Propagandatrommel für den Nationalpark, den Tourismus und das „Weltnaturerbe“ rührt, siechen viele Brutvogelarten des Wattenmeeres und des angrenzenden Binnenlandes  30 Jahre nach Einrichtung des Nationalparks unbemerkt von einer weitgehend ahnungslosen Öffentlichkeit dahin. Oder, um es mit Mark Twain zu sagen: „Nachdem sie das Ziel endgültig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen“. Immer neue und nur scheinbare Erfolgsmeldungen übertünchen die deutlich wahrnehmbare Misere. Wo vor dreißig Jahren z.B. noch Rotschenkel, Kiebitze, Uferschnepfen oder Austernfischer zur Brutzeit auf den Weidezaunpfählen saßen oder in der Luft lautstark ihre Reviere markierten, ist heute weitgehend Ruhe eingekehrt. Hin und wieder sieht man noch einen Kiebitz über bereits im frühen Mai abgemähte Grünländereien wuchteln oder ein einsamer Rotschenkel versucht sich als Brutvogel in trockengelegten Salzwiesen (strengste Schutzzonen des Nationalparks!). Die Salzwiesen des Deichvorlandes auf dem Festland sind vielerorts mit Strandquecke überwuchert, die typischen Salzwiesenpflanzen wie Strandaster oder Strandflieder muss man suchen.

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, strengste Schutzzone (Ruhezone) östlich Dornumersiel/LK Aurich, Foto (C): Manfred Knake

Strandquecke bis zum Horizont: Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, strengste Schutzzone (Ruhezone) östlich Dornumersiel/LK Aurich, Foto (C): Manfred Knake

Ein dringend notwendiges Salzwiesenmanagement mit der sinnvollen extensiven Beweidung findet nicht flächendeckend statt. Kleine Renaturierungen von Salzwiesen als Kompensationsmaßnahmen für Eingriffe. z.B. durch den Kabelbau für Offshore-Windkraftanlagen, werden der Öffentlichkeit als „Erfolge“ verkauft. Auch ohne Kompensationsmaßnahmen – wie auf der Insel Norderney -, von Unternehmen bezahlt, müssten die Salzwiesen des Nationalparks wieder in einen naturnahen Zustand versetzt werden, so schreibt es jedenfalls die auch für Deutschland verbindliche Flora-Fauna-Habitatrichtlinie vor.

Dsa nennt dere Niedersächsische LAndesbetrieb für WAsserwirtschaft, Küsten- und NAturschutz (!) "Salzwiesenunterhaltung": Die SAlzwiesen werden mit Gräben ("Grüppen") in Zehmeterabständen trockengelegt, mit einem Kettenfahrzeug. Foto (C): Manfred Knake

Das nennt der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (!) „Salzwiesenunterhaltung“: Die Salzwiesen werden mit Gräben („Grüppen“) in Zehnmeterabständen trockengelegt, mit einem Kettenfahrzeug. Das begünstigt das Queckenwachstum. Foto (C): Manfred Knake

Die Strandbrüter wie Sand-, Seeregenpfeifer oder die Zwergschwalben verabschieden sich ebenfalls. Die Strände der Insel sind touristisch völlig übernutzt, für die letzten ihrer Art müssen schon Wege gesperrt werden, und auch das wird von Besuchern ignoriert. Vor den Stränden wurden im Nationalpark in den Zwischenzonen (ebenfalls Schutzzonen) Kitesurfer zugelassen, die mit ihren großen Zugsegeln weit in die Flächen störend hineinwirken.

Opfer der Strandübernutzung: Sandregenpfeifer, Foto (C): Eilert Voß

Das Wattenmeer wird stark befischt, auch die Miesmuschel als Nahrung des Austernfischers. Fischereifreie Zonen in diesem Großschutzgebiet sind politisch mit Rücksicht auf die Fischereilobby nicht beabsichtigt. Die Überfischung, nicht „das Klima“, hat auf bestimmte Seevögel der Nordsee ebenfalls dramatische Auswirkungen.

Miesmuschelkutter in Bensersiel/LK Wittmund, Foto (C): Manfred Knake

Miesmuschelkutter in Bensersiel/LK Wittmund, Foto (C): Manfred Knake

In den EU-Vogelschutzgebieten, die binnendeichs an den Nationalpark angrenzen, sieht es ähnlich aus. Das häufige Befahren mit schwersten landwirtschaftlichen Fahrzeugen, die viel zu frühe und mehrfache Mahd und die Vernichtung von Insekten einen durch Pestizideinsatz – der auch auf den Rückgang der Singvögel einen großen Einfluss hat – lässt kaum noch Wiesenbrüter hochkommen. Der Boden ist stark entwässert und ebenso stark verdichtet. Riesige Windparks mit bis zu 200 Meter hohen Anlagen säumen die Küstenlinie, mit einem enormen Scheucheffekt für viele Vogelarten.

Blick in das EU-Vogelschutzgebiet V63 "Ostfriesische Seemarschen nbon Norden bis Esens" direkt angrenzend an den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: rechtwidrig gebaute Umgehungstraße Bensersiel und Windpark Utgasst mit Anlagen viel zu dich am Vogelschutzgebiet, Foto (C): Manfred Knake

Blick in das EU-Vogelschutzgebiet V63 „Ostfriesische Seemarschen von Norden bis Esens“ direkt angrenzend an den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: rechtswidrig gebaute Umgehungsstraße Bensersiel und Windpark Utgast (und weitere Windparks im Hintergrund) mit Anlagen viel zu dicht am Vogelschutzgebiet, Foto (C): Manfred Knake

Der von Rachel Carson vorausgesagte „Stumme Frühling“ ist bereits vielerorts eingetroffen, trotz der Etiketten „Nationalpark“, „Weltnaturerbe“ oder „Vogelschutzgebiet“. Die Nationalparkverwaltung will noch ein Etikett auf die Binnendeichsflächen kleben: „Biosphärenreservat“, klingt gut, nützt aber auch nichts mehr.

Mahd im Naturschutzgebiet „Emsauen“ (EU-Vogelschutzgebiet) während der Brutzeit, 18. Mai 2014, Foto (C): Eilert Voß

Ökolandwirt aus Emden mäht Uferschnepfenjunge aus

Warnende Uferschnepfe (Altvogel, im roten Kreis): Ökolandwirt aus Emden mäht flugunfähige Uferschnepfenküken aus, Foto (C): Eilert Voß

Pestizidensatz binnendeichs, Foto (C): Eilert Voß

Pestizidensatz binnendeichs, Foto (C): Eilert Voß

Den staatlichen Sesselnaturschützern ist die Misere zweifellos bekannt: Der Nachruf auf ca. 60 Prozent der Brutvögel des Wattenmeeres und der angrenzenden Gebiete findet sich im Progress Report -Trends of Breeding Birds in the Wadden Sea, 1991 – 2013, veröffentlicht 2015 vom Common Wadden Sea Secretariat (im selben Gebäude wie die Nationalparkverwaltung) – Joint Monitoring Group of Breeding Birds in the Wadden Sea. (Link zur .pdf breb_progress_report_2015 ). Die Untersuchung hält auch Prädatoren oder die Zunahme von Überflutungen durch Stürme als Ursachen für möglich, nur leben diese Vogelarten seit abertausenden Jahren mit Prädatoren oder auch mit den Klimaschwankungen der Jahrtausende nach der Kaltzeit im Holozän. Beim Common Waddensea Secreatariat ist „The Wadden Sea Flyway Initiative (WSFI)“ abrufbar, die Abhilfe schaffen soll. Da strotzt es von Absichtserkrärungen:  vom „Monitoring“,  „Collaboration“, „Workshops“ bis „Partnerships“, so, als ob es das in den vergangenen Jahren nicht gegeben hätte. Trotz der hehren Absichten und der flotten Sprüche hat sich das Lebensumfeld der Watvögel nicht verbessert, sondern dramatisch verschlechtert!

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Auch die letzten Festlandssandstrände wie hier in der Krummhörn im LK Aurich werden widerrechtlich genutzt. So kommen die Strandbrüter nicht nur unter die Füße der Spaziergänger, sondern auch unter die Räder. Foto: S.Bieler

Ein konstantes Klima hat es nie gegeben. Nicht „das Klima“ oder der „Meeresspiegelanstieg“, auf das der Rückgang der Arten von Politikern zeitgeistig bequem abgeschoben wird, kann die Ursache für den z.T. dramatischen Artenschwund sein, sondern menschliche Einflüsse, trotz einer nationalen und europäischen Naturschutzgesetzgebung, die sich als Makulatur erwiesen hat und trotz der von den Vereinten Nationen ausgerufenen „Dekade der Biodiversität“: Zitat: „Hauptziel der Dekade ist es, dass endlich ausreichend Anstrengungen unternommen werden, damit die biologische Vielfalt unserer Welt langfristig erhalten bleibt“.  Wo sind diese „Anstrengungen“? Wie soll sich etwas ändern, wenn die ignorante Politik nur Etikettennaturschutz betreibt, ohne die Ursachen beim Namen zu nennen und vor allem zu beseitigen?

Der LAck ist ab: Kitesurfer in SAhlenburg, MAi 2016, Foto (C): Eilert Voß

Der Lack ist ab: Kitesurfer in Sahlenburg,  Foto (C): Eilert Voß

Watvögel leben in verschiedenen Klimazonen von arktisch kalt bis südländisch heiß, sind also in ihrem Jahreslebensraum an verschiedene Klimazonen und an Klimaschwankungen seit abertausenden Jahren angepasst. Der Meeresspiegel der Nordsee steigt seit dem Ende der letzten Weichselkaltzeit vor ca. 12.000 Jahren kontinuierlich an, völlig undramatisch mit derzeit 1,7 mm im Jahr, auch das ist kein Problem für die Vögel. Dagegen sind die Salzwiesen des Festlandes durch Eindeichungen in den Jahrzehnten vor der Ausweisung als Nationalpark auf einen kläglichen Rest geschrumpft, in den 50 Jahren vor Ausweisung der Wattenmeer Nationalparks wurden 216 qkm Salzwiesen von Dänemark bis in die Niederlande eingedeicht und dem Meerwassereinfluss entzogen, es verbleiben 329 qkm in den drei Ländern. Der verbliebene Rest von 85 qkm Salzwiesen  in Niedersachsen verdient vielerorts – außer ein paar Vorzeigesalzwiesen auf den Inseln – den Namen nicht mehr, siehe oben. (Quelle: The Wadden Sea, Status and developments in an international perspective; Report to the Sixth Trilateral Governmental on the Protection of the Wadden Sea, Esbjerg, Nov. 13, 1991) Zahlreiche Ministerkonferenzen der Länder Dänemark, Deutschland und der Niederlande zum Schutz des Wattenmeeres haben seitdem stattgefunden. Messbare positive Ergebnisse sind in der Fläche nicht erkennbar, außer Spesen ist nichts gewesen! Dafür wird das 2009 eingerichtete „Weltnaturerbe“ zur Steigerung der Tourismuszahlen intensiv beworben, mit Hilfe der Nationalparkverwaltungen.

Pinguine statt Regenpfeifer: Drachenfest auf Norderney

Fliegende Plastikpinguine statt Strandbrüter: Drachenfest auf Norderney, Foto: Eilert Voß

Die heutige Generation wird diesen desolaten Zustand mit der gezielt herbeigeführten Artenarmut als „normal“ empfinden. Die Kenntnis über die Brutvögel und deren Lebensräume ist dahingeschwunden wie die Arten selbst.

Anzeiger für Harlingerland, Wittmund/NDS, S. 9,  13. Mai 2016
Hilfe für Brutvögel im Watt WILHELMSHAVEN/JW – Den Brutvögeln im
Wattenmeer geht es nicht gut. Bei immer mehr Arten gehen die Bestände
zurück. Das zeigen die Trends von mehr als 20 Jahren trilateraler
Brutvogelzählungen im Wattenmeer Dänemarks, Deutschlands und der
Niederlande auf, erklärt das Gemeinsame Wattenmeersekretariat in
Wilhelmshaven in einer Pressemitteilung. Bei vielen Vogelarten sei der
Rückgang eine Folge des schlechten Bruterfolges. Dieser werde
entscheidend durch vermehrte Überflutung der Brutgebiete, Nesträuber,
schlechte Nahrungsbedingungen, ungünstigen Zustand der Habitate, und
Störungen verschiedener Art beeinträchtigt, heißt es weiter.
Klimaveränderung und Meereserwärmung trügen wohl ebenfalls dazu bei.
Neueste Erkenntnisse zeigen, dass Arten wie Austernfischer,
Säbelschnäbler, Lachmöwe und Küstenseeschwalbe derzeit nicht genügend
Nachwuchs aufziehen, um ihre Population im Wattenmeer zu sichern. Um
dieser Entwicklung entgegenzutreten, veröffentlichte das
Wattenmeersekretariat einen internationalen Aktionsplan für das
gesamte Wattenmeer. Darin finden sich Empfehlungen zur Verbesserung
der Brutbedingungen im Wattenmeer, um die Aufzucht der Jungen und die
Zukunft vieler Arten zu sichern.

Bearbeitet am 03. Juni 2016

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