11. November 2019

Enercon und der Stellenabbau: ´bigott´

Enercon-Anlagen und die Urlaubslandschaft bei Bensersiel, LK Wittmund: Windpark Utgast direk an einem EU-Vogelschutzgebiet Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Der Windanlagenhersteller Enercon mit dem Hauptsitz im ostfriesischen Aurich ist in der Krise, nicht erst seit der aktuellen Ankündigung, 3000 Stellen bundesweit streichen zu wollen. Der geplante Stellenabbau ließ den Blätterwald rauschen. Aus dem Enercon-Country Ostfriesland kam das dazu von Stefan Bergmann. Er ist Chefredakteur der Emder Zeitung. Bergmann äußert sich in einem befremdlichen Kommentar, der von einigen Lokalzeitungen an der Küste übernommen wurde.

Ein „bigottes Land“  überschreibt Bergmann seinen Kommentar, hier ein Auszug: „Es sind vor allem die vielen Menschen in Deutschland, die nichts mehr akzeptieren und alles ablehnen, mit ihrem übergroßen Ego gegen alles anrennen, was sie auch nur im geringsten in ihrer wohlig-naiven Befindlichkeit stört: Hochspannungsleitungen, Windkraftanlagen, Erdkabel – bestimmt finden sie bald auch noch Menschenrechtsverletzungen, verursacht von Elektroautos und Ladestationen. Deutschland zeigt sich immer mehr als ein bigottes Land aus Fortschrittsverweigerern und egomanischen Angsthasen. Und große Teile der Politik bedienen diese Gefühle und verstärken sie noch. Willkommen im Mittelalter.“ (u.a. Anzeiger für Harlingerland, Wittmund, 11 Nov. 2019)

Windkraftproteste schon damals, 1994: Das Windenergie-Scheißerle: Protestplakat gegen den damals „größten Windpark Europas“ in Utgast/Gemeinde Holtgast/LK Wittmund/NDS.

Realität 2019: küstennahe Windkraftanlagen Niedersachsen, Windparks und Einzelanlagen – Grafik: Energieatlas Niedersachsen

Ist man „bigott“, wenn man sich wehrt?

So einfach ist das also für Herrn Bergmann: Wenn sich lärmgeschädigte Windparkanlieger gegen den gesundheitlichen tieffrequenten Schall der Anlagen oder den Wertverlust ihrer Häuser durch die Nähe zu Windkraftanlagen wehren, sind sie „bigott“. Ist es kein Menschenrecht, auf der gesundheitlichen Unversehrtheit zu bestehen, wenn nötig mit Hilfe von Gerichten? Wenn man auf den Verlust von Lebensräumen von Vögeln oder gar den tausendfachen Tod von Fledermäusen oder Vögeln und den damit verbundenen Artenrückgang aufmerksam macht, ist man dann „bigott“? Bigott ist man nach Bergmannscher Lesart auch dann, wenn man die gigantische Landschaftszerstörung mit bis zu über 200 Meter hohen Windkraftanlagen hinweist, vom Meer über die Marschen bis in die Wälder und auf die Hügelkuppen. Ist man bigott, wenn man auf die innigen Verflechtungen von Kommunalpolitikern mit Investoren von Enercon-Anlagen aufmerksam macht? Kommunalpolitiker stellen nachweisbar z.B. in Ostfriesland den Windparkinvestoren über Flächennutzungspläne die potenziellen Windkraftflächen in ihren Kommunen gegen den Widerstand der Bevölkerung zur Verfügen, die der Investor dann mit Enercon-Anlagen zubaut. Dafür dürfen sich dann auch die selben Kommunalpolitiker als Kommanditisten dieser Windkraftfirmen am Ertrag beteiligen. Links: hier und hier. Das ist nicht „Mittelalter“ oder fortschrittsfeindlich, sondern windige Realität der korrupten und nur ideologisch energiegewendeten Jetztzeit.

Enercon-Anlagen: Blick in die Gemeinde Dornum im Landkreis Aurich  – Foto (C): Peter Gauditz

So geht Marktwirtschaft

Kommentator Bergmann übersieht, dass die Windenergiewirtschaft stets von der Zwangsabgabe für alle Stromkunden aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz profitierte. Diese zwangsweise erhobene Umlage verteuerte den Strom enorm, sicherte aber Enercon die Aufträge und lieferte den Projektierern satte EEG-basierte Gewinne. Das wurde nun durch die Änderung der Ausschreibungsmodalitäten anders. Die Vergütungshöhe des sog. „erneuerbaren“ Stroms wird ab 2017 nicht wie bisher staatlich festgelegt, sondern durch Ausschreibungen am Markt ermittelt. Ziel: Der „Ökostrom“ soll sich dem Wettbewerb stellen. Gefördert wird der, der am wenigsten für den wirtschaftlichen Betrieb einer neuen Erneuerbare-Energien-Anlage fordert. Und wer am Markt nicht bestehen kann, muss weichen – oder, wie am Beispiel Enercon: Wer zu teuer ist, fliegt raus. So geht Marktwirtschaft.

2004: Bau und Repowering des Windparks „Wybelsumer Polder“ bei Emden mit Enercon-Anlagen, in einem EU-Vogelschutzgebiet. Die Beschwerde des Wattenrates Ostfriesland bei der EU-Kommission verlief nach mehreren Jahren Bearbeitungsdauer im Sande. Landes- und Bundespolitiker hatten kräftig mitgemischt. – Foto (C) Eilert Voß/Wattenrat

Firmenstruktur im Nebel

Laut Pressemeldungen will Enercon nun stärker ins Auslandsgeschäft einsteigen. Bis 2018 verloren schon 800 Enercon-Mitarbeiter von Zulieferfirmen ihren Arbeitsplatz, in der Annahme, sie arbeiteten direkt für Enercon, was Enercon bestritt. 2018 berichtete der NDR über die undurchsichtige und verzweigte Firmenstruktur der Firma, die noch nicht einmal den Mitarbeitern bekannt ist. Sie soll bis in überseeische Steueroasen reichen. Hans-Dieter Kettwig, Geschäftsführer der Enercon GmbH, ist laut NDR auch als Geschäftsführer mehrerer Zuliefer-Betriebe tätig. Diese wiederum seien vertraglich verpflichtet, nur für Enercon zu arbeiten.

Energie für die Welt – oder nur der teure Griff ins Stromklo? – Foto (C): Manfred Knake

Windlobby: Propaganda statt Fakten

Es wird eng für neue Windkraftwerke im Land. Bürgerproteste und Einwendungen von Naturschützern sind nicht mehr zu überhören. Gerichte haben schon mehrfach Windkraftprojekte aus Artenschutzgründen gekippt. Die Windlobby hält mit platter Propaganda „Windenergie ist Klimaschutz ist Artenschutz“ dagegen, obwohl Windkraftanlagen, weil wetterabhängig, keinen Einfluss auf das Klima haben können und auf Wärmekraftwerke als Regelenergie zur Stabilisierung des Stromnetzes (50 Hertz, 230 Volt) angewiesen sind. Ganglinien, die man im Netz abrufen kann, geben über die unstet-volatile Windstromeinspeisung Auskunft.  Es drehen sich derzeit mehr als 30.000 Windkraftanlagen in Deutschland, wenn er Wind weht. Auch eine Verdoppelung würde die bedarfsgerechte Stromversorgung einer Industrienation und damit deren Versorgungssicherheit nicht erhöhen. Das Problem der Netzstabilität wird sich noch verschärfen, wenn Atom- und Kohlekraftwerke in Deutschland demnächst aus verbissenen klimaideologischen Gründen abgeschaltet werden. Wo also versteckt sich der von Bergmann genannte „Fortschritt“ durch die Windenergienutzung?

Gesehen in Emden am 24. Februar 2019 – Foto (C): Eilert Voß/Wattenrat

Abbau von Genehmigungshemmnissen

Die lobbyhörige Bundesregierung will nun durch Abbau von Genehmigungshemmnissen und Änderungen des Naturschutzgesetzes die Genehmigungspraxis für die Windbranche, die sich wie ein Staat im Staate aufführt, gesetzlich erleichtern. Kritiker vermuten deshalb, dass die angekündigte Entlassung von 3000 Enercon-Mitarbeitern auch den Zweck haben soll, noch mehr Druck auf die Bundesregierung auszuüben. Das wäre ein perfides Spiel. Chefredakteur Bergmann der Emder Zeitung hat sich zum Sprachrohr einer nimmersatten Lobby gemacht, die trotz der fast 30 Milliarden Euro EEG-Umlage aller der Stromkunden (jährlich!) nicht in der Lage ist, zu einer verlässlichen Stromversorgungen beizutragen – Geld, das buchstäblich nutzlos in den Wind geworfen wurde. Sein Kommentar ist deshalb nicht nur ignorant und töricht, er ist, mit Verlaub, strunzdumm!

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