14. Juli 2020

Über Schafsköpfe

Über Schafsköpfe

von Thomas Schumacher, Gastautor

„Ich habe Corona“, strahlt unsere vierjährige Enkelin, wirft ihre Arme über den Kopf und tanzt durch die Wohnung. Den entsetzten Blick der Großeltern nimmt unsere Tochter auf und entschärft: „Sie will nicht in die Kita und freut sich zuhause mit ihrer Schwester spielen zu können.“ Die Augen unserer Tochter haben Schatten, wirken übermüdet. Wir schlendern zur Entspannung zur Tanke um uns ein Eis zu gönnen. Schon vor dem Eingang schallt uns Geschrei entgegen: „Unverschämtheit. Unglaublich. Das kann doch nicht wahr sein!“ Chaos? Krieg? Tod?

Ein älterer Herr, gekleidet in sommerlichen Shorts, Musselshirt, die Haut sensibel gebräunt, regt sich darüber auf, dass er in einer Schlange vor der Kasse stehen muss während eine andere Kasse daneben nicht besetzt ist. Der Herr schreit durch die Tanke ohne sich um alle anwesenden Wartenden zu kümmern. „Und übrigens, schalten sie gefälligst die Musik aus. Das kann man ja nicht ertragen. Widerwärtig.“ Die Umstehenden sind pikiert, suchen in den nicht vorhandenen Sternen dem Gebrüll zu entfliehen.

Was hat der vor sich hin schreiende Herr mit dem Hundestrand in Norddeich zu tun? Gar nichts! Bis auf die Erregung vielleicht. In Norddeich protestieren Hundehaltergäste, weil durch Bauarbeiten der alte Hundestrand verlegt wurde. Der neue ist kleiner und hat keinen Zugang zum Wasser. Eklat!

Ich könnte jetzt darüber referieren, warum der Zugang zum Meer für Menschen wichtig sein könnte. Ich werde aber von Nachbarn energisch darauf hingewiesen, dass Menschen mit Hunden keine Menschen wären, hätten sie keine Hunde. Ich beginne zu begreifen, dass die Hundehalter, die täglich in Massen durch unsere Straße schlendern und ihre Lieben verstärkt auf den Bürgersteig kacken lassen, einfach nicht anders können.

Mea culpa. Ich habe gesündigt. Ich bat einen Hundehalter mit zwei kleinen Luxusratten dieselben doch bitte anzuleinen, als sie über den Spielplatz streunten. Unsere Enkelin, siehe oben, schaukelte meditativ vor sich hin, während die Hunde sich entspannt an allen Ecken des Spielplatzes erleichterten. „Was hast du auf einem Kinderspielplatz zu suchen? Kinder anmachen, oder was“, entgegnet der Herr meine freundlichen Bitte. Derweil kackte sein Köter in den Sandkasten des Spielplatzes.

Schon wieder Norddeich? Ja. Gäste ekelt der Schafskot auf den Deichverteidigungswegen. Radeln über die bekackten Wege wäre nicht mehr möglich. Warum die Wege nicht sauber gefegt würden. Und warum man die Schafe nicht hinter Zäune hielte? Diesmal ist es nicht der Wolf, den es hier gar nicht gibt, derentwegen man die Schafe einkerkern soll. Freilaufende Hunde – “Der braucht doch seinen Auslauf“ – die Schafe attackieren, erscheinen nicht in den Medien. Hunde die Menschen angreifen, fast 20.000 Angriffe im Jahr in Niedersachsen, auch nicht. Wie viele Angriffe von Wölfen auf Menschen gibt es in Deutschland pro Jahr? 0! Null. In Worten: Keinen. „Das stimmt doch gar nicht“, schimpft mein Hundehalter Nachbar. „Der beißt nicht“, versucht mein Nachbar mich zu beruhigen, während seine Bestie an meinen Hosenbeinen herum knabbert. „Du hast Angst. Das riecht Schacki. Dann beißt er. Hab einfach keine Angst!“

Ein Nachbar beschwert sich über das Krähen eines Hahnes bei uns. Wir haben keine Hühner, aber ehrlich, wir freuen uns, jeden Tag von dem Vieh begrüßt zu werden. Der Nachbar nicht! Er klagt vor Gericht. Ich schaue betrübt auf unsere Blumen im Fensterbrett. Könnte sich ein Vorbeischlendender an dem nicht passenden Grün stören? Abschätzige Blicke auf unseren Vorgarten lassen mich das befürchten. Aber ehrlich, in unserem Vorgarten gibt es keine Wölfe. Oder?


Thomas Schumacher ist freischaffender Journalist aus Leer in Ostfriesland und erkennbar nicht unbedingt ein Hundefreund. Das soll aber nicht heißen, dass sich beim Wattenrat nur Hundegegner tummeln. Frei nach Loriots „ein Leben ohne Hunde ist möglich, aber sinnlos“ gilt dieses Bonmot auch für einige Wattenrat-Mitarbeiter…

Von Thomas Schumacher erschien u.a. auch dies beim Wattenrat: Vierbeiniger Insel-Massentourismus

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